Diese Woche konsumiert: Wer schreibt eigentlich die Zeitung?

Am Freitag flatterte wieder das Weekend-Magazin ins Haus, ein eigentlich unbedeutendes Gratisheft, das in jedem Bundesland regionalspezifisch aufgelegt und an alle Haushalte verteilt wird. Das Heft besteht aus mehreren Rubriken zu den Themen Wirtschaft, Politik und Lifestyle. Die Artikel sind leicht verdaulich, mit vielen bunten Bildern. Dargestellt und beschrieben ist, was gerade in ist, wo man es kaufen kann und wer etwas geworden ist im Land, Belanglosigkeiten eben, die in den meisten bunten Zeitschriften zu finden sind.

Interessant an Weekend ist das Werbekonzept. Beim Durchblättern muss man schon ganz genau schauen, welche Artikel dem redaktionellen Teil zuordenbar und welche Anzeigen sind. Viele Artikel, die genauso aufgemacht sind wie die redaktionellen haben den winzigen Zusatz ANZEIGE an der Seite. Auch in den kleinen Fenstern, in denen in der einen Rubrik Menschen vorgestellt werden, erscheint bei anderen Rubriken das Wort Anzeige.

Insgesamt ist weit mehr als die Hälfte des Heftes Anzeige, obwohl es beim Durchblättern als weit weniger erscheint. Das gefällt mir nicht, aber immerhin ist die Werbung – winzig zwar – gekennzeichnet und alle Leser, die daran interessiert sind, können das feststellen, wenn sie ein bisschen genauer hinschauen (obwohl manche redaktionelle Artikel auch so aussehen, als hätte man sich einen guten Teil der Inspiration bei einer einzigen Quelle geholt. Die Werbung dieser möglichen Quelle auf der gleichen Seite spricht auch Bände).

Aber auch die Publikationen, die sich für seriöser halten als Weekend, und deren Herausgeber durchaus (und zu recht) vehement bemängeln, dass eine auffällige Anhäufung von Inseraten regierungsnaher Betriebe Gegenleistungen selbstverständlich machen, arbeiten mit schlecht gekennzeichneten Inseraten, die dem redaktionellen Teil zum Verwechseln ähnlich schauen.

So hat der Kurier Beilagen, bei denen auf dem Titelblatt ziemlich unauffällig festgehalten wird, dass es sich durchgängig um bezahlte Werbung handelt, die aber aufgemacht sind wie der redaktionelle Teil. So weit so gut.

Merkwürdig wird es erst, wenn man im redaktionellen Teil auf Artikel und Bildstrecken wie diese über eine Unterwäsche stößt: http://kurier.at/freizeit/style/4492110-heisse-hoeschen-die-formen.php . Die Bildunterschriften lesen sich wie ein PR-Text dieser Firma (unter einem Bild steht zwar, die Firma würde überhaupt keine Werbung machen, weil die Unterwäsche so gut wäre, dass viele Prominente sie einfach so empfehlen. Aus Begeisterung.). Der Kurier präsentierte die ganze Woche vor der Romy-Verleihung eine Jubelserie über diese Unterwäsche.

Wurde der PR-Text einfach übernommen? Bekam der Kurier Geld von der Unterwäschefirma? Oder andere Vergünstigungen?

Der Kurier ist übrigens nicht allein. Auch im Standard sind derart zweifelhafte Bildstrecken leicht zu finden: http://derstandard.at/1313024940709/Staebchen-Kunde-Nur-stressfreie-Erdaepfel-werden-Pommes .

Natürlich gibt es in den „seriösen“ Medien mehr redaktionelle Artikel als bei Weekend, die weder gekennzeichnete noch ungekennzeichnete Werbeeinschaltungen sind. Beim Surfen im Netz ist mir aber schon öfter aufgefallen, dass in verschiedenen Medien immer wieder wortgleiche Artikel zu finden sind. Für diesen Blogeintrag wollte ich ein Beispiel finden. Eigentlich dachte ich, ich würde einige Zeit für die Recherche benötigen. Ich wählte die Kleine Zeitung und dort einen Artikel vom Freitag, der nicht von großem Allgemeininteresse und nicht sehr kontroversiell war: Susanne Klatten wird 50 http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/wirtschaft/3003207/susanne-klatten-deutschlands-reichste-frau-50.story. Ich gab den ersten Absatz bei Google ein – und Bingo: der Artikel war sechs Tage vorher im gleichen Wortlaut mit dem gleichen Tippfehler bei Focus erschienen (http://www.focus.de/panorama/boulevard/gesellschaft-oeffentlichkeitsscheue-milliardaerin-susanne-klatten-wird-50_aid_740806.html). Und bei n-tv. Und bei CIO. Und bei Schwäbische.de, Westfälische Nachrichten und News.de. Und fünf Tage vorher bei Format und in den Oberösterreichischen Nachrichten. Fast alle mit dem gleichen Tippfehler. Eine ziemliche Ausbeute für den ersten Versuch. Den Urheber des Artikels konnte ich nicht feststellen, die Kleine Zeitung war es wohl nicht. Vielleicht eine Agentur, vielleicht die PR-Abteilung von Frau Klatten? Nur für das Foto wurde die Quelle angegeben: APA.

Alles schreiben die Zeitungen nicht ab. Manchmal schicken sie tatsächlich ihre Journalisten aus, um zu recherchieren. Das meiste davon können wir nicht überprüfen, aber manchmal weiß man aus erster Hand, was passiert ist. Vor einigen Jahren war ich bei meiner Mutter in Kärnten, als der Pfarrer der Nachbargemeinde einen Unfall hatte, bei dem drei Menschen ums Leben kamen. Der Kurier brachte mehrere Berichte darüber und schickte sogar eine Reporterin in das Dorf, die exklusiv berichten sollte. Dieser Reporterin gelang es aber leider nicht einmal, den Namen des Dorfs richtig abzuschreiben. Das ist kein Einzelfall, aber in den meisten Fällen kann der Leser nicht nachprüfen, ob sich ein Unfall in Dorf A oder Dorf B ereignet hat, oder was dabei passiert ist, oder ob überhaupt ein Unfall dieser Art passiert ist.

Soviel zu Werbung. Soviel zum Abschreiben. Soviel zu exklusiv recherchierten Artikeln. Lauter Belanglosigkeiten? Oder fundamentale Fehler im System?

Die Zeitungen jammern immer, dass es ihnen so schlecht geht und die Zeiten immer härter werden, weil die Leute nichts Anspruchsvolles mehr lesen wollen.

Solange der Inhalt von Medienpublikationen zu weiten Teilen aus unhinterfragt abgedruckten (oder einkopierten) Werbesendungen und ebenso unhinterfragt abgedruckten (oder einkopierten) Agenturmeldungen, die die Redaktionen offensichtlich nicht einmal selbst lesen wollen, besteht, vermischt mit halbherzig oder falsch recherchierten Halbfakten, braucht sich niemand wundern, warum den Schmarren keiner mehr lesen möchte.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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18 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Wer schreibt eigentlich die Zeitung?

  1. lenakarlowski schreibt:

    Du hast ganz recht. Und das allerjammervollste ist ja, dasss, wie der sich überall wiederholende Schreibfehler beweist, die „Journalisten“ nicht einmal selbst das Zeug durchlesen, das sie in ihren Blättchen abdrucken.

    Wie kann man dann von uns erwarten, das zu lesen, oder gar noch dafür zu bezahlen?

    • Karin Koller schreibt:

      Die sind nicht gerade Fact-Checker wie beim New Yorker. Da habe ich einmal einen lustigen Artikel gelesen über die Höllenqualen, die man dort in der Fact-checking Abteilung aushalten muss, weil die Redaktion jeden Fakt verifiziert haben möchte. Bei uns schaut man sich nicht einmal ein Ortsschild an, geschweige denn den fertigen Text.

  2. SevRa schreibt:

    Zum Glück ist man ja heute zur Informationsbeschaffung nicht mehr auf diese ärmlichen Blättchen angewiesen

    • Karin Koller schreibt:

      Im deutschsprachigen Raum ist da aber auch im Internet nicht das Paradies. Für Anregungen wäre ich dankbar.

      • Urs schreibt:

        Hallo zusammen, ich lese hier schon seit einiger Zeit mit, habe aber bisher noch keine Kommentare verfasst. Daher erst einmal ein großes Lob an die Autorin für die tollen Einträge!

        Dann zum Thema Informationsbeschaffung:
        Eine sehr gute Informationsquelle ist die World Socialist Web Site (http://www.wsws.org/). Dort erscheinen täglich aktuelle Beiträge von Ereignissen auf der ganzen Welt mit gut recherchiertem Hintergrund. Besonders die geschichtliche Perspektive ist immer präsent; etwas, das in den derzeitigen Mainstream-Erzeugnissen weitgehend fehlt. Auch das sprachliche Niveau hebt sich wohltuend ab. Beiträge erscheinen auf deutsch und englisch sowie in 16 weiteren Sprachen. Vom Titel erst einmal nicht abschrecken lassen.

        Eine weitere Quelle, speziell für den deutschsprachigen Raum, sind die Nachdenkseiten (http://www.nachdenkseiten.de/) mit einer tagesaktuellen, kommentierten Presseschau und weiteren redaktionellen Beiträgen. Ein kleiner Lichtblick im neoliberalen Nebel bzw. Sumpf.

        Generell ist es aber wirklich schwierig, an Informationen zu kommen, die nicht nur den tendenziösen Einheitsbrei wiederkäuen.

  3. Man darf gar nicht an die vielen schönen Bäume denken, die für solche Postillen gefällt werden….

  4. georgiasalomon schreibt:

    Copy and Paste, der Feind des selbständigen Denkens. Das kommt heraus, wenn man grundsätzlich sehr nützliche Tools aus Faulheit mißbraucht. Oder aus „ökonomischen“ Gründen. Wer die letzte Staffel der amerikanischen Serie „The Wire“ gesehen hat, der weiß, wie die Eigentümer von Zeitungen aus Angst vor dem Tod Selbstmord begehen, indem sie alles einsparen, was der eigenen Zeitungen ein eigenes, unverwechselbares Profil gegeben hat. Dieser Sparkurs führt dann wiederum dazu, dass nur noch PR- und Agenturmeldungen abgedruckt werden, weshalb dann niemand, der noch bei Trost ist, solche Zeitungen kauft, was schließlich dazu führt, dass sie n- zu Recht – eingehen.

    • lenakarlowski schreibt:

      Ich habe die Staffel gerade gesehen, und sie analysiert nicht nur das Elend der Printmedien, sondern allgemein das Elend dieser angeblichen ökonomischen Zwänge und der Auswirkungen des Kaputtsparens hervorragend. Da wäre auch für die aktuelle Politik eine Lehre versteckt, irgendwo.

      Aber, „The Wire“ erklärt ja sowieso die ganze Welt.

      • yobumrushtheshow1 schreibt:

        Ja, „The Wire“ schauen ist sicher lehrreicher als Zeitungen lesen

  5. bettinahartm schreibt:

    Güter Artikel. Ich sitze gerade im Zug und habe – dadurch angeregt – gerade die herumliegenden Tageszeitungen durchgeblättert. Und bereits auf den ersten Blick sieht man mehrere wortidentische Artikel, die aber nicht als Agenturmeldungen deklariert sind. Und diese Reise- , Business- und Lifestylebeilagen sind sowieso reine PR-Scheisse, gleich glaubwürdig wie deklarierte Werbeprospekte.

  6. oksanawasiliev schreibt:

    War das denn früher besser? Oder bemerkt man jetzt die Abschreiberei einfach nur leichter, wegen des Internets?

    • ariane81 schreibt:

      Ich glaube gar nicht, dass das früher besser war. Aber man hatte einfach keine Gelegenheit, das zu überprüfen.

  7. stephito schreibt:

    in fast allen Zeitungen wird das (ab)geschrieben, wovon die HerausgeberInnen glauben, dass das die LeserInnen interessieren könnte, kleinere Zeitungen prostituieren sich zB gegenüber der „PR-Abteilung von Frau Klatten“. Kann mir niemand erzählen, dass da kein Geld geflossen ist. Anscheinend haben nur wirklich große Zeitungen das Budget, investigativen Journalismus zu bezahlen. Das treibt die LeserInnen in so abschreckende Beispiele, wie zu Österreichs meistgelesener Tageszeitung.
    Und das Problem, dass viele Menschen in Zeitungen ihre eh schon vorgefasste Meinung wiederlesen wollen, macht die Zeitungslandschaft endgültig kaputt. Weil eine anders gestaltete Zeitung einfach nicht mehr gekauft wird.

    • Karin Koller schreibt:

      Es liegt in der Natur der Welt, dass man lieber liest, was dem eigenen Weltbild entspricht. Eine gute Zeitung könnte Themen aber kontroversiell aufgreifen und zum Nachdenken anregen, Features bringen anstatt Agenturmeldungen, differenzierte Meinungen anstatt das Credo des Eigentümers. Es gäbe viele Möglichkeiten. Man konzentriert sich aber zu stark auf das Geld, die Interessen der Werbenden und die politischen Verstrickungen, anstatt auf Qualität zu achten. Ein gutes, intelligentes Medium könnte sicher erfolgreich sein, auch wenn es nicht Kronenzeitungs-Auflagen erreicht. Manchmal wird das versucht (wie beim Paroli Magazin http://www.paroli-magazin.at/ ). Aber natürlich ist zunächst die Reichweite verschwindend gering.

      • stephito schreibt:

        und wie, zum Teufel, bekomme ich ein Photo links oben in meine Postings?
        Oder war das schon der Intelligenztest?
        Zum Anderen: Kompliment, Sie sorgen schon für Reichweite.

      • Karin Koller schreibt:

        Danke -immer – für Komplimente.
        Zum anderen: Bei gravatar.com

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