Der Kaffee danach

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 11

„Das war doch gar nicht schlimm“, meinte Michael, als das ohrenbetäubende Läuten beim Hinausgehen verklungen war.

„Irrsinnig schrecklich. Solche Schmerzen kannst du dir gar nicht vorstellen.“ Obwohl der Schmerz schon längst nachgelassen hatte, musste ich ein bisschen flunkern. Michael sollte ruhig wissen, dass Ohrendurchbohrungen nicht so locker selbstverständliche Wetteinsätze waren wie der Kauf von ein paar Gläsern.

„Stimmt gar nicht. Wenn du Schmerzen hast, bist du immer ein Seicher und jammerst ganz viel herum.“

„Aber jetzt bin ich cool mit dem neuen Ohrring und kann auch das größte Leid ohne Stöhnen aushalten.“ Weil ich schon fast an das glaubte, was ich so von mir gab, drehte ich gleich den Stecker einmal herum. Das musste man nämlich tun, damit er nicht einwachsen würde. Sogleich verspürte ich tatsächlich einen starken Schmerz, „Au“, ich musste Luft zwischen den Zähnen einsaugen, um nicht noch jämmerlicher zu schreien.

„Das mit der Coolness musst du wohl noch üben“, Michael war meistens nicht sparsam mit seiner Häme.

„Ganz unerträglich ist es nur, wenn man dran dreht. Du brauchst gar nicht so tun, lass dir selber einen Ohrring stechen, dann wirst du schon sehen, wie das ist.“

„Dann dreh doch nicht dran. Komm, ich lade dich auf einen Kaffee ein. Das kann vielleicht die unmenschlichen Qualen lindern, die du ertragen musst.“

Wir schlenderten durch die Winterkälte in die Mariahilfer Strasse. Der Winter war immer die beste Zeit, um gefahrlos durch Wien zu gehen. Sonst musste man immer mit gesenktem Kopf herumlaufen und den Gehsteig nach Hundekötteln absuchen. Konzentrierte man sich nur einen Augenblick auf ein Ereignis in der Umgebung oder auf ein schönes Bauwerk, war die Wahrscheinlichkeit sehr groß, ein saftiges Quatschen unter dem Schuh zu spüren, gefolgt von üblem Gestank. Deshalb galten die Wiener wahrscheinlich auch als ein so unfreundliches Volk. Sie rannten aber nicht aus Unhöflichkeit mit gesenkten Köpfen konzentriert auf die Erde starrend durch die Straßen, sondern aus purem Selbstschutz und manchmal auch, um Unwissende rechtzeitig vor dem stinkenden Zusammenprall zur Seite zu stoßen.

Im Winter aber waren die Häufchen und, wenn es besonders kalt war, sogar die Haufen gefroren. Stieg man hinein, prallte man konsequenzenlos wieder ab und musste nicht mit den einfallsreichsten Mitteln stinkende Pampe aus den Profilsohlen kratzen.

Mit roten Nasen und erhobenen Hauptes erreichten wir das altehrwürdige Kaffeehaus. Wenn Wiener Kaffeehäuser etwas auf sich hielten, sahen sie aus wie dieses. Die Atmosphäre war dunkel gehalten, die Polstermöbel waren bordeauxrot und stark abgewetzt. Niemand würde auf die Idee kommen, sie neu zu beziehen, bevor der Stoff nicht in Fetzen herunterhing. Neuer Samt hätte das Flair zerstört. Auf dem alten Samt hatte sich vielleicht schon der Hintern eines dieser berühmten Wiener Kaffeehausliteraten der Jahrhundertwende gerieben, von denen heute fast niemand mehr die Namen wusste, aber für die fast jeder einen gewissen Stolz empfand. Aus Gründen, die nicht jedem vollständig nachvollziehbar sein dürften, hatte sich die Legende durchgesetzt, glatziger Samt und blinde Flecken an den Messingrahmen würden Intellekt ausstrahlen. Der heruntergekommene Charme sollte auch an die Zeiten erinnern, als jeder ins Kaffeehaus kommen, den winzigsten Mokka bestellen und dann stundenlang in den bereitgestellten Zeitungen schmökern oder Gedichte schreiben konnte.

Heute ging das nicht mehr so leicht. Die Kaffeehausbesitzer waren auch nur noch auf den Profit aus. Die schönen Künste waren ihnen gleichgültig und der Kaffee kostete so viel, dass man sich schon fast berechtigt glaubte, auf einem der Sofas zu übernachten.

Dennoch hatten diese Etablissements etwas an sich, das einen alles vermutlich dahintersteckende Kalkül vergessen ließ. Besonders an den grauen Winternachmittagen in der Großstadt strahlten sie ein wohlig warmes Licht aus. Hatte man sich erst einmal niedergelassen auf so einem Polsterstuhl mit den goldenen Füßen, wollte man am liebsten gar nicht mehr aufstehen.

Michael und ich setzten uns an einen dieser winzigen Tische. Nach dem Spaziergang durch die Kälte hatten wir innerliche Aufwärmung nötig. Das Kaffeehaus war ziemlich voll. Die Kellner gingen geschäftig, aber doch würdevoll durch den Raum. Wie es sich für ein echtes Wiener Kaffeehaus gehörte, waren alle Kellner ältere Herren. Die Herren Ober, wie man so schön zu ihnen sagte, gehörten allesamt zu diesem mürrischen Menschenschlag, für den Würde alles bedeutete. Sie schienen die absolutistischen Herrscher der Lokale zu sein, in denen sie angestellt waren. Niemand durfte sich mit ihnen anlegen, wenn er tatsächlich einen Kaffee bekommen wollte.

Aber nicht nur ungebührliches Verhalten wurde hart bestraft, sondern auch Unwissenheit. So konnte es durchaus passieren, dass ein Mensch aus der Provinz oder von noch weiter her, vom barbarischen nördlichen Nachbarn mit der dünnen Kaffeekultur, in ein Wiener Kaffeehaus kam und in aller Unschuld „einen Kaffee“ bestellte, nichts ahnend von der angebotenen Sortenvielfalt, bei der es so gut wie alles gab außer simplen Kaffee. Dann musste sich der Ahnungslose eine lange mürrisch vorgetragene Kaffeelitanei anhören, die beim kleinen Braunen begann und über den Einspänner und viele weitere Zwischenstationen führte, um schließlich beim Irish Coffee zu enden. Natürlich machte das den Kaffeetrinker ratlos und verwirrt. Wenn er dann mit seiner Antwort zögerte, konnte es ihm passieren, dass der Kellner pikiert von dannen zog, um erst wiederzukommen, wenn alle Kaffeegelüste verflogen waren und der Gast zaghaft ein Mineralwasser bestellte, inständig darauf hoffend, nicht auch hier wieder in ein Fettnäpfchen getreten zu sein.

Sollte sich der Gast jedoch erdreisten, sich nach den verschiedenen Arten von Kaffee zu erkundigen oder gar in an Lebensmüdigkeit grenzender Einfalt zu sagen: „Nein danke, ich hätte gerne einen einfachen Kaffee“, so war es nicht selten, dass er sich lange Schimpftiraden über seine eigene Dummheit und über das harte Schicksal des Kellners anhören musste. Diese kulminierten dann meist in der Weigerung des Kellners, dem Gast überhaupt etwas zu bringen.

Man musste sich also vorsehen, wenn man in ein Kaffeehaus ging. Das war nicht immer einfach, denn die Verhaltensregeln konnten je nach Laune der Kellner wechseln. Und diese Laune war fast nie gut. Als ich letztes Mal mit Michael in dem Kaffeehaus war, wollte ich mich in vornehmer Zurückhaltung üben und warten bis ein Kellner zu uns kam. Natürlich kam lange Zeit keiner. Als uns einer dieser Herren dann doch bemerkte sagte er: „Sie müssen Ihnen melden, wenn’S was wollen. Ich bin doch auch kein Hellseher.“

Deshalb meinte ich diesmal, es wäre wohl angebracht, einen Kellner auch uns aufmerksam zu machen. Auch das war eine Wissenschaft für sich. Es musste vornehm und dezent geschehen, aber gleichzeitig mit einigem Nachdruck, um auch Wirkung zu zeigen. Schnippen war keinesfalls erlaubt. Ich hatte schon Leute gesehen, die deshalb des Lokals verwiesen wurden. Einen Finger in die Luft zu strecken, war auch nicht anzuraten, denn das könnte als obszöne Geste verstanden werden. Ich beschloss, mich auf dezentes Winken knapp oberhalb der Tischplatte zu verlegen. Jedesmal, wenn der Kellner vorbeiging, versuchte ich, charmant die Hand hin und her zu schwenken, wie eine Königin auf Staatsbesuch. Nach dem vierten oder fünften erfolglosen Versuch stürmte der Kellner mit finsterer Miene an unseren Tisch: „Was fuchteln’S denn so herum? Wir sind doch nicht im Bierzelt. Sehen’S nicht, wie viel ich zu tun habe. Ich werd‘ schon noch zu Ihnen kommen.“

Und keine zehn Minuten später war es dann so weit, der gute Mann ließ sich dazu herab unsere Bestellung aufzunehmen. Die lange Wartezeit war eigentlich gar nicht so schlimm, denn der Kaffee war winzig und man brauchte nicht lange, um ihn auszutrinken. Wollte man gemütlich im Kaffeehaus verweilen, musste man langsam trinken, bis der Kaffee kalt wurde. Die Kellner bemerkten leere Tassen immer ziemlich schnell und schauten pikiert, wenn man nicht gleich wieder etwas bestellte. Und eine Koffeinvergiftung wollten wir vermeiden.

„Wie geht es deinem Ohrring?“

„Es tut schon noch schaurig weh und alles war nur für dich.“

„Tu doch nicht schwindeln. Außerdem hast du selbst auch einen Ohrring gewollt.“

Es stimmte schon, ich hatte mir eingebildet, auch einen Ohrring zu wollen, um endlich ein wenig cooler zu werden als die allerspießigsten Frauen in meinem Alter. Aber ich konnte noch überhaupt keine Coolness spüren, sondern nur ein ungutes Gefühl, wenn ich mein Ohr anfasste.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Fortsetzungsgeschichte abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Der Kaffee danach

  1. SevRa schreibt:

    Der berühmte Wiener Charme, eine gefährliche Drohung. Schön beschrieben.

  2. lenakarlowski schreibt:

    Ich freue mich jede Woche auf deine Fortsetzungsgeschichte. Mir gefällt , dass du den Beweis erbringst, dass nicht jede Geschichte, die eine Frau erzählt, „Frauenliteratur“ mit allen Konnotationen (Humorlosigkeit, Holzschnittartigkeit, Generalisierung etc.) sein muss, ohne gleichzeitig in die Niederungen der „Chick-Lit“ abzusinken.

    Glaubhafte plastische weibliche Lebensgeschichten, die mit Selbstironie erzählt werden, sind ja gerade in der deutschen Literatur Mangelware.

    • Karin Koller schreibt:

      Dein Lob freut mich sehr.
      Die deutsche Literatur hat großartige Frauen zu bieten, die ihre Lebensgeschichten auf wunderbare Art aufgeschrieben haben, zum Beispiel Melinda Nadj Abonji oder Maja Haderlap. Die spielen in einer ganz anderen Liga.
      Was als „Frauenliteratur“ gilt, wenn man die dementsprechenden Tische in Buchhandlungen ansieht, ist in der Tat erschreckend.

  3. Spät, aber doch: eine besonders gute Beschreibung des Original-Wiener-„Charme“, nicht zu verwechseln mit der schmierigen scheißfreundlichen Kammersänger-Zednik-Andy-Borg-Peter-Fröhlich Abart.

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