Unterwäsche

Meine Mutter ist 10-15 Kilo schwerer als ich. Und einige Zentimeter kleiner. Seit ich sie kenne, ist sie schon übergewichtig. Ich habe 10-12 Kilo mehr auf den Rippen als vor 10 Jahren. Eigentlich fühle ich mich wohl mit meiner Figur, aber wenn mich jemand abschätzig mustert, wenn eine Hose gar nicht passen will, wenn ich mich mit dem verinnerlichten Schönheitsideal vergleiche, werde ich wieder unsicher.

Ich bin 40 Jahre alt, ich muss mich damit abfinden, dass ich nicht mehr aussehe wie mit 25. Meine Mutter ist 70 und sollte das auch tun, bei mir und bei sich selbst. Sie kann das aber nicht. Immer wieder versucht sie, ihre überschüssigen Kilos los zu werden, indem sie Wochen lang nichts als Krautsuppe isst. Ohne Erfolg.

Stattdessen schwärmt sie mir vor, wie toll Frauen seien, die sehr dünn sind. Und noch schlimmer: jedes Mal, wenn wir uns treffen zwickt sie mich in die Seite, schürzt die Lippen und sagt: „Da hat man aber ordentlich etwas zwischen den Fingern bei dir.“ Jedes Mal.

Dann streiten wir und ich versuche, ihr zu erklären, dass ich mich so verhungert nicht wohl fühlen würde und dass man sich nicht gesellschaftlichen Zwängen unterwerfen soll.

Sie hört meinen Ausbrüchen dann aufmerksam zu, macht eine bedeutungsschwangere Pause und sagt dann: „Ja, aber du bist schlapp.“ Und dann zwickt sie mich noch einmal. Was zu einem noch größeren Streit führt.

In letzter Zeit aber hat meine Mutter ihre Strategie geändert. Sie sagt zu mir: „Ich verstehe schon, dass du die Energie brauchst und du bist ja auch so eine schöne Frau.“

Beim ersten Mal war ich so froh, dass ich sie endlich überzeugt hatte, beinahe hätte ich überhört, was sie dann sagte: „Aber du bist eben schlapp. Das könntest du mit der richtigen Unterwäsche korrigieren.“

Seither hält sie mir jedes Mal, wenn ich mit ihr telefoniere oder wenn sie mit mir alleine ist, Vorträge über Unterwäsche. Diese hautfarbene Panzerunterwäsche, die alle natürlichen Pölsterchen zusammenpresst und in der man aussieht wie eine straffe Großmutter aus den 50er Jahren. Warum jemand mit unbequemer und scheußlicher Unterwäsche sich selbst und anderen vorgaukeln will, flacher und straffer zu sein, ist mir völlig schleierhaft. Also lehnte ich zuerst höflich ab, dann mit Nachdruck und mittlerweile mit Gebrüll.

Ich kann es nicht leiden, wenn meine Mutter an mir herummäkelt. Dabei ist es gar kein richtiges Mäkeln. Es ist vielmehr ihre Art auszudrücken, wie ungern sie möchte, dass ich werde wie sie. Sie selbst findet ihren Körper hässlich. Zum Teil weil sie sich mit den Models in Zeitschriften und auf Plakaten vergleicht, und zum Teil weil sie die altersbedingten Veränderungen ihres Körpers nicht akzeptieren will. Das geht so weit, dass sie niemals mit ihren Enkelkindern in ein Schwimmbad gehen würde, weil sie sich nicht öffentlich im Badeanzug zeigen möchte. Sie sagt sogar, sie sei froh, wenn der Badezimmerspiegel nach dem Duschen beschlagen sei, damit sie sich nicht anschauen müsse.

Ich habe lange gebraucht, das herauszufinden. Weil meine Mutter immer eine Stütze für mich war und ich deshalb nicht vermutet hätte, dass sie selbst Unsicherheiten hat. Und weil ich immer sofort zu streiten begonnen habe, anstatt mir ihre Beweggründe zu überlegen.

Trotzdem ist es unangenehm, ständig auf diese Unterwäsche angesprochen zu werden. Noch schlimmer ist allerdings, dass 70-jährige Frauen, die schon längst über diesen Dingen stehen sollten, immer noch so tiefe Komplexe wegen ihres Körpers haben.

 

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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15 Antworten zu Unterwäsche

  1. Für diese Unterwäsche wird ja überall Werbung gemacht.

    50 Jahre Frauenbewegung führen zum Comeback des Korsetts. Was sagt das über uns?

    • Karin Koller schreibt:

      Die Diskussion mit meiner Mutter hat sich noch einmal erhärtet durch die massive Vorstellung dieser Unterwäsche im redaktionellen Teil des Kurier. Dort stand, die Firma mache keine Werbung, die Unterwäsche sei so wunderbar, alle Reichen und Schönen tragen sie und außerdem sei sie noch billig. Meine Mutter – wie ferngesteuert – lief zum Wäschegeschäft, um mir so eine Wäsche zu kaufen. Dort stellte sich heraus, dass die angekündigten ab50€ nur für ein kleines Höschen galten und nicht für den im Kurier abgebildeten Ganzkörperpanzer (der an die 150€ kostete). Die Verkäuferin im Wäschegeschäft sagte, die Unterwäsche würde sich außerdem zu einer Wulst rollen, wenn man sich bewegte. Bei einem speziellen Modell hätte man, laut Verkäuferin, keine Chance, alleine wieder herauszukommen. Für einen Augenblick dachte ich, das hätte meine Mutter wieder zur Vernunft gebracht, aber sie ist jetzt begeistert von ähnlicher Wäsche einer anderen Marke.
      Interessant in dem Zusammenhang: Der Kurier (und nicht nur der) übernimmt offenbar Werbeaussendung und Foto einer Firma ohne auch nur irgendetwas zu recherchieren für den redaktionellen Teil und macht eine ganze Serie zu dieser Unterwäsche, indem er Redakteurinnen und Romy-Stars die Unterwäsche probieren und loben lässt.
      Nicht schockierend, weil es in dem Business immer so läuft, aber trotzdem sollte man sich dessen bewusst sein, auch jedes Mal wenn Herr Bradstätter auf jemanden zeigt, der auf kreative Geldbeschaffungsmethoden zurückgreift.

  2. Wenn das Foto von dir ist. Was will den da deine Mama einkorsettieren?

  3. johannamiller47 schreibt:

    Lustig auch, dass diesselben Leute, die ein Piercing oder ein Tattoo für völlig widernatürlich halten, die tägliche Selbsteinzwängung in ein Korsett vollkommen normal finden.

  4. atheologie schreibt:

    „aber wenn mich jemand abschätzig mustert, wenn eine Hose gar nicht passen will,“
    Dann weg mit der Hose und eine neue kaufen 🙂
    Hast Du Deiner Mutter klar und deutlich gesagt, wie verletztend und nervig das für Dich ist?
    Meine Mutter hatte die Angewohnheit, in meiner Wohnung aufräumen zu wollen. Ich habe ihr dann mal gedroht, sie rauszuschmeissen, sobald sie anfängt bei Besuchen irgendetwas in diese Richtung zu unternehmen. Hat geholfen 🙂

  5. Hofnarr schreibt:

    Warum nur lassen sich 25-, 30-, 40-jährige und auch ältere Erwachsene noch immer auf diese Weise von ihren Müttern (und auch Vätern, die zuweilen auch die Post ihrer Kinder öffnen und kommentieren als wär’s ihre eigene!) immer erneut nerven als wären sie noch pubertierende Kinder und meinen dann noch, 70-jährige und ältere Mütter und Väter könnten keinerlei gesundheitliche Veränderungen/Beschwerden gewisser Hirn-Bereiche zufolge Alters wie etwa Altsheimer und andere deutlich diagnostizierbare, altersbedingte Gesundheitsbeschwerden und deren auf andere wirkenden schwerwiegenden Folgen haben, nur einfach, weil’s unsere Eltern waren?!

    Man müsste doch einfach strikte, konsequente Grenzen setzen, als wären sie unsere noch kleinen Kinder, dass das Aergernis solcher masslosen „Eltern-Uebergriffe“ auf uns erwachsene Kinder jener älteren Jahrgänge endlich aufhört!

    Aber auch meinen (heute verstorbenen) Vater musste ich mehrfach von meinem Briefkasten wegweisen und aus meiner Wohnung weisen, obwohl er der Eigentümer derselben war, aber dies taten auch andere seiner unzähligen Mieter seiner Liegenschaften, weil er einfach so mit dem Schlüssel in der Hand in ihre bei ihm gemieteten Wohnungen reinging und alles anschaute und kommentierte mit der Argumentation, es seien doch seine Liegenschaften/Briefkästen, er hätte ein Recht dazu, und ebenso machte er dies mit gewissen seiner Angestellten nach Alter 65, indem er ihnen immer wieder, durchaus beleidigend, in private Angelegenhweiten reinredete, weil er’s einfach nicht mehr checkte, dass der Abbau seiner Hirnsubstanz ganz massiv eingesetzt hatte und ihm durchaus spürbare Defizite in seinem Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen bescherte, alle unnötig brüskierend. Irgendwann hätte ihn wohl niemand mehr ernst genommen, wie einst, weder als Vater, noch Vermieter und Arbeitgeber, noch Auftraggeber, noch Eigentümer von zahlreichen Liegenschaften, noch Geschäftsmann, noch als Despot, dieses durchaus währschaft krankhaften Verhaltens wegen! Verheerend bloss, wenn noch immer Abhängigkeits-Verhältnisse, des Geldes und früheren, persönlichen und geschäftlichen Einflusses wegen, solchen älteren, krankhaften Herrschaften unterstellt sind. Die launenhafte Willkür solcher Menschen kann damit nicht verhindert werden, aber man kann solche Situationen fortan nach Möglichkeit konsequent meiden.

  6. sarahbrauner schreibt:

    Ich hatte das gleiche Erlebnis insoweit, als mich Bekannte gedrängt haben, diese Unterwäsche zu kaufen, und ich idiotischerweise nachgegeben habe. Mein Tipp. zündet einige Hunderteuroscheine an, ohne die Teile zu kaufen, das ist wirtschaftlich gleich sinnvoll, aber ihr erspart euch viele Unannehmlichkeiten.

    • Hofnarr schreibt:

      Wer hat eigentlich ein Recht, irgendeiner erwachsenen Person Unterwäsche zum Kauf aufzudrängen, schon gar Korsett-Unterwäsche?! Mein lieber Mann, wo sind wir eigentlich?! Wir sind doch im Erwachsenenalter alle selber urteils- und entscheidungsfähig, schon längst, oder etwa nicht?!

      • Karin Koller schreibt:

        Trotzdem interagieren wir miteinander und das ist gut so, auch wenn manchmal eine ungewollte Unterwäsche dabei herauskommt.

      • Hofnarr schreibt:

        Ja, Du hast recht, Karin! Das zwischenmenschliche Gespräch mit derart nahen Verwandten ist immer wichtig… Jedoch, vielleicht braucht’s einfach mehr verständige Gelassenheit als Reaktion auf bei anderen Menschen nicht mehr änderbare Automationen… Wir haben schliesslich auch nicht das Recht, von anderen zu verlangen, sie hätten sich zu ändern, während wir selber jegliches unserer eigenen Unvermögen dem anderen gegenüber stets beibehalten! Wenn sich etwas ändern soll in zwischenmenschlichen Aktionen und Reaktionen, die uns in unserem Leben nicht mehr behagen, müssen wir und nur wir es selber ändern, an uns selbst, indem wir selber anders darauf reagieren, wenn’s dann wieder geschieht, um diese ewige, immer gleich ablaufende, frustrierende Spirale von Aktion und Reaktion damit wirkungsvoll zu unterbrechen.

        Selbst wenn Du nämlich jene Korsett-Unterwäsche in mannigfaltiger Ausführung Dir anschaffen würdest, weil Deine Mutter Dir dies aufdrängte, würde Deine Mutter wohl einen anderen Grund finden, diese Spirale in der Kommunikation mit Dir mit etwas anderem wieder anlaufen zu lassen, nur einfach, weil ihr der Streit mit Dir lieber ist, als gar keine Kommunikation mit Dir. Im Streit um solche Belanglosigkeiten (zu dick, zu dünn, gerade richtig oder eben doch nicht, zu schlapp, zu fit usw.!) spürt sie Dich als ihre Tochter wenigstens… eigentlich möchte sie ja bloss in ihrer eigenen Schwäche in den Arm genommen, geliebt und etwas wichtiger genommen werden, aber wie nur könnte sie Dir dies sagen, wenn es ihr nicht bewusst ist oder sie es ja vor sich selber nicht eingestehen kann?! Menschen sind zuweilen sehr einsam oder fühlen sich zumindest so, darum erzwingen sie sich mit solchem, nicht eben angenehmem Vorgehen die Aufmerksamkeit von anderen und wohl zuallererst von ihren Nächsten…

  7. rubinskaja schreibt:

    Der Schlankheitsterror ist unerträglich geworden und er hält Frauen schwach und klein. Das hat System und ich bin der Meinung, das muss aufhören!

    Ein erster Schritt ist wohl, meinen Körper so lieben zu lernen, wie er ist und klar „Nein!“ zu sagen, wenn andere mir und meinem Körper abwertend begegnen. Auch und gerade, wenn es die eigene Mutter ist. Ich kenne das leider auch aus eigener Erfahrung.

    Übrigens, in Wien gibt es die ARGE Dicke Weiber, die der Körpernormierung etwas entgegensetzt: http://argedickeweiber.wordpress.com

    Feministische Grüße
    Rubinskaja

  8. stephito schreibt:

    Die Einschränkung des weiblichen Körpers gibt es schon sehr lange. Mädchen wurden in China die Füße zusammengeschnürt, und wenn sie als Frauen nicht mehr gehen konnten, haben das Männer als sexuell attraktiv empfunden. Wir sind hier mit den Stöckelschuhen auch nicht sehr weit davon entfernt. Jetzt geht die Einschnürung so weit, dass junge Frauen lieber gleich magersüchtig werden, um attraktiv zu erscheinen. Wir sagten damals zu Ihrem Körperthema „Schwimmreifen“, ich auch, bis ich mit einer Frau mit einem zugegebenmaßen kleinen „Schwimmreifen“ ziemlich guten Sex hatte. Andererseits habe ich manchmal gar nichts gegen ein Korsett, habe eh schon geoutet, dass ich eben ein Mann bin.

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