Der Herr Doktor und das Fräulein

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 15

Für unseren Vermieter waren wir der Herr Doktor und das Fräulein. Mit dem Herrn Doktor plauderte er immer gerne im Stiegenhaus darüber, welche Belastungen die Regierung dem kleinen Mann wieder aufbürdete, wo man billig Fleisch kaufen konnte, oder über vegetarische Gerichte, die wie Fleisch schmeckten: „Hean’S, Herr Doktor, wenn’s an Karfiol – einen Blumenkohl, wissen’S eh – dick aufschneiden und dann panieren – i’ sag Eana, wia a Schnitzerl. Sagen’S des dem Fräulein, wenn’s Eana scho ka Fleisch kochen will.“ Denn er hatte sehr wohl gemerkt, dass das Fräulein nur ganz selten Fleisch bei ihm kaufte und messerscharf daraus geschlossen, sie sei Vegetarierin. Um seine Gefühle nicht zu verletzen, ließen wir ihn in diesem Glauben.

Aber auch das Fräulein war durchaus für einen Plausch gut. Ich hatte Schneider nämlich erzählt, dass ich Lebensmittel- und Biotechnologie studierte. In seiner aktiven Fleischerzeit quetschte er mich, immer wenn er mich sah, über Lebensmittelkontrollen aus. Dabei ließ er keine Gelegenheit aus, über sein Schicksal mit unerbittlichen Kontrolleuren zu hadern. Ein Grund mehr, die Vegetarierlüge aufrecht zu halten.

Seit seiner Pensionierung kümmerte er sich weniger um die Lebensmittelpolizei und mehr um seinen Schrebergarten. Im Herbst presste er Mostäpfel aus, um das ganze Jahr über sein eigenes alkoholisches Gebräu zu genießen zu können. Nur mit der Konservierung kam er nicht ganz zurecht.

Eines Tages fing er mich im Stiegenhaus ab: „Hean’S, Fräulein, Se kennen Eana aus, Se ham des ja studiert.“

Er wollte wissen, wie man Most richtig konserviert. Natürlich hatte ich keine Ahnung. Aber ich brachte es nicht über das Herz, diesen Mann, der noch an das universelle Wissen von Studierten glaubte, zu enttäuschen. Zum Glück kam er mir zu Hilfe. Er kramte in seinem schmuddeligen Arbeitsmantel und zog ein Papiersäckchen heraus, das einstmals weiß gewesen sein musste, nun aber von schmutzig braunen, eingesickerten Ringen umsäumt war. „In der Apotheke ham’s uns des geben, aber i’ was ned, irgendwas funktioniert ned damit. Wissen Se was ma genau damit tuan muas?“

In dem Päckchen war ein schmutzigweißes Pulver. Es sah aus, als wäre es auch einmal blütenweiß gewesen. Am Papier klebte die Beschreibung des Konservierungsmittels mit genauer Anleitung für die Anwendung bei Fruchtsäften und Most. Ich inspizierte das Päckchen eingehend und sagte dann wissend, er müsse nur die Anleitung auf der Packung genau befolgen, dann könne nichts passieren.

„Ham mer ja gmocht. I’ find, es is eh alls in Urdnung, aba mei Frau sagt, da stimmt was ned. Können’S schnell reinkommen und Eana des anschaun?“

Bevor ich protestieren konnte, schob er mich durch die Tür. Seine Wohnung war düster und in den letzten vierzig Jahren hatte man wohl nichts mehr verändert. Und selbst damals schien man nicht sehr großen Wert auf eine modische Einrichtung gelegt zu haben.

Frau Schneider saß auf der Eckbank hinter dem Küchentisch. Ihr hatten die Fleischspezialitäten offenbar noch besser geschmeckt als ihrem Mann. Sie war so beleibt, dass der Tisch ihre Körpermitte einschnürte. Ober- und unterhalb der Tischplatte quoll das Fett in üppiger, nicht mehr ganz appetitlicher Reichlichkeit. Die Küche war vollgerammelt. Auf jeder Oberfläche standen Einmachgläser und Flaschen. Manche waren voll, andere leer. Nicht jedes dieser Gläser sah einladend aus.

„Heast, Herta, des Fräulein is kommen, um se den Most anzuschaun. Hol ihr doch a Glaserl, wast eh, von dem, wo du gsogt hast.“

Mühsam schleppte sich Frau Schneider in einen Nebenraum. Sie kam zurück mit einer unverschlossenen, halb vollen Flasche. Die Flüssigkeit darin war nicht klar. Durch den Transport wurde ein lurchiger Bodensatz aufgewirbelt.

Frau Schneider schenkte mir ein Glas ein. Sie benutzte nicht eines jener kleinen, bauchigen mit goldenen Weinblättern und Reben bedruckten Weingläser aus ihrem Regal. Nein, sie ließ sich nicht lumpen, nahm ein großes, schmuckloses Glas mit Henkel und füllte es bis zu Rand voll. Vorsichtig balancierte sie das Glas, um nichts zu verschütten. Als die schlammig trübe Brühe vor mir stand, sahen mich die beiden alten Leutchen erwartungsvoll an. Ich starrte auf den Inhalt des Glases und redete mir ein, Most müsse so aussehen und ich würde mich bestimmt nicht vergiften.

Tapfer nahm ich einen Schluck, nicht ohne vorher zu erwähnen, ich würde nur sehr selten Alkohol trinken. Damit wollte ich verhindern, dass mir das ganze Glas eingeflößt würde. Sollten die Vermieter ruhig denken, ich wäre eine Fleisch und Alkohol verteufelnde vertrocknete Bohne. Es war immer noch besser, mein Image aufs Spiel zu setzen als meine Gesundheit.

Beim Heben des Glases und beim Trinken hatte ich darauf geachtet, möglichst wenig von dem Bodensatz aufzuwirbeln. Trotzdem sah ich, als ich das Glas wieder hinstellte, eine schleimig braune Verwirbelung bis an die Stelle, an der ich genippt hatte. Ein sandiges Gefühl im Mund deutete darauf hin, dass ich ein wenig Bodensatz erwischt hatte. Aber das war längst nicht das Schlimmste an dem Gesöff. Das Schlimmste war der Geschmack. Dieser Most schmeckte nach Formaldehyd.

Das Vermieterpaar sah mich immer noch erwartungsvoll an. Was konnte ich ihnen sagen? Ich konnte sie doch schlecht fragen, ob sie mir nicht versehentlich aus der Flasche eingeschenkt hatten, in der Frau Schneider ihren Blinddarm aufbewahrte.

Herr Schneider gab sich einen Ruck: „Na, was sagen’S, Fräulein? Es geht eh, oder?“

Nun meldete sich Frau Schneider nach der Begrüßung zum ersten Mal zu Wort: „Ein bisserl einen Stich hat der schon, finden’S nicht?“

Ich suchte nach einer diplomatischen Lösung, denn ich wollte die Gefühle der beiden nicht verletzen. Schließlich hatten sie sicherlich sehr viel Mühe gehabt bei der Mosterzeugung.

Vorsichtig sagte ich: „Ich kenne mich nicht so gut aus mit Most, aber vielleicht schmeckt dieser hier schon ein bisschen komisch.“

„Aber trinken kann ma eam, oder is des giftig?“ Das war das Wichtigste für Herrn Schneider, denn vergeuden wollte man nichts.

Die beiden hatten sich bestimmt schon literweise verdorbenen Most hinter die Binde gekippt. Wenn er ihnen bis jetzt nicht geschadet hatte, würde man die Spätfolgen vermutlich nicht auf einen falschen Rat von mir zurückführen. Vielleicht konservierte der Formaldehydmost die alten Leute sogar.

„Ich denke nicht, dass es schadet, ab und zu ein Gläschen zu trinken.“, sagte ich wage und wies somit jegliche Schuld von mir.

Nun war ich abgedriftet. Ich wollte doch entweder für meine Prüfung lernen oder herausfinden, ob ich nach Vorarlberg ziehen sollte. Mittlerweile war eine ältere Frau mit ihren beiden Enkeln eingestiegen. Die Kinder hatten sich anfangs ganz manierlich benommen. Wohlwollend nahm das die Oma zur Kenntnis und gab jedem Kind zur Belohnung eine ganze Packung mit Gummischleckereien. In Windeseile waren alle klebrigen Monster und sonstigen Figürchen verputzt und der Zuckerschock brachte die Kinder zum Toben. Wie die Gummibälle sprangen die beiden auf den Eisenbahnpolstern herum. Sie schrien, lachten und sangen abwechselnd in den lautesten Tönen, die ihre kleinen Lungen hergaben.

Leise mahnend gab die Oma vergebens Anweisungen, um Wohlverhalten der Kinder auszulösen. Sie wollte wohl nicht zu spießig und autoritär wirken. Manchmal sah sie auch teilnahmslos aus dem Fenster, als ob sie das Spektakel nichts anginge, oder als ob die vom Zuckerrausch induzierte kindliche Hyperaktivität etwas ganz Normales, wenn nicht gar Begrüßenswertes wäre.

Nach einer halben Stunde ebbte die Zuckereuphorie ab und wie bei jedem Rausch setzte der Kater ein. Die Kinder hörten plötzlich auf herumzuhüpfen, legten sich auf die Sitze und fingen leise an zu wimmern. Die Gummitierchen lagen allesamt unverdaut in den Mägen der Kinder. Sie schienen sich auszudehnen und verursachten große Schmerzen in den kleinen Bäuchen. Grün im Gesicht fingen die Kinder an zu weinen und zu schreien.

Fluchtartig rannte ich in ein leeres Abteil und ließ die Großmutter die selbsteingebrockte Misere alleine ausbaden. Sollten solche Szenen mit kleinen Kindern tatsächlich zum Alltag zählen, war ich nicht mehr so sicher, ob ich welche haben wollte. Einer der größten Vorteile an Vorarlberg war aber die kinderfreundliche Ländlichkeit, die ohne Kinder nicht wirklich erstrebenswert war.

Alle äußeren Kriterien, in den Westen zu ziehen waren ohnehin nebensächlich. Die zentrale Frage war: Liebte ich Michael genug, um für immer mit ihm zusammenleben zu wollen? Und das an einem Ort, an den ich prinzipiell nicht hinwollte?

Für immer würde es wohl sein müssen, denn es wäre wohl wenig sinnvoll, wenn Michael im anwaltsüberschwemmten Wien Arbeit suchen müsste. Für immer bedeutete, nie wieder länger als ein paar Urlaubs- oder Geschäftstage in einer Großstadt sein zu dürfen. Für immer bedeutete auch, bis einer von uns der Beziehung überdrüssig würde, und ich mir deshalb eine neue Bleibe suchen müsste. Für immer konnte auch bedeuten, bis ich am Lande wie ein Mauerblümchen verkümmert war.

War ich dazu bereit? War Michael das wert? Was wert überhaupt? Gab ich wirklich etwas auf? Fast schon war ich geneigt, zu glauben, wenn ich mir diese letzte Frage ernsthaft stellte, brauchte ich gar nicht weiter nachdenken. Michael würde das sicher so sehen. Denn wer nichts zu verlieren hat, braucht sich auch keine Gedanken zu machen. Es ging mir aber viel weniger um das Umfeld. Neue Freunde, eine neue Arbeit und ein neues Leben konnte man recht leicht auch an neuen Orten finden. Die Großstadt war dazu nicht unbedingt nötig. Das Ausland hatte ich mehr oder weniger ohnehin schon aufgegeben und außerdem fürchtete ich mich ohnehin vor Veränderungen. Genaugenommen fürchtete ich mich auch vor den kleinen Veränderungen. Und darum ging es. Es ging auch darum eine Entscheidung
zu treffen, die nicht nur die Entscheidung über den Wohnsitz war. Davor hatte ich auch Angst.

Selbst wenn es nur ein Schritt war, bei dem ich reell nichts zu verlieren hatte, der sich früher oder später ganz natürlich von selbst ergeben hätte, war es doch ein lebenslenkender Schritt. Als wäre ich unvermutet an einer Kreuzung angekommen und müsste in diesem Moment sagen, ob ich nach rechts oder nach links abzweigen wollte. Zwar hatte ich immer schon von dieser Kreuzung gewusst, jeden Gedanken daran hatte ich aber von mir geschoben. Ich hatte das Gefühl, schlüge ich die falsche Richtung ein, würde es sehr lange dauern, bis der Fehler wieder gut gemacht werden konnte.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Der Herr Doktor und das Fräulein

  1. idontneedtoneedyou schreibt:

    Sehr schön plastisch beschrieben, den Fleischer und die Gemahlin. Deix-Figuren?

  2. Andrea schreibt:

    Gerade entdeckt. Ich werde jetzt von vorne beginnen. Schön, wie du die Leute plastisch machst.

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