Diese Woche konsumiert: Citizen Becali oder sind Fußballclubs die Zeitungen des 21. Jahrhunderts?

Die Frage mutet auf den ersten Blick absurd an. Natürlich sind Fußballclubs keine Zeitungen. Sie transportieren ja keinen journalistischen Content.

In anderem Zusammenhang erscheint sie aber in einem ganz anderen Licht:

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gründeten einige sehr reiche Männer Zeitungsimperien und benutzten die Zeitungen als Vehikel für Eigen-PR und schließlich auch eine eigene politische Karriere.

Beispiele dafür sind William Randolph Hearst, der Begründer der „Yellow Press“, dessen Karriere den Film Citizen Kane inspiriert hat; Alfred Hugenberg, Illustriertenkönig der Weimarer Republik, Besitzer der UFA und Mitbegründer und dann Parteivorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei; und Viscount Northcliffe, Gründer der Daily Mail, dann auch Eigentümer der Times und Director of Propaganda unter Lloyd George.

Diese Medienmogule verwendeten – bei in Details durchaus unterschiedlichen politischen Ansichten – ihre Zeitungen, um ihren Meinungen Gehör zu verschaffen: Northcliffe betrieb anti-sozialistische und anti-deutsche Propaganda. The Star schrieb über ihn: „Next to the Kaiser, Lord Northcliffe has done more than any living man to bring about the war.“

Alfred Hugenberg war ein bedeutender Wegbereiter des Nationalsozialismus, seine Zeitungen ermöglichten Hitler, sich als „seriösen“ Staatsmann zu geben, machten dadurch die Nazis bei den kapitalistischen Eliten präsentabel und wurde so Steigbügelhalter Hitlers bei der nationalsozialistischen Machtergreifung.

Hearst setzte auf Sensationsnachrichten, wollte durch faschistoide Anklänge aufweisende populistisch-kapitalistischen Propaganda zum Bürgermeister von New York, dann zum Gouverneur gewählt werden, und war zunächst für das Naziregime und den Faschismus, später dagegen.

Allen war aber gemeinsam, dass sie ein Naheverhältnis zu autoritären Strukturen und dort vor allem zum Führerprinzip hatten und sich patriotisch-nationalistisch und
antisozialistisch, aber dem „kleinen Mann“ verbunden, gaben. Eine konkrete Ideologie im Sinne eines ausgearbeiteten Programmes stand aber nicht im Vordergrund. Oberstes Ziel war ihnen, die eigene Eitelkeit zu befriedigen, ernst, ja wichtig, genommen zu werden, Personenkult zu fördern und dabei ihr Vermögen zu mehren.

Ihre Zeitungen wurden nicht in erster Linie wegen der politischen Propaganda gelesen, sondern weil sie „volksnah“ und massentauglich waren. Gewinnspiele, Gesellschaftsnachrichten und ähnliches spielten die Hauptrolle, der politische Einfluss war ein Effekt, der unterschwellig mitvermittelt wurde. In jedem Fall dienten die Zeitungen dazu, die Bekanntheit und den Einfluss dieser Medienmogule zu steigern.

Letzte Woche schaute ich mir das Länderspiel Österreich gegen die von Victor Piturca trainierte rumänische Nationalmannschaft an. Da drängte sich mir die Frage auf, ob nicht superreiche Eigentümer von Fußballklubs mit politischen Ambitionen mit den erwähnten Medienzaren des 20. Jahrhunderts vergleichbar wären.

Allen voran George („Gigi“) Becali, Eigentümer von Steaua Bukarest, Erzfeind Piturcas, den er im August 2010 als Trainer nach vierwöchiger Amtszeit gefeuert hatte, und der – reich geworden durch Immobiliengeschäfte nach dem Sturz Ceausescus – die ultrakonservativen religiös-nationalistischen Partei PNG-CD als Führer übernommen hat. (http://www.png.ro/)

Oder Maurizio Zamparini. Der Geschäftsmann und Eigentümer des US Palermo hatte ein Naheverhältnis zur postfaschistischen Alleanza Nazionale und präsentierte vor Kurzem seine eigene politische Aktionsgruppe „Movimento per la Gente“ (Bewegung für das Volk) http://www.movimentoperlagente.it/it/home/ .

In Österreich engagierte sich der vor Jahrzehnten aus Österreich nach Kanada emigrierte Milliardär Frank Stronach bei Austria Wien, erreichte dadurch breite Bekanntheit und nutzte diese dazu, sich von den Mächtigen hofieren zu lassen. Er strebte zunächst kein politisches Amt an, hatte jedoch ein Naheverhältnis zur Haider-FPÖ/BZÖ und stellte einigen ausgedienten Politkern dieser Partei(en) hochbezahlte Jobs zur Verfügung. Eine Partei wolle er nicht gründen, sagte er, stellte aber vor einigen Wochen seine „Revolution für Österreich“ http://www.stronachinstitut.at/eine-revolution-fur-osterreich/1598 vor.

Alle drei Megalomanen versuchen, sich durch populistische Showauftritte bekannt und beliebt zu machen. Politischen Einfluss wollen sie durch die Präsentation von „Volksbewegungen“, deren Hauptziel ihnen wieder selbst zugutekommende Steuersenkungen und Deregulierungen sind, und die gegen einen als Feindbild präsentierten Status Quo angelegt sind, erreichen.

Während Stronachs Aussagen im Vergleich eher Glückskeks-Charakter haben, präsentieren sich die anderen beiden deftiger. Zamparini (fixiert auf Körperteile): „Ich werde ihre Eier abschneiden und sie in meinem Salat essen“, sagte er über seine Spieler. Als er den Trainer Stefano Pioli feuerte: „Ich aß meinen zweiten Hoden, den ersten habe ich bereits gegessen.“

Becali stellt seine abstrusen Ansichten ganz unverhohlen zur Schau: „Homosexuelle sollten eingesperrt werden“, „Ich wähle das Team aus, das ist keine Demokratie“, „Ich bin froh, dass Gott mich zum Liebenden gemacht hat. Meine Fähigkeit zu lieben ist wie Messis Talent: Ich wurde so geboren, voller Liebe für alle“, „Bitte lass mich diese Zigeuner besiegen“, http://representingthemambo.wordpress.com/2012/03/15/the-madness-of-gigi-becali-and-his-proposed-steaua-insularity/ oder „Ich bin der stärkste und mächtigste Mann in Rumänien. Insgesamt gesehen. Das Ökonomische, das Politische, das Spirituelle, mein Ansehen im Land, mein Alter, 49 Jahre, ja, sogar mein Aussehen, denn ich strahle ja mehr Stärke aus als alle anderen Politiker, also all das zusammen, alle diese Tugenden, die mir Gott gegeben hat, machen mich zum stärksten Mann, denn so ist es, ich bin der Stärkste.“ http://www.dradio.de/dlf/sendungen/europaheute/699986/

Das Selbstwertgefühl Becalis reflektiert sich in den Gemälden, die er in Auftrag gibt: Er lässt Leonardo da Vincis Letztes Abendmahl mit sich selbst als Jesus und seinen Spielern als Jüngern nachmalen. (Trotz homophober und rassistischer Aussagen bezeichnete ihn Der Spiegel verniedlichend als „Politclown“ http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-70833890.html.)

Den drei Fußballbossen ist auch gemeinsam, dass sie trotz offensichtlicher wirtschaftlicher Erfolge – sie haben sich allesamt große Vermögen angeeignet – keinerlei Gefühl dafür haben, dass Erfolg im Fußball einen Plan voraussetzt und Kontinuität und Fachkenntnisse erfordert.

Ihr Selbstverständnis als Führungspersönlichkeiten erfordert, dass sie selbst alle Entscheidungen treffen, keinerlei Geduld haben und beratungsresistent sind. Beim kleinsten Misserfolg wird der Trainer entlassen. Spieler, die nicht in die Mannschaft passen, müssen gekauft werden, weil die Befriedigung der Eitelkeit den sofortigen Erfolg durch „Stars“ braucht. Nur dieser sofortige Erfolg – so ihr Ansatz – bringt die gewünschte Popularität, die in Einfluss und Macht umgesetzt werden kann. Das allein indiziert schon, dass der Fußballklub in erster Linie der Selbstdarstellung dient und nicht ein Hobby, ein Geschäft oder eine Liebhaberei darstellt.

Warum werden Fußballclubs also neuerdings so genutzt wie früher die Zeitungen? Stellte Silvio Berlusconi als Medienmogul und Clubbesitzer sozusagen das Verbindungsglied im Übergang von der Zeitung zum Fußballclub als Machtvehikel dar?

Eine mögliche Erklärung wäre, dass der Einfluss einzelner Medien immer geringer wird. Dort transportierte Propaganda kommt nicht mehr bei den Massen an. Stattdessen könnte es effizienter sein, Bekanntheitsgrad und Popularität durch eine starke Präsenz im beliebtesten Massensport, dem Fußball, zu stärken.

Während in lokalen Zeitungen nur ein geringer Teil der Bevölkerung erreicht wird, kann man als Fußballmagnat mit gut platzierten und provokanten Sprüchen Erwähnung in allen Medien des Landes und sogar ganz Europas finden.

Und offenbar ist es in der postmodernen Welt, um die eigene Bekanntheit als Sprungbrett für eine politische Karriere zu nützen, nicht mehr notwendig, konkrete politische Botschaften zu vermitteln. Es genügt, sich volksnah zu geben, eine Aura des Erfolgs zu vermitteln, den Eindruck zu vermitteln, man kämpfe gegen ein nicht näher spezifiziertes Establishment, große Sprüche zu klopfen, die Massen emotional anzusprechen und eben berühmt zu sein.

Und dafür braucht man keine Zeitung. Dafür reicht ein Fußballclub vollkommen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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6 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Citizen Becali oder sind Fußballclubs die Zeitungen des 21. Jahrhunderts?

  1. Becali: ein Beweis, dass sich Sport- und Kunstverstand durchaus ergänzen können

  2. thorstenzech schreibt:

    Dieses traurige Phänomen ist nicht gut für den Fußball und nicht gut für die Politik. Ein weiterer Beweis dafür, wie wichtig die 50+1 Regel in Deutschland ist. Die verhindert zwar auch nicht, dass Selbstdarsteller an die Vereinsspitze kommen, aber die können sich dann wenigstens nicht als Eigentümer und Alleinherrscher aufspielen.

  3. sebastiandrimmler schreibt:

    Mann weiss ja nicht, ob einen die zynischen Säcke, die es ausschließlich auf Geldvermehrung anlegen, im Stile der Glazers, Hicks/Gilette oder Mateschitz mehr anwidern, oder die megalomanischen Irren mit politischen Ambitionen, die du beschreibst.

  4. lenakarlowski schreibt:

    Wahnsinn, was es im Europa des 21. Jhdt. noch für Typen gibt. Dieser Becali ist ja unpackbar!

  5. bettinahartm schreibt:

    Gibt es das Phänomen in anderen Sportarten nicht?

    • Karin Koller schreibt:

      Nicht dass ich wüsste, zumindest nicht in der westlichen Welt. In den USA sind Baseball, Football und Hockey anders organisiert. Ansonsten hat kein anderer Sport hat so einen Massenappeal.

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