Am Ziel vorbeigeschossen

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 16

Ich versuchte meine Beziehung zu Michael genau auszuloten. Als wir uns vor fünf Jahren ineinander verliebten, wusste ich, diese Beziehung wollte ich für immer haben. Jahrelang hatte ich nicht das Bedürfnis gehabt, andere Männer auch nur anzusehen. Mir war es unvorstellbar, dass es einen besseren Partner für mich geben konnte. Bei früheren Beziehungen wollte ich immer Freunde treffen, denn alleine mit dem jeweiligen Liebhaber wäre mir nach kurzer Zeit zu langweilig geworden. Michael war der interessanteste und witzigste Gesprächspartner, den ich kannte. Wenn wir an zwei aufeinanderfolgenden Abenden andere Leute trafen, waren wir danach heilfroh, wieder zu zweit zu sein. Im schlimmsten Fall konnten uns soziale Verpflichtungen den Abend verderben, weil sie ein Gespräch zwischen uns im Keim erstickt hatten.

Wir waren echte Zweizelgänger, wie die Fische von Herrn Jakob. Herr Jakob war der Held eines Kindercomicbuchs. Herr Jakob hatte Goldfische in einem kleinen Goldfischglas. Die taten ihm schrecklich leid, weil sie immer auf engstem Raum zusammen sein mussten. Deshalb beschloss Herr Jakob eines Tages, seine Goldfische in den Fluss zu werfen, um ihnen die große weite Welt zu eröffnen. Als er aber von der Brücke aus auf seine befreiten Fische schaute, musste er feststellen, dass die beiden in dem breiten Fluss genau den gleichen engen Kreis schwammen wie im Glas. Die beiden Fische wollten keinen Freiraum, sie wollten einfach nur zusammen sein.

Hatte sich im Laufe der Zeit etwas verändert? Wenn sich nichts verändert hatte, würde ich einer der beiden Fische bleiben, ob ich mit Michael nun in Vorarlberg war oder sonst irgendwo auf der Welt?

Ursprünglich hatte ich gedacht, dieser Schritt fiele mir leichter, wenn Michael mich heiraten würde. Michael konnte sich für das Heiraten aber nicht glühend erwärmen. Trotzdem schien er den Ernst der Lage einzusehen. Um mir die Sache nicht zu einfach zu machen und wohl auch, um ein Zeichen an seinem Lieblingsplatz zu setzen, stellt er mir ein Ultimatum. Wenn ich mir einen Ohrring stechen lassen würde, würde er mir einen Termin für unsere Hochzeit bekannt geben. Ob ich denn dabei gar nichts mitzureden habe, wollte ich von ihm wissen.

„Es ist doch viel schöner, wenn du eine Überraschung hast und wir nicht langweilig zusammensitzen und planen. Außerdem macht dir Ohrringstechen doch Riesenspaß, das habe ich genau gemerkt.“

„Macht es nicht.“

„Immerhin geht es um unser restliches Leben. Das kann man doch mit einem Ohrring besiegeln.“

„Es geht doch nur um den Termin.“

„Lass mir doch die Freude.“

Und dabei blieb es dann auch. Ich machte ihm die Freude. Diesmal ging ich zu einem anderen Juwelier in Wien, weil ich befürchtete, die Besitzer des Ladens an der Ecke hätten womöglich schon das Zeitliche gesegnet. Der Juwelier meiner Wahl war ein moderneres Geschäft mit jungem Personal. Junge Leute hatten einen näheren Bezug zu vielen Ohrringen und auch größere Fingerfertigkeit als die älteren Leutchen aus dem anderen Laden, dachte ich beruhigt.

Ohne mit der Wimper zu zucken sagte die Verkäuferin, natürlich wäre das Stechen sofort möglich. Sie sagte nicht, dass sie das noch nie gemacht und wohl auch von niemandem gelernt hatte. Sie sagte das erst, als ein in Panik herbeigerufener Vorgesetzter mit einer Zange den Ohrring aus dem äußersten Rand meines Ohrläppchens wieder herausoperierte. Das war einen halben Zentimeter von der Stelle entfernt, wo ich ihn eigentlich haben wollte. Die Dame hatte nämlich bei ihrem Erstlingswerk eine nervöse Zuckung erlitten. Bezahlen müsste ich natürlich nichts für das Debakel, meinte der Vorgesetzte großzügig. Ob ich den noch einen Versuch wagen wollte, fragte er. Bezahlen müsste ich diesen aber schon.

Ich lehnte ab. Mit einem feuerroten, schmerzenden Ohr rannte ich aus dem Geschäft. Bestimmt war es ein schlechtes Omen für meine Hochzeit, wenn ich beim Ohrringstechen scheiterte.

In Weiß, mit großer Robe und viel Klimbim wollte ich ohnehin nicht heiraten, deshalb machte die kleine Panne vielleicht nichts aus. Eine kleine Hochzeit mit wenigen Leuten reichte mir völlig. Früher war ich immer der Meinung gewesen, das Heiraten wäre nur sinnvoll, wenn man Kinder wollte. Nun hatte ich die fixe Idee, ich könnte ohne Heirat nicht nach Vorarlberg kommen. Es war, als ob mein Zugeständnis des Umzugs nur aufgewogen werden konnte durch das Zugeständnis von Michael, mich zu seiner angetrauten Frau zu machen, ganz im biblischen Auge um Auge-Sinn.

Um also mein künftiges Leben als ehrbare Frau nicht aufs Spiel zu setzen, begab ich mich zu den Altvorderen in das bereits bekannte Geschäft und setzte wieder auf Erfahrung statt auf jugendliche Hitzköpfigkeit. Ich hoffte, mein Ohr hatte aufgehört zu bluten, damit ich im Laden nicht erklären musste, dass ich schamlos fremdgegangen war und nun reuig zurückgekrochen kam. Natürlich konnte der Ohrring nicht mehr in das ursprünglich dafür bestimmte Ohr geschossen werden. Weil ich die Gleichlöchrigkeit der Läppchen langweilig fand und eine stärkere Asymmetrie meiner Ohrbehängung kreieren wollte, hatte ich mich für das rechte Ohr entschieden. Das linke Ohr musste nun herhalten.

Der Stechvorgang verlief völlig reibungslos und ich ärgerte mich ein wenig, nicht gleich das Altbewährte wiederholt zu haben. Die schlechten Vorzeichen, so redete ich mir ein, waren gar nicht so schlecht, denn gleich viele Löcher in jedem Ohr waren zwar nicht besonders verwegen, aber in meiner Situation möglicherweise gut. Verheiratet zu sein, bedeutete ja gerade Symmetrie und zwar hoffentlich nicht Langeweile aber doch Kontinuität. Wenn kleine Unfälle zum perfekt ausgewogenen Glück führen sollten, war mir das auch recht.

Guter Dinge wegen den schöngeredeten Omen ging ich zu Michael, präsentierte meinen Ohrring, natürlich nicht ohne eine herzzerreißend ausgeschmückte Geschichte dazu zu erzählen, und bekam einen Hochzeitstermin.

Im Frühsommer sollte das große Ereignis stattfinden. Bis dahin würde ich schon in den Westen gezogen sein. Das entsprach nicht ganz meinen Vorstellungen, aber die Zusicherung war mir Lockungsgrund genug. Nun brauchte ich nicht mehr an die Umzugsentscheidung zu denken, sondern konnte mich den Hochzeitsträumen hingeben.

Natürlich wollte Michael den Termin wieder geheim halten, bis tatsächlich Einladungen verschickt werden konnten. Wenn es ihm Spaß machte, dachte ich, sollte er es so haben. Ich wollte bestimmt nicht der Spielverderber sein, der die großen Knalleffekte und Überraschungen bei Eltern und Verwandten vereitelte. Auch wäre es mir komisch vorgekommen, über ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Termin von dem freudigen Ereignis zu faseln. Aber ich musste viel daran denken. Obwohl ich wusste, dass eine Heirat nicht längst nicht eine Bindung für immer bedeutete, meinte ich doch eine größere Sicherheit durch sie zu bekommen. Ich hatte das Gefühl, wir würden uns mehr bemühen, obwohl ohnehin alles reibungslos lief. Eine versprochene, konkrete Heirat war doch zumindest der Anfang der Ernsthaftigkeit. Und das war der Anfang des Erwachsenseins. Und das machte mir Angst. Und das war genau das Gegenteil von dem, was ich bezwecken wollte.

Keine zwei Monate nach der pompösen Terminbekanntgabe nahm mich Michael bei der Hand. Ich merkte gleich, dass etwas nicht stimmte. „Ich muss dir etwas sagen“, er druckste herum und ich befürchtete das Schlimmste.

„Das mit dem Hochzeitstermin klappt nicht. Meine Eltern sind zu der Zeit im Urlaub.“

„Dann sollen sie halt dableiben“, diesmal eröffnete sich mir die einfache Logik, die sonst nur Michael hatte.

„Das geht nicht, die können sonst nicht fahren.“

„Dann sag einfach einen neuen Termin“, trotz intensiver Einstimmung auf den großen Tag, wäre es nicht so schlimm gewesen, an einem anderen Tag zu heiraten.

„Ich muss mir erst überlegen, wann es denn günstig wäre.“

„So viel später können wir aber nicht, denn Claudia geht dann für ein Jahr nach Amerika.“ Claudia sollte meine Trauzeugin werden. Auf keinen Fall wollte ich ohne sie heiraten.

Die Wochen schlichen dahin und Michael konnte sich nicht aufraffen, einen neuen Termin zu nennen. Anfangs war ich furchtbar enttäuscht über sein Verhalten. Ich redete mir ein, er würde es nicht ernst meinen oder sich schon zu stark an das Alleinleben gewöhnt haben. Tausend Gründe für Michael’ Rückzieher fielen mir ein, wenn ich in meiner leeren Wiener Wohnung saß. Wenn ich mit Michael zusammen war, schienen sie mir alle an den Haaren herbeigezogen. Seit so vielen Jahren waren wir nun beisammen, und zum ersten Mal fühlte ich mich unsicher und zweifelte an unserer Beziehung.

Ich fing an, wahllos Männer mit Michael zu vergleichen, aber keiner, den ich kannte, kam nur annähernd an ihn heran. Ich fing sogar an, mir einzureden, Michael wollte überhaupt nicht, dass ich zu ihm zöge, sonst hätte er doch einen Termin nennen können. Nach tagelanger Quälerei verwarf ich diese Gedanken wieder. Natürlich wusste ich, Michael war das Heiraten nicht so wichtig. Er fand, wenn man sich liebte, wäre der ganze Fitzfatz nicht nötig. Fitzfatz sagte er dazu und wahrscheinlich hatte er Recht. Man sollte nicht so viel Wind machen um ein bestempelmarktes Blatt Papier. Man sollte auch eine wunderbar glückliche Beziehung nicht künstlich hinterfragen, nur wegen einem Ortswechsel von einigen hundert Kilometern. Natürlich war Vorarlberg nicht Wien. Vielleicht war Vorarlberg in mancherlei Beziehung besser als Wien, das müsste ich erst herausfinden, wenn ich dort war. Zumindest hatten wir eine große Wohnung dort mit echter Zentralheizung. Die lag am Rande der Stadt und direkt daneben gab es haufenweise Natur für den Sport, den ich nie betreiben würde. Insofern konnte ich mir den Naturburschenfaktor in Vorarlberg genauso einreden wie den Kulturfaktor in Wien und vielleicht ein genauso wohliges Gefühl für ungetane Aktivitäten entwickeln.

Natürlich würde ich in den Westen ziehen, wenn die Alternative die Trennung von Michael oder zumindest eine Fortsetzung der der aufreibenden Wochenendbeziehung mit langen Bahnfahrten bedeutete. Höchstwahrscheinlich würde ich es sogar mögen, weil Michael dort war. Heiraten konnte man immer noch, wenn man Kinder wollte, das hatte ich doch gar nicht nötig als unabhängige Frau mit hoffentlich baldigem eigenem Einkommen, das sich sehen lassen konnte.

Alles in allem hatte ich wieder einmal alle Zweifel und Sorgen völlig grundlos sich aufschaukeln lassen. Das wäre wohl nicht das erste Mal gewesen und sicher nicht das letzte Mal. Vielleicht brauchte ich das einfach, um nach dem Wiederauflösen des Knotens, den ich mir selbst geknüpft hatte, wieder zufriedener zu werden, obwohl sich natürlich faktisch nichts geändert hatte. Für die meisten Leute wäre das eine gewaltige Verschwendung von Zeit und Ressourcen, aber ich hatte bei den langen Zugfahrten beides im Überschuss und irgendwie gelang es mir, aus diesem Nullsummenspiel einen Gewinn zu ziehen.

Zufrieden und mit dem Entschluss, das Beziehungs- und Umzugsabenteuer zu wagen, konnte ich mir bis zum Ende der Reise nach Wien ein Schläfchen gönnen, denn ernsthaftes Lernen war es schon zu spät und immerhin hatte ich wichtige Meilensteine in meinem Leben gesetzt. Außerdem konnte ich getrost den Rest der Fahrt untätig genießen, denn viele Reisen würden es nicht mehr sein.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Am Ziel vorbeigeschossen

  1. theywalkalloveryou schreibt:

    Wow, du bist dorthin zurückgegangen? Ich bin nicht so begeistert vom Service gewesen, dass ich den Laden ein zweites Mal betreten hätte

  2. Daniela Brezcko schreibt:

    Schöne Reminiszenzen

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