Lionel Messi, bester Fußballer aller Zeiten?

Ein Gastbeitrag von Elke Lahartinger

 

Lionel Messi wurde vor kurzem der erste Fußballspieler, dem es gelungen ist, in einem Champions-League-Spiel fünf Tore zu erzielen.

Diese Leistung führte viele Medienkommentatoren dazu, zu diskutieren, ob Lionel Messi bereits jetzt der beste Fußballer aller Zeiten ist.

Und wenn es gerade in Anbetracht der Vorliebe vieler – meist männlicher – Sportreporter für Noten (gibt es etwas Idiotischeres als die üblichen Spielerbewertungen nach Schulzensuren?) und Ranglisten unvermeidlich erscheint, dass diese Frage gestellt wird, so ist es doch seltsam freudlos, sich vorzustellen, dass jemand sich beim Betrachten des Auftrittes Messis gegen Leverkusen betrachtet damit beschäftigt, zu überlegen, wie Messi nun im Vergleich zu Maradona oder Pele zu bewerten ist.

Das Schöne ist aber, dass niemandem die fußballhistorische Einordnung von Lionel Messi gleichgültiger zu sein scheint als Lionel Messi selbst.

Messi macht sich, wie viele Interviews belegen, keine Gedanken über seinen Platz in der Geschichte, sondern spielt lieber mit dem Ball. Und er spielt mit ihm in unvergleichlicher Weise.

Man muss nur sein erstes Tor gegen Leverkusen betrachten. Er macht in der Nähe der Mittellinie, die Abseitsfalle überlistend, eine kleine Pirouette, startet dann, bringt den Ball kurz mit der Sohle unter Kontrolle, läuft auf den Tormann zu, scheint instinktiv die eigene Geschwindigkeit, die Geschwindigkeit des herauslaufenden Tormannes, dessen Position sowie der Winkel zum Tor abzuschätzen, und hebt, etwa ein, zwei Meter vom Torwart entfernt mit dem linken Fuß den Ball leicht angeschnitten an, sodass dieser, knapp über den Torwart einen Bogen machend, noch einmal vor dem Tor aufspringt und dann ins lange Eck des Tores hüpft.

Die beschriebene Aktion gleicht dem Verhalten eines talentierten Kindes, das ohne Angst und ohne Selbstzweifel etwas versucht, dessen eigentliche Unmöglichkeit ihm nicht bewusst ist, weshalb er auch, wenn es gelungen ist, seine Einzigartigkeit gar nicht zu realisieren scheint.

Deshalb stellt er nach einem solchen Torerfolg auch keine ekstatischen Freudentänze an, reißt sich nicht das T-Shirt vom Leib, plustert sich nicht auf, um sich von der begeisterten Menge huldigen zu lassen, küsst nicht das Klubwappen auf seinem Trikot. Sondern er lächelt – zufrieden mit dem Gelingen des Versuches -, erhebt instinktiv kurz eine Hand, bevor er sich bei seinen Mitspielern bedankt und wieder zur Mittellinie trottet, bereit für den Neuanpfiff, begierig weiterzumachen. Und weitere – hier noch vier – Tore zu schießen.

Er verhält sich nicht wie ein Weltstar, der gerade Ungewöhnliches geschaffen hat, sondern wie ein Bub, der auf dem Hof Fußball spielt, so lange es nur geht, egal, ob die Mutter ruft, die Hausaufgaben liegen bleiben, oder das Abendessen kalt wird, solange er jemanden hat, der mit ihm spielt. Nicht weil er etwas Bestimmtes erreichen will, nicht aus Ehrgeiz, Stolz oder Egoismus, sondern, weil er einfach gefangen ist von den Möglichkeiten und den Herausforderungen des Spiel. Man sieht ihm, wenn er den Ball am Fuß führt, an, dass ihm nichts mehr Spaß macht, als fußballzuspielen. Das ist auch der Grund, weshalb ihn sein Trainer kaum auswechselt und auch in bedeutungslosen Spielen nie schont. Er weiß, dass es ihm wichtig ist, fußballzuspielen. Einfach zu spielen, so gut er nur kann.

Natürlich hat er das Glück, dass er – anders als Maradona – in einer der besten Mannschaften aller Zeiten spielt. Dass er Mannschaftskollegen wie Iniesta und Xavi hat, die ihn unegoistisch unterstützen und ihm dadurch vieles erst ermöglichen. Das mag jenen, die Pele oder Maradona über ihn stellen, Argumente liefern.

Aber, all diese Diskussionen erscheinen, wenn man Lionel Messi auf dem Spielfeld sieht, seltsam kleinkariert und irrelevant.

Genauso irrelevant wie die Einschätzungen jener Journalisten, die nunmehr glauben, Messi nach zwei, drei weniger guten Spielen, einem knapp verschossenen Elfmeter und einem Stangentreffer in der Endphase eines verlorenen Champions-League-Halbfinales von einem Podest stürzen zu müssen, auf das sie ihn zuerst selbst gehoben haben.

Sein Trainer, der einiges über Fußball weiß, sagte zu Journalisten, die ihn zu seiner Einschätzung der Position Messis im Fußballpantheon befragten: „Schreibt nicht über ihn, versucht nicht, ihn zu beschreiben, schaut ihm einfach zu!“

Und er hat recht.
http://www.balls.ie/2011/12/29/the-best-messinutmeg-video-youll-watch-today/

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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8 Antworten zu Lionel Messi, bester Fußballer aller Zeiten?

  1. thorstenzech schreibt:

    Ich würde sagen: zweitbester Fußballer aller Zeiten, nach Wolfgang Overath 🙂

  2. Es ist auch immer wieder nett, Kinder in Messi-Leiberln spielen zu sehen, da fallen einem dann vom Enthusiasmus und der Selbstvergessenheit die Parallelen zu Messi besonders auf.

  3. sophiacallejon schreibt:

    Als culé kann ich natürlich nur voll und ganz zustimmen. Messi ist so gut, weil er sich weder um Eigen-PR noch darum, sich selbst zu glorifizieren, kümmert, sondern einfach immer bestmöglich spielen will.

    Und an seiner Größe könnten auch 10 mittelmäßige Spiele in Folge oder drei erfolglose Jahre nichts ändern, weil sie sich, anders als etwa jene Mourinhos, nicht über den Erfolg, sondern über die Art des Spiels definiert.

  4. Elke Lahartinger schreibt:

    Für alle, die vorgestern bemängelt haben, dass Barcelona nicht die Brechstange eingesetzt hat, die meinen, Guardiola hätte für so einen Fall lange Bälle auf einen „Target Man“ planen müssen: Ein Link zum besten Dokumentarfilm aller Zeiten, der belegt, was für eine Erfolgsgarantie die Konzentration auf die „Essentials“ ist:

    Do I not like that, Graham Taylor als England-Teamchef Anfang der 90er-Jahre. Comedy Gold.

  5. alicedelrosario schreibt:

    Schöner Artikel. Aber der beste Fußballer aller Zeiten ist natürlich Franco Baresi

  6. SevRa schreibt:

    Schöner Artikel. Aber der Beste war natürlich Enzo Francescoli. Oder das traurige Genie Riquelme. Denen fehlte diese unmenschliche Perfektion Messis

  7. Hofnarr schreibt:

    … aber nebenbei: Der Artikel-Verfasserin gehört ebenso ein absolutes „Top Klasse“, denn das Lesen eines Artikels über einen Top-Fussballer war für einmal auch für uns Fussball-Banausen wirklich interessant und bildlich derart grossartig dargestellt, dass mir ein ganz neues Bewusstsein über Fussball-Themen aufging! Möglicherweise steht die Artikel-Verfasserin im Vergleich mit manchem professionellen Sport-Journalisten der Szene weit über deren Leistungen, auch das!!!

    Da könnte man nur sagen: Einer europaweit bekannten Fussball-Grösse wie Lionel Messi gehören solch grossartige Schreib-Grössen und professionellen Kommentatoren, sonst können wir getrost auf die Medien verzichten zur weltweiten Uebertragung seiner selbstvergessenen Fussball-Leistungen!!!

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