Abschnitte

Katharina erkrankte mit drei Jahren an Leukämie. Nach der Chemotherapie wurden ihre Leukozyten in der Erhaltungstherapie eineinhalb Jahre lang künstlich niedrig gehalten. Das heißt, ihr Immunsystem bot ihr sehr wenig Schutz vor Infektionen. Deshalb hielten es mein Mann und ich für sicherer, sie in dieser Zeit zu Hause zu lassen. Katharina durfte also nur ein Jahr lang den Kindergarten besuchen.

In diesem Jahr ging sie jeden Tag gerne in den Kindergarten. Sie freundete sich mit drei Mädchen dort an. Mit denen schnattert sie den ganzen Vormittag. Manchmal kichert sie mit ihren Freundinnen, bis alle am Boden rollen. Buben findet sie blöd, obwohl sie zu Hause gerne mit ihrem Bruder spielt.

Vor jedem Ausflug ist sie aufgeregt und fragt schon Tage vorher, wann es endlich so weit ist. Wenn sie ein Geschenk bastelt für Weihnachten, Ostern oder Muttertag, bekommt sie mittags ganz rote Ohren, weil sie solche Mühe hat, das große Geheimnis für sich zu behalten.

Bis vor kurzem hatte Katharina noch Probleme, sich zu lösen. Nicht unbedingt von mir. Sie wollte entweder mich, die Kindergärtnerin oder eine Freundin bei sich haben. Deshalb musste ich sie jeden Morgen in das Kindergartengebäude begleiten und warten, bis sie umgezogen war und die Kindergärtnerin sie in Empfang genommen hatte.

Vor ein paar Wochen aber gab sich Katharina einen Ruck. Von einem Tag auf den anderen deklamierte sie, ab nun wolle sie alleine vom Parkplatz in das Kindergartenhaus gehen. Das ist jetzt eines meiner schönsten Rituale des Tages.

Bevor ich mit dem Auto auf dem Parkplatz stehen bleibe, sehe ich mit einem kleinen Seitenblick, wie sich Katharina konzentriert und noch einmal tief durchatmet. Ganz still und ernst wird sie. Kaum steht das Auto, will sie schon die Türe öffnen. Ich muss sie noch an den Abschiedskuss erinnern. Den haucht sie mir nur ganz flüchtig auf die Wange, in Wirklichkeit ist sie schon woanders.

Sie öffnet die Autotür, steigt hinaus und holt ihren Kindergartenrucksack, den sie nicht umhängt, sondern lässig über den Boden schleifen lässt. Mit einem letzten schelmischen Blick schlägt sie die Autotür zu, dass es nur so kracht.

Dann läuft sie los. Ihr Röckchen – wenn es heiß ist, macht sie sich immer schön – schwingt um ihre Hüften und ihre dünnen Beinchen trippeln über den Kiesweg, noch ein kleines bisschen unkoordiniert, aber dennoch entschlossen. Die letzten Löckchen, die sie noch hat, weil ihre Haare schon so lang und schwer geworden sind, schaukeln um ihre Schultern. Man sieht, wie stolz sie auf sich selbst ist. Ich schaue ihr nach, bis sie hinter der Hecke verschwunden ist.

Es ist beinahe peinlich, aber diese Szene rührt mich jeden Tag. Meine Kleine ist nicht nur gesund genug für den Kindergarten, sondern jetzt auch schon groß genug, um sich von mir zu lösen und selbstständig in ihre eigene kleine Welt hinüberzugehen. Ich bin auch stolz auf sie.

Ein bisschen wehmütig wird mir schon zumute, wenn ich daran denke, dass ich diese Szene nur noch ganz selten erleben darf. Die Ferien beginnen bald, dann kommt Katharina in die Schule. Ein neuer Abschnitt beginnt. Anna wird dann das Gymnasium in der Nachbarstadt besuchen. Auch hier beginnt ein neuer Abschnitt, ein alter ist abgeschlossen. So werde ich mich weitertasten von Abschnitt zu Abschnitt und hoffen, dass alle Abschnitte so gut verlaufen wie dieser.

Aber morgen noch und übermorgen und nächste Woche schaue ich ihr noch nach, wie sie in den Kindergarten geht.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Abschnitte

  1. Schluchz, jetzt habe ich gerade ein Tränchen verdrückt. Es dauert so lange, bis man die Kinder aus dem Gröbsten herausgebracht hat, und gleichzeitig vergeht die Zeit wieder so schnell, wenn irgendjemand versteht, was ich meine

    • Karin Koller schreibt:

      Ich muss mich manchmal zurückhalten, weil ich die Zeit ankurbeln will und danach werde ich nostalgisch. Ich bin immer froh um Erlebnisse wie dieses in der Geschichte beschriebene, bei denen ich im Augenblick merke, was ich habe.

  2. AH schreibt:

    Ein schöner Text, man sollte solche Augenblicke viel öfter festhalten, auch, um sich daran zu orientieren, wenn es mal nicht so läuft

  3. ClaudiaR schreibt:

    Sehr schön gesagt, und ganz ohne Kitsch. Ich habe gestern ein ukrainisches Pärchen im ZDF gesehen, die zur Euro und den Auswirkungen auf ihr Land und ihr Leben befragt wurden, und die sagten: „Es war wunderschön, und die Erinnerung daran wird uns über viele schweren Zeiten, die sicher kommen werden, hinweghelfen.“

    So muss man sich einen Erinnerungsvorrat anlegen, von dem man später zehren kann, finde ich.

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