Amerikanische Abenteuer

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten –  ein Erwachsenwerden, Teil 17

„Meinst du, die wollen was von uns?“ fragte ich besorgt, denn ein Wagen der Highway-Patrol fuhr mit blinkenden Lichtern hinter uns her.

„Ich fahre ganz langsam, wenn die was wollen, werden sie sich schon melden“, gab sich Michael zuversichtlich.

Wir fuhren auf einer schnurgeraden Autobahn durch Nevada. Schon seit Stunden waren nichts als braune, niedrige Hügel, die mit staubig grünem Gestrüpp überzogen waren, zu sehen. Alle zwanzig Kilometer kam eine Ausfahrt, die in eine Staubpiste mündete. Weit und breit war kein Haus zu sehen. An jeder Ausfahrt stand ein einsamer Briefkasten.

Durch Nevada fuhren wir nicht zum Spaß. Wir machten das nur, um von Salt Lake City nach Kalifornien zu kommen. Gegen die Monotonie hatten wir die Rednecks-Kassette von Randy Newman eingelegt und sangen nach Leibeskräften mit.

„Die fahren schon ein ganzes Lied lang hinter uns her.“ Langsam machte mich das Polizeiauto hinter uns nervös. Andere Autos waren nicht zu sehen. Das Polizeiauto war nicht zufällig hinter uns. Es war auf der Gegenfahrbahn gefahren und erst nachdem es an unserem Wagen vorbeigefahren war, wechselte es mit eingeschalteten Blaulichtern die Fahrbahn.

„Ich bin mir keiner Schuld bewusst“, sagte Michael, aber es musste eine Erklärung geben für dieses sonderbare Verhalten der Polizisten.

„Vielleicht suchen die jemanden“, vermutete ich. In Australien, so hatte ich gehört, gab es in jedem Polizeiwagen Bordcomputer. Mit diesem konnten jedes Kennzeichen und alle Fahrzeughalter abgerufen werden. Was es in Australien bereits gab, musste in den USA schon eine alte Kamelle sein. Sicher überprüften sie gerade unseren Wagen, würden in Kürze merken, dass alles in Ordnung war und uns in Ruhe lassen. „Haben die hier Computer in den Autos?“

„Keine Ahnung. Ich fahre einfach langsam weiter. Wir sehen schon was passiert.“

„Ist das nicht ein bisschen komisch, wenn die mit den Blaulichtern so lange hinter uns blinken? Sollten wir nicht doch stehen bleiben?“

„Komisch ist das schon, aber wenn ich jetzt stehen bleibe, schaut das noch komischer aus.“

Durch den Rückspiegel beobachtete ich das Polizeiauto. Nachdem es  einige Kilometer hinter uns hergefahren war, beschleunigte es plötzlich und fuhr auf die Spur neben uns. Die Sirenen ertönten nun. Der Beifahrerpolizist schwenkte eine rote Kelle. Sobald das Auto an uns vorbeigefahren war, schnitt es uns ziemlich knapp den Weg ab.

Michael blieb sofort stehen. Er war sichtlich froh, dass er das Polizeiauto nicht gerammt hatte. Die Männer der Highwaypolizei sprangen mit gezückten Waffen aus ihrem Wagen. Auf Michael und mich wurde eine je Pistole gerichtet. Der Fahrerpolizist schrie mit rotem Kopf nach unseren Papieren. Als Michael sich zum Handschuhfach beugen wollte, fuchtelte der Fahrer noch stärker mit seiner Pistole und schrie: „Easy, easy, out, out!“

Kaum hatte Michael die Hand am Türgriff, war ein „hands up“ zu hören. Vorsichtig legten wir die Hände an den Kopf und warteten, bis die Polizisten die Türen öffneten. Dann erst stiegen wir aus. Weil die Situation doch etwas absurd erschien, ließen wir draußen die Hände wieder sinken. Die Waffen blieben auf uns gerichtet.

Ich war ziemlich besorgt, hatte ich doch von den Schnellrichtern in manchen Bundesstaaten der USA gehört. Man konnte dort auf der Stelle zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden. Zwar wusste ich nicht, was wir falsch gemacht hatten, aber wenn ich mir die gezückten Pistolen so ansah, musste es mindestens für einige Tage in der Schnellverfahrenszelle reichen, wenn es so etwas hier gab. Wahrscheinlich warf man uns einfach in ein Erdloch, denn eine Ansiedlung hatte ich hier weit und breit nicht gesehen.

Während uns der Fahrer in Schach hielt, durchwühlte sein Kompagnon das Handschuhfach und brachte die Fahrzeugpapiere zum Vorschein. Unsere Pässe waren dort nicht. Nach eindringlicher Musterung und wahrscheinlich weil wir im Handschuhfach weder Pistolen noch Drogen gelagert hatten, durften wir die Ausweise aus unseren Taschen holen.

Mittlerweile war ein Pickup-Truck mit einem staatlichen Polizeiemblem vorgefahren. Ein wie ein Sheriff aus dem wilden Westen längst vergangener Zeiten anmutender, leicht untersetzter Mann war ausgestiegen. Er trug sogar einen Stern auf der Brust. Breitbeinig stellte er sich vor uns hin. Ein großes Gewehr hielt er schussbereit quer über der Brust. Eigentlich hatte ich gedacht, solche Gewehre würden nur zur Jagd auf wilde Tiere verwendet. Vielleicht nahm man hier ja an, Polizeiarbeit wäre mit dem Jagdsport verwandt. Möglicherweise war der Mann gar nicht von der Polizei sondern vom Tierschutzverein angestellt, um angefahrenen Tieren am Straßenrand die Qualen zu ersparen. Aber was wollte er dann hier bei uns?

Nachdem wir gültige, exotisch ausländische Pässe vorweisen konnten, entspannte sich die Lage ein wenig. Zumindest wurden keine Feuerwaffen mehr auf uns gerichtet. Streng sah uns der Fahrer des ersten Wagens an. Wieso wir denn geflohen seien, wollte er wissen. Diese Frage erklärte auch die Anwesenheit des Flintenmannes. Die beiden Polizisten hatten offenbar ernsthaft gedacht, sie wären in eine wilde Verfolgungsjagd verwickelt und hatten Verstärkung gerufen. Es schien wohl nicht nötig zu sein, schnell zu fahren bei einer Flucht. Die Polizisten fanden nichts Merkwürdiges dabei, dass wir zehn km/h langsamer gefahren waren, als die Geschwindigkeitsbegrenzung erlaubte, um zu entkommen, und uns dann anstandslos überholen ließen.

Wir erklärten, wir hätten nur darauf gewartet, zur Seite gewunken zu werden. Dann fragen wir, was uns denn vorgeworfen würde.

Erstaunt sahen uns die Polizisten an. Es handle sich doch nur um eine Routinekontrolle, was hätten wir denn gedacht? Alles wäre problemlos verlaufen, hätten wir uns eben nicht auf die Flucht begeben. Haben wir nicht doch etwas zu verbergen? Das würde man feststellen müssen. Außerdem hatte man sich zu überlegen, welche Strafen man uns aufbürden würde, damit wir richtiges Verhalten gegenüber der Polizei lernten. Es folgte eine lange Rüge mit intensiver Belehrung über die hiesige Straßenverkehrsordnung. Vor allem musste man beim Anblick blinkender Polizeilichter sofort anhalten und die Hände sichtbar vor sich halten. Aussteigen dürfe man erst auf ausdrückliche Einladung. Der Gesetzeshüter vom Beifahrersitz streute an den passenden Stellen immer wieder kopfschüttelnd ein: „Wer die Gesetze nicht kennt, hat nichts auf der Straße verloren.“

Wir standen da, zerknirscht die Füße im sandigen Boden scharrend, und starrten reuevoll auf unsere Knie. Nachdem die Strafpredigt mit einer langen Abhandlung über die Dummheit von Ausländern geendet hatte, schaltete sich der gewehrbehängte Ranger ein: „Jeden Tag müssen Polizisten gefährliche Verbrecher erschießen, um die eigene Sicherheit zu garantieren“, bedrohlich verfinsterte sich dabei seine Miene. Menschen seien schon für weniger gestorben als eine derart langwierige Fluchtaktion, wie wir sie angezettelt hatten.

„Aber wir haben ja gesehen, dass Sie weiß sind und ein kalifornisches Nummernschild haben, deshalb haben wir nicht geschossen“, sagte nun der Fahrer des ersten Polizeiwagens wohlwollend, wahrscheinlich weil wir den Gewehrmann mit großen Augen angestarrt hatten, „Ich denke, Sie haben ihre Lektion gelernt, die Papiere sind auch in Ordnung. Sie können weiterfahren. Und machen Sie so etwas nie wieder.“

Worte des Dankes zur Sicherheit murmelnd sprangen wir so schnell wir konnten ins Auto und fuhren los. Die Gefahr bestand immer noch, dass es sich diese bewaffneten Psychopathen anders überlegten, uns als doch gefährlicher einstuften als ursprünglich angenommen und dann doch noch erschossen.

„Was hätten die gemacht, wenn wir aus Alabama gewesen wären und dunkle Haut hätten?“ fragte ich ein wenig mitgenommen von den Ereignissen.

„Dann wären wir wohl jetzt tot oder im Krankenhaus. Das hängt davon ab, ob die neben der Verbrecherjagd auch noch Zeit haben, Zielschießen zu trainieren.“

„Wie kannst du da so ruhig sein? Wir haben überhaupt nichts gemacht und wären beinahe erschossen worden.“

„Zum Glück ist ja nichts passiert. Dass amerikanische Polizisten paranoide Irre sind, weiß man doch schon längst.“

„Wieso bist du dann nicht gleich stehen geblieben?“

Michael zog es vor, meine Frage zu ignorieren, und konzentrierte sich auf die Straße.

Am späteren Nachmittag kamen wir an einen einsamen Ort, der seine Daseinsberechtigung hauptsächlich als Tank- und Raststation für Lastwagenfahrer gefunden hatte. Er bestand beinahe ausschließlich aus Tankstellen, Motels und Fastfoodrestaurants, die an einer Straße parallel und in Sichtweite zur Autobahn aufgefädelt waren. Gehsteige oder Fußgängerübergänge gab es nicht. Weil wir nicht genau wussten, ob bis Salt Lake City noch ein malerischer Ort auftauchen würde, beschlossen wir, hier zu übernachten.

Unser Motel befand sich am Rand des Orts. Aus praktischen Gründen verlief um das gesamte Gebäude herum ein riesiger Parkplatz mit extralangen Plätzen für Lastwagen und superlangen Plätzen für überlange Schwertransporter. Das hatte schon das Plakat an der Autobahn, das den Aufenthalt in dem Motel schmackhaft machen sollte, angekündigt. Eine Tankstelle war direkt in das Motel integriert, man zahlte an der Rezeption. Dafür gab es kein Restaurant, nicht einmal eine Snackbar.

Unser Zimmer hatte einen wunderschönen Blick auf den beinahe leeren Parkplatz und die Autobahn. Zwei Kingsize-Betten und ein Sofa mit Brandlöchern sollten wohl darüber hinwegtrösten, dass man die Fenster nicht öffnen konnte. Der Fernsehapparat war ungewöhnlich klein und altmodisch. Er hatte sogar noch eine Zimmerantenne. Für die meisten Programme musste man sie auf dem Sofa balancieren.

Die Abenteuer am Rande der Kriminalität hatten uns hungrig gemacht. Gegenüber von unserem Motel stand eine kleine, bereits etwas morsch wirkende Hütte mit einer grellpink blinkenden TexMex-Leuchttafel.

„Mexikanisch hatten wir schon lang nicht mehr. Und hier in der Steppe oder Wüste oder was das ist, wäre doch recht authentisch. Was meinst du?“, sagte Michael.

„Ist mir auch recht. Sonst gibt es hier, glaube ich, eh nur den Ketten-Junk.“ Was soviel wie „Fast- und Junk-Food-Ketten der Großkonzerne“ bedeuten sollte, aber hier musste man das so oft sagen, dass es sich lohnte zu straffen. Der Vorteil dieser Ketten war, man konnte niemals enttäuscht werden, weil immer alles einheitlich gleich war. Wurde man doch enttäuscht, hatte man seine Erwartungen zu hoch angesetzt oder war von den falschen Prämissen ausgegangen. Man konnte aber auch nie überrascht oder erfreut werden. Manchmal brauchte man das aber. Deshalb ging man ab und zu in Bruchbuden mit bunten Schildern. Nicht immer führte das zu positiven Überraschungen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Amerikanische Abenteuer

  1. Hofnarr schreibt:

    Tja, Karin, in Amerika wäre ja vielleicht auch so was mit der werten Polizei möglich gewesen:

    oder

    Viel Vergnügen beim Ansehen!!!

  2. Herr K. schreibt:

    Es gehört wohl zu den (kulturellen) Eigenheiten der USA, daß ein *hinter* einem her fahrender Streifenwagen bedeutet, daß man kontrolliert werden soll – das ist man als Europäer anders gewohnt. Das mag man finden wie man will – es ist nunmal so. Und als US-Tourist kriegt man da auch keine Extrawurst. Komisch finde ich, daß man sich trotzdem darüber echauffiert und zusätzlich noch meint, man wüßte Gefahren im ländlichen Nevada besser einzuschätzen als die dort arbeitende Polizei.

    Hingegen habe ich noch selten gehört, daß man sich bspw. über Bekleidungsregeln in arabischen Ländern hinwegsetzte, weil man es ja „besser weiß“ oder sie „unsinnig findet“ – nein, denen zu folgen offenbart dann natürlich kulturelle Sensibilität. Ich halte das für ein besserwisserisches, überhebliches, anmaßendes Messen mit zweierlei Maß.

    • Karin Koller schreibt:

      DIe Straßenverkehrsordnung ist keine kulturelle Eigenheit. Die Schießbereitschaft der Polizei in den USA gerade in ländlichen Gebieten (wie auch stolz in Reality-Polizeisendungen gezeigt) entbehrt sehr häufig jeder Grundlage. Ich habe keine Gefahren eingeschätzt und keine Extrawurst verlangt, sondern ein Erlebnis geschildert. Über Bekleidungsregeln in arabischen Ländern habe ich mich nicht geäußert, deshalb konnte ich auch nicht „überheblich“ mit zweierlei Maß messen. Ich bitte, die Kirche im Dorf zu lassen, und sich nicht über eingebildete Phantome zu echauffieren.

      • Hofnarr schreibt:

        Sonderbarer Kommentar von @Herr K., ja, so sonderbar, dass ich vor lauter Staunen nochmals den ganzen Text des Artikels las, um herausfinden zu können, ob ich wohl etwas übersehen/überlesen habe… aber nein, Karin, Du siehst das durchaus richtig mit Deinem Kommentar von eben… und schliesslich ist das eine Fortsetzungsgeschichte, nicht zwingend ein Tatsachenbericht, auch wenn das Ich für den Hauptdarsteller eben dieser Fortsetzungsgeschichte gewählt wird!!! Wer sagt schon einem Schriftsteller eines Romans, der durchaus auch Erfundenes in sein Geschriebenes einfliessen lassen darf als freier Schriftsteller, ob er nun besserwisserisch, überheblich, anmassend oder sonst was ist!!! Ist doch nicht nötig, nie!!! Alles was recht ist bei freier fantasievoller, schriftstellerischer Tätigkeit!!!

    • bettinahartm schreibt:

      Herr K.: mit ihrem Namen sollten Sie besonders sensibilisiert dafür sein, welche Konsequenzen menschenrechtswidriges Verhalten von Staatsorganen hat.

      Wenn man Ihren Kommentar liest, kommt man zum Ergebnis, Sie halten Polizeistaatsmethoden oder Rassismus für „kulturelle Eigenheiten“. Sind Sie dann auch der Ansicht, Berichte über Willkür und menschenrechtswidriges Verhalten der DDR-Volkspolizei, des KGB oder der Gestapo wären als „ein besserwisserisches, überhebliches, anmaßendes Messen mit zweierlei Maß“ zu werten? Oder hat die Exekutive bei Ihnen immer recht, egal, was Sie tut?

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