Diese Woche konsumiert: EM-Boykott oder wir sind Helden

Unsere Bundesregierung boykottiert die Fußball-EM. Mit erhobenem Haupt setzt sie damit ein Zeichen gegen Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine. Das ist ein mutiger Schritt, denn es gibt viel zu verlieren und die Welt wird durch diese Aktion eine bessere werden.

So ist es doch? Oder?

Begründet wird der Boykott damit, dass „die Vorgehensweise im Fall Timoschenko und der fehlende Zugang zur Gesundheitsversorgung“ klar zu verurteilen ist, laut Außenminister Spindelegger (http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/754063/Oesterreichs-Regierung-boykottiert-EMSpiele-in-Ukraine ). Es geht nicht um Menschenrechtsverletzungen allgemein, es geht um eine einzige Person. Um eine Person, die nach schweren Anschuldigungen (Amtsmissbrauch, Veruntreuung) von einem Gericht verurteilt wurde. Der Schuldspruch wurde von europäischen Medien und Politikern als politisch motiviert kritisiert. Es ist schwer, zu beurteilen, wie unabhängig oder beeinflusst die ukrainische Justiz tatsächlich ist.

Die österreichische Bundesregierung forderte nicht eine Sanierung des ukrainischen Rechtssystems. Sie stellte auch keine Forderungen zur Wahrung der Menschenrechte im Allgemeinen auf. Sie verurteilte nur die „Vorgehensweise“.

Es stellt sich die Frage, was durch den Boykott bezweckt werden soll. Will man die ukrainische Regierung dazu auffordern, Frau Timoschenko freizulassen? An den Gerichten und der Rechtstaatlichkeit vorbei? Will man nur, dass sie Zugang zu medizinischer Versorgung bekommt? Dass sie in Deutschland operiert wird? Oder dass sie – wenn ihr Hungerstreik dramatische Ausmaße erreicht – künstlich ernährt wird? Will unsere Regierung nur blind hinter den Vorgaben von Bundeskanzlerin Merkel herlaufen, weil sie nichts anderes kann?

In welchen anderen Ländern hat sich das offizielle Österreich schon in der Vergangenheit für Menschenrechte engagiert? Bei der Olympiade 2008 in China? Dort gab es keinen Boykott. Auch danach nicht. Bundeskanzler Faymann war erst vor einem Jahr auf Staatsbesuch in China (er soll dort die Menschenrechte angesprochen haben, wahrscheinlich aber eher leise). Bundespräsident Fischer war heuer auch schon auf Staatsbesuch im Libanon und konferierte mit dem russischen Außenminister. Am selben Tag, wie er den Boykott bekanntgab, ließ sich Spindelegger mit einem Ex-Politiker aus Saudi- Arabien und angeblichen Vertrauten des Saudischen Königs fotografieren, zwecks Planung eines interreligiösen Zentrums (http://derstandard.at/1334796781336/Wien-Interreligioeses-Zentrum-Vertrauter-des-saudischen-Koenigs-an-der-Spitze pikantes Detail am Rande: dessen Stellvertreterin ist Ex-Justizministerin Bandion Ortner, auf die bei dem Prozess gegen Helmut Elsner auch einige Vorwürfe zutreffen könnten, die gegen die Richter im Prozess Timoschenko erhoben werden).

Aber man darf einer Regierung, die sich jetzt ehrlichen Herzens bemühen möchte, das Unrecht zu bekämpfen, die alten Fehler nicht vorhalten. Es spielt keine Rolle, dass Österreich sich für die kommende EM nicht qualifiziert hat und dass deshalb ein Boykott nicht ganz so mutig ist. Schließlich kann die die Bundesregierung nichts für die Unfähigkeit des Teamchefs. Wenn die Regierung einen Neuanfang macht und alle Fußballveranstaltungen in Ländern, in denen Unregelmäßigkeiten bei Menschenrechten oder der Rechtsstaatlichkeit vorkommen, von jetzt ab boykottiert, ist das ein wichtiger und begrüßenswerter Schritt. Denn in nicht allzu ferner Zukunft wird die Fußball-WM in Russland und danach in Katar stattfinden.

Auch in Österreich gibt es Schubhäftlinge, für die der Hungerstreik der einzig Ausweg aus den unmenschlichen Bedingungen, die ihnen zugemutet werden, zu sein scheint. Wird die österreichische Bundesregierung nun Spiele der eigenen Nationalmannschaft boykottieren? Spiele von Rapid, Austria oder Salzburg?

Leider kann ich nicht an das Heldentum unserer Bundesregierung glauben, weder jetzt noch in Zukunft. Ich stelle mir die Meinungsbildung im Fall Timoschenko in etwa so vor wie jene bei der Nationalen Anti-Doping Agentur im Fall Hoffmann (http://derstandard.at/1332323454781/Handy-Hoffmann-nahm-Sitzung-der-NADA-heimlich-auf ):

Die Teilnehmer des Ministerrates tauschen ihre erotischen Phantasien über Frau Timoschenko aus. Hysterisches Lachen von Frau F: „I bin a blond, hihi.“

Dann A: „Heast, unsere Burschn san eh ned qualifiziert.“

B: „Jo, bled.“

C: „Mias ma durt hi, zu de Tschuschn. De hom sicha Wanzen in de Bettn?“

D: „Und Schnitzl gibt’s duat a ned.“

B: „Etwas solltat ma mochn. Es muas doch wos gem.“

A: „Heast die Mutti, die geht a ned hin. Moch ma des holt a.“

D: „Jo, supa Idee. A Hund bist scho. Wer is dafür?“

Alle Teilnehmer strecken die Hände in die Luft. Dann High five. Dann hysterisches Lachen von Frau F: „Blond bin i eh daham a, hihi.“

Zum Glück gibt es die kritische Berichterstattung der Medien, die mit seriöser Argumentation die Scheinheiligkeit des Boykotts aufdeckt.

So ist es doch. Oder?

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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23 Antworten zu Diese Woche konsumiert: EM-Boykott oder wir sind Helden

  1. Ich überlege ernsthaft, ob ich mich dem Boykott anschliessen soll, und diesmal die Panini-Hefte zur Euro boykottiere. Dann würde ich das moralisch Richtige tun, und mir auch noch eine Menge Geld sparen. Allerdings befürchte ich, dass meine Kinder in dieser Frage eher auf der Seite der ukrainischen Regierung sind.

  2. Elke Lahartinger schreibt:

    Wie bist du zu den Originalprotokollen der Ministerratssitzungen gekommen?

  3. astridleregger schreibt:

    Interessanterweise treffen die Boykotte unserer heldenhaften Regierungen, Parteien oder ihrer medialen Herolde auch immer Länder, die wirtschaftlich für unser Großkapital bedeutungslos sind, wie die Ukraine oder, auch immer gern genommen, Israel, während die „Menschenrechtssituation“ in wirtschaftlichen Powerhäusern wie China beim gleichzeitigen Abschluss von Geschäften heldenhaft „angesprochen“ wird. Bei den üblichen Verhandlungen mit dem nahöstlichen Diktatorengesindel hingegen wird selbst auf dieses mutige „Ansprechen“ verzichtet.

    • Karin Koller schreibt:

      Interessant auch die Artikel von diversen Medien, die eine Verlegung der ukrainischen Spiele nach Österreich ausgeschlossen haben. Manchmal glaube ich, die Journalisten leben in einer eigenen Welt, die sie sich nach Belieben erfinden.

  4. berniebr schreibt:

    Bei euch diskutieren die Minister solche Entscheidungen wenigstens noch 🙂

    In Deutschland verbietet die Mutti dem kleinen Philipp und seinen Freunden einfach das Hinfahren, und das war´s dann.

  5. Sebastian D. schreibt:

    Mich wundert ja, dass die überhaupt gemerkt haben, dass es auch ohne uns eine Europameisterschaft gibt und dass die Ukraine eine „Menschenrechtssituation“ hat. In der Krone steht ja sowas nicht, da muss doch der Spindelegger auf seinen Reisen in Brüssel etwas aufgeschnappt haben. Respekt. Könntest du uns bitte auch die Ministerratsprotokolle, in denen die Pros und Contras des Euro-Rettungsschirms diskutiert wurden, zur Verfügung stellen? Ich glaube, da könnten wir auch noch einiges lernen.

  6. thorstenzech schreibt:

    Bei euch in Österreichscheint die Regiereung ja auch von geistigen Titanen gelenkt zu werden…..

  7. johannamiller47 schreibt:

    Bitte weitere Protokolle, vor allem jetzt, wo der Spindi den Euro retten muß, den Hollande ja zerstören will, wie ich gelesen habe. Bin schon gespannt, wie sie das anlegen.

    • Karin Koller schreibt:

      Spindelegger bezahlt jetzt eine Werbeagentur für seine State of the Union Speech. Da wird wahrscheinlich nur noch vorgegeben, denke ich, und nichts mehr diskutiert.

  8. SevRa schreibt:

    Technische Frage: ist das ein Boykott, wenn man zu etwas, zu dem man nicht eingeladen wurde, nicht hingeht? Weil dann boykottiere ich jeden Tag Tausende Sachen, oft ganz unbewusst, und weiß selbst gar nicht, dass ich damit ein politisches Statement mache.

  9. boadiceawascool schreibt:

    Und Polen wird gleich mitboykottiert, wenn wir schon dabei sind, oder wie?

  10. oksanawasiliev schreibt:

    Wenn Herr Scheuch verurteilt wird, boykottiert dann die EU-Kommission zusammen mit Mutti Merkel die Salkzburger Festspiele?

    Ich bin schon gespannt.

  11. Hofnarr schreibt:

    Ja, Karin, Deine Gedanken hier sind absolut richtig.

    Da ich aber in den letzten Tagen den Pendel des Problems der Frau Timoschenko wegen bemühte, muss ich Dir sagen: Da gibt’s noch ein anderer unerwähnter Aspekt der Sachlage: Diese Frau hat ganz grauenhafte Schmerzen in der Wirbelsäule und ist durchaus auch mit ärztlicher Behandlung oder gar OP der schweren Erkrankung wegen nicht mehr zu retten (wäre sie übrigens auch nicht, wenn sie in Deutschland oder Oesterreich oder Schweiz in Freiheit leben würde, aber sie hätte zumindest etwas Linderung fürs Erste und vermutlich jedenfalls ein sinnvolleres Bett und Zugang zu Physiotherapie und andere Leute als Schwerverbrecher, nämlich Aerzte und Mitpatienten und ihre Familieangehörigen als Gesprächspartner). Dass ihre in Freiheit längst mit massiven Morphium-Gaben etwas reduzierten Schmerzen in einem Gefängnis, ob nun hier oder dort, keinesfalls sinnvolle Beachtung finden, versteht sich von allein, denn auch bei uns geht man nicht eben zimperlich mit Krankheiten von Häftlingen um, jedenfalls nicht innerhalb von Gefängniswärtern,-innen und Mithäftlingen, die schmerz-verzehrten Insassen oft mit zusätzlicher Häme begegnen, insbesondere dann, wenn nicht von Laien ersichtlich ist weshalb diese Rücksicht genommen werden soll.

    Frau Timoschenko indes hat längst schon ganz gravierende Selbstmord-Gedanken, wie andere in ihrer gesundheitlichen Lage auch bei uns durchaus auch haben. Es ist ihr daher nicht mehr sehr wichtig, ob sie nun hungers sterben wird oder aber ihrer eigentlichen Krankheit wegen. Jedoch ist sie als sogenannt „politischer Häftling“ unbedingt der Meinung, wenn sie nun schon dieser Krankheit/enormen Schmerzen wegen zu sterben hat, dann sollen zumindest andere davon einen politischen Nutzen haben, nämlich solche, die wie sie auch bloss aus reinen Gesinnungsgründen einsitzen müssen und dort wie sie durchaus auch sehr viel unnötiges, sehr haarsträubendes Unrecht und äusserste Brutalität erleiden müssen, das gegen jegliche Menschlichkeit/Menschenrechte dieser Welt verstösst. Sie möchte demnach zumindest noch ein Denkanstoss für die ganze Welt sein, wenn sie schon nicht mehr politisch wirken kann, wie sie dies einstmals bei ihrer Wahl als Politikerin in ihrem Lande vorhatte. Zumindest diskutiert man nun weltweit über sie, ihre Situation und ihr Land und schliesslich auch über den Sinn, einen sportlichen Grossanlass wie dies die EM nun eben ist mit einer internationalen, politischen Botschaft zu verbinden. Meines Erachtens hat sie da durchaus erfolgsversprechend agiert! Würde ich übrigens auch tun, wenn ich in ihrer Lage wäre, denn ihre Ueberlegungen (was die Bewältigung von ganz grauenhgaften Schmerzenund was ihre Gesinnungsdemonstration in einem Land wo keine anderen Meinungen geltung haben dürfen anbelangt) sind durchaus richtig!!!

    Möge sie vor ihrem Tod durch ihren Hungerstreik und den dadurch allenfalls ausgelösten Hungerstreik/Boykott durch andere noch erreichen, dass Menschen weltweit etwas detaillierter hinsehen, wenn sie ihren Politikern bei ihrer Arbeit zusehen und sich wesentlich früher zu wehren lernen, wenn auch innerhalb ihres Staates fortlaufend wirkliches Unrecht geschieht, dies aber auch bei uns und anderswo! Es ist nun weltweit Zeit für ganz massive Veränderungen, auch politischer Art!!! Nur mehr Menschlichkeit weltweit kann letztlich einen Wechsel zum Besseren herbeiführen!!! Wenn wir uns anketten oder in Hungerstreik gehen müssen, um endlich weltweit Beachtung zu finden, der vielen, unendlichen körperlichen und seelischen Schmerzen wegen, dann eben mit diesen, friedlichen Methoden, Hauptsache sie sind gewaltfrei und sie wirken!!!

    • Sebastian D. schreibt:

      Das Bemühen um die Leiden der Frau Timoschenko wäre aber halt viel glaubwürdiger, wenn die gleichen Regierungen, die sich jetzt engagieren, Menschenrechtsverletzungen auch ernst nnehmen würden, wenn es Mühe (und vielleicht sogar einige Geschäftsabschlüsse) kostet.

      • Hofnarr schreibt:

        Es ist ja kein besonderes Engagement eines Landes, eine EM mittels Nicht-Teilnahme der Fussballmannschaft eines Landes zu boykottieren, wenn die Jungs ohnehin verlieren würden, sobald sie in der Ukraine anfangen, den Ball gegen Bessere zu kicken…

        Dies (solche Boykotte) hatten wir auch schon bei der Olympiade früherer Jahre! Was soll’s?! Wirkt jedenfalls nicht!!! Ist denen in der Politik der Ukraine doch absolut wurst!!! Stattdessen lassen sie jetzt deutsche Aerzte in der Ukraine an die Frau Timoschenko und ihre Krankheit heran, um aufzeigen zu können, dass sie ohnehin nicht mehr zu retten ist, wenn sie sich selber noch zusätzlich schwächt mittels Hungerstreik. Wie könnte ein sinnvoller Arzt operieren, wenn der Patient ohnehin schon zu sehr geschwächt ist, um dies zu überstehen… So aber kann gesagt werden, sie sei selber schuld an ihrem Leiden oder es sei halt so bei diesem Stadium dieses Leidens, nicht die Methoden im Gefängnis der Ukraine hätten ihr den Rest gegeben…

  12. SevRa schreibt:

    Traurig, dass ein Fußballtrainer durchdachtere Statements abgibt als die Regierungsspitzen:
    http://www.spiegel.de/sport/fussball/bundestrainer-loew-hat-sich-zur-situation-in-der-ukraine-geaeussert-a-831813.html

    • Karin Koller schreibt:

      Ja. Im Gegensatz zum Kapitän, der sich schon ein zweites Standbein als Fernsehexperte aufbaut.

    • Hofnarr schreibt:

      Aber dennoch super, dass er dies tut, wie er es tut! Auch Frau Timoschenko wollte nicht wirklich den Boykott der Fussball-Spiele erreichen, sondern Beachtung durch die Welt-Oeffentlichkeit für ihre persönlichen und politischen Anliegen!!! Darum ist das richtig, was Löw da sagt!!!

      • stephito schreibt:

        Lahm hat wenigstens darauf hingewiesen, dass es neben den Menschenrechten auch um demokratische Grundrechte geht, und es ist auch unerträglich, wie politische GegnerInnen hinter Gefängnismauern verschwinden, verurteilt von Behörden, die offensichtlich von einer mindestens so mafiösen Bande, die jetzt halt die Regierung bildet, abhängig sind.
        Sportveranstaltungen zu boykottieren ist genau das, was der westlichen Politik einfällt, wenn in Wahrheit kein politischer Druck aufgebaut werden möchte, das ist Feigenblattpolitik.
        Und von der österreichischen Aussenpolitik halte ich, seit ihrer Grußadresse an die Putschisten gegen Gorbatschow, wenige Stunden nach diesem Fanal, überhaupt nichts mehr.
        Und wenn die dort nicht hinfahren, dann ist das für die jetzige Regierung der Ukraine sozusagen die Erbse unter ihrem Bettkissen.

      • Hofnarr schreibt:

        Na ja, aber eines hatte Oesterreich den anderen Ländern vor: Die hatten noch nie eigene AKWs, wenigstens das, wenn auch bis heute Zugang zu Atom-Strom aus dem nahen Ausland (auch nicht viel besser!)…

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