Songs: John Cale, Andalucia

Im Sommer 1990 fuhr ich mit einer Freundin vier Wochen lang per Interrail durch Spanien. Wir besuchten eine Bekannte in Barcelona, sahen uns Valencia an und wollten dann nach Cordoba. Es war meine erste Interrail-Reise. Alles war aufregend. Die Zugfahrten. Die schäbigen Hotels, die wir uns gerade so leisten konnten. Käse und Brot im Park, damit wir Geld für ein abendliches Bier oder zwei übrig hatten. Die Sehenswürdigkeiten. Die Kultur. Die Selbstbestimmtheit. Die Freiheit.

Wir warteten am Bahnhof von Valencia. Es war Nacht. Der Zug sollte um Mitternacht abfahren. Ich hatte den Walkman dabei und hörte ACDC und The Doors. Das versetzte mich in die Stimmung, die man braucht, wenn man bei 35° Hitze in der Nacht auf einem überfüllten Bahnhof auf einen verspäteten Zug wartet.

Vier Dosen Bier hatten wir dabei. Der Zug kam mit einer Stunde Verspätung an. Er war zum Bersten voll. Wir quetschten uns so gut es ging hinein. Am Gang, zwischen Rucksäcken und jungen Menschen, die so wie wir unterwegs waren, tranken wir unser Bier. Die anderen tranken auch. Ein junger Mann hatte Knabbergebäck dabei und verteilte es großzügig.

Als das Bier aus war, wurden wir müde. Es gab weit und breit keinen Sitzplatz. Im nächsten Waggon war wenigstens der Gang frei. Meine Freundin legte sich auf den Boden, vorsichtig die Bierpfützen umgehend, benutzte ihren Rucksack als Polster und schlief sofort ein. Ich versuchte das auch. Aber ein bisschen grauste ich mich schon. Nach einer halben Stunde etwa blieb der Zug ruckartig stehen. Jemand hatte die Notbremse gezogen. Aufgeregt liefen der Schaffner und einige andere Eisenbahnangestellte durch unseren Waggon. Sie stolperten über meine Freundin. Sie schlief einfach weiter. Ich konnte nicht mehr schlafen, stand auf und ging im Gang auf und ab.

In den Abteilen lagen junge Menschen wie Ölsardinen auf den ausgezogenen Sitzen. Alle schliefen. Bis auf einen. Er stand auf, stieg über die Schlafenden und kam zu mir auf den Gang. Er war riesig. Sicher zwei Meter groß. Älter als ich, etwa 25. Wir unterhielten uns ein bisschen. Er hatte ein Bier übrig, das er mit mir teilte. Er sprach nur schlecht Englisch. In seinem Walkman hatte er eine Kassette von Tom Waits eingelegt. Gemeinsam hörten wir sie an. Wir lehnten uns aneinander, weil wir müde waren und es sich gut anfühlte, einen anderen Körper zu spüren.

Wir schauten aus dem Fenster. Die Sonne ging gerade auf. Der Zug fuhr an sanften Hügeln entlang, die mit niedrigem Buschwerk bewachsen waren. Auf einigen von ihnen wuchs ein einsamer Olivenbaum. Die Landschaft war in orangerosa Licht getaucht. Sie sah warm und einladend aus. Es war eine der schönsten Aussichten, die ich je gesehen habe. Der Kontrast zu dem schmutzigen, stinkenden Zug, meine Müdigkeit und der fremde Mann taten das Übrige.

Am liebsten wäre ich ausgestiegen und auf einen dieser Hügel gewandert. Ich hätte mich unter den Olivenbaum gelegt und geschlafen. Stattdessen staunten wir einige Minuten, bis die Sonne ganz aufgegangen und der Zauber des Lichts verflogen war. Dann gingen wir ins Abteil, kuschelten uns aneinander, hörten Musik und schliefen ein. Ich habe nicht nach seinem Namen gefragt.

Immer wenn ich Andalucia von John Cale höre, denke ich an diese Reise, sehe das Bild von Andalusien im Sonnenaufgang vor mir und wünsche mir, noch einmal dorthin zurückzufahren.

http://www.youtube.com/watch?v=r7iLFuapeY8

Andalucia when can I see you
When it is snowing out again
Farmer John wants you
Louder and softer closer and dearer
Then again
Needing you taking you keeping you leaving you
In a year and a day to be sure
That your face doesn’t alter
Your words never falter — I love you

Hoping the night will go away
Andalucia Castles and Christians
Andalucia come to stay
You were lost, once before, on
a day much like this
When you’d made up your mind not to come
And I couldn’t persuade you
Or wait till tomorrow — or pass the time

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Songs: John Cale, Andalucia

  1. Annalena schreibt:

    Lieblingslied auf einer Lieblingsplatte. Groß.

  2. SevRa schreibt:

    Schöner Artikel, ich glaube Interrail war zumindest für meine Generation und die davor und danach ein ganz wichtiger Beitrag zur Zusammenführung Europas, weil es ermöglichte, Massen von Jugendlichen billig andere Länder zu sehen, selbständig zu reisen, und neue Erfahrungen in ungewohntem Umfeld zu machen. Ein Beispiel dafür, wieviel unscheinbare Sachen dazu beitragen können, die Mauern in den Köpfen einzureissen

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