Anonymität mit Blick in die Nachbarwohnung

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 14

In Wien gab es viele Museen und immer wieder interessante Ausstellungen. Aber wir gingen nur sehr selten hin. An Wochentagen zahlte es sich für mich nach der Arbeit an der Universität nicht mehr aus, diese Kulturstätten zu besuchen, und am Wochenende lagen wir lieber faul herum. So sahen wir uns vielleicht zwei bis dreimal pro Jahr eine Ausstellung an. Konzerte besuchten wir auch kaum. Im Wesentlichen blieb das Kino.

„Was ist mit Kino?“ hatte ich triumphierend gefragt. Wir gingen gerne ins Kino. Aber eben nur in Wien. Überall sonst starben die kleinen Kinos, die sich trauten, Filme abseits der abgedroschenen Hollywoodpfade zu zeigen. Sie wurden einfach von den beinahe schon industriell wirkenden Kinopalästen der Vorstädte erdrückt. Dort wurden acht Hollywoodkassenschlager gleichzeitig gezeigt, in Sälen, die kaum größer waren als Wohnzimmer. Weil man wusste, die Aufmerksamkeitsspanne des durchschnittlichen Kinobesuchers reichte nicht aus, um sich nur auf den Film zu konzentrieren, wurden in manchen Kinos auch noch Lasershows zur Ergötzung der Gelangweiten veranstaltet.

Natürlich hatten sich diese Kinos auch in Wien breitgemacht. Aber einige der anderen Kinos hatten überlebt. Da gab es ein Kino, das sich wohl seit den Fünfzigerjahren nicht verändert hatte. Dort wurden nur alte Filme gezeigt und man saß noch auf hölzernen Stühlen, bei denen der Sitz hochklappte, wenn man aufstand. Es gab das Kino, das wie in Theatersälen einen ersten Rang mit roten Samtsitzreihen besaß und das alle Filme in der Originalsprache zeigte. Beide Kinos zeigten nur die Filme mit den kleinen Budgets, die sich noch auf die Handlung und den Dialog konzentrierten.

Das war auch genau der Grund, warum ich die Hollywoodblockbuster nicht mochte. Jeder Film musste noch teurer sein als der vorangegangene. Selbst wenn die teuersten Schauspieler engagiert wurden, reichte es nicht, den Film teuer genug zu machen. Modernste Technologie mit allergrößtem Aufwand wurde eingesetzt, um die Studiobosse und vermutlich auch die Zuschauer zufrieden zu stellen. Hier musste ein historisches Gebäude nachgebaut und virtuell wieder zerstört werden, dort mussten Fabelwesen, Bauwerke oder technisches Gerät computeranimiert werden. Hunderte Programmierer wurden dafür eingestellt. Bei all dem Aufwand vergaß man offenbar die Drehbuchautoren. Aber es schien niemanden etwas auszumachen, dass die Handlung flach war und die Dialoge ans Schwachsinnige grenzten, solange man sich alle paar Minuten wieder an einem neuen Spezialeffekt aufgeilen konnte.

„Ja, da hast du recht“, hatte Michael gesagt, „das Kino wird mir auch fehlen. Aber sonst ist es doch wirklich nicht weit her mit deiner Kulturbegeisterung.“

Meine Kulturbegeisterung hielt sich tatsächlich in Grenzen. Dennoch wollte ich nicht an einem Ort ohne Kulturstätten leben. Dieses scheinbare Paradoxon war schwer zu erklären. Ich dachte nicht, wenn mich jetzt Theater und Konzerthallen nicht interessierten, würde ich sie in späterer Zeit gerne aufsuchen. Besonders das Theater war endgültig für mich gestorben, da war ich mir ziemlich sicher. Aber allein zu wissen, dass es ein nennenswertes Theater in der Nähe gab, oder berühmte Opernstars, die ihre Kunst an meinem Wohnort zum Besten gaben, hatte etwas Beruhigendes für mich. Wenn ich auf dem Ofen lag und mich wieder einmal beim besten Willen zu nichts aufraffen konnte, weil gerade Wochenende und das Wetter schlecht war, fand ich es ganz wunderbar, ins Schneegestöber hinauszuschauen und davon zu träumen, was man alles unternehmen könnte, würde man bloß wollen. Das konnte ich in der Provinz nicht. Dort würde ich mir nur trübe überlegen können, dass es genau nichts zu unternehmen gäbe, würde man nur ausnahmsweise etwas unternehmen wollen. Somit standen rosige Träume tristen Vorstellungen gegenüber. Aber das war schwer zu erklären.

„In Wien sind die tollen Sachen einfach da“ war mein wenig eloquenter Versuch.

„Was nützt dir das, wenn du eh nicht hingehst?“ Michael war immer so rational.

„Es ist halt gut, wenn sie einfach da sind.“ Jetzt hatte ich es ihm aber gezeigt.

„Und deshalb willst du nicht nach Vorarlberg ziehen?“

Für Menschen, die wie Michael die Welt nüchtern betrachteten, waren meine Argumente nicht gerade stichhaltig. Das fiel mir durchaus auf. Trotzdem war mir meine Sicht der Dinge sehr wichtig, aber ich wusste, Michael musste ich stichhaltige Argumente bieten. Fieberhaft überlegte ich.

„Man kann auch viel anonymer leben. Die Nachbarn schauen nicht immer, was man tut.“ Das war ein Standardargument, das Michael überzeugen musste. Er mochte es am allerwenigsten, wenn sich andere Leute um seine Angelegenheiten scherten.

„Wir werden in Vorarlberg auch nicht am Bauernhof leben. Vielleicht finden wir sogar eine Wohnung, in die niemand hineinschauen kann.“

Wieder machte Michael meine Argumente zunichte. In unserer Wohnung schauten alle Fenster in den Hof. Dieser Hof war nur drei Meter breit. Das Haus war L-förmig und spiegelgleich angelegt. Deshalb war das Wohnzimmer unserer Nachbarn nur drei Meter von unserem entfernt. Natürlich war das mit dem Schlafzimmer ebenso. Man sah nicht nur direkt in die Zimmer, im Sommer konnte man auch alles hören, wenn die Fenster offen standen. Im Wohnzimmer hatte man sogar direkten Blick auf den Fernsehapparat der Nachbarn. Den hätten wir beinahe nutzen können, wenn wir uns nicht über das Programm einig waren.

Bis vor kurzen hatte ein ältliches Ehepaar in der gegenüberliegenden Wohnung gelebt. Sie verhielten sich immer sehr diskret, bis auf ihre Fernsehabenteuer. Der Man liebte es nämlich, sich um vier Uhr morgens Boxkämpfe anzusehen. Die Frau hatte die Angewohnheit, bei Kriminalfilmen lautstark ihre Kommentare herauszubrüllen. Wenn dort zum Beispiel eine Frau von einem Lustmörder in die Enge getrieben wurde, schrie die Nachbarin gerne Dinge wie: „Heast, Pupperl, i zag da wia’s geht. Hau eam in de Eia, dann kannst wegrennen.“

Sicher hatten diese Nachbarn ab und an zu uns herübergespäht, vielleicht sogar in der Hoffnung, Michael oder mich nackt sehen zu können. Sie hatten uns aber immer in Ruhe gelassen, wie ich es von Nachbarn erwarte und wie es in ländlichen Gebieten gar nicht möglich ist. Dort zählten die Nachbarn manchmal sogar die Unterhöschen, die man auf der Wäscheleine aufhängte und rechneten sich sogleich aus, ob ihre Anzahl mit jener der Tage übereinstimmte, die seit der letzten Wäsche vergangen waren.

Nach dem Auszug des box- und krimibegeisterten Ehepaares hatte der Hausbesitzer die Wohnung an eine stets wechselnde, aber immer große Zahl polnischer Gastarbeiter weitergegeben. Diese lehnten sich gerne aus dem Fenster, um zu rauchen. Obwohl keiner von ihnen den Eindruck erweckte, ein Spanner zu sein, fühlte ich mich beobachtet. Auch führten sie ein geselliges Leben und ließen fast jeden Abend laute Musik durch das Haus dröhnen. Weil ich die Nachbarn nicht kannte, waren mir diese Wohnverhältnisse auch noch anonym genug.

„Außerdem finden wir vielleicht auch einen Vermieter, der uns nicht dauernd belästigt.“ Michael warf noch ein Argument für einen Umzug hinterher.

Unser Vermieter, Herr Schneider, wohnte auch in dem Haus. Seit einiger Zeit war er pensioniert. Davor war er Fleischer gewesen in seinem Laden im Erdgeschoss des Hauses. Besonders einladend erschien die Fleischerei aber nicht, auch nicht nachdem er sie an einen jüngeren Fleischer weitergegeben hatte.

Herr Schneider wollte, um Geld zu sparen, alle anfallenden Reparaturarbeiten selbst machen oder in Schwarzarbeit von Menschen, die er auf mannigfaltige Weise aufzutreiben schien, erledigt haben. Nicht selten kam es vor, dass er alle männlichen Mieter seines Hauses zusammenrief und sie bat, bei größeren Arbeiten, wie der Neubetonierung des Kellers, zu helfen. Irgendeiner der Mieter würde schon wissen, wie das ging, sonst hatte er selbst auch eine vage Vorstellung davon, was zu tun war. Am Ende des langen Arbeitstages hatte er dann tatsächlich etwas zustande gebracht, das ungefähr an einen betonierten Keller erinnerte, mit vielen Fußabdrücken zwar und nicht unbedingt so eben, um einer Wasserwaagenprobe standhalten zu können. Aber immerhin war es fest und nicht mehr der lose Erdboden von vorher.

Und das war dann ein Grund zu feiern. Alle Mieter, auch die Frauen, die nicht helfen mussten, wurden zusammengetrommelt. Im Stiegenhaus wurden Tische und Stühle aufgestellt. Eine Wurstplatte aus der Fleischerei wurde aufgetischt. Jeder Mieter brachte seinen Lieblingsschnaps aus der Region und war bitter beleidigt, wenn man nicht davon trinken wollte. Aber beim Kosten blieb es nicht. Hatte man sich erst den Obstler mit Todesverachtung hinuntergeschüttet, kam auch schon der Mieter aus dem ersten Stock mit dem Slibowitz, selbstgebrannt natürlich. Man solle doch vergleichen, dann würde man schon zu dem Schluss kommen, das Zwetschgengesöff sei wesentlich besser als das nicht näher spezifizierte Ostäquivalent. Das Glas war sogleich aufgefüllt. Zuerst versuchte ich mit diplomatischem Geschick aus der  Affäre zu ziehen. Ich sagte, ich würde mich nicht auskennen mit harten Getränken. Das war aber ein schwerer Fehler, denn, und da waren sich alle einig, ein Kenner konnte man nur durch Übung werden. Schon war das Glas voll mit Obstler. Wilde Streits über die Qualität der Schnäpse folgten und alle degustierten, bis sie stockbetrunken waren. Dann gingen alle in ihre Wohnungen zurück und lebten unbehelligt weiter, bis die nächste Sanierung fällig wurde.

Die Frauen der Arbeiter – der Vermieter hatte ein strenges Rollenbild – durften sich als Lohn für die Mühen ihrer Männer noch ein Proviantsäckchen aus der Fleischerei zusammenstellen lassen. Obwohl man im Wesentlichen eine freie Auswahl hatte, wurde für besonders harte Arbeiten immer noch ein Stück Sulz beigelegt. Gegen diesen gallertigen Ballen aus Schweinekopfteilen mit einigen verstreuten Brocken Gemüse und Ei konnte man sich nicht wehren. Er wurde bei uns immer im hintersten Fach des Kühlschranks zwischengelagert und, wenn er unansehnlich geworden war, diskret verpackt in der Mülltonne entsorgt.

Seit er pensioniert war, hatte Herr Schneider sehr viel Zeit, die er für alle anfallenden Kleinreparaturen nutzte. Auch konnte er sich nun nach Herzenslust kleiden, weil er nicht mehr in der Fleischerei Sauberkeit und Seriosität repräsentieren musste. Sommers wie winters lief er mit vor einigen Jahren einmal beige gewesenen Knickerbockern und dazupassenden grauen Strickstutzen herum. Den Oberkörper bedeckte eines dieser weißen, gerippten Unterhemden, die Spießer und Proleten gleichermaßen schätzten. Aus dem wegen Schneiders Leibesfülle tief gewordenen Ausschnitt quoll ergraute Körperbehaarung. Darüber trug Schneider einen grauen Arbeitsmantel, den er nie zuknöpfte, vermutlich um seinen mächtigen, von vielen Schweinswürsten gerundeten Bauch besser zur Geltung zu bringen.

Weil er kein Verschwender war, wechselte unser Vermieter das Unterhemd immer nur Samstagabend. Wenn er also Montagmorgen bei uns läutete, um den tropfenden Wasserhahn oder herunterfallende Fliesen zu reparieren, war es beinahe noch blütenweiß, denn am Tag des Herrn trug selbst Herr Schneider ein Hemd. Im Laufe der Woche tauchten Sprenkel von weichgekochten Frühstückseiern, zu denen sich Suppen- und Saucenflecken gesellten, auf der Brustseite des Unterhemds auf. Am Freitag konnte man nur noch wage erahnen, dass das gerippte Kleidungsstück einmal weiß war.

Oft und gerne kam er zu uns. Nachdem er gegangen war, zufrieden mit seinem Talent als Heimwerker und Reparateur aller möglichen Dinge, mussten wir immer diskret einen Fachmann rufen, oder mit Gegenständen leben, die noch kaputter waren als vorher. Einmal konnten wir unter Aufbringung all unserer Überzeugungskraft gerade noch verhindern, dass Schneider unsere Eingangstür absägte und ein Brett über das entstandene Loch nagelte, um die Türe dicht abzuschließen und somit Zugluft zu vermeiden.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Anonymität mit Blick in die Nachbarwohnung

  1. fearisamansbestfriend schreibt:

    Ich versteh‘ dich vollkommen. Oft ist einfach wichtig und beruhigend, zu wissen, man könnte, wenn man nur wollte. Man muss nicht jedes Potential ausnützen, um seine Existenz zu genießen.

    • alexandraleyendecker schreibt:

      Ich auch. Manchmal beglückt einen schon einfach das Flair, das Kultur, die ohne einen stattfindet, ausstrahlt.

  2. Hannah schreibt:

    Ich kann das auch gut nachvollziehen, ich bin mal vor einer ähnlichen Entscheidung gestanden. Aber, im Endeffekt, glaube ich, ist es immer besser, sich für Menschen und nicht für Orte, Dinge zu entscheiden. Nur Menschen sind nicht ersetzbar

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