Songs: Dexys Midnight Runners, Old

Als ich jung war, dachte ich, alles, was die ältere Generation sagte oder wollte, wäre spießige und reaktionäre Scheiße. Ich würde alles besser machen, weil ich es jetzt schon besser wüsste. Heute weiß ich, dass die Überheblichkeit aus meiner Jugend lächerlich war. Damals konnte ich die Dimensionen meines Unwissens nicht einschätzen. Ich wusste nicht, wie stereotyp meine Ansichten waren und wie unrealistisch. Aber ich war voller Energie, voller Träume und Tatendrang.

Meine größte Sorge war, ich könnte so gesättigt und selbstzufrieden werden wie viele Leute mittleren Alters, die ich kannte. Die bewegten sich geistig keinen Zentimeter mehr. Sie glaubten, sie hätten alles gelernt, das wissenswert war. Neues brauchten sie nicht mehr ernst zu nehmen, weil ihr Leben in geregelten Bahnen verlief und jede Weiterentwicklung, die im Widerspruch zu ihrem vorgefertigten Weltbild stand, sie nur behindert hätte.

Ich kannte aber auch sehr alte Menschen, die einiges im Leben geschafft hatten, aber nicht trunken von ihrer eigenen Wichtigkeit waren. Sie wurden im Alter selbstkritischer, reflexiver. Von ihrer Lebenserfahrung konnte man viel lernen, ohne von oben herab belehrt zu werden. Aber niemand nahm sie ernst weil sie sich nicht aufplusterten und in den Vordergrund drängten.

Zu einer alten Frau, einer Großtante von mir, ging ich besonders gerne. Sie war Kleinbäuerin und Hausfrau. Ihre Ausbildung hatte sie nach der Volksschule abgeschlossen. Sie kannte aber das Leben, hatte tausende Geschichten. Von ihr konnte man nichts über die intellektuellen Dinge des Lebens lernen, dafür aber sehr viel über Zeitgeschichte, über Menschen. Sie beobachtete und beschrieb ihre Zeit und ihr Leben, eine Vergangenheit, die sonst für mich verlorengegangen wäre. Sie hat mir gezeigt, dass man sich einem Menschen nicht überlegen fühlen braucht, nur weil man das Glück hatte, eine bessere Ausbildung gehabt zu haben.

Ich bin jetzt genau in diesem mittleren Alter, vor dem ich mich als junger Mensch gefürchtet habe. Vieles, das mir damals als übersättigt und spießig erschien, ist jetzt ganz normal. Die Prioritäten ändern sich. Wenn man Kinder hat, kann man nicht mehr so wild und frei sein, wie man das früher vielleicht gerne gewesen wäre (aber eigentlich nicht war). Vieles, das mir damals bourgeois vorgekommen ist, gehört für mich heute zu den Freuden des Lebens. Wahrscheinlich wäre ich damals erschrocken, wenn ich mich so gesehen hätte, wie ich heute lebe.

In zumindest einem Punkt bin ich mir aber treu geblieben: Ich habe verstanden, dass zu lernen in erster Linie bedeutet, zu erfahren, wie viel es noch zu lernen gibt. Sei es über Bücher, über Beobachtungen, über Selbstreflexion oder eine Ausbildung. Solange ich nicht das Gefühl habe, intellektuell am Ende des Weges angekommen zu sein, laufe ich weder Gefahr, dem geistigen Niedergang, noch der Selbstgefälligkeit anheimzufallen.

Werde ich später im Alter die Weisheit meiner Großtante haben? Ich weiß es nicht, aber ich hoffe darauf. Spüren kann ich sie noch nicht.

http://www.youtube.com/watch?v=Vfv6f0vSvwI

And then the same things come from us
And then the same things come from us

Old have memories to keep the cold away
What is that you say? No sense to dwell
Old, are you ridiculed and fumed away
No attention paid? I thought as much

Yes and the dumb patriots have their say
Only see their way, nothing to sell

And then from us, so obvious, preposterous
When you think of the time that each has spent
Words heaven sent and truly meant to show

Old, may I sit down here and learn today?
I’ll hear all you say, won’t go away

And then from us, so obvious, preposterous
When you think of the time that each has spent
Words heaven sent and truly meant to show

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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7 Antworten zu Songs: Dexys Midnight Runners, Old

  1. Elke Lahartinger schreibt:

    Dazu: sehr zu empfehlen auch das Comebackalbum, das in den nächsten Tagen erscheint (http://dexys.info/). Und das sage ich als jemand, der ansonsten Wiedervereinigungen, Comebacks etc. äußerst skeptisch gegenübersteht.

    Dexys als die Rückkehrer des Jahres, jetzt bleibt zu hoffen, dass auch das Stone Roses Comeback für irgendetwas gut ist.

  2. Schöner Artikel. Schön auch, dass Rowland jetzt den Text zum Lied altersentsprechend adaptiert hat. Und schön auch, wie stilvoll er gealtert ist.

  3. kokomokokomo schreibt:

    Warum immer die „Mittelalten“ so saturiert sind?

    • Karin Koller schreibt:

      Das kommt vermutlich daher, dass die Mittelalten jene sind, die Voprgaben machen. Sie sagen ihren Kindern, Untergebenen oder Schülern, was richtig und falsch ist. Dabei vergisst man gerne, dass man selbst nicht immer recht hat.

  4. AndreaG schreibt:

    Kewin Rowland, was für ein Künstler. Und der Beweis dafür, dass 4 Platten in 30 Jahren ein bedeutendes Oeuvre sein können.

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