Kultur und nicht Wiesen

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 13

Ein Vorarlberger konnte beim leisesten Verdacht, einen Wiener vor sich zu haben, die Stirn in tiefe Falten legen und die Adern am Hals bedrohlich anschwellen lassen. Viele Wiener, die sich in den Westen verirrten, glaubten, den Einheimischen zeigen zu müssen, wie Dinge außerhalb der Provinz geregelt werden. Hochmütige Bevormundung konnte man aber zu Recht nicht brauchen. Man kam gut zurecht und war stolz darauf. Nicht zuletzt wurde der Wiener im Speziellen und der Innerösterreicher im Allgemeinen gehasst, weil man sich den Buckel krumm arbeitete, um ein prosperierendes Landesgefüge zu erhalten, und dann doch einen großen Teil des sauer Erwirtschafteten abgeben musste. Zumindest hörte man das immer wieder im Bus und auf der Straße. Das Geld kam direkt den wirtschaftlich weit weniger versierten Wienern oder anderen, als arbeitsscheu und nichtsnutzig erachteten Innerösterreichern zu Gute. Da wurden noch viel tiefere Emotionen geweckt als bei Rasen- oder Autosündern.

Aber obwohl manche Vorarlberger sich zu verschiedenen Zeiten ihrer Geschichte der Schweiz anschließen, einen eigenen Staat gründen oder zumindest den Arlbergtunnel wieder zuschütten wollten, empfanden sie die starke Abneigung nicht gegen alle Österreicher. Nicht selten fragte mich ein Ladenbesitzer beim Betreten eines Geschäfts mit drohender Stimme: „Bischt us Wian?“. Das war die Frage nach einer möglichen Wiener Herkunft. Als ich dann verneinte und mit äußerst devot gewähltem Tonfall verkündete, ich wäre aus Kärnten, entspannten sich die Züge. Oftmals war der erste Kommentar: „Die können so schön singen.“ Obwohl jeder zweite Kärntner eine rechtspopulistische Landesregierung gewählt hatte und obwohl Kärnten wirtschaftlich besonders schlecht gestellt war, mochte man dieses Bundesland. Man möchte vor Allem die Kärntnerinnen. Diese Zuneigung war historisch bedingt. Vor der Öffnung des Ostens und der damit zusammenhängenden Schaffung eines sehr billigen Arbeitsmarktes waren junge Mädchen aus dem armen Süden Österreichs in die Gegend geströmt, um während der Faschingszeit in der Schweiz als dekorierte Kellnerinnen zu arbeiten. Einige von ihnen waren in der Region geblieben und die Legende, sie wären besonders lebensfroh hatte sich hartnäckig gehalten.

Vielleicht lag das aber auch an der beruflichen Tätigkeit, für die sie gekommen waren. Dekoriert zu kellnerieren war nämlich eine alljährliche Aberration in der Schweiz, an der die männliche Bevölkerung großen Gefallen zu finden schien. Dabei mussten junge Mädchen nur mit einem knappen Höschen oder Schürzchen bekleidet während der gesamten Faschingszeit die Getränke servieren. Ob sie wenigstens Gesundheitsschuhe tragen durften, wusste ich nicht. Diese Frivolität war selbst in Lokalen üblich, in denen während des restlichen Jahres die größte Biederkeit herrschte. Der Schweizer gönnte sich also barbrüstigen Trinkspaß während der lustigen Monate und war dabei durchaus einfallsreich. Einige Lokalen boten nämlich Extras an. So konnte man beispielsweise zu einer bestimmen bereits fortgeschrittenen Uhrzeit für eine nicht unbeträchtliche Summe einen Löffel Schlagobers kaufen und den weißen Schaum auf eine in genau festgelegter Entfernung bereitstehende halbnackte Dame werfen. Der Werfer durfte das Obers dann auch wieder von der Dame lecken.

Dieser Sport erfreute sich großer Beliebtheit bei angeheiterten, bereits etwas betagteren Herren. So kam es nicht selten vor, dass der weiße Klecks an der Wand hinter oder am Boden vor der Dame landete. Der Herr hatte sich somit um das Vergnügen gebracht, seine Zunge über nackte Mädchenhaut gleiten zu lassen. Stattdessen hatte er viel Geld dafür bezahlt, die Wand oder den Boden fettig zu machen. Ich fand, es war schon ein äußerst zweifelhaftes Vergnügen, tatsächlich zu treffen. Nicht zu treffen war aber bei Abendunterhaltungen an trauriger Armseligkeit kaum zu überbieten. Aber den Männern in der Region schien es zu gefallen.

Heute wusste kaum noch jemand, dass die dekorierten Damen von damals meist Kärntnerinnen waren. Übrig blieb das Gerücht, Kärntner wären lebensfrohe Menschen. Ich war aus Kärnten und brauchte mich deshalb nicht sonderlich vor Feindseligkeit zu fürchten.

Aber in der Schweiz, wo ich Arbeit finden wollte, war das wieder ganz anders. Zwar waren die Schweizer den Österreichern nicht besonders feindlich gesinnt, dafür sah man dort auf uns herab. Man machte sogar Witze über uns. Der Österreicher war nicht nur der Ostfriese der Schweiz, auch wenn jemand nur mäßig intelligent war oder wenn ein Gerät nicht richtig oder gar nicht funktionierte, gab man ihm gerne den Beinamen Österreicher.

In Vorarlberg, wie auch in der Schweiz, sprach man eine Sprache, die kein Außenstehender verstehen konnte. Der lokale Dialekt war aber ungemein wichtig und trug ganz maßgeblich zum Zusammenhalt und zum Identitätsgefühl der Leute bei. Schon nach wenigen Worten würde man merken, ich gehörte nicht dazu. Schlimmer noch als diese Entlarvung war, so hatte ich mir sagen lassen, dass man hier nicht gerne Hochdeutsch sprach oder dieser Sprache überhaupt nicht mächtig war. Auch trauten die Einheimischen den Fremden keinesfalls zu, auch nur ein Wort von ihrem Dialekt verstehen zu können. Deshalb fühlten sie sich bemüßigt, auf das ungeliebte Hochdeutsch zurückzugreifen und wurden sich sogleich ihrer eigenen Unzulänglichkeiten bewusst. Manche, so hatte ich mir sagen lassen, sprachen lieber gar nicht als mit deutschsprachigen Personen aus anderen Regionen.

Alles in allem waren das nicht gerade rosige Aussichten für mich. Die positiven Aspekte von Vorarlberg, wie ein hoher Lebensstandard, ein großes Angebot von sportlichen Aktivitäten, die Chancen auf ein hohes Einkommen oder die relative Nähe zu Zürich, Paris und Mailand, konnten die negativen Seiten nicht aufwiegen. Wer wollte schon in Vorarlberg leben? Niemand. Nicht einmal die Vorarlberger selbst. Immer wieder konnte man hören, wie sich Vorarlberg über die Abwanderung seiner Akademiker beklagte. Vor allem in der Wiener Medienlandschaft tauchten die Abhandengekommenen wieder  auf. Das Loch, das sie in Vorarlbergs Arbeitsmarkt rissen, musste mit den verhassten Innerösterreichern oder gar mit Deutschen wieder aufgefüllt werden. Dies stimmte die Vorarlberger Fremden gegenüber nicht gerade milder.

„Aber“, hatte Michael gesagt, „wenn man Kinder hat, ist es hier viel besser als in Wien. Dort kannst du mit den Kindern nur die stinkende Gumpendorferstraße auf und ab rennen.“

Natürlich hatte er Recht. Wir wohnten in der Nähe der Gumpendorferstraße und die stank bestialisch nach Hundekötteln und dem gelben Pulver, das zur an die Hausecken gestreut wurde, um Hunde vom Hinpinkeln abzuhalten. Bevor ich Kinder in wohlriechenden Wiesen springen ließ, wollte ich mir aber eine Karriere aufbauen und vor Allem das Großstadtleben in vollen Zügen genießen. Erst wenn mir das langweilig wurde in zehn Jahren oder mehr, wollte ich weiterdenken.

„Kinder können locker noch einige Jahre warten. Außerdem bin ich doch so gerne in Wien.“

„Dann sag mir mal, was es so Tolles für dich gibt in Wien, das du in Vorarlberg nicht haben kannst.“

Immer wieder musste ich mit Michael Diskussionen über dieses Thema führen. Was mochte ich an Wien? Tausende Dinge mochte ich an Wien.

„Dort gibt es bestimmt tolle Jobs.“

„In der Schweiz aber auch und die sind viel höher bezahlt.“

Damit hatte Michael recht.

„In Wien gibt es ein viel größeres kulturelles Angebot.“

„Wann haben wir da das letzte Mal etwas gemacht?“ Richtig höhnisch schaute Michael bei dieser Frage. Und eigentlich hatte er wieder recht damit. Früher war ich öfter ins Theater gegangen. Ich hatte sogar stundenlang für Stehplätze angestanden. Heute könnte ich mir, wenn ich es wirklich wollte, einen Sitzplatz leisten. Das Theater interessierte mich aber nicht mehr. Das lag allerdings nicht an Wien sondern am Theater an sich. In den Kulturprogrammen sah ich immer wieder Berichte von Theaterpremieren und hatte das Gefühl, ohne Provokation war das Theater für den treuen Theaterbesucher nicht mehr interessant. Eigentlich war ich nicht so ein Spießer, der sich leicht über Andersartigkeiten erregte. Aber diese Theaterprovokationen hatten etwas Schales. Ungeachtet dessen, ob es sich um ein altes oder neueres, ein tiefsinniges oder seichtes Stück handelte, es mussten immer Nackte oder Nazis auftreten. Manchmal kulminierte ein Stück auch im Auftritt nackter Nazis. Gerne wurde auch der Originaltext verändert, manchmal bis zur Unkenntlichkeit des Stückes. Das brachte den bornierten Theaterbesucher dazu, sich im Theater nicht mehr zu langweilen.

Die Bühnenskandale kamen nie unerwartet, sie wurden immer durch kräftiges Rühren der Kulturwerbetrommel angekündigt, damit sich der Kulturbeflissene ausreichend vorbereiten konnte. Ich hatte sogar schon von Leuten gehört, die vor einem besonders intensiv umworbenen Skandalstück eigens in einen Spielwarenladen gegangen waren, um sich ein Trillerpfeifchen zu kaufen. Die Pfeife packten sie vor der Vorstellung fein säuberlich zu ihrem Operngucker. Am Ende des Stückes oder auch mittendrin, wenn man einen besonders großen Skandal witterte, schlossen sie sich laut trillernd dem Crescendo des vorprogrammierten Ärgernisses an. Der einzige Grund für sie, ins Theater zu gehen, konnte nur das ärgerliche Abreagieren sein, eine moderne Form von Stressabbau sozusagen. Dafür waren sie bereit, teures Geld auszugeben. Und das war doch die Institutionalisierung der Spießigkeit unter dem Deckmäntelchen der Avantgarde.

Was taten die Regisseure? Statt sich der der wahren Kunst, die sie schufen, bewusst zu sein, faselten sie etwas von neuer Tiefsinnigkeit, die sie dem Stück verliehen hatten, für die das Publikum vielleicht noch nicht reif war. Manchmal sagten oder schrieben sie Dinge wie: „Theaterstücke sind Gegenwelten, die dem modernen Theater als Projektionsebenen dienen“, oder ähnliches in hübschen Worten, aber nur mit bedingter Aussagekraft und Schlüssigkeit. Ihre Stücke wurden mit Worten kommentiert, wie: „Hier werden Philosophen anatomisch anhand der Körper der Akteure untersucht.“

Für mich war die wahre Kunst die Reaktion der Zuschauer. Niemand zwang sie, aber sie rannten ins Theater wie Schaulustige, die bei Katastrophen in perverser Vorfreude an die Orte des größten Schadens pilgerten. Die wahre Kunst war zu erkunden, was man ihnen zumuten konnte, welche Stücke ein schönes, gelungenes Ärgernis waren und welch trotz aller gebotenen Nacktheit zu lahm waren, um erwähnt zu werden.

Die wahre Kunst könnte auch sein, ein Stück so zu inszenieren, dass es wirklich noch eine konstruktive, unprogrammierte Kontroverse auslöste, oder ein Stück klassisch, aber dennoch interessant zu gestalten. Gerne würde ich mich manchmal mit einem Paket Kartoffelchips mit dem Rücken zur Bühne vor die erste Reihe setzen und das Publikumsspektakel beobachten. Aber das würde ja die Würde des Hauses der hohen Künste besudeln. Dort dachten ja die Intendanten, sie machten hohe Kunst für die wahren Kunstverständigen und mussten eben auch mit dem Pöbel leben. In Wahrheit boten sie jenen Spießern, die noch ins Theater gingen, eine Bestätigung für ihre Überzeugung, dass die Welt viel schlechter und dekadenter sei als früher.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Fortsetzungsgeschichte abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Kultur und nicht Wiesen

  1. alicedelrosario schreibt:

    Das Problem mit Vielem im modernen Theater: die Maxime der Feind deines Feindes muss mein Freund sein, gilt hier nicht, leider.

  2. stephito schreibt:

    früher hat man dieses Bedürfnis, das Sie in ihren letzten Zeilen formuliert haben, mit öffentlichen Hinrichtungen befriedigt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s