Schwere Glieder

Manchmal werden mir die Glieder so schwer, als hätte man mich aus einem Holzklotz herausgeschnitzt und mit schlechten Scharnieren ausgestattet. Schon als Kind ging es mir immer wieder so. Ich erinnere mich noch gut, als ich bei meiner Oma auf dem Hügel Schifahren lernen sollte. Die anderen Kinder sausten den Hang hinab und rannten ihn mit solcher Energie wieder hinauf, als würden die Schier nichts wiegen, ja im Gegenteil, ihnen sogar Antrieb geben.

Ich wollte nicht schifahren. In den Schischuhen konnte ich mich nicht bewegen und ich hatte kalte Füße. Die Schier hingen wie Klötze an meinen Füßen. Die Bewegungen, die man machen musste, um sich überhaupt von der Stelle bewegen zu können, fielen mir schwer. Meine Beine erschienen mir tonnenschwer mit schweren Gewichten, die mich zusätzlich noch am Boden festhielten.

Die anderen Kinder glitten leichtfüßig an mir vorbei und lachten noch dabei, als wäre das Schifahren die schönste Freude. Mir war es, als würde die Erdanziehung stärker auf mich wirken als auf alle anderen.

Bis ich die 80 Meter von der Haustür bis zum Anfang des Hügels überquert hatte, war ich erschöpft. Meistens musste ich auch genau dann plötzlich dringend aufs Klo. Selbst das Hinunterfahren war anstrengend. Der Schnee schien mich zu bremsen. Die anderen schossen an mir vorbei und lachten mich aus. Ich traute mich auch nicht dort zu fahren, wo es steil war.

Bei anderen Sportarten ging es mir ähnlich. Lange Zeit dachte ich, mit mir wäre etwas nicht in Ordnung.

Viel später, als ich im letzten Schuljahr manchmal ganze Nachmittage am Schreibtisch sitzend verbrachte, beschloss ich zum Ausgleich Joggen zu gehen. Anfangs war es wie bei allen anderen Sportarten – ich schleppte mich mühsam dahin und nach wenigen Metern schon konnte ich nicht mehr. Aber diesmal merkte ich, dass mir die Bewegung trotz aller Mühsal guttat. Ich ließ nicht locker und beim nächsten Mal schaffte ich es schon ein wenig weiter. Und beim übernächsten Mal noch weiter, bis ich nach einiger Zeit vier Kilometer schaffte und mich gut fühlte.

Da habe ich gemerkt, dass die Schwere nicht in meinen Gliedern lag, sondern in meinem Kopf. Was ich nicht tun wollte, fiel mir unendlich schwer.

Auch heute noch fällt mir Einfaches immer wieder schwer. Bei der Hausarbeit zum Beispiel. Ich räume jeden Tag etwa zur gleichen Zeit die Spülmaschine aus. Eines Tages musste ich den Besteckkorb stehenlassen, weil ich einfach nicht mehr die Kraft hatte, ihn gleich auszuräumen. Es ging einfach nicht, der Arm war zu schwer. Ich räumte ihn später aus. Am nächsten Tag passierte das gleiche. Am übernächsten Tag konnte ich es nicht über mich bringen, den Küchenboden nach dem Essen zu wischen. Nicht nur die Arme, auch die Beine wurden mir zu schwer.

Plötzlich erschrak ich. Ich spürte ganz deutlich, wenn ich diesem Impuls nachgebe und dem nächsten auch und dem übernächsten, dann werden meine Glieder bald zu schwer sein für alle Hausarbeiten und wenn das geschehen ist, dann wird mir vielleicht das ganze Leben zu schwer erscheinen.

Es ist leicht, den ersten Impulsen nachzugeben. Es erscheint nicht bedeutsam, ob die Spülmaschine zwei Stunden früher oder später vollständig entleert ist, oder ob eine andere Kleinigkeit nicht erledigt ist. Es erscheint nur recht und billig, wenn ich es an diesem oder an jenem Tag etwas lockerer angehe.

Aber wenn mir die Glieder schwer werden, dann weiß ich, dass die Müdigkeit in meinem Kopf sitzt und dass ich ihr nicht nachgeben darf, weil sie sich sonst unkontrolliert ausbreitet und irgendwann nur noch schwer zu bekämpfen ist.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Schwere Glieder

  1. alicedelrosario schreibt:

    Ich kenne das Phänomen und erliege ihm immer wieder, leider

  2. Elke Lahartinger schreibt:

    Wie dem entgegenwirken? Manchmal ist man einfach erschöpft, vor allem im Kopf.

  3. Mir geht es oft genauso. Manchmal blockiert der Kopf alles andere auch.

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