Tortilla-Wrap an der Landstraße

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 18

Die Tex-Mex-Baracke – wir erreichten sie nach einem waghalsigen Sprint über die übergangslose Straße – hatte sogar einen Gastgarten. Vier Plastiktische mit Plastiktüchern, Plastikstühlen und Plastikschirmen waren auf einer kleinen Terrasse gruppiert. Man konnte malerisch die Straße, die Autobahn und das Tankstellenmotel überschauen. Es war windig. Die aufgespannten Schirme flatterten lautstark.

Naiv setzten wir uns hin und warteten auf die Bedienung. Schließlich war das hier keine Junk-Kette. Uns fröstelte ein wenig, aber die Hütte selbst sah von außen nicht einladender aus. Vermutlich würde man dort auch nicht rauchen dürfen. Die Speisekarten waren mit Steinen beschwert. Der Wind hätte sie sonst auf die Straße geblasen, denn sie waren nur billig gemachte, kopierte Zettel. Wir entschieden uns für Tortilla-Wraps, texanische Steaks wären uns in diesem Ambiente zu gewagt vorgekommen. Aus dem Fenster der Bude sah manchmal jemand zu uns herüber. Er kam aber nicht heraus. Wir waren die einzigen Gäste auf der Terrasse. Auch der Parkplatz war fast leer. Außer uns hatte sich sicher niemand zu Fuß über die beinahe unbegehbare Straßen gewagt.

„Meinst du, die haben noch zu, oder muss man hineingehen, um zu bestellen?“ fragte ich Michael, denn nun war ich schon ziemlich durstig.

„Weiß nicht. Warten wir mal zehn Minuten und dann schauen wir weiter.“

„Was sollen wir dann schauen?“

„Werden wir ja sehen.“

Die Trostlosigkeit der Umgebung schien ansteckend zu sein. Michael wollte auch nicht die nächsten Schritte erwähnen, weil er es hasste, für eine Essensbestellung aufstehen zu müssen. Wenn wir uns zufällig in Selbstbedienungslokale verirrten, musste entweder ich das Essen holen oder es gab Streit, oder wir mussten das Lokal wechseln und es gab Streit.

Ganz unten auf der Karte sah ich winzig klein gedruckt den Vermerk, das Essen wäre im Lokal an der Bar zu bestellen. Um Streit zu vermeiden, denn Streit war besonders unangenehm in der Einöde, stand ich auf und ging in das Restaurant. Drinnen waren weitere Plastiktische mit karierten Plastiktüchern. Hinter einer Plastikbar stand ein echter Kellner oder Fastfoodzubereiter. Über ihm war die Fastfoodleuchttafel angebracht, die alle Speisen auch mit Bild bewarb, für die Analphabeten oder um sich gleich vorher den Appetit zu verderben. Abgebildet waren nicht wie bei den Ketten hübsch hergerichtetes und angemaltes Essen, sondern schlechte, in künstlichem Licht geschossene Fotos von den echten Speisen. Die Farbverschiebung ließ alle abgebildeten Speisen schon einige Tage alt aussehen.

Auf die Tortilla-Wraps musste ich warten, sie wurden nicht hinaus gebracht. Der Fastfoodzusammensetzer setzte sie aus in Plastikgefäßen gelagerten Einzelteilen zusammen. An der Bar saß ein einsamer Biertrinker und starrte die nur bedingt appetitlichen Bilder an.

Amerikaner schienen gerne ihren Alkohol zu sich zu nehmen während sie eine Wand ansahen. In manchen Trinklokalitäten saßen vier oder fünf Männer am Tresen aufgefädelt und stierten abwechselnd ins Leere und in ihren Drink. Kein einziges Wort sagten sie dabei. Sie schienen sture Kampftrinker zu sein, die sich keinesfalls durch Konversation von ihrer erfüllenden Tätigkeit ablenken lassen wollten.

Nach langem Auf-den-Tresen-Trommeln und den Trinker-beim-Stieren-Anstieren war der Fastfood-Wrap endlich fertig gewickelt. Der Trinker begnügte sich mit dem Trinken. Er wartete nicht auf schnelle Speisen. Warum er das tat, wusste ich nicht. Selbst an diesem öden Ort musste es die Trinklust stärker anregende Lokalitäten geben als diese neonbeleuchtete Plastikbar.

Das Bier bekam ich im Pappbecher mit. Ein praktischer Getränkehalter aus Papiermaché war auch dabei. Teller und Besteck gab es nicht. Es war wohl auch zu viel verlangt, in einer Wellblechbaracke an der Autobahn Großmutters Küche mit allem dazugehörigen Flair zu fordern. Aber diese Drive-Through Atmosphäre als Fußgänger mitmachen zu müssen, ging doch etwas weit.

Ich balancierte Speis und Trank ins Freie. Michael hatte die Hände um den Körper geschlungen. „Es ist ziemlich frisch hier. Wie sieht es denn drinnen aus?“

„Nicht gar so einladend. Dort darf man auch nicht rauchen.“

Eigentlich war es ziemlich erstaunlich, dass man im Paradeland des Rauchverpönens doch an relativ vielen Orten rauchen konnte. Beinahe überall gab es Raucherzonen. Da wir als Nichtkenner dachten, wir würden an den meisten Orten als Raucher öffentlich an den Pranger gestellt, hatten wir schon einige Male zur Sicherheit vorgeraucht, bis wir blau im Gesicht waren. Jedes Mal war aber das Rauchen irgendwo erlaubt gewesen. Und das nutzten wir auch zur Genüge aus, vor lauter Freude sogar stärker als sonst, zur Feier der guten Gelegenheit sozusagen.

Die einzigen Probleme gab es ausgerechnet an den Flughäfen, wo die internationalen Raucher ankamen und abflogen. Die meisten Flughäfen hatten unabhängig von ihrer Größe eine einzige Raucherzone. Nichtsahnend passierte nun der starke Raucher alle Sicherheitschecks, und das noch einige Stunden zu früh, weil das Reisebüro es so von ihm gewollt hatte, nur um zu merken, dass er bereits am Rauchstützpunkt vorbei war und sich somit jede Chance auf eine Zigarette vertan hatte. Die nächste würde er in Europa ungefähr zwölf Stunden später konsumieren dürfen.

Selbst wenn er, schon vorgewarnt, die Raucherecke fand, musste das noch lange nicht bedeuten, dass er unbeschwert eine Zigarette genießen durfte. Es gab Flughäfen, in denen der einzige Raucherplatz die Hälfte einer kleinen Cocktailbar war. Wollte man kein Getränk zu sich nehmen oder hatte man seine letzten Dollars ausgegeben, waren die Chancen auf eine Zigarette bereits gesunken. Hatte man noch Geld und auch eine Trinklaune, war noch nicht garantiert, dass man einen Platz in der Bar bekam, denn Raucher gab es viele. Im Wesentlichen konnte man nur auf nette Leute hoffen, die einen Platz in der Raucherecke der Bar ergattert und dazu noch die außerordentliche Güte hatten, den Aschenbecher herumzureichen. Bei solchen guten Menschen bildete sich jeweils eine Traube von Rauchern, die sich um die besten Plätze beinahe prügelten.

Wenn nun ein Raucher dieses unwürdige Spektakel nicht mitmachen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als an grimmig dreinschauendem Personal vorbei wieder durch die Sicherheitszonen und die Passkontrolle hindurch vor dem Flughafen ins Freie zu gehen. Erschöpft von dem Aufwand, den er treiben musste, aber glücklich wegen seiner wiedererlangten Rauchfreiheit, zündete sich der Raucher nun genüsslich seine erste Zigarette seit langer Zeit an. Hatte der Raucher Pech, kam sogleich ein Flughafenbediensteter angerannt und sagte ihm höflich aber bestimmt, das Rauchen wäre hier nicht erlaubt, sonder nur an einer einzigen Stelle vor dem Flughafengebäude. Unglücklicherweise war diese Stelle genau auf der anderen Seite des Flughafens und deshalb zu Fuß nicht mehr zu erreichen, bevor man sich beim Flugzeug einzufinden hatte. Alle Bitten um eine winzige Ausnahme, weil man sich doch im Freien befand und das noch dazu an einer Stelle, die nun wirklich nicht von vielen als Naherholungsgebiet genutzt wurde, wurden natürlich mit eiserner Miene niedergeschmettert. Vorschrift war nun einmal Vorschrift, da war es einerlei, ob sie sinnvoll war oder nicht. Man konnte nur hoffen, dass aufgebachte Raucher nicht genau wegen solchen Regeln sich einmal ins Unglück stürzen.

Nicht nur fremde, schon auf dem Flughafen den todbringenden blauen Dunst erzeugende Rauchsünder überzogen das Land, auch die Einheimischen rauchten. Man konnte sogar besonders viele von ihnen beobachten, weil sie in Ermangelung von gemütlichen Plätzen oder Nischen dazu gezwungen waren, auf der Straße zu rauchen. Und sie taten das ganz ungeniert, als hätte es nie die College- und sonstige Lifestyleserien gegeben, in denen Zigaretten verpönter schienen als Kokain.

Das war auch eines jener Dinge, die mich am stärksten schockierten beim Durchqueren der Vereinigten Staaten. Ich meinte nicht das öffentliche Rauchen oder der vergleichsweise harmlose Umgang mit Drogen, sondern der Gesamteindruck, den das Land auf mich machte. Zu Hause hatte man schon so viele amerikanische Filme und Serien gesehen, man meinte fast, man wäre schon hier gewesen oder hätte sich zumindest bereits mit dem Land vertraut gemacht. Überraschungen, so glaubte ich, würde ich als normaler Tourist nicht erleben.

Ich hatte mir riesige Einkaufszentren an jeder Ecke vorgestellt, gesundheitsfanatische Menschen ohne Körperbehaarung, mit der einen oder anderen zum Ausgleich eingestreuten fetten Person, und Prosperität gepaart mit Weltoffenheit. Mit einem Wort stellte ich mir alles irgendwie größer und bunter vor als bei uns. Natürlich war dies eine äußerst naive Vorstellung, wahrscheinlich noch als hartnäckiges Überbleibsel des kalten Krieges, wo es in der Vorstellung des Ostblocks gar keine Farben gab, alle Kinder immer mit rußverschmierten Gesichtern herumliefen und die Sonne durch die Smogschwaden selbst im Sommer niemals zu sehen war.

Was ich tatsächlich vorfand, waren Armut, Vorurteile und Bigotterie. Wo wir uns gerade befanden, war das Land unwirtlich und leer. Wenn jemand hier lebte war das oft in Wohnwagenparks. Die fahrbaren Häuser sahen alt und verkommen aus, die Leute wie gestrandet, weil ihr Heim einen Umzug nicht mehr mitmachte. Das einzige äußerlich zu erkennende Merkmal, das diese Siedlungen von afrikanischen Pendants unterschied, war eine Satellitenschüssel, die etwas Welt in die Armseligkeit bringen sollte.

Etwas besser situierte Menschen hatten keine Räder mehr an ihren Häusern. Das bedeutete noch lange nicht reduzierte Mobilität. Die Häuser waren immer noch klein, leicht und nicht wirklich mit dem Grund verwurzelt, auf dem sie standen. Man lud sie einfach auf ein Lastauto und nahm sie bei einem Umzug mit. Vermutlich konnte man das Haus auch einpacken, wenn man einige Tage zu Verwandten zu Besuch fuhr.

Ob im ganzen Land Fundamente oder wahlweise Keller bereitstanden für diese Häuser oder ob man sie auf die nackte Erde stellen musste, wusste ich nicht. Vielleicht schwankten die Häuser hin und her, wenn der Grund nicht eben war, wie ein Tisch mit einem zu kurzem Bein.

Der Tisch, zu dem ich nun mein Essen trug, war auch nicht ganz gerade. Michael hatte den Kragen seiner Jacke aufgestellt, um sich vor dem Wind zu schützen.

„Schmeckt auch nicht so wahnsinnig toll“, sagte Michael, nachdem er den ersten Bissen genommen hatte.

„Der selbe quatschige Scheiß wie in den Fastfood-Buden“, musste ich nach der Erstverkostung auch zugeben, „Eigentlich merkt man dem hier gar nicht so recht an, dass es mexikanisch ist.“

„Das wäre noch das Wenigste. Hier ist es nicht einmal so gemütlich wie in der durchschnittlichen Fastfood-Bude. Aber was soll’s, was will man sich hier schon erwarten.“

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Tortilla-Wrap an der Landstraße

  1. idontneedtoneedyou schreibt:

    Das ganze soziale Desaster, das du beschreibst, ist nur möglich, weil in den USA viele Leute geradezu religiös irrationalerweise an die Heilsversprechen des Kapitalismus (jeder kann reich werden) glauben und dadurch das System stützen. Weshalb dieser Irrglaube weniger abstrus als der an die Heilsversprechen der Religionen oder des Kommunismus sein soll, muss mir mal jemand erklären.

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