Mein erster Joint

Als ich mit 17 auf einem Sprachkurs in Perugia war, besuchten mich mein Freund Georg und meine Schulfreundin Erika für einige Tage. Sie wohnten in einer billigen Pension im Zentrum der Stadt und Erika wollte etwas erleben. Schon am ersten Tag, als wir in der Gluthitze am Fenster ihres Zimmers saßen – sie nur mit einem nassen Handtuch umwickelt, Georg und ich in langen Hosen, weil wir Coolness trotz herunterrinnendem Schweiß damals als existenzialistisch empfanden – und auf den Platz hinausschauten, brach Erika in laute Verzückungsschreie aus, wenn sie einen Italiener in Uniform sah. Mir war das ein wenig peinlich, weil ich mir mehr Weltgewandtheit von Erika erhofft hatte und Georg drehte die Augen himmelwärts und war sich nicht ganz sicher, worauf er sich da eingelassen hatte mit dem halbnackten Mädchen, das 50-Jährige Polizisten (sie war kurzsichtig) ankreischte, als hätte sie einen Popstar vor sich. Aber die Hitze siegte, er zog sich auch aus und bedeckte sich mit einem nassen Handtuch. Ich blieb die einzige standhafte Existenzialistin und ging zu meinem Kurs.

Beim Frühstück am nächsten Tag sprach mich der Kellner Stefano an, ob ich mit ihm und ein paar anderen aus unserer Gruppe am Abend mit zur Disco kommen wollte. Einmal war ich schon mit ihm zu einem Picknick auf einen Hügel am Stadtrand gefahren. Die Aussicht war wunderbar, der Nachmittag romantisch, wir küssten uns, aber mehr wollte ich nicht. Stefano lachte und nannte mich „cattiva“, gemein, aber brachte mich zurück zum Hotel wie ein Gentleman.

Ich dachte, ein Abend in der Freiluftdisco wäre genau das Richtige für Georg und Erika und fragte, ob sie auch mitkommen konnten.

Die Disco war auf einem Hügel in der Nähe der Stadt. Lichter strahlten in den Abendhimmel und die Musik dröhnte durch die Nacht. Wir tranken Wein, den Stefano mitgebracht hatte und tanzten. Dann fragte mich Stefano, ob ich etwas rauchen wollte, etwas Richtiges, wie er sagte. Ich verstand zuerst nicht, und als der Groschen fiel, beriet ich mich mit meinen Freunden.
„Sicher machst du das“, sagten sie und „frag ihn, ob wir auch mitrauchen dürfen.“

Stefano sagte, er müsse die Joints erst zu Hause holen und ich soll mitkommen. Wir fuhren einige Zeit mit dem Auto und parkten in einer Garage eines Mehrfamilienhauses. Stefano zog das Garagentor zu. Aus einer Kiste in der Ecke holte er seine Utensilien heraus. Umständlich rollte er eine Zigarette, indem er Tabak und ein bröseliges Zeug vermischte. Ich hatte so etwas noch nie gesehen und mir wurde etwas mulmig in dieser Garage in einer Gegend, in der ich noch nie war.

Stefano zündete den Joint an, ich merkte, jetzt hatte es keinen Sinn mehr, ihn zu fragen, ob er mich zur Disco zurückbrachte. Schweigend rauchten wir. Als ich mir am Stummel die Lippe verbrannte – man durfte ein so großzügiges Geschenk nicht vergeuden – beugte er sich über mich und küsste mich. Er schob eine Hand in mein T-Shirt, die andere in meine Hose. Ich protestierte. Er gab mir sehr eindeutig zu verstehen, dass jeder den Preis für einen Joint kannte. Ich hatte Angst und protestierte deutlicher. Wütend stieg er und öffnete das Garagentor. Als er den Wagen startete, sagte er: „Cattiva“.

Zurück bei der Disco empfingen mich meine Freunde wie eine Heldin. Sie wollten alles wissen. Ich fühlte mich betrunken, aber nicht viel anders wie nach einem Glas Wein zu viel, nur, dass ich ununterbrochen lachen musste und es angebracht fand, den Hügel herunterzurollen. Meine Freunde waren beinahe so euphorisiert wie ich, obwohl sie sich ein bisschen leid sahen, nicht zum Zug gekommen zu sein. Meine Hochstimmung hielt mich davon ab, über die Narretei nachzudenken, die ich eben begangen hatte und wie diese auch hätte ausgehen können. Aber an so etwas denkt man wohl erst wieder richtig, wenn man selbst Kinder hat.

Am nächsten Morgen hatte ich die schlimmsten Kopfschmerzen meines Lebens. Ich blieb bis zum Nachmittag im Bett. Stefano war mit Tiina, der finnischen Kursteilnehmerin, an einen See gefahren. Beim Abendessen würdigte mich Stefano keines Blickes und Tiina fragte mich, was denn „Cattiva“ bedeutete.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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6 Antworten zu Mein erster Joint

  1. claudiaveratti schreibt:

    Cattiva, ein Kompliment für eine Frau!

  2. Ohne Love bleibt vom Latin Lover und seinem Selbstverständnis nicht mehr viel übrig, scheint es

  3. berniebr schreibt:

    Ich vermute, aus dir ist auch später kein Pothead geworden

    • Karin Koller schreibt:

      Nein, ich habe ein Jahr später nochmal einen Joint probiert und wieder Kpopfschmerzen bekommen. Auch die unkontrollierte Albernheit, die mich überkam, fand ich nicht schön.

      • Xolotl schreibt:

        Die Wirkung von Haschisch scheint individuell doch sehr verschieden zu sein. An Albernheit und Kopfweh kann ich mich nicht erinnern, obwohl ich nach dem Abi 76/77 nicht wenig davon konsumiert habe. Das Gruppenkiffen fand ich nervig, gerade wegen des allgemeinen Blödlalls der anderen. Aber die Trips auf dem Fahrrad durch den Wald oder mit der Straßenbahn durch die Stadt waren echte Erlebnisse: Wenn die Farben der Umgebung anfingen zu leuchten, Personen riesige Köpfe bekamen, die Zeit stehen blieb oder wenn sich beim Zeichnen daheim die Hintergrundmusik als quasi sichtbare Partitur mit vielen Stimmen aufspannte. Total spannendes Selbsterleben!
        Wieviele Synapsen ich damit ruiniert habe, kann ich nicht sagen. Von heute aus vermute ich ein gutes Stück selbstverliebter Weltflucht und Verdrängung, würde den Gebrauch nicht so verharmlosen wie das oft geschieht.
        Irgendwann habe ich die Kurve gekriegt, der Rausch wurde langweilig, reduzierte sich auf ein Schlafmittel und ich zog es vor, mich auf meine erste große Liebe einzulassen.

      • georgiasalomon schreibt:

        @Xolotl: Liebe ist immer besser als Rausch

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