Zurückschauen

„Es gibt zweierlei Zeit. Die eine kann man mit der Elle messen, mit der Bussole und dem Sextanten. Wie man Straßen und Grundstücke ausmisst. Unsere Erinnerung aber, die andere Zeitrechnung, hat mit Meter und Monat, mit Jahrzehnt und Hektar nichts zu schaffen. Alt ist, was man vergessen hat. Und das Unvergessliche war gestern. Der Maßstab ist nicht die Uhr, sondern der Wert. Und das Wertvollste, ob lustig oder traurig, ist die Kindheit. Vergesst das Unvergessliche nicht! Diesen Rat kann man, glaube ich, nicht früh genug geben.“ Erich Kästner

Ich schaue gerne auf meine Kindheit und Jugend zurück. Es gibt sehr viel Schönes, an das ich mich erinnern kann. Einiges ist mir ein bisschen peinlich, manches war auch schlecht.

Ist das Erinnern eine Ausflucht, um die Gegenwart zu verdrängen?

Seit tausenden von Jahren (die alten Griechen machten das schon) beklagt sich die Generation der Menschen mittleren Alters, wie viel dümmer und antriebsloser als sie selbst vor vielen Jahren die jungen Leute von heute sind. Im 20. Jahrhundert kam es geradezu in Mode, jede junge Generation als verlorene Generation abzustempeln. Hätten alle Unkenrufer recht gehabt, wäre die Gesellschaft beinahe seit Anbeginn der Zivilisation in einem Zustand des Verfalls. Dem ist aber offensichtlich nicht so.

Ursprung dieser ungerechtfertigten Behauptungen ist, dass sich die Menschen nicht mehr erinnern können oder wollen, wie antriebslos und dumm sie in ihrer eigenen Jugend waren. Im Alter sieht man sich oft in besserem Licht, als der Realität entspricht. Man glaubt, man wäre damals schon vielseitig interessiert gewesen und hätte ebenso intellektuelle Diskussionen geführt, wie man das auch heute noch tun würde. Dabei war man in Wirklichkeit viel oberflächlicher, als man das heute meint.

Wenn ich daran zurückdenke, wie viel Zeit ich als junger Mensch damit vergeudet habe, mit Realityshows, Mario-Cart Rennen oder jenen seichten Büchlein, die heute in den Buchhandlungen unter der Rubrik „Frauenliteratur“ eingeordnet sind, dann kann ich den jungen Menschen von heute keinen Vorwurf machen. Wenn ich mich dunkel an manche Diskussionen zurückerinnere, die meine Freunde und ich damals geführt hatten und bei denen wir glaubten, die Welt neu zu erfinden, dann kann ich jetzt nur lächeln über unsere Naivität.

Es ist ein Privileg junger Leute ohne private und berufliche Verpflichtungen, ihre Zeit sinnlos zu verschleudern, herumzulungern und sich großartig zu fühlen. Natürlich sind sie noch naiv, der Geist formt sich nicht in 20 Jahren. Erst später versteht man Zusammenhänge, die früher undurchdringlich waren. Das ist ein Prozess, der so langsam und graduell vor sich geht, dass man ihn gar nicht wahrnimmt. Wahrscheinlich nehmen viele ältere Leute deshalb an, sie hätten immer schon viel mehr verstanden als alle, die jünger sind als sie.

Mich an meine eigene Kindheit und Jugend zu erinnern, hilft mir dabei, mich selbst zu relativieren und meine Kinder besser zu verstehen. Das Rekapitulieren der eigenen Ängste, Aggressionen und Wünsche von damals macht mir viele Verhaltensmuster meiner Kinder wieder verständlich.

Das Beobachten der eigenen Entwicklung bewahrt mich vor Überheblichkeit gegenüber anderen.

Gedanken an die Sommer meiner Kindheit zeigen mir wieder, wie wichtig es für Kinder ist, auch einmal eine Stunde im Gras liegen zu dürfen, ohne etwas anderes zu tun, als die Wolken anzustarren.

Die Erinnerung an die Anfänge meiner Beziehung zu meinem Mann lassen mich nicht vergessen, warum ich ihn liebe, auch wenn wir einmal schwere Zeiten durchleben.

Ich bin die Summe meiner Erinnerungen und Erfahrungen und deshalb ist das Zurückschauen für mich wichtig, auch wenn der Blick manchmal getrübt ist und die Aussicht dann zu rosig oder zu grau erscheint.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Zurückschauen

  1. sebastiandrimmler schreibt:

    Those who don´t know history are doomed to repeat it gilt auch im privaten Bereich, für die eigene Geschichte

  2. SevRa schreibt:

    Ein wunderschönes Zitat. Erich Kästner ist so unterschätzt, auch als Lyriker. Zu konzise, luftig, humorvoll, zu wenig nebulös, bedeutungsschwanger, pathetisch für die Literaturkritik, I suppose

    • boadiceawascool schreibt:

      Wahrscheinlich, weil er als Kinderbuchautor schubladisiert wurde, und daher – wie Janosch, Astrid Lindgren etc. – literaturkritisch als nicht satisfaktionsfähig gilt. Obwohl Reich-Ranicki, wenn ich mich richtig erinnere, ein-, zweimal die „Lyrische Hausapotheke“ gelobt hat

    • Karin Koller schreibt:

      Das Zitat ist aus Als ich noch ein kleiner Junge war. Das Buch habe ich gar nicht gekannt. Am Wochenende habe ich es in einer Buchhandlung gefunden und darf es jetzt meiner Tochter vorlesen.

  3. Pingback: Blogblick vom 20.06.2012 | Kultur2Punkt0

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