Fragen wird man ja noch dürfen? – Teil 1

Ein Gastbeitrag von IloveAmandaBrown

Ich liebe meinen Mann. Ich liebe meine Familie. Ich würde nie etwas tun, das unser Zusammenleben gefährdet.

Und dennoch. Es gibt Dinge, die ich gerne ausprobieren würde. Dinge, die ich mit meinem Mann nicht erleben kann.

Ich würde etwa gerne mit einer Frau schlafen.

Nicht weil ich in meiner Partnerschaft unglücklich bin. Sondern weil ich selbst erleben möchte, wie sich das anfühlt. Ob es anders ist. Wie anders es ist. Warum es anders ist. Und weil ich gerne all meine erotischen Phantasien ausleben würde. Bei manchen kann ich das nun einmal nur mit einer Frau.

Nun habe ich diesen Wunsch schon länger. Aber er ist ein unrealisierter Wunsch geblieben, weil er unrealisierbar schien. Wie sollte ich auch eine Frau finden, die mit mir schlafen will?

Vor einigen Wochen änderte sich das. Ich lernte eine Frau, mit der ich schon länger entfernt bekannt war, besser kennen. Eine schöne Frau, etwas älter als ich. Wir kamen dann irgendwann bei einer halböffentlichen Veranstaltung ins Reden, und irgendwie, durch den konsumierten Alkohol entspannt, stellten wir fest, dass wir uns wechselseitig attraktiv fanden. Wir näherten uns einander an, berührten uns, und bemerkten, dass eine erotische Spannung bestand, ohne dies explizit auszusprechen.

Der Abend endete, ohne dass irgendetwas passiert wäre. Aber wir blieben in Kontakt. Und irgendwann sagte mir diese Frau etwas verklausuliert, dass sie gerne mit mir Sex haben würde. Ich war mir bei ihrem ersten Versuch nicht sicher, ob sie das wohl auch tatsächlich ausdrücken wollte. Beim zweiten Versuch war ich mir dann sicher.

Die Gelegenheit wäre gut gewesen. Mein Mann war geschäftlich im Ausland. Die Kinder außer Haus. Der Reiz war groß. Aber ich wollte meinen Mann nicht betrügen. Ich sprach mit einer Freundin, die mir sagte, ich solle meinen Mann doch einfach anrufen und ihn um seine Zustimmung bitten.

Das schien mir zunächst eine gute Idee.

Aber nach einiger Überlegung rief ich ihn doch nicht an. Vielleicht auch aus Angst, er würde sich dagegen aussprechen (was mir durchaus möglich schien).

Aber noch mehr aus Furcht, er würde seine Zustimmung erteilen. Aus den falschen Gründen. Aus Angst, weil er fürchtete, er könnte mich verlieren, wenn er nicht ja sagte. Oder aus Zuneigung, weil er mir einen dringenden Wunsch erfüllen wollte, obwohl er eigentlich viel lieber abgelehnt hätte.

Ich war mir nämlich sicher, dass er, wenn es seine freie Wahl wäre, nicht wollen würde, dass ich mit jemandem anderem als ihm Geschlechtsverkehr habe. Dass seine allfällige Zustimmung deshalb auf keiner freien Willensentscheidung, sondern nur auf einer Kalkulation beruhen würde, wonach die Zustimmung für ihn und für unsere Beziehung das geringere Übel sein würde. Und somit keine ernsthafte, echte Zustimmung wäre.

Ich hatte also das Gefühl, dass für mich nichts gewonnen gewesen wäre, wenn ich ihn gefragt hätte. Hätte er nicht zugestimmt, hätte ich in jedem Fall nichts getan, was gegen seinen Willen verstoßen hätte, eben weil ich unsere Beziehung nie aufs Spiel setzen würde.

Und hätte er zugestimmt, hätte ich gedacht, seine Einwilligung wäre nur erfolgt, weil er durch die Frage selbst so unter Druck gesetzt wurde, dass er dachte, mir zustimmen zu müssen, weshalb ich auch diesfalls nicht guten Gewissens handeln hätte können.

Ich habe ihn also nicht gefragt. Und nicht mit einer Frau geschlafen. Life goes on.

Teil 2 – Die Entgegnung von Nicole Lee – folgt in einer Woche

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Other voices, other rooms abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Fragen wird man ja noch dürfen? – Teil 1

  1. astridleregger schreibt:

    Ich bin schon auch deiner Meinung, allerdings unter dem Vorbehalt, dass das nur funktioniert, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht, also nicht die Frau Rücksicht nimmt, und der Mann tut, was er will.

  2. MarJar schreibt:

    Schön gesagt. Manchmal geht´s um mehr, als alle eigenen Träume umzusetzen.

    • Hofnarr schreibt:

      Ich denke, echte Liebe setzt voraus, dass man auch für den anderen/zugunsten des anderen fortlaufend zu entscheiden in der Lage ist, selbst dort, wo keine Antworten oder aber allenfalls nur „undurchdachte“ Antworten des anderen vorliegen. Dazu müssen wir lernen, uns stets bei unseren Entscheidfindungen auch in die Lage des anderen versetzen zu können. Wo uns dies nicht glückt, sollten jedenfalls Gespräche zwischen Liebespartnern geführt werden, immer, nach dem Grundsatz, es gilt die Meinung des Zweiten/des anderen, nicht unsere eigene, denn in der Liebe gibt’s keine demokratischen Entscheide nach dem Prinzip des „Wie Du mir, so ich Dir“, weil das notabene in wahrer Liebe nicht glücklich machen kann…

  3. Athenaeum schreibt:

    Gratulation der Autorin zu diesem besonder wohltuenden Artikel. Sie haben sich richtig entschieden, und gerade das Widerstehen gegen eine Versuchung macht sie stärker. Sie sind ein Beispiel für viele in dieser triebgesteuerten Anything-Goes-Gesellschaft, die nur dem Lustprinzip anhängen. Respekt.

    • Elke Lahartinger schreibt:

      Dieses Lob aus Ihrem fundamentalistischen Mund hat sich die mir persönlich bekannte Autorin in keiner Weise verdient.

    • stephito schreibt:

      nur so eine Frage als Mann, in welcher Klinik haben Sie sich kastrieren lassen?

      • Hofnarr schreibt:

        …vermutlich Jehovas Zeugen, Köln… aber der selbst so genannte „Theologe“ Athenaeum ist nicht kastriert… nur extrem in seiner Denkart, in Unterstützung durch das alte Testament… und derzeit der internationalen Kirchentage wegen gerade abwesend… darum wird er erst nach dem Wochenende antworten, wenn überhaupt… oder auch nicht mehr.

  4. wienerhans schreibt:

    fargen soll man nicht sollen müssen.

  5. wienerhans schreibt:

    natürlich „fragen“

  6. Hofnarr schreibt:

    Deine Ueberlegungen sind richtig, Karin. Aber, Karin, es lohnt sich jedenfalls mit Deinem Mann darüber zu reden (beispielsweise, indem Du ihm explizit diesen Artikel inklusive aller hier erscheinenden Kommentare zum in aller Ruhe lesen emphiehlst und im Anschluss daran bei Kerzenschein und Gemütlichkeit eine direkte Diskussion mit ihm tätigst inklusive der Zusicherung, dass eine Entscheidfindung auch über mehrere Tage oder Wochen möglich sei seitens Deines Mannes, weil diese nicht ganz einfach in Kürze vorzunehmen ist.

    Es ist deshalb, dass unsere Quick-Kommunikationsmöglichkeiten wie Telefonieren, Mailen und SMS sowie auch Briefe schreiben absolut ungeeignet für das Anreissen dieses Themas ist, weil Du so keine Ahnung hast, was in Deinem Mann bei erstmaligem Erhalt Deiner Botschaft und in der Folge vorgeht, dies nicht nur im Bewussten sondern auch im Unbewussten seiner Seele. Da Du ihn liebst, müsste dies möglich sein, dass zumindest das Aeussern Deiner Gedanken und Gefühle ihm gegenüber jederzeit sinnvoll ist, was auch immer es betrifft.

    Bei mir entwickelten sich in meinen Partnerschaften ausserordentlich inspirierende, innovative und einfühlsame, ehrliche und offene Gespräche durch das Ansprechen solcher Bereiche. Wir stellten beispielsweise fest, dass jeder von uns nicht dem Traum-Ideal unserer Träume und Wünsche im Aeusserlichen des anderen entsprachen und dennoch gerade deshalb die Partnerschaft zwischen uns beiden ausserordentlich wichtig für uns war, sodass gerade solche Gespräche dazu führten, noch überzeugter gerade dem Partner ausschliesslich treu zu bleiben. Einer meiner Partner sagte dazu immer pauschal: „Weisst Du, so lange ich nie zu kurz komme, ist gegen andere Partner nichts einzuwenden!“ Gerade diese Aussage aber birgt nachfolgendes Risiko: Man weiss nie mit unumstösslicher Sicherheit im Voraus, in welchem Moment der andere zu kurz kommt. Weiss man dies aber, indem man irgendwas mit anderen realisiert, ist es schon zu spät!

    Vertrauensverluste können nicht mehr schöngeredet oder gekittet werden… Das ist das Prinzip des Baumes der Erkenntnis der Bibel in seinem ganzen Ausmass… Aber reden darüber macht jedenfalls Sinn, nicht nur fragen, Karin… weil fragen schon eine Einwilligung beinhaltet, bevor ein Prozess der Meinungsbildung und Entscheidfindung überhaupt angegangen wird, notabene in Euch beiden, nicht nur in ihm allein. Fragen allein würde demnach für Deinen Mann bedeuten, dass Du ohnehin tun würdest, zu was Du seine Einwilligung forderst, aber vielleicht bei einem Nein seinerseits beim nächsten Mal nicht mehr frägst, weil Du seine Antwort bereits kennst. Damit ist eine sinnvolle Vertrauensbasis zwischen ihm und Dir nicht mehr gegeben, sobald Du ausschliesslich frägst, weil man ja, wie Du Deinen Artikel übertitelst „Fragen wird man ja noch dürfen…“ wie üblich voraussetzt, dass ein Ja ein Ja und ein Nein ein Nein als Antwort ist, aber dem ist nicht so, Karin, nicht in diesem Fall hier!!! Wenn man Fragen stellt, darf man die Antworten, dh. alle Folgen aus dieser Fragenstellerei nicht scheuen, nie, sonst müsste man vorerst einmal um des anderen Meinung bitten, um sich selber die Meinung darüber auch noch zurechtlegen zu können, weil man gemeinsam am Meinungsbildungsprozess darüber teilnimmt.

    Hüte Dich vor One-Night-Stands und Quickies in dieser Sache, Karin!

    • Athenaeum schreibt:

      Hofnarr, der Artikel ist, wie sie lesen hätten können, und wie sie auch dem Inhalt entnehmen hätten können, nicht von Frau Koller, die ja gerade immer das hemmungslose Lustprinzip propagiert.

      • Hofnarr schreibt:

        Okay, Athenaeum, Sie haben diesmal uneingeschränkt recht: Der Artikel ist ein Gastbeitrag, tatsächlich!!! Irren ist menschlich. Einen herzlichen Dank dem aufmerksamen Hinweisgeber.

        Macht aber nichts, die Meinung meinerseits bleibt die Gleiche!!! Man wechsle bloss den Namen Karin mit demjenigen der Autorin Amanda! Alles okay?! Bestens.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s