Vorlesen

Ich lese gerne vor, abends, wenn wir uns im großen Bett zusammenkuscheln.

Mit dem Vorlesen habe ich angefangen, als Anna ein Jahr alt war. Ein Bilderlexikon von Brockhaus hatte es ihr angetan. Jeden Abend schauten wir drei oder vier Seiten in diesem Buch an. Und dann natürlich noch ihre Lieblingsseite mit den Hunden. „Mops“ war das erste Wort, das sie korrekt aussprechen konnte. Später las ich ihr längere Geschichten und Bücher vor und begann mit den Kleinen wieder beim Bilderlexikon.

Die Entwicklung von der Kleinkindergeschichte bis zum Jugendbuch finde ich spannend. Nicht nur wegen der Kette an Büchern, gut oder schlecht, die es bis dahin vorzulesen gibt, auch wie die Kinder die Geschichten aufnehmen und verarbeiten. Ab wann sie die Handlung durchschauen. Wie sie anfangs ein Buch mindestens zwanzig Mal vorgelesen haben möchten. Welche Wörter und Wendungen sie in ihren Sprachschatz aufnehmen. Wie sich ihr Geschmack formt. Auch, wie sie ohne die Vorlesebücher wahrscheinlich von selbst nur die Machwerke von Thomas Brezina, die ihre Klassenkameraden lieben, lesen würden.

Mir gefällt es auch, wieder in die Gedankenwelten meiner Kindheit zurückzukehren. Von Nesthäkchen hatte ich mir nicht viel erwartet, weil ich dachte, das wäre zu mädchenhaft, ich war aber überrascht, wie viel man über das alte Berlin erfährt und wie ähnlich sich kleine Mädchen damals und heute fühlten. Den zweiten Band von Kalle Blomquist hatte ich als das wunderbarste Kinderbuch überhaupt in Erinnerung, und empfand beim Vorlesen ganz genauso.

Damals versäumte Bücher holte ich beim Vorlesen nach. Von Alice hatte ich nur schrille und psychedelisch überzeichnete Verfilmungen gesehen. Beim Vorlesen habe ich gemerkt, dass gerade Alice im Spiegelland eine sehr schön gemachte, reflektierende Geschichte ist. Peter Pan hingegen, erschien mir so beklemmend und düster und unkindlich, dass ich es kaum fertig vorlesen wollte. Der kleine Lord war mir etwas klischeehaft und Black Beauty hat mich positiv überrascht.

Bei den Kindersachbüchern frische ich meine eigene Allgemeinbildung auf und kann den Kindern die Welt erklären. Sie haben von klein auf große Freude mit den Wieso? Weshalb? Warum? Aufklappbüchern gehabt. Anna hat mit einem von ihnen Lesen gelernt. Katharina kennt die wichtigsten Muskeln, weil ich sie immer an der entsprechenden Stelle kitzle, wenn wir das Buch über den Körper lesen. Ich weiß jetzt ungefähr, wie ein Motor funktioniert, weil ich Lukas das Autobuch vorgelesen habe. Mittlerweile haben wir uns auch anspruchsvollere Sachbücher angesehen, über Geschichte, Kunst oder Geographie und ich kann mich begeistern wie gut manche Kinderbücher Wissen transportieren (und mich ärgern, wie schlecht andere sind).

Es gibt aber auch Kindergeschichten, von denen ich etwas zu lernen versuche. Die Omama im Apfelbaum hat mir gezeigt, wie wichtig es für Kinder ist, verschiedene Bezugspersonen zu haben. Ich wäre gerne so ausgeglichen und lässig wie die Oma in Oma, schreit der Frieder, die jede auch noch so brenzlige Situation gut auflösen kann. Wie selbstständig Kinder sein können, wird mir vor Augen geführt, wenn ich Maia, oder wie Miss Minton ihr Korsett in den Amazonas warf lese.

Jetzt suche ich gerade mit Tom Sawyer einen Schatz und jage mit Winnie Puh ein Wuschel. Dabei erkläre ich Anna etwas über die alte Zeit am Mississippi und versuche die Gedankengänge des Bären Eduard, die eigentlich in ihrer Kürze komplexer sind, als man oberflächlich glaubt, nachzuvollziehen.

Es würde mir komisch vorkommen, alleine in die Gedankenwelten der Kinderbücher einzudringen. Ich bin sehr froh, dass ich Kinder habe, die sich gerne von mir vorlesen lassen. Sonst würde mir einiges entgehen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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12 Antworten zu Vorlesen

  1. SevRa schreibt:

    Deine Kinder haben Riesenglück, eine solche Mutter zu haben, was hätte ich dafür gegeben, wenn mir meine Eltern vorgelesen hätten…..

  2. SevRa schreibt:

    Und so ein Nasenring steht dir fantastisch

  3. alicedelrosario schreibt:

    Schön beschrieben, geht mir genau so. Für mich ist das der 2. Bildungsweg.

  4. Hofnarr schreibt:

    Wenn die Kids noch etwas älter sind, kommen dann Riesenbücher, zB.: Die rote Zora, Die unendliche Geschichte, Der Herr der Ringe und andere. Bei meinen Töchtern habe ich diese einst für die Ferien ans Meer mitgenommen und den Töchtern versprochen, täglich unter dem Tag verteilt ein ganzes Kapitel vorzulesen, wenn sie Lust dazu hatten. So hatten ich und die Kinder auf Ischia in unserem Ferienhaus direkt am Strand ein bunter Mix aus Stranderlebnissen, Schwimmen etc. mit anderen vorhandenen italienischen und Urlaubs-Kids und Märchenstunde mit mir im Haus und Garten, eine tolle Mischung, die auch mir gefiel, gänzlich ohne Fernsehen, da nicht vorhanden und ich selber schwelgte in Träumen der Bücher, durchaus Bücher mit tiefem Inhalt.

    Ich denke das Bücher-Lesen muss heute den Kids regelrecht nahegebracht werden mit solchen Aktivitäten als Alternative zum reinen TV-Film und dem passivem Konsumieren aller Schattierungen, aber nur so können wir unseren Kindern die Freude an Büchern vermitteln und selber auch Freude daran haben durch diese gemeinsame Aktivität im stillen Kämmerlein. Schnell genug sind sie dann flügge und zehren bis ans Lebensende von jenen Aktivitäten mit und Müttern oder Eltern oder allenfalls auch Grosseltern… Dies notabene ist ein Rucksack fürs Leben, der einem vieles erleichtert in der Not, so quasi Erst-Hilfe-Paket für immer!!!

    • Karin Koller schreibt:

      Ich hoffe, dass es so sein wird. Das wäre schön.

      • Hofnarr schreibt:

        Nun, auch ich habe das Vorlesen nicht erfunden, sondern als Jüngstes von drei Geschwistern ab Geburt von meiner Mutter und Grossmutter gehabt, unvergessliche Stunden. Meine Grossmutter war eine sehr bekannte Mundart-Dichterin der Schweiz und hatte deshalb wiedrum in ihrer Zeit als Tochter eines reichen Hauses das Privileg, nicht arbeiten, sondern sich schönen Künsten wie dem Dichten und Klavier spielen widmen zu dürfen, sodass sie auch immer wieder Dichter-Lese-Zirkel und Musik-Abende mit anderen Dichtern und Musikern in ihrem eigenen Hause veranstaltete, an welchen meine Mutter und ihre Brüder als Kind in aller Andacht teilnehmen durfte, obwohl sie eigentlich nur für Erwachsene waren. Aber so verkehrte sie auch persönlich mit Hermann Hesse und anderen bekannten Grössen und wir Kinder lernten gleichzeitig, das erdichtete Wort, ob nun für Kinder oder Erwachsene als etwas Grossartiges zu verehren und den Wert solcher Kunst, die aber auch im Vorlesen von Büchern zum Ausdruck kam, zu schätzen. Kinder sollten solche kreative Kunst, ob Gedichte, Geschichten oder Märchen oder Musik oder anderes wie gemalte und fotografierte Bilder, Filme etc. im eigenen Hause direkt und persönlich kennenlernen dürfen im kleinen und im grossen Stil.Dies sind die Geschenke, die wir unseren Kindern fürs Leben auf ihrem Lebensweg mitgeben können!

  5. ilovesweetjoni schreibt:

    Schön, das es noch Eltern wie dich gibt

  6. berniebr schreibt:

    Ich wäre gerne Kind bei dir.

    • Karin Koller schreibt:

      SevRa, ilovesweetjoni und berniebr: Ich glaube, ihr idealisiert da. Die ganze Wirklichkeit ist ist nicht so rosig wie die halbe Stunde vor dem Schlafengehen.

      • Hofnarr schreibt:

        Aber, Karin, dennoch: Es ist dies zusammenfassend Nachfolgendes: Tut mal was für die Seele, ihr Leute, ob nun für Eure Kinder, Eure Lebenspartner oder für Euch selbst.

        Deshalb kurz und bündig: „Lies!“ wie die derzeit tätigen Koranverteiler sagen würden… was auch immer Dir in die Hände kommt! Es tut gut, dies jedenfalls, ob nun für andere oder für sich selbst!

        Hab derzeit kurz hintereinander die Bücher von Natascha Kampusch „3096 Tage“ und von Ameneh Bahrami „Auge um Auge“ gelesen, nun je 5 Exemplare gekauft und grosszügig an meine Kinder und andere Kinder ab 14 Jahren verschenkt.

        Dies nämlich wäre dann auch noch möglich nach der Zeit des Vorlesens: Man kauft sich ein Buch, von dem man annimmt, dass es gut sein könnte, liest es und verschenkt es nach der Lektüre gezielt an Freunde weiter, denen man gerne etwas zum Thema mitteilen möchte. Meine Schwester, die als Lehrerin Schreiben und Lesen täglich vermittelt, hat sich dieses Vorgehen beim Bücherkauf längst schon zum Sport gemacht. Sie sagt, sonst würden ihre Bücherregale irgendwann überborden, das einmal Gelesene Buch würde verstauben und dies ohne dass eine einzige Diskussion über das Gelesene stattfand zwischen ihr und anderen nahestehenden Menschen. Gute Idee, finde ich! Und kommt dem Vorlesen gleich, weil mehrere Personen das selbe lasen, hörten oder dachten.

        Umgekehrt wäre da für geübte, begeisterte Zuhörer von Gelesenem natürlich auch das Hörbuch zu propagieren, wo man ein gutes Buch (auch für Erwachsene) von guten Lesern vorgelesen bekommt und daneben beispielsweise bügeln, basteln oder Haus- oder Gartenarbeiten verrichten kann, ohne dass der Vorlesende frustriert ist ob solcher Tätigkeit, man muss ja nicht bloss kuscheln wie einstmals, wenn Mütter ihren Kindern vorlesen, wenn da doch niemand (mehr) vorhanden ist dazu…

        Ich habe so ganze Gemüsegärten für 4 – 6 Personen beim Zuhören angesät und angepflanzt, später durchgejätet und abgeerntet, einfach nur versunken in den Inhalt von Hörbüchern für Erwachsene, CD um CD einlegend, und ganze Berge von Wäsche zum erneuten Anziehen durchgearbeitet, ohne zu merken, wieviel Arbeit dahinter steckte… und war abends innerlich wirklich zufrieden und froh, voll mit Worten und Geschichten, wie einst in seeligen Kindertagen!

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