Bewerbungsgespräch

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 29

Ich hatte gar nicht so recht Zeit und Muße, darüber nachzudenken, was das wohl sein könnte. Zu sehr war ich noch zwischen den eben bestandenen Triumphen und den bevorstehenden Aufgaben hin und hergerissen, besonders weil ich keine Vorstellung davon hatte, was mich bei einem Bewerbungsgespräch erwarten würde.

Absichtlich hatte ich weder an einem dieser so häufig angebotenen Bewerbungsseminare teilgenommen noch hatte ich mir einen Bewerbungsratgeber gekauft. Immer hatte ich mir gedacht, die Jobausschreiber würden doch sicher nicht die abgedroschenen Pfade dieser einschlägigen Quellen nachtrampeln. Oder zumindest, wenn sie es doch täten, würden sie alle ausscheiden lassen, die diese vorgefertigten, abgelutschten Antworten gaben. Frische Ehrlichkeit würde viel zielführender sein, hatte ich mir damals ausgerechnet. Nun hatte ich das Gefühl, es wäre bestimmt nicht so schlecht gewesen, zumindest zu wissen, welche Pfade man nicht einschlagen durfte. Zu ändern war das aber nicht mehr und ich musste mit dem arbeiten, das mir zur Verfügung stand und darauf vertrauen, dass es sich um mehr handelte als um heilige Einfalt.

Das Gespräch begann um neun Uhr morgens Das war sehr günstig, denn bei all den Vorbereitungen, die zu treffen waren, wie adrett Kleiden, adrett Schminken, Wechseln der Kleider und Schminke zur Neudefinition des Typus, blieb kaum Zeit für beängstigende Gedanken. Als ich aber dann geschniegelt im Auto saß, war mir schon ein wenig komisch zumute. Ich hätte doch weniger Zeit damit verbringen sollen, mein Kartenorakel über den Ausgang des Gesprächs zu befragen. Stattdessen wäre es durchaus sinnvoller gewesen, sich darüber zu informieren, was denn ein Produktmanager so den ganzen Tag tat. Halbherzig hatte ich einige Leute gefragt, von denen ich annahm, sie würden so etwas wissen. Aber alle Antworten waren nur schwammig diffus und ließen mich nicht nur mit einer äußerst wagen Vermutung über meinen etwaigen Aufgabenbereich sondern gar ein wenig verzagt über meine Unfähigkeit, selbst solche grundlegenden Dinge herausfinden zu können.

So rauchte ich während der Fahrt eine Zigarette nach der anderen und ärgerte mich über meinen Hosenanzug, weil er nicht saugfähig genug war, um meine feuchtschwitzigen Finger effizient zu trocknen. Michael tat sein bestes, konnte mir aber die Nervosität nicht ganz nehmen.

Glücklicherweise kamen wir etwas zu früh an. Das gab mir Zeit, mich ein wenig auszulüften. Käme ich nämlich wie ein alter Aschenbecher stinkend zu dem Gespräch, wären bestimmt schon alle Chancen vertan.

Pünktlich ging ich auf die Firma zu. Um hineinzukommen musste eine Klingel gedrückt werden. Was sollte ich denn sagen, wenn sich jemand meldete? Machte man einen besseren Eindruck, wenn man seinen Vor- und Nachnamen nannte? Meldete man sich mit „Hier spricht…“ oder besser mit „Mein Name ist…“? Das waren alles Dinge, die ich mir durchaus vorher hätte überlegen können. Aber nein, in dem Wahn, unvoreingenommen, frisch und motiviert zu einem Gespräch zu kommen, hatte ich mir nicht einmal auf Grundlegendes vorbereitet. Natürlich machte mich das nervös und das trug nicht gerade zur so stark erhofften Frische und Motivation bei.

Und doch schaffte ich es irgendwie, irgendwas daherzustammeln, als sich bei der Firmengegensprechanlage jemand meldete. Ich gelangte in einen kleinen Vorraum, in dem ich erst einmal warten musste, ganz allein. Der Schweiß lief mir in den Händen zusammen. So sehr ich mich auch bemühte, ich schien meine Pfoten nicht trocken zu bekommen. Den ersten Eindruck würde ich mir mit solchen Schweißpaddeln gründlich verderben. Wie konnte ich denn glaubhaft machen, dass ich fähig war, alle sicher sehr verantwortungsvollen Tätigkeiten eines Produktmanagers ganz souverän lösen zu können, wenn ich mich nicht einmal schweißfrei vorstellen konnte. Manche Berufsgruppen durften schwitzen. Buchhalter in ihren Kämmerlein, Holzarbeiter oder der Mann in der Coca-Cola Werbung. Vielleicht wäre es für manche von ihnen nicht gerade förderlich, an den Händen zu schwitzen, aber man würde ihnen diesen Schönheitsfehler durchaus wohlwollend verzeihen.

Da ich keiner dieser Berufsgruppen angehörte, musste ich mir auf die Schnelle überlegen, wie ich es denn anstellen konnte, das Händeschütteln zu vermeiden. Vielleicht würde es besonders souverän aussehen, wenn ich von der entferntesten Ecke des Raumes lässig winkte. Dankbar für den Einfall stellte ich mich möglichst weit weg von der Tür. Aber selbst bei fröhlichem Winken könnte es dennoch sein, dass mir der Händedruck nicht erspart bliebe. Besser wäre es vermutlich, wenn ich beide Hände voll hätte und dann mit einem sonoren Kopfnicken überzeugen könnte. Was konnte ich denn in den Händen tragen? Ich durchsuchte meine Aktentasche, aber es fand sich nichts, das nicht furchtbar ungeschickt und unorganisiert ausgesehen hätte.

Der Händedruck war wohl schon für viele dieser Prüfer von Arbeitssuchenden ein wichtiges Auswahlkriterium. Er musste entschlossen fest sein, ohne knochenbrecherisch oder klammernd zu wirken. Er durfte niemals schlaff sein, denn das ließe auf einen lauen Charakter schließen. Für welche Form des Händedrucks man sich auch entschied, welche Aussage man auch immer treffen wollte, niemals und unter keinen Umständen durfte er feucht sein.

Also musste ich auf Trocknungstaktiken zurückgreifen. Meine Bluse war nur marginal saugfähiger als mein Anzug. Die Socken hätten die optimale Saugfähigkeit gehabt, sie boten aber eine viel zu geringe Abwischfläche. Außerdem wollte ich nicht unbedingt mit dem Kopf zwischen den Knien und den Händen an den Füßen vorgefunden werden. Meine Baumwollunterhose war aus den selben Gründen keine Alternative. Als letzter Ausweg fiel mir die trocknende Wirkung einer kühlen Brise ein. Ich begann, sanft auf meine Handflächen zu blasen und hoffte inständig, dass in dem kleinen Besucherwartezimmer keine Kamera installiert war.

Das Trocknen verlief recht effizient und als die Türe aufging, schwenkte ich gerade die rechte Hand zum Zwecke der Resttrocknung durch die Luft. Ein relativ junger, braungebrannter Playboytyp betrat den Warteraum: „Guten Tag, Frau Koller. Sie sind doch Frau Koller? Ich bin Andreas Rössler, Leiter der Marketingabteilung. Bitte kommen Sie mit mir.“

Er wirkte relativ hektisch, als hätte er gar keine Zeit, sich mit Kinkerlitzchen wie Bewerbungsgesprächen abzugeben. Fast so als ob er auf einer Segeljacht mit einem kühlen Drink in der Hand und mit einer spärlich bekleideten Schönheit herumschippern könnte, wenn er sich nicht mit mir abgeben müsste. Ich folgte ihm in ein Sitzungszimmer.

„Können Sie mich verstehen, wenn ich so spreche?“

„Ja, natürlich“ antwortete ich etwas befremdet.

Das war so ein Phänomen mit Schweizern, hatte ich mir sagen lassen. Selbst wenn sie perfektes Hochdeutsch sprachen, hatten sie den Zwang zu fragen, ob man sie auch wirklich verstand. Bei so selbstsicher und freundlich wirkenden Leuten wie Herrn Rössler war das aber nicht die Angst, tatsächlich missverstanden zu werden, sondern schien eine Koketterie zu sein, um das Eis zu brechen.

Anfangs war das Gespräch weit weniger schlimm als ich mir das vorgestellt hatte. Rössler erzählte einiges über die Firma und über den tatsächlichen Aufgabenbereich des ausgeschriebenen Jobs. In meiner Aufregung bekam ich nur einen Bruchteil davon mit. Es war ja vermutlich auch egal, denn die würden mir schon nochmal erklären, was ich zu tun hätte, falls ich die Stelle bekommen sollte. Natürlich nickte ich immer verständnisvoll. Natürlich bejahte ich die Frage: „Trauen Sie Sich das zu?“

Doch dann zog Rössler ein Klemmbrett hervor, auf dem einige vorgedruckte Blätter befestigt waren, auf denen reichlich Platz für Anmerkungen gelassen wurde. Diese Blätter sahen ganz verdächtig nach eben jenen Vordrucken der Bewerbungsratgeber aus, die ich mit solchem Stolz boykottiert hatte.

Die ersten paar Fragen waren noch relativ normal. Es ging um berufliche Wünsche und Zielvorstellungen und ähnliche Dinge. Dann kam die erste Frage, die mich vor den Kopf stieß: „Was ist Ihre Einstellung zu Medikamenten?“ Was konnte wohl die Einstellung zu Medikamenten sein? Die nahm man, wenn man sie brauchte, und war froh, wenn man sie nicht brauchte. Irgendwie schaffte ich es, das in etwas hübscherer Form von mir zu geben.

Einige Wochen später merkte ich bei einem anderen Bewerbungsgespräch bei einem Lebensmittelproduzenten, dass diese Frage wohl tatsächlich Teil eines standardisierten Fragebogens sein musste. Dort lautete sie aber: „Was ist Ihre Einstellung zu Toastschinkenscheiben?“ Ich bin nicht sicher, ob der Interviewer Dinge hören wollte wie: „In meiner Jugend hat sich mir immer ein kulinarisches Vakuum aufgetan, bis zu dem Tag, als ich zum ersten Mal Toastschinkenscheiben entdeckte“, oder: „Schon als Kind habe ich davon geträumt, einmal im Leben mit Toastschinkenscheiben arbeiten zu dürfen.“ Stattdessen konnte ich nur ehrlicherweise sagen: „Ich habe keine Einstellung zu Toastschinkenscheiben außerhalb von Schinken-Käse-Toasts.“ Mit einiger Ironie hatte ich noch hinzugefügt, „Deshalb stehe ich Toastschinkenscheiben völlig unvoreingenommen gegenüber.“ Leider kam diese Ironie bei den humorfreien Wurstvermarktern wohl nicht so gut an, denn ich bekam den Fleischwarenjob nicht.

Schlimmer wurde es dann noch, als die esoterischen Fragen gestellt wurden, wie zum Beispiel: „Worüber haben Sie Sich gefreut, als Sie heute aufgestanden sind?“ Mit dieser Frage wollte Herr Rössler wohl herausfinden, inwieweit ich begeisterungsfähig war. Solche Fragen klangen für mich immer etwas seltsam. Fast so, als wollte man wissen, ob es in Zeiten wie diesen überhaupt noch Grund zur Freude gab. Oder ob sich der Befragte noch über die kleinen Dinge des Lebens freuen konnte, oder sich bereits der allgemeinen Abstumpfung unterworfen hatte. Wollten Menschen, die solche Fragen stellten, gerne Antworten aus dem Freizeitbereich hören, wie: „Freude hat mir heute morgen der Vogelgesang gebracht, den eine kühle Morgenbrise an mein Schlafzimmerfenster getragen hat“, oder Vergleichbares, vielleicht weniger Schmalziges? Das würde signalisieren, dass man kein Streber war, der Tag und Nacht an die Arbeit dachte. Da sich die Firma jedoch in der Schweiz befand, wo man doch immer großen Wert auf das Arbeiten, oder wie man es hier wesentlich positiver mit Schaffen bezeichnete, wäre es vielleicht günstiger, Floskeln zu dreschen wie: „Heute Morgen bin ich schon mit einer riesigen Freude erwacht, da ich heute bei Ihnen die Chance auf neue Herausforderungen in beruflicher und intellektueller Hinsicht bekomme.“

Letzteres erschien mir dann doch zu schleimig. Ich würde mittlerweile einiges dafür tun, einen Job zu bekommen, aber schleimen und kriechen sicher nicht. Da aber wenig Zeit blieb, bis ich eine Antwort geben musste, sagte ich, weil mir nichts Besseres einfallen wollte: „Ich habe mich über meinen neuen Führerschein gefreut, weil ich gestern die Prüfung bestanden habe.“

Schwerer Fehler, dachte ich sogleich. Mit dieser Antwort signalisierte ich ausschließlich Freudbereitschaft an den großen Dingen des Lebens, die gar nichts mit Arbeit zu tun hatten, und außerdem, dass ich nicht autofahren konnte. Dies disqualifizierte mich sogleich für einen verantwortungsvollen Job mit hohem Frustpotenzial. Trotzdem schien die Antwort gar nicht so schlecht angekommen zu sein, denn Rössler schaute zwar erstaunt, lächelte mich aber wohlwollend, wie mir schien, an.

Als ich das Gespräch endlich hinter mich gebracht habe, war ich schweißgebadet und mein Magen war leicht angegriffen.

„Wie ist es gelaufen?“ fragte Michael, als ich mich erschöpft auf den Beifahrersitz fallen ließ.

„Eh ganz gut.“ Doch, das stimmte auch. Ich hatte mich mit einem guten Gefühl von Rössler verabschiedet.

„Worum geht es bei dem Job?“

„Ich war so aufgeregt, ich hab’s gar nicht mitgekriegt.“

„Erzähl mal.“

Nachdem ich während der einstündigen Autofahrt das Gespräch haarklein erzählt hatte, sah Michael recht zufrieden aus: „Wirst sehen, jetzt hat die Sucherei bald ein Ende.“

Fast schon hätte ich dran glauben mögen. Jedenfalls hatte mir dieses Gespräch wieder Auftrieb gegeben. So verbrachte ich die nächsten Tage nach langer Zeit endlich wieder in guter Laune. Ich träumte von dem tollen Job und vom großen Geld. Da ich nicht wusste, wie viel ich verlangen konnte, hatte ich beim Gespräch keine Preisvorstellung aus mir herauskitzeln lassen und somit Rössler gezwungen, mir zu verraten, was er zahlen wollte. Bei dem Betrag, den er nannte, wäre ich fast vom Stuhl gekippt, denn das Gehalt war um die Hälfte mehr als die höchste Summe, von der ich zu träumen gewagt hatte. Dennoch schaffte ich es irgendwie, die Augenbrauen zusammenzukneifen und kühl lächelnd zu sagen, das wäre ganz in Ordnung für mich.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Fortsetzungsgeschichte abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Bewerbungsgespräch

  1. Katharina Löbl schreibt:

    Damned if you do and damned if you don´t; ich denke mir, ganz zynisch gesprochen, da es nicht vorhersehbar ist, ob man besser aussteigt, wenn man das sagt, was man tatsächlich denkt, oder das, was man denkt, dass der andere zu hören erwartet, ist es müssig, sich zu verstellen, dann kann man wenigstens unter Wahrung seiner Integrität scheitern

  2. stephaniebueskens schreibt:

    Bewerbungsgespräche sind – gerade wenn Headhunter tätig sind – eine Charade, bei der es im Regelfall überhaupt nicht um den Eindruck geht, den der Bewerber konkret vermittelt, sondern nur darum, den standardisierten Anforderungen so Genüge zu tun, dass sich eine Einstellung scheinobjektiv begründen lässt. Also, so traurig es ist, weiter bescheuerte Ratgeber lesen und danach handeln, weil jede Normabweichung bestraft wird

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s