Unschlüssige Pendlerin

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 12

Zum x-ten Mal saß ich im Zug von Vorarlberg nach Wien. Seit über einem Jahr, seit Michael in Vorarlberg arbeitete, nahm ich jede zweite Woche diese achtstündige Fahrt auf mich. Immer noch war ich deprimiert und traurig, weil ich mich nicht wieder  von Michael trennen wollte.

Mit einer Mappe auf den Knien lümmelte ich auf meinem Platz. Ich musste für einer der letzten Prüfungen meines Studiums lernen. In dem stickigen Abteil saßen noch eine ältere Dame mit bläulichem, onduliertem Haar und ein geschäftig aussehender Herr mittleren Alters, der beinahe ununterbrochen mit seinem Handy telefonierte. Da der Empfang schlecht war, musste er in sein Telefon brüllen. Das störte mich in meiner Konzentration. Natürlich hätte ich es verstehen können, wenn er über dieses Telefon die Geschicke seiner Firma oder gar der Welt gelenkt hätte. Aber die Gespräche dieses Mannes verliefen so banal, wie es überhaupt erst durch die Erfindung des Handys möglich geworden war. Bei jeder Haltestelle rief er jemanden an, um zu verkünden, wo er sich befand. Zwischen den Haltestellen wurde er angerufen und berichtete, dass er sich eben zwischen jenen Haltestellen befand. Spielte er gerade dieses Spielchen nicht, läutete das kleine Ungetüm und die Verbindung riss ab, bevor er den Anruf übernehmen konnte. Da musste er natürlich jedes Mal vier oder fünf Leute anrufen und sie fragen: „Hast du gerade angerufen?“ Meistens waren die Angerufenen aber nicht die Anrufer und es folgten langatmige Erklärungen darüber, wo er sich befand, warum er vermutet hatte, dass gerade dieser Angerufene angerufen hatte. Extensive Spekulationen, wer es denn tatsächlich gewesen sein könnte, wurden zu guter Letzt auch noch betrieben.

Es fiel mir schwer, mich auf meine Formeln von Pflanzenbestandteilen zu konzentrieren und ich war sehr froh, als der Streckenteil mit den vielen Tunnels das Telefonieren verunmöglichte. Somit wurde dem Handymann die Unterhaltung genommen und er schlief ein. Fast schon glaubte ich, in Ruhe lernen zu können. Doch die alte Frau neben mir wurde unruhig, rückte sich immer wieder ihre Schmuckgemme am Hals zurecht und beugte sich weiter und weiter zu mir. Als sie sich beinahe zur Gänze über meiner Mappe lehnte, konnte sie nicht mehr an sich halten und sagte triumphierend: „Gehn’S, das ist das Atom?“

Ein wenig befremdete mich diese Aussage schon, aber natürlich setzten sich auch die Pflanzenfarbstoffe aus Atomen zusammen, deshalb sagte ich: „Ja, da kommen auch Atome vor.“

„Aber so viel Schaden hat es schon angerichtet, das Atom, gell?“ Vor Entrüstung über das Atom, aber auch vor Stolz auf ihre wissenschaftliche Erkennungsfähigkeit wurde sie ganz rosig im Gesicht.

Jetzt erst merkte ich, die alte Dame meinte Atombomben und Atomkraftwerke. „Mit dem Atom, das Sie meinen, hat das gar nichts zu tun. Das sind gute Atome“, erklärte ich ihr.

„Gute Atome gibt es nicht“, begann die Alte, ließ eine Schimpftirade auf die Atomtransporte, wie sie diese nannte, los und endete „ich verstehe gar nicht, wie sich junge Leute mit solchen Schweinereien beschäftigen können.“

Ich packte meine Sachen zusammen und verließ das Abteil, um in Ruhe lernen zu können. Jede Überzeugungsarbeit hätte stundenlang gedauert und letztendlich nicht gefruchtet. Die Alte gehörte jener Generation an, in der Bedrohungen durch Atomkriege oder einen Supergau eines Atomkraftwerks immer noch neuartig und fremd waren. Diese Generation hat sich nie dafür interessiert, was diese Dinge genau bedeuteten. So blieb als Feindbild das Atom. Alles, was mit dem Atom zu tun hatte, musste deshalb schlecht sein.

Die jüngere Generation hatte ein neues Feindbild, das Gen. Das Gen stand vor Allem für gentechnisch veränderte Lebensmittel. Im Speziellen stand es bei uns für wässrige Riesentomaten aus Holland. Das hatte sich so eingebürgert nach einem Werbespot, der sehr drastisch und in leicht verständlicher Weise die Gefahren des Gens schilderte. Gezeigt wurden Männer in Anzügen und eine Frau in einem knappen, weißen Kittel, der die pralle Oberweite zur Geltung brachte. Sie gingen schnellen Schrittes durch sterile unterirdische Gänge und trafen sich konspirativ in einer Hochsicherheitskammer mit Männern, deren Aussehen geradezu nach Wirtschaftskriminalität schrie. Auf dem Tisch lag eine Tomate. Die Wissenschaftlerin holte eine Spritze aus ihrem Aktenkoffer und gab der Tomate eine Injektion mit dem Gen. Das wurde zwar nicht gesagt, aber der clevere Zuschauer merkte das sofort. Daraufhin begann die Tomate zu schwellen. Nach kurzer Zeit füllte die Gentomate den gesamten Raum aus und drohte die Anwesenden zu ersticken. Heldenmutig riss sich die Frau den Mantel vom Leibe und zog eine großkalibrige Pistole aus ihren Hotpants. Sie erschoss die Tomate und die Gefahr war gebannt.

Seitdem war das Gen eine Tomate. Die letzte Rettung davor war das Erschießen. Wen die Moral der Geschichte nicht interessierte, der bekam immerhin viel nackte Haut zu sehen und merkte sich deshalb vielleicht, dass das Gen etwas Schlechtes war. Die Verteufelung des Gens war weitreichend. Politiker warben sogar für ein genfreies Österreich. Niemand überlegte sich, was das Gen denn tatsächlich war. Niemand brachte es mit den Genen in Verbindung. Viele Leute, die wussten, sie hatten Gene, wären völlig schockiert gewesen, hätte man ihnen gesagt, sie hätten das Gen. Das Gen durfte man nicht haben, denn das Gen war gefährlich und machte krank.

Meine Aufgabe war es glücklicherweise nicht, Zugreisenden zu erklären, dass das Atom nicht eine Bombe und das Gen nicht eine Tomate war. Deshalb suchte ich mir ein Plätzchen, an dem ich in Ruhe lernen konnte. Aber meine Gedanken schweiften ab zu meinem möglicherweise bevorstehenden Umzug.

Niemals hatte ich nach Vorarlberg ziehen wollen. Genaugenommen hatte ich mir, bevor ich Michael kennengelernt hatte, keine Gedanken darüber gemacht. In Wien ergab sich höchstens äußerst selten die Notwendigkeit, über Vorarlberg nachzudenken. Ebenso wenig machte ich mir dort häufig Gedanken über Mürzzuschlag oder Surinam. Obwohl, wenn man es genau nahm, gab es einmal eine Zeit, in der ich ein wenig über Surinam nachgedacht hatte, weil ich eine Kurzgeschichte darüber gelesen hatte. Aber auch das waren nur ziemlich oberflächliche Gedanken.

Nun musste ich intensiv über Vorarlberg und die dortige Lebensqualität nachdenken, da ich, zugegebenermaßen nicht aus heiterem Himmel, mehr oder weniger gezwungen sein würde, an den westlichsten Zipfel Österreichs zu ziehen und vermutlich für immer dort zu bleiben.

„Probier’s doch einfach“, hatte Michael gesagt, „wenn es dir nicht gefällt, können wir uns etwas Neues einfallen lassen.“

Michael sagte solche Dinge nur so dahin, denn so einfach, wie er tat, war die Situation nicht. Während mir in meinem Beruf die ganze Welt offenstand, konnte er als Anwalt nur in Österreich arbeiten. Eigentlich hatte ich immer davon geträumt, ein paar Jahre im Ausland zu arbeiten. Boston, London oder Sydney wären meine Traumziele gewesen. Um ein Stipendium hatte ich mich jedoch nie bemüht, lieber war ich mit Michael in Wien geblieben. Sicher wäre es schön gewesen, die große Welt zu entdecken, aber andererseits war Wien auch nicht schlecht und ich lebte gerne hier.

Hätte ich in Wien bleiben können, wäre ich vollauf zufrieden gewesen. Vorarlberg war eine ganz andere Geschichte. Vorarlberg kam mir vor wie ein Gefängnis, aus dem ich nie wieder herauskommen würde. Michael arbeitete bei seinem Vater in der Kanzlei. Die Alternativen für ihn waren somit längerfristig entweder ein prosperierendes Leben als Partner seines Vaters oder der Aufbau einer aller Wahrscheinlichkeit nach kärglichen Existenz als  einer von vielen jungen Anwälten in Wien. Da brauchte man nicht lange fragen, wofür er sich entscheiden würde. Aber wo passte ich da hinein? Ich wollte nicht nach Vorarlberg, unter gar keinen Umständen, aber Michael dazu zwingen, seine Karriere wegen meiner Vorurteile gegen eine Region aufzugeben, konnte ich auch nicht.

Deshalb blieben für mich nur zwei Fragen zu klären: Liebte ich Michael genug, um meine eigenen Pläne aufzugeben? Und: Konnte ich irgendetwas Positives an Vorarlberg finden? Da beide Fragen durchaus miteinander verknüpft waren, beschloss ich, mit der einfacheren, unpersönlichen Frage anzufangen.

Was um alles in der Welt konnte man an Vorarlberg lebenswert finden? In Ermangelung harter Fakten fing ich an, alle Klischees, die ich über das dort liebevoll so genannte Ländle und seine Bewohner gehört hatte, aufzuzählen.

Der Vorarlberger galt als arbeitsamer, eher asketischer Mensch, dessen oberstes Ziel im Leben es war, zu arbeiten und ein Haus zu bauen. Seine Freizeitbeschäftigung war das Autowaschen und, wenn er sein Häuschen bereits hatte, das Rasenmähen. Auf alle liederlichen Menschen, die samstags nicht selbst zu Schwamm und Politur griffen, sondern sich in die lange Schlange vor der vollautomatischen Autowaschanlage einreihten, wurde herabgesehen. Über Häretiker, die ihr Auto nicht jede Woche wuschen, sprach man nur hinter vorgehaltener Hand. Noch schlimmer stand es jedoch um Menschen, die ihren Rasen nicht millimeterkurz hielten. Die wurden vermutlich nachts von der Mähmiliz abgeholt und gefoltert bis sie versprachen, mindestens einmal die Woche ihr Rasengrün zu stutzen.

So handelte es sich um ein Völkchen, das sich nichts schenkte und das sich selbst streng aber gerecht behandelte. Durchbrach ein Außenstehender dieses Idyll, hatte er mit großer Feindseligkeit zu kämpfen. Dabei handelte es ich jedoch nicht um die klassische ekelhafte Ausländerfeindlichkeit, die in den meisten anderen Teilen Österreichs weit verbreitet war. Gegen Ausländer hatte der Vorarlberger zwar auch etwas, aber sein größter Feind war der sogenannte Innerösterreicher und dabei besonders der Wiener.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Fortsetzungsgeschichte abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Unschlüssige Pendlerin

  1. berniebr schreibt:

    Provinz ist heutzutage ein Geisteszustand, kein Ort.

  2. thorstenzech schreibt:

    Und Österreich ist immer noch nicht genfrei, oder?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s