40 Jahre nach Watergate: Wie ist Richard Nixon zu bewerten?

Ein Gastbeitrag von Sebastian Drimmler

40 Jahre nach dem Einbruch in die Zentrale der Demokratischen Partei im Watergategebäudekomplex in Washington durch eine Banditenbande im Solde des Komitees zur Wiederwahl des Präsidenten (CREEP) scheint die Rehabilitation Richard Nixons endgültig abgeschlossen.

Angeführt vom Meistermachiavellisten Henry Kissinger, dessen eigene Reputation mit jener Nixons steht und fällt, loben mehr oder weniger anerkannte Journalisten (von Hugo Portisch bis Conrad Black) die angeblichen innenpolitischen und außenpolitischen Leistungen Richard Nixons und argumentieren, dass „ein einziger Fehler“ nicht die Lebensleistung eines großen Staatsmannes verdrängen dürfe.

Der salbungsvolle Chor der Nixonverehrer lässt die kritischen Stimmen der Watergate-Aufdecker Bernstein und Woodward http://www.washingtonpost.com/opinions/woodward-and-bernstein-40-years-after-watergate-nixon-was-far-worse-than-we-thought/2012/06/08/gJQAlsi0NV_story.html fast völlig untergehen.

Es lohnt sich also, die so gefeierte Lebensleistung dieses Mannes nochmals Revue passieren zu lassen:

Innenpolitisch ist da zunächst die berüchtigte „Southern Strategy“, mit der das emanzipatorische Erbe der Republikanischen Partei, die in den 1850er-Jahren u.a. gegründet wurde, um die Ausdehnung der Sklaverei zu verhindern, über Bord geworfen wurde. Unter Ausnützung rassistischer Ressentiments erzeugte man einen Backlash gegen die gerade beschlossenen Bürgerrechtsgesetze, um damit die Dominanz der Demokratischen Partei in den Südstaaten zu brechen.

Die Strategie war erfolgreich, das Klima vergiftet, der Boden für Leute wie Lee Atwater und Karl Rove bereitet, denen es dauerhaft gelungen ist, Wahlen für die Republikanische Partei durch die Anstachelung der niedersten Instinkte der Bevölkerung zu gewinnen. Dabei wurde gleichzeitig auch die Essenz der Republikanischen Partei so zerstört, dass Abraham Lincoln, Theodor Roosevelt, Robert Taft, oder Dwight D. Eisenhower ihre Partei inzwischen gar nicht mehr erkennen würden.

Nixon legte, wiederum durch Hochspielen von Gegensätzen und Ressentiments („Silent Majority“), auch die Grundsteine für ein Klima des Antiintellektualismus, der Kritikerdiffamierung und der Wissenschaftsfeindlichkeit. Dieses ermöglichte den Jerry Falwells der Welt erst, durch Gruppen wie die „Moral Majority“ christlich-fundamentalistische Sektierer in entscheidende Machtpositionen zu bringen und die amerikanische Politik zu dominieren.

Die christliche Rechte, die die Politik der USA seit Jahrzehnten vergiftet, ist daher auch eine Leistung Richard Nixons.

Über sein Gangstertum, das sich nicht nur in der Vertuschung des Watergateskandals manifestierte, sondern ihn geradezu selbstverständlich dazu brachte, seiner Paranoia freien Lauf zu lassen, den Geheimdienstapparat zum Ausspionieren von (echten oder bloß eingebildeten) Gegnern zu missbrauchen, müssen wir keine Worte mehr verlieren. Es reicht, darauf hinzuweisen, dass Nixon sich nur mit devoten Speichelleckern umgab und den Apparat des Weißen Hauses wie ein Mafiapate führte. Seine eigenen geheimen Tonbandaufnahmen dokumentieren, dass er Untergebenen Direktiven im Jargon Al Capones gab („Freeze him!“, „Cut him!“, „Knock him down!“, „Dump him“, „Get them on the floor and Step on them, crush them, show no mercy…“). Einen beträchtlichen Teil seiner Amtszeit verbrachte er auch damit, eingebildete Gegner mit kriminellen Methoden zu bekämpfen.

Eine Lebensleistung? Of a sort.

Außenpolitisch ist Nixons Erbe mindestens ebenso verheerend. Er stützte, wann immer es möglich war, tyrannische Diktatoren und ihre Mörderbanden, vom persischen Shah über Ferdinand Marcos bis zu Pinochet, den er sogar an die Macht putschte. Wenn man seinen Standardbiographien trauen kann, beneidete er die Sowjets um den Handlungsspielraum, den ihnen das völlige Fehlen von Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Kontrolle gab.

Die ihm zugeschriebene „Einleitung“ der Beendigung des Vietnam-Krieges war nicht sein Verdienst. Vielmehr hintertrieb er schon 1968 – noch bevor er gewählt war – Henry Kissinger als intriganten Maulwurf nutzend – Averell Harrimanns Pariser Friedensmission. Er hat also den Vietnamkrieg um Jahre verlängert und damit den Tod von etwa einer Million Menschen, unter ihnen 21000 amerikanischen Soldaten, zu verantworten.

Ansonsten hat er alle relevanten außenpolitischen Fragen seiner Zeit falsch beurteilt.

Er glaubte an die Schimäre der Dominotheorie. Er dachte, er könne den Vietnamkrieg durch Flächenbombardements gewinnen. Er schätzte die Auswirkungen der Geheimbombardements und der folgenden Invasion Kambodschas falsch ein (die geheimen Refugien des Vietcong, die er zerstören wollte, existierten gar nicht). Und er stellte sich und sein Land durch die völkerrechtswidrigen Angriffe auf neutrale Staaten ohne Not und ohne Sinn moralisch auf eine Ebene mit rücksichtslosen Kriegsverbrechern wie Mussolini.

Nixon war im übrigen- genauso wie sein Adlatus Kissinger – auch ökonomisch vollkommen ahnungslos, konnte daher die wirtschaftlichen Konsequenzen seiner Außenpolitik in keiner Weise abschätzen, und setzte damit die ruinöse Inflationsspirale in Gang, deren Konsequenzen sein Nachnachfolger Jimmy Carter ausbaden musste.

Aber China, sagen Sie. Die angeblich so einzigartige “Öffnung” Chinas. Zu Beginn der 70er-Jahre eine im eigenen wirtschaftlichen Interesse liegende realistische Politik gegenüber Chinas zu verfolgen und die absurde Charade, nach der Taiwan Gesamtchina repräsentiere, zu beenden (für die übrigens Nixon selbst in den 40er-Jahren durch die „Who lost China“-Kampagnen, an denen er freudig beteiligt war, mitverantwortlich war) erforderte ungefähr ähnlich viel Weitblick, wie es dafür braucht, die Existenz des pazifischen Ozeans anzuerkennen. Diese Politik macht sein Genie als Staatsmann vergleichbar mit dem Talent John Grishams als Schriftsteller, wie Lewis Lapham einmal treffend sagte.

Selbst in seiner eigenen machiavellistischen Weltsicht, in der sich alles nur um Wohl und Wehe Richard Nixons drehte, ist er jämmerlich auf ganzer Linie gescheitert, als er, wie ein geprügelter Hund aus dem Weißen Haus verjagt, ins kalifornische Exil gehen musste.

Wenn all seine kleinen und großen Gaunereien und Verbrechen vergessen sind, wenn niemand mehr Interesse an seiner wohl pathologisch gestörten Persönlichkeit hat, wird von der Nixon- Administration dauerhaft nur in Erinnerung bleiben, dass auch Demokratien dem Machtmissbrauch durch Einzelpersonen ausgesetzt sind.

Nixon ist die Symbolfigur dafür, dass auch auf Zeit beschränkte und demokratisch legitimierte Macht nie unkontrolliert und bedingungslos erteilt werden darf.

Man sollte ihm als abschreckendes Memento ein Denkmal bauen, in das sein einziger Ausspruch, der für alle Zeiten in Erinnerung bleiben wird, eingraviert ist, „If the president does it, it can´t be illegal.“

Hunter S. Thompson hat Richard Nixon den Nachruf gegeben, den er für seine „Lebensleistung“ verdient hat:
He has poisoned our water forever. Nixon will be remembered as a classic case of a smart man shitting in his own nest. But he also shit in our nests, and that was the crime that history will burn on his memory like a brand. By disgracing and degrading the Presidency of the United States, by fleeing the White House like a diseased cur, Richard Nixon broke the heart of the American Dream.” http://www.theatlantic.com/magazine/archive/1994/07/he-was-a-crook/8699/

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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17 Antworten zu 40 Jahre nach Watergate: Wie ist Richard Nixon zu bewerten?

  1. Elke Lahartinger schreibt:

    Richard Nixon ist das, was Wolfgang Schüssel geworden wäre, wenn ein Österreichischer Bundeskanzler soviel Macht hätte und soviel Schaden anrichten könnte wie ein US-Präsident.

    • Ja, gewisse Parallelen sind auffällig. Nicht nur die Affinität zu faschistoiden Diktatoren und ähnlichem Geschmerl (wobei, wie Schüssels Naheverhältnis zum Westentaschendollfuss Orban beweist, bei Schüssel alles ein paar Nummern kleiner abläuft), sondern auch die abstruse Überbewertung der intellektuellen und politischen Fähigkeiten durch ein verzücktes konservatives Kommentariat und die Korruptionsblüte im Umfeld (Agnew/Grasser?)

    • sebastiandrimmler schreibt:

      Ich fürchte, Schüssel fühlte sich sehr geschmeichelt, wenn er von deinem Vergleich hören würde.

  2. Die vollkommen unverständliche positive Bewertung Nixons und Kissingers (auch etwa in Relation zu George W. Bush) durch Journalisten, konservative Historiker und liberale und konservative Intellektuelle ist damit zu erklären, dass Nixon und Kissinger ein Fischmesser benutzen konnten, Jahrgangschampagner soffen und Metternich buchstabieren konnten. Das reichte dafür, zur „Elite“ zugerechnet zu werden.

    • Elke Lahartinger schreibt:

      Das spielt sicher eine Rolle, ebenso wie der Umstand, dass Nixon und Kissinger – im Gegensatz zu Bush – sich die Mühe gemacht haben, ihre politischen Fehler und Verbrechen in dicken Rechtfertigungswälzern über Jahrzehnte weg solange zu rationalisieren und schönzureden, dass die unbedarften Beobachter geneigt waren, ihren selektiven Erklärungen und fiktiven Szenarien, was passiert wäre, wenn sie sich anders verhalten hätten, Glauben zu schenken.

  3. Athenaeum schreibt:

    Die Lebensleistung Richard Nixons war es, die Ausdehnung des Kommunismus zu verhindern und in den Jahren nach 1968 den Hippies und Perversen, die im Westen ihre Machtübernahme vorbereiteten, klare Grenzen zu setzen. Wer das nicht sieht ist blind

    • sebastiandrimmler schreibt:

      Athenaeum:

      Erinnere mich bitte daran, was der Erfolg (der Fortführung) des Vietnamkrieges war? Eine westliche Demokratie in ganz Vietnam?

      Und, wenn du ernsthaft glaubst, dass Abbie Hoffmann, Timothy Leary und Freunde kurz vor der Machtübernahme standen, dann wundert mich nicht, dass du auch an die Dominotheorie glaubst.

    • Hofnarr schreibt:

      @Athenaeum: „Interessant“ an Ihnen ist, dass Sie immer sehr extreme Ansichten vertreten, zu welchem Thema auch immer… Warum sind Sie derart extrem?!
      Wollen Sie hier explizit als „Extremer“ in Erscheinung treten oder einfach bloss provozieren?!

  4. Herbert P. Rosner schreibt:

    Ich sehe das ein bisschen differenzierter als der Autor.

    Es ist schon richtig, dass Nixon selbst mit daran beteiligt war, in der Truman-Zeit diese hysterische Reaktion auf die Machtübernahme der Kommunisten in China zu organisieren. Nichtsdestotrotz hat er den Mut gefunden, seinen Fehler zu korrigieren, wenn auch in erster Linie, um damit die Sowjets zu ärgern.

    Bezüglich des Vietnamkrieges, der Dominotheorie, der Unterstützung für Militärdiktaturen etc. ist meine Sicht mit Ihrer identisch. Die innenpolitische Leistung Nixons kann ich nicht wirklich beurteilen, aber täusche ich mich nicht, dass er einige erste Umweltschutzgesetze zu verantworten hat?

    • sebastiandrimmler schreibt:

      Herbert: zu China tue ich mir schwer, etwas als außergewöhnliche Leistung zu werten, was längst überfällig war, mit keinerlei politischen Risiken verbunden war (von den oppositionellen Demokraten hatte er diesbezüglich keinen Gegenwind zu erwarten) und letztlich auch nur aus Eigennutz erfolgte.

      Zu den Umweltschutzgesetzen: keine mehrjährige Administration setzt ausschließlich vollkommen verfehlte Maßnahmen, das liegt schon in der Natur der Dinge. Die Gesamtbilanz kann das aber nicht ändern.

  5. bettinahartm schreibt:

    Was ist deine Erklärung für diese Überbewertung Nixons?

    • sebastiandrimmler schreibt:

      Ich sehe das ähnlich wie Clara Moosmann oben. Da spielt Bildungsdünkel bestimmter Journalisten und Gelehrter eine Rolle, dann der persönliche Kontakt, gerade das von Kissinger so gerne betriebene „Shmoozing“, eine Überbewertung der gelieferten Erklärungen gegenüber den Fakten, eine ideologische Übereinstimmung, eine Affinität aufgrund des gleichen Bildungshintergrundes, eine geistige Verhaftung in der „Realpolitik“ im Sinne Metternichs und Palmerstons ….

  6. ninaentner schreibt:

    Bei uns im Geschichtsunterricht in der Schule wurde Nixon auch als großer Außenpolitiker bewertet, der sich mit Watergate halt ein bisschen angepatzt hat. Komisch

    • Rebecca schreibt:

      War bei uns genauso, insbesondere Kissingers Außenpolitik wurde als geradezu bismarcksch genial gelobt, ich habe da einmal einen Verweis bekommen, als ich den Lehrer ganz scheinunschuldig gefragt habe, ob die Politik Bismarcks nicht zum ersten Weltkrieg geführt habe, und weshalb nur genialer Stratege sein könne, wer Kriege mit Hunderttausenden Opfern plane

  7. Pingback: Diese Woche konsumiert: Friedensnobelpreis | Karin Koller

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