Blaue Mäuse

Angst ist etwas Ungreifbares. Oft hat man einfach Angst und weiß nicht wovor. Oder man hat vor etwas Konkretem Angst und weiß nicht warum. Besonders als Kind.

Als Anna mit etwa zwei Jahren sich zu ersten Mal Gedanken über ihren Bauchnabel machte und fragte wofür der denn da sei, erklärte ich es ihr und verwendete auch das Wort „Loch“ dabei. Sie begann zu schreien, sie wolle kein Loch im Körper haben, ein Loch sei nichts Gutes, ein Loch habe man, wenn man kaputt ist. Alles Erklären dass es sich nicht um ein Loch handle, mit gleichzeitigem Anfühlen des Bauchnabels und Herzeigen der Bauchnabel aller Familienmitglieder, nützte nichts, es blieb diese Angstvorstellung des durchlöcherten Körpers, der nicht in Ordnung war. Einige Tage getraute sie sich nicht einmal in die Badewanne, aus Angst, das Wasser könnte durch das Loch in ihren Körper rinnen.

Auf einem Spaziergang mit Katharina vor etwa drei Jahren, gingen wir an einem Bauernhaus vorbei. Vor dem Stall war ein Fohlen angebunden. Es wieherte kläglich. Katharina fragte, warum das Pferd so schrie. Ich sagte, es würde vermutlich zu seiner Mama wollen, die schon in den Stall gebracht wurde. Ich dachte mir nichts dabei. Katharina fing an zu weinen und hörte den ganzen Weg nicht mehr auf. Es nützte nichts, dass ich ihr erklärte, das Fohlen müsse nur geputzt werden und werde in ein paar Minuten bei seiner Mama sein. Die Vorstellung, von der Mama getrennt zu sein, auch nur für kurze Zeit, machte ihr Angst. Tagelang fragte sie immer wieder, ob das Fohlen jetzt wieder bei der Mama sei.

An eine eigene kindliche Angst erinnere ich mich auch genau. Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, sah ich mir im Fernsehen eine Puppentheateraufführung (oder vielleicht war es ein animierter Film) an. Ich weiß nicht mehr genau, worum es ging. Das vergaß ich auch sehr schnell, möglicherweise handelte es sich um ein Märchen. Ich bin mir sicher, dass es eine Sendung war, die für mein Alter geeignet war.

Eine Szene bereitete mir jedoch jahrelang Alpträume: Aus einem dunklen Loch kamen blaue Mäuse. Sie schillerten, als wären sie nicht von dieser Welt, und sprachen in verschwörerisch heiseren Zischlauten. Sie führten etwas Böses im Schilde. Was es war, vergaß ich sofort nach der Sendung. Die Mäuse nicht.

Jede Nacht erschienen mir diese Mäuse im Traum, zischelten und wollten mich auffressen oder mich mit vergifteten Nüssen töten. Manchmal wachte ich schreiend auf, weil sie mein Bein anfraßen oder ich Krämpfe von dem Gift hatte. Sie verschwanden einfach nicht, obwohl ich tagsüber wusste, dass sie nur Mäuse einer Kindersendung waren. Einmal pinkelte ich mich sogar an vor Angst.

Ich glaube, ich habe meiner Mutter gar nicht erzählt, was mir zu schaffen machte, weil ich mich dafür schämte, solche Angst vor Mäusen aus einer Kindersendung zu haben.

Die Mäuse verschwanden irgendwann wieder aus meinen Träumen, Katharina fragte nicht mehr nach dem Fohlen, Anna verstand, was ein Bauchnabel ist.

Manchmal kann ich meine Kinder nicht vor ihren Ängsten bewahren, weil diese sich so unvorhersehbar einschleichen, dass ich machtlos bin. Wenn ich mich an meine eigenen Ängste erinnere, weiß ich, dass manches seine Zeit braucht. Ich versuche dann einfach, die Kinder zu trösten und ihnen zu erklären, wie unbegründet ihre Ängste sind.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Tag für Tag abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Blaue Mäuse

  1. Sebastian D. schreibt:

    Wie diese komischen Ängste entstehen? Ich habe mich als Kind sehr vor einem langhaarigen Hippienachbarn gefürchtet, obwohl der vollkommen harmlos war und mir nie das Geringste getan hat

  2. ilovesweetjoni schreibt:

    Mich würde interessieren, inwieweit für solche Ängste wirklich das moderne Umfeld, also Fernsehen, Computerspiele etc. verantwortlich sind, und inwieweit sich da einfach etwas manifestiert, das sich einfach immer gebildet hätte, vielleicht aus anderen Anlässen, aber trotzdem.

    • Karin Koller schreibt:

      Die Ängste, die ich bei meinen Töchtern beschrieben habe, traten auf, bevor sie noch regelmäßig ferngesehen haben. Der visuelle Reiz beim Fernsehen ist sicher stärker als beim Lesen oder Spielen. Hauptschuld an Ängsten hat Fernsehen meiner Meinung nach sicher nicht.

      • ilovesweetjoni schreibt:

        Ich glaube, es besteht ganz einfach eine kindliche Urangst, die dazu führt, dass man sich Objekte zur Dämonisierung sucht. Dafür spricht, dass diese Objekte ja für sich gar nicht so schrecklich grauenerregend sind, sondern erst, wenn sich das Kind dazu was ausgedacht hat, grausig werden. Die blauen Mäuse sind ja jetzt auch nicht etwas a priori Monsterhaftes

  3. stephito schreibt:

    ich träumte als Kind immer wieder davon, am Abhang eines Kanals zu stehen und runterzurutschen, sodass ich in Lebensgefahr war, denn ich konnte nicht schwimmen. Viele Jahre später kann ich mir diesen, immer wiederkehrenden Traum nur mit großer Mühe psychoanalytisch erklären. Vielleicht ließen sich solche Kinderängste irgendwann erklären, dann wäre es aber längst zu spät, wichtig dann, wenn damit Ängste eines inzwischen erwachsen gewordenen Menschen aufgelöst werden können. Ängste sind nur sehr schwer auflösbar, sie sind resistent gegen jeden Einspruch, gegen jede gegenteilige Erfahrung, sie sind nicht wegkonditionierbar. Sogesehen, geschätzte Frau Koller, bringt es nichts, Kindern die Unbegründetheit ihrer Ängste zu erklären, sondern, wie Sie schreiben, es hilft nur Trost zu spenden.
    Und das mit dem Bauchnabel finde ich allerdings sehr herzig, mir fiele ein halbwegs schlechter Männerwitz ein, denn es hat vielleicht mit der Angst vor dem Eindringen fremder Körper in den eigenen zu tun. Danke für diesen Blog.

    • Karin Koller schreibt:

      Angst ist schwer zu überwinden, selbst wenn sie völlig unbegründet ist. Ich habe das auch erlebt ( https://karinkoller.wordpress.com/2011/04/12/autoangst/ ) und mir hat nur ein Impuls von Außen geholfen. Trotzdem – obwohl es nicht unbedingt die Ängste nimmt – ist es doch wichtig, Kindern immer wieder zu zeigen, dass ihre Ängste unbegründet sind. Gerade wenn sie sich Dinge nicht trauen, die sie z. B. in der Schule machen müssen. Mit jedem Mal, wo ich sagen kann: damals hast du das auch geschafft, wird das nächste Mal leichter. Bei Ängsten, wie ich sie hier beschrieben habe, hat das nicht diesen Effekt. Es verhindert aber vielleicht, dass das Kind sich weiter hineinsteigert.

  4. freudefinder schreibt:

    wie wundervoll sensibel Du mit dem Thema umgehst – das ist doch die allerbeste Voraussetzung, mit der Du Deinen Kindern helfen kannst. Sicherlich wird immer wieder etwas auftauchen – bei Kindern ganz unterschiedlich. Mein Sohn hatte kaum Ängste, traute sich alles zu – die Tochter war früher sehr sehr ängstlich und ist nun eine strahlende Powerfrau geworden, mit einer ganz wunderbaren Sensibilität, die vielleicht damals schon geformt wurde – wer weiß.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s