Die Prüfung

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 28

Bei der Führerscheinprüfung saß ich ganz nervös zwischen lauter zitternden Siebzehnjährigen, die Horrorgeschichten von bereits Durchgefallenen erzählten. Einige ihrer Freunde waren schon beim theoretischen Teil gescheitert. Der war für mich kein Problem gewesen, theoretisch wusste ich wohl, was man auf der Straße zu tun und zu lassen hatte. Für den praktischen Teil rechnete ich mir wenige Chancen aus. Ich hatte nicht die Nerven gehabt, ordentlich Fahren zu üben und die Praxis stimmte nur allzu selten mit der Theorie überein.

Um mir Mut zu machen sagte ich mir immer wieder, auch Dümmere und Ungeschicktere als ich hätten es geschafft, diese Prüfung zu bestehen. Auch wenn mich die nach dem Autofahren lechzenden und bereits in ihren Übungswägen fast perfekt dahinflitzenden Kids auslachen sollten, so würde ich doch langsam und bedacht die Prüfungsstrecke abfahren und alles würde schon klappen. Das ließ mich dann wieder etwas ruhiger werden, zumindest bis ich an der Reihe war. All die unterdrückte Nervosität brach dann wieder hervor.

Zuerst war das Einparken dran. Rückwärts. Und seitlich. Uns Prüflingen wurde gesagt, dies war eine der entscheidenden Übungen. Wenn das Parken nicht glückte, würde man gar nicht zum Fahren zugelassen werden. Gerüchte hatten sich hartnäckig gehalten, dass die Prüfung gleich vorbei wäre, wenn das Auto nicht mit einem Schwung in eine perfekt parallele Linie in der Mitte der vorgesehenen Parklücke platziert wurde. Rückwärts einparken war schon in der Vorbereitung immer ein Glücksspiel gewesen. Manchmal schaffte ich es dreimal hintereinander, manchmal die gesamte Fahrstunde nie. Auch konnte ich im Gegensatz zu routinierten Autofahrern immer erst feststellen, ob ich mich tatsächlich in der Parklücke befand, wenn ich ausstieg und einmal um das Auto herumging.

Bei der Prüfung fuhr ich dann tuckernd wie ein Traktor, mit immer beinahe absterbenden Motor in die für mich bestimmte Lücke hinein. Einen zweiten Anlauf, um richtig wasserwaagenparallel zum Bürgersteig zum Stehen zu kommen, brauchte ich nicht, da ich schon nach dem ersten Einfahren keine Ahnung hatte, ob ich mich in halbwegs tolerierbaren Prüfungsparklimiten befand. Natürlich konnte ich nicht nachsehen oder auch nur fragen: „Bin ich drin?“, denn das hätte ja gezeigt, dass ich weder Ahnung vom Parken noch Fahrgefühl besaß. Ich konnte nur hoffen, nicht an einen sadistischen Prüfer geraten zu sein, der mich die gesamte Prüfung absolvieren ließ, obwohl er schon nach dem Parken beschlossen hatte, mich wegen Unfähigkeit nicht bestehen zu lassen.

Immerhin durfte ich weiterfahren. Vor Aufregung machte ich mehr Fehler als in den Anfängen meiner Fahrschülermisere, aber wenigstens waren das nur Ungeschicklichkeiten, die Leib und Leben keineswegs gefährdeten, sondern höchstens den Verkehr ein wenig aufhielten. Zwanzig Minuten ruckelte ich herum, bremste viel zu abrupt und bog immer erst bei der dritten sich bietenden Gelegenheit links ab, weil mich der Gegenverkehr noch stärker als sonst verunsicherte. Dabei zitterte mir der Fuß so stark, dass ich kaum die Kupplung gedrückt halten konnte.

Zwischenzeitlich erwähnte mein Fahrlehrer meine vor kurzem bestandene Promotionsprüfung, was mich vor lauter Peinlichkeit gleich noch schlechter fahren ließ. Ich bildete mir nämlich ein, nun noch weniger Chancen zu haben, die Prüfung zu bestehen. Denn unerfahrenen Achtzehnjährigen würde man sicher verzeihen, wenn sie es nicht fertig brächten, die einfachsten für das Autofahren erforderlichen Konzentrations- und Koordinationsaufgaben zu bewältigen.
Universitätsabsolventen, die jahrelang darauf hingearbeitet hatten, die schwersten Aufgaben durch punktgenaues Fokussieren aller Konzentrationsstränge zu bewältigen, würde man bestimmt nicht verzeihen, wenn sie solche Dinge taten, wie für einen winzigen Augenblick den Scheibenwischer einzuschalten, wenn sie eigentlich den Blinker betätigen wollten. Panisch malte ich mir schon die dazugehörige Predigt des Fahrprüfers aus. Worte wie „unwürdig“ würden vorkommen, genauso wie „früher waren Akademiker noch ein Vorbild für die Gesellschaft“, vielleicht sogar das eine oder andere „Schande“ und dann zum krönenden Abschluss unweigerlich „für was hat man Sie denn studieren lassen“. Ganz so, als ob man an der Universität gegen die todbringenden Gefahren des Straßenverkehrs abgehärtet würde.

Aber es kam dann doch alles ganz anders. Der Prüfer interpretierte wohl mein schon fortgeschrittenes Alter und den zumindest nominell sehr hohen Bildungsgrad in Relation zu meinen Fahrkünsten genau gegenteilig zu meinen schlimmen Befürchtungen. Es schien einer jener Menschen zu sein, die nicht alles Unheil dieser Welt auf fehlendes Können von Akademikern schoben, sondern jenen, selbst bei derart deutlichen Beweisen der Unfähigkeit, wie ich sie gerade geliefert hatte, alles und jedes zutrauten. Versagen wurde höchstens als vorübergehende Unpässlichkeit, als temporäre Unfähigkeit, sich zu gewohnter Leistung hochzuschwingen, interpretiert.

Nachdem ich endlich schweißgebadet den Autoschlüssel aus dem Schloss gezogen hatte, sagte der Prüfer nur: „Ich bin mir ganz sicher, dass Sie normalerweise viel besser fahren.“ Natürlich nickte ich sofort in unterwürfig eifriger Manier, um den Eindruck eines üblicherweise sicheren Autofahrers zu erwecken.

„Deshalb habe ich Sie bestehen lassen.“ Er reichte mir das unterschriebene Zertifikat.

Nach der Prüfung war ich selig. Nie mehr musste ich die Ängste und Qualen einer Führerscheinprüfung über mich ergehen lassen. Tatsächlich hatte ich mich irgendwie zum qualifizierten Autofahrer hochgemogelt. Das hätte sicher nicht funktioniert, wenn ich ein achtzehnjähriges Kind gewesen wäre. Niemand hätte mir größere Fähigkeiten zugetraut, als ich tatsächlich zeigte und, was in diesem Falle noch ausschlaggebender war, als ich tatsächlich hatte.

Sonst konnte ich es überhaupt nicht leiden, wenn Leute versuchten, die Unterwürfigkeit oder falschen Vorstellungen mancher Österreicher auszunutzen und Vorteile aus ihrem Titel zu ziehen. Was hatte ich mich bereits aufgeregt in diversen Wursthandlungen, wo die Wurstverkäuferinnen aufgetakelte alte Damen anzirpten: „Darf’s noch a bisserl ein Schinkerl sein, gnä‘ Frau Doktor. Heut geb ich Ihnen das schönste Stückerl, Frau Doktor“, nur um sich, nachdem die gnä‘ Frau den Laden verlassen hatte, bei dem Anblick von einem gemeinen titellosen Arbeiter wieder zu einer unfreundliche Bulldogge zu verwandeln und mit einer mindestens eine Oktave tieferen Stimme zu bellen: „Wos derf’s sein?“

Und nun genoss ich wesentlich größere Bevorzugungen als ein läppisches handerlesenes Wurstrad stillschweigend. Ich ließ den Gerechtigkeitssinn gegenüber allen anderen unfähigen Autofahren gar nicht erst aufkommen, ging nicht sogleich zum Prüfer und sagte: „Oh, nein, ich weiß, dass ich es nicht wert bin, den rosa Schein geschenkt zu bekommen“, und so weiter. Ich dachte lediglich, wem wäre denn geholfen, wenn ich mich zur absoluten Ehrlichkeit und Zerschmetterung der eben erhaltenen Privilegien aufraffte? Niemanden. Wem würde ich schaden, wenn ich es nicht täte? Niemanden, solange ich unfallfrei blieb.

Trotz allem ging ich stolz und glücklich nach Hause. Endlich hatte ich mir den so stark gefürchteten rosa Schein erkämpft. Nun war ich nicht mehr eines dieser uralten Fossile und Kuriositäten der westlichen Welt, die nach dem Alter von achtzehn noch keine Berechtigung zum motorisierten Fahren hatten. Nun musste ich keine ungläubigen Blicke der hiesigen Landbevölkerung über mich ergehen lassen, wenn ich zugab, kein Auto und noch schlimmer keinen Führerschein zu haben. Nun konnte meine aufstrebende Karriere beginnen, denn nun konnte ich sogar einen möglichen Arbeitsplatz aus eigener Kraft erreichen. Nur eben mein Bewerbungsgespräch am nächsten Morgen noch nicht, da die Behörden noch einige Tage brauchten, um den Schein ordnungsgemäß mit meinen Daten und Fakten, sowie mit Stempelmarken und Stempeln zu versehen.

Glücklicherweise hatte sich Michael bereiterklärt, mich hinzukutschieren. Das wäre mir auch sehr recht gewesen, wenn ich den Schein schon besessen hätte. bestimmt wäre ich schweißgebadet mit drei neuen Beulen am Auto und Stunden zu spät angekommen. Und das hätte wohl keinen besonders guten Eindruck gemacht.

Als Michael nach Hause kam, gratulierte er mir natürlich sofort und sagte: „jetzt darf mein kleines Mädchen wohl auch schon mit dem Auto fahren. Ich habe eine kleine Überraschung für dich. Du kriegst sie aber erst in ein paar Wochen.“

Geschenke und Überraschungen hatte ich immer gern. Ein wenig verwunderte es mich, dass Michael mir ausgerechnet zu dieser Prüfung ein Geschenk machen wollte. Immer hatte er gesagt, ich solle doch kein solches Aufhebens um die ganze Sache machen, jeder Idiot könne doch autofahren.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Die Prüfung

  1. Rupert schreibt:

    Irgendwie süß, wie Frauen aus der doofen Führerscheinprüfung immer so eine Mordssache machen, ich konnte dass schon bei meiner Freundin und meiner Schwester nicht rational nachvollziehen, wie nervös die waren und was sie sich alles ausmalten…..

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