Keine Experimente?

Ein Gastbeitrag von Clara Moosmann

Ich hasse Analsex. Und ich wusste, schon bevor ich ihn zum ersten Mal erlebt habe, dass ich ihn nicht mögen würde. Manche Sachen weiß man einfach. Oder glaubt sie zu wissen.

Trotzdem habe ich mich in den Arsch ficken lassen. Und ich bin froh, dass ich es getan habe.

Bin ich deshalb bescheuert?

Früher mochte ich kein rohes Fleisch und keinen rohen Fisch. Es schauderte mir nicht nur beim Gedanken an Beef Tartare oder Sushi. Ich weigerte mich sogar, irgendein Steak zu essen, das nicht ganz durchgebraten war.

Ich hasste auch klassische Musik. Der Gedanke, in die Oper zu gehen, wäre mir absurd erschienen. Ich war nicht dazu zu bringen, im Radio Österreich 1 einzuschalten, weil mir vor den Redepausen, die mit Cembalogeklimper oder Ähnlichen gefüllt waren, schauderte.

Jede sportliche Betätigung erregte meinen Widerwillen. Warum strengt man nur seinen Körper grundlos an und gerät dabei noch freiwillig ins Schwitzen, dachte ich mir?

Bergwandern, Spazierengehen, Gartenarbeit erschienen mir als absurder Zeitvertreib. Wie konnte man nur, ohne dazu durch Gewalt gezwungen werden, seine Wohnung, eine Bar oder ein Lokal freiwillig verlassen, um in der freien Natur etwas Sinnloses zu unternehmen?

Und ich hasste jede Art von Handarbeit mit tiefer Inbrunst. Stricken, Häkeln, Nähen, Sticken waren wir ein Gräuel. Wenn ich in der Schule im Werkunterricht dazu gezwungen wurde, setzte ich alle lauteren und unlauteren Mittel ein, um jemanden, wen auch immer, dazu zu bringen, die Arbeiten für mich zu verrichten. Ich täuschte Krankheit und Verletzungen vor, um Mutter und Großmutter dazu zu bringen, mir die Handarbeiten abzunehmen. Ich setzte mein Taschengeld und meinen (12- oder 13-jährigen) Körper ein, um Mitschüler als Hilfskräfte einzusetzen (die „Männer“, die ich als zweites, drittes und viertes in meinem Leben auf den Mund küsste, hatten als Gegenleistungen Häkel- und Strickarbeiten für mich zu verrichten.) Und ich wäre später, nach Abschluss meiner Schulzeit, nie auf den Gedanken gekommen, freiwillig einen Wollknäuel in die Hand zu nehmen, geschweige denn, zu versuchen, etwas aus ihm herzustellen, bis die Kinder in Kindergarten und Schule damit konfrontiert wurden und mich damit konfrontierten.

Aber irgendwann einmal lud mich jemand, den ich anhimmelte, in die Oper ein. Verdis Troubadour wurde gegeben. Und ich war so erpicht darauf, mit ihm zusammenzusein, dass ich, etwas widerwillig zwar, weil ich lieber in ein Popkonzert gegangen wäre, aber doch, zusagte. Und als die Lichter ausgingen, der Vorhang sich hob, und die Ouvertüre ansetzte, war ich gefangen. Mich begeisterten Musik und Spektakel so, dass ich bis zur Pause gar nicht mehr an meinen Begleiter dachte. Kurz darauf verlor der Mann, der mich eingeladen hatte, jede Faszination für mich. Meine Faszination für die Oper aber blieb. Inzwischen höre ich Verdis Musik fast so regelmäßig wie jene der Go-Betweens.

Einige Zeit später lernte ich meinen Mann kennen. Er lud mich in ein exklusives Restaurant ein, bestellte dort mit Kennermiene zur Vorspeise Beef Tartare und empfahl mir, das Gleiche zu tun. Überrumpelt und ihm aus Unsicherheit nicht widersprechen wollend, tat ich das. Es war eine Offenbarung, als mir das rohe gewürzte Fleisch auf der Zunge zerging. Und heute gehört Sushi zu meinen Lieblingsspeisen und ich bereite selbst jedes Steak medium rare zu.

Ähnlich ging es mir bei der Gartenarbeit (nichts macht mir mehr Freude, als im Frühjahr mit den Kindern irgendwelche Pflanzen einzugraben), und bei Wanderungen und Spaziergängen.

Hätte ich auf meinen vorgefassten Meinungen bestanden, hätte ich meine Vorurteile nicht hinterfragt, hätte ich andere mich nicht zu Neuem verleiten lassen, wären mir all diese Freuden verborgen geblieben. Mein Leben wäre ein viel ärmeres, eintönigeres.

Nur Analsex und Handarbeiten kann ich immer noch nicht leiden. Aber das nehme ich in Kauf.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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6 Antworten zu Keine Experimente?

  1. EG schreibt:

    Das mit den Handarbeiten verstehe ich. Aber was gefällt dir nicht an Analsex?

    • I don´t like it but I guess things happen that way

    • Hofnarr schreibt:

      Apropos „Experimente“: Nun, Clara, Du liegst richtig und wohl viele andere „Empfangende“ mit Dir: Auch ich als „Empfangende“ hasse Anal-Sex!!! Kommt nie mehr vor, niemals mehr in meinem Leben, dass einer daherkommt und dies mit Aussicht auf Erfolg von mir verlangt…

      Aber ich frage mich grundsätzlich, wem der „Empfangenden“ (nicht „Ausführenden“!) Anal-Sex überhaupt gefallen kann. Es ist einfach bloss schmerzhaft und zerreisst häufig das umliegende Gewebe des Darmausgangs (darum auch leichte Uebertragung von AIDS und anderen Intim-Krankheiten gerade über diese Form des Sex, ob nun in homosexuellen oder heterosexuellen Beziehungen). Machen wir uns doch nichts vor: Anal-Sex ist eine Ersatz-Handlung für solche, die aus verschiedensten Gründen keinen Zugang zu normalem, schönem Sex haben können!

      Aber ich kann auch nicht nachvollziehen, was jene „Ausführenden“ daran super finden können! Kann es sein, EG, dass Du mir das erklären kannst?!

      • Hofnarr schreibt:

        Nach Rücksprache mit meinem Hofnarren-Partner als potentiellem „Ausführenden“ von potentiell gewünschtem Anal-Sex erhielt ich nachfolgende,vollkommen simple, aber umso nachvollziehbarere Hofnarren-Antwort auf meine obenstehende Hofnarren-Frage:

        Anal-Sex ist wie ein umgekehrtes Einfahren eines Fahrzeuges in eine Einbahn-Strasse!!! Es ist nicht einzusehen, warum man(n) auf diese Weise in eine Einbahn-Strasse einfahren soll, wenn doch unmittelbar daneben eine Strasse vorhanden wäre, die einem niemand verbieten will, die zum selben Ziel führen kann!!!

        Tja, dies ist wohl nicht nur im Strassenverkehr, sondern auch im Sexual-Verkehr so!!!
        Es lebe der gemeinsam gewünschte und erlebte, wunderschöne Orgasmus bei hundsgewöhnlichem Sex, wie’s üblich ist und sich langjährig bewährt hat!!!

        Warum also Dinge tun, die man hasst, nur der immer erneuten „Experimente“ und vielfältigen „Lebenserfahrungen“ wegen, wenn’s doch anders herum, nämlich „hundsgewöhnlich“ wie zu Grossvaters Zeiten, wunderschön wäre, weil man einen wirklich guten Partner in jeder Hinsicht an der Seite hat?!?

      • EG schreibt:

        Hofnarr: die Geschmäcker sind eben verschieden. Ich werde gerne ab und zu anal penetriert, einfach wegen der Enge und Intensität

  2. lenakarlowski schreibt:

    Leben sollte heissen: Erfahrungen sammeln

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