Lüge, Illusion, Motivation?

In einer Szene der Fernsehserie Hung sinnierte ein Mann über seine häufigen Besuche bei Prostituierten (obwohl er seine Frau schön und sexy fand):

Das Schöne dort ist, sagte er, dass die Prostituierten ihm sagen, er wäre der beste Liebhaber, den sie je hatten, sein Penis wäre der größte und wohlgeformteste und sie hätten noch nie einen schöneren Mann gesehen. Natürlich wusste er, all das war gelogen, dennoch hörte er es so gerne, dass er immer wieder hinging.

Viele wollen belogen werden, nicht unbedingt von Prostituierten, aber von Fremden, vom Partner, von den Freunden, von den Eltern, den eigenen Kindern und nicht zuletzt von sich selbst.

Sie wollen hören, wie toll sie sind, wie attraktiv, wie geschickt und intelligent. Manchmal wollen sie das in einer ebenso überzeichneten Form, wie es die Prostituierten dem Mann aus der Serie bieten. Manchmal tut es ihnen einfach gut, ihre Selbstzweifel zu vergessen und für einen Augenblick das sein zu dürfen, was sie sich immer schon erträumt haben. Ist das eine Lüge oder eine Illusion?

Mit dem Selbstbetrug ist es noch komplexer. Natürlich rationalisiert man vieles im Leben. Bei der Kindererziehung zum Beispiel. Wenn die Kinder mich beschimpfen, rede ich mir ein, es ist gut, wenn sie aufbegehren. Wenn sie nicht tun, worum ich sie bitte, sage ich mir, sie haben ihren eigenen Willen. Beginnen sie am Nachmittag alle fünf Minuten einen Streit, denke ich, sie werden schon lernen, ihre Konflikte zu lösen. Belüge ich mich? Manchmal bestimmt. Natürlich möchte ich, trotz aller gegenteiligen Indizien, gerne sehen, wie meine Überlegungen zur Kindererziehung meine Familie in die richtige Richtung führen.

Ein Kern Wahrheit ist aber bei allen Rationalisierungen auch dabei. Wenn ich daran denke, wie tapfer und liebevoll sich alle drei Kinder während Katharinas Krankheit verhalten haben, und in vielen anderen Situationen auch, dann weiß ich, dass ich etwas richtig gemacht habe, dass ich mich nicht nur selbst belüge.

Mit dem Aussehen verhält es sich auch so. Manchmal fühle ich mich so schön und attraktiv, dass ich auf einer Wolke zu schweben scheine. Belüge ich mich?

Die Desillusionierung kann ernüchternd sein. Der Spiegel schreit mir dann entgegen, dass ich nicht schön bin, wie man sich „schön“ vorzustellen hat. Habe ich mich belogen, als ich mich schön fühlte, oder werde ich belogen, wenn ich mich nicht schön fühlen kann, weil das in mir verinnerlichte Idealbild von meinem Aussehen abweicht?

Wenn man sich ständig belügt und belügen lässt, wird man mit der Zeit die Lügen glauben und sich eine eigene Realität schaffen. Das führt zum Stillstand. Eine Weiterentwicklung ist nicht mehr erforderlich, weil man sich schon die schönste aller Welten vorgaukelt, oder nicht mehr möglich, weil das Ausbrechen aus der vorgegaukelten Wirklichkeit die eigenen Kräfte übersteigt.

Sich ein wenig belügen oder belügen lassen kann aber auch ein Antrieb sein. Die Rationalisierung führt, wenn sie im richtigen Ausmaß betrieben wird, zu einer Beschäftigung mit dem eigenen Tun, die dazu führen kann, dass man tatsächlich versucht, ein kleines bisschen mehr so zu werden, wie man sein möchte. Oder sich dem selbst aufgestellten Ideal des eigenen Handelns annähert. Oder die vorgegebene Realität hinterfragt und zu ändern versucht. Das führt zur Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit.

Der springende Punkt ist die Selbstreflexion. Hinterfragt man sich selbst und sein Handeln, sein Umfeld und die vorgegebenen Stereotype, lässt man ein bisschen Ironie zu und nimmt man nicht immer alles ernst, kann ein wenig Selbstbetrug zum Motor der Lust und der Erkenntnis werden.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Lüge, Illusion, Motivation?

  1. KarlBa schreibt:

    Ich glaube, dass man ganz illusionslos nicht glücklich leben kann. Irgendwie sind ja Illusionen nur Träume, deren Erfüllung vorgezogen wird. Und wer keine Träume hat, und nicht anstrebt, irgendetwas zu erreichen, der lebt ja eigentlich nicht. Im besten Fall führt der direkte Weg vom Traum über die Illusion zur Realität, denke ich.

    Ich hoffe, ich klinge jetzt nicht wie ein Glückskeks.

  2. berniebr schreibt:

    Manchmal geben einem Illusionen, die man sich über sich selbst macht, erst denn Mut, zu handeln. Man darf das nur nicht aus dem Ruder laufen lassen, und nicht darauf vergessen, sich auch selbst zu relativieren.

    • alicedelrosario schreibt:

      Ja, Illusionen zur richtigen Zeit stärken das Selbstbewusstsein, bringen einen dazu, Dinge zu tun, die man vielleicht sonst nicht gewagt hätte, die dann wieder zu Erfolgserlebnissen führen und real weiterhelfen

      • kerstinmerk schreibt:

        Man darf es nur nicht übertreiben, die Gefahr des Realitätsverlustes besteht immer

  3. thorstenzech schreibt:

    Es ist ein schmaler Grat …..

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