Musical Epiphany: Flora Purim & Airto Moreira

In der fünften Klasse Gymnasium war meine beste Freundin die einzige Internatsschülerin unserer Klasse. Sie kam aus „gutem Haus“ und war sehr angepasst. Ich glaube, sie trug damals schon Perlenketten, Blusen und graue Faltenröcke. Weil es keine Einzelzimmer im Internat gab, musste sie sich das Zimmer mit einer Schülerin aus einer höheren Klasse teilen.

Das war Diana aus der 7. Sie war etwas seltsam. Kein Mädchen aus ihrer Klasse wollte mit ihr im Zimmer wohnen. Sie sah anders aus als die anderen. Sie hatte kurze Haare ohne Frisur, dafür aber Hennarot gefärbt, trug Palästinensertücher und lila Latzhosen. Dass sie in der Mädchenklosterschule unglücklich war, konnte jeder sehen. Wenn sie sich nicht in ihr Zimmer zurückzog, stritt sie mit den Klosterschwestern. Man konnte die Schreiduelle noch in weiter Entfernung hören. Manche Schülerinnen munkelten, sie wäre „schwer erziehbar“. Für ihr schlechtes Benehmen bekam sie immer wieder Ausgangssperre und musste auf den wöchentlichen Ausflug in die Stadt verzichten.

Einmal hatte ich mich mit meiner Freundin zum Stadtausflug verabredet. Ich ging in ihr Zimmer, um sie abzuholen, musste aber auf sie warten, weil sie sich im Bad noch schminkte. Diana saß vor dem Plattenspieler. Anstatt zu grüßen, sah sie mich nur unfreundlich an. Um sie herum lagen Schallplatten am Boden verstreut.

Erst vor Kurzem hatte ich das Wham-Plakat von meiner Zimmerwand genommen und war seitdem auf der Suche nach Musik, die mir gefallen könnte. Ich betrieb das nicht mit großem Eifer, aber dennoch spürte ich irgendwie, dass mir etwas fehlte.

Den Achtzigerjahre-Mainstream, der in der Ö3-Hitparade bei Udo Huber gespielt wurde, konnte ich schon nicht mehr hören. Ich wollte nicht so stromlinienförmig an den Geschmack aller anderen angepasst sein. Aber denn Antrieb, mir echte Informationen über Musik zu beschaffen, hatte ich auch nicht.

Aus irgendeinem Impuls heraus – obwohl sie sehr abweisend und unfreundlich wirkte – setzte ich mich neben Diana auf den Boden und fragte sie, welche Musik sie hörte.

Mit einem Schlag war sie wie ausgewechselt: „Das ist Jazz. Kennst du Flora Purim?“ Kannte ich natürlich nicht, ich hatte keine Ahnung von Jazz.

Sie legte die Flora Purim Platte ein. Diese Musik war ganz anders als alles, was ich bisher gehört hatte. Aufregend und unverständlich, in einer Sprache gesungen, die ich nicht kannte. Sie war das Gegenteil der Hitparadenmusik, die ich bisher gehört hatte. Diana erzählte, warum sie die Platte mochte, ihre Augen strahlten dabei. Ich verstand nicht viel davon, war aber erstaunt und begeistert, dass sie nicht nur wusste, was ihr gefällt. Sie wusste auch genau, warum ihr die Musik gefiel und konnte das auch in Worte kleiden. Für mich gab es für Musik bisher nur Worte wie „gut“, „schlecht“, „cool“, „fad“. Dass es etwas anderes, etwas mit ganzen Sätzen beschreibbares sein könnte, hatte ich mir bis dahin nicht überlegt. Ich merkte aber, diese Musik war nicht für den kommerziellen Erfolg konzipiert, ich konnte sie irgendwie spüren, wusste aber nicht, warum. Diana sah, dass mir die Musik gefiel und versprach mir, die Flora Purim Platte auf Kassette aufzunehmen.

Bei unserem Stadtausflug ging ich noch am selben Nachmittag in die Jazzabteilung des Plattenladens und kaufte mir eine Platte – eine mit einem ansprechenden Cover (Kind Of Blue). Irgendwie musste ich anfangen und ohne Kenntnisse war diese Methode die naheliegendste. Auf die Idee, die Platte vor dem Kauf anzuhören, kam ich erst beim nächsten Besuch im Laden.

Flora Purim und meine ersten Jazz-Platten haben mich dazu gebracht, mir Gedanken über Musik zu machen. Die Ö3-Hitparade habe ich nach diesem Nachmittag nie mehr angehört.

http://www.youtube.com/watch?v=EiHiR3Odnfw

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Musical Epiphany: Flora Purim & Airto Moreira

  1. Interessanter Weg, ungewöhnlich, vom Hitparadenpop auf Jazz umzusteigen.

  2. ilovesweetjoni schreibt:

    Für mich war „Mingus“ von Joni Mitchell der Einstieg in den Jazz. Wobei ich sagen muss, dass ich auch in dieser Periode stehen geblieben bin. Alles vor Charlie Parker und ab der Spätphase von Miles Davis ist nicht für mich

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