Loslassen

Zur ängstlichen Mutter wurde ich, nachdem Katharina an Leukämie erkrankte (https://karinkoller.wordpress.com/2011/09/20/angstliche-mutter/ ). Es hat lange gedauert, bis ich mich dazu bringen konnte, loszulassen und nicht mehr bei jeder ihrer Tätigkeiten nur die mögliche Gefahr zu sehen. Bis ich akzeptierte, dass sie wieder ein gesundes Kind ist, das alles machen kann, was gesunde Kinder eben so tun. Sogar im Schlamm spielen und sich dann mit schmutzigen Händen einen Apfel holen.

Als Katharina sich den Arm brach, obwohl sie nur im Wohnzimmer gestolpert war (https://karinkoller.wordpress.com/2012/06/08/songs-the-beatles-a-day-in-the-life/ ), bin ich recht cool geblieben, für meine Verhältnisse jedenfalls. Ich erlaubte ihr, am Kindergartenausflug teilzunehmen und sie hat danach stolz erzählt, wie sie mit ihrer Freundin zusammen tiefer als alle anderen in den Bach gewatet ist. Den Gips habe sie einfach über den Kopf gehalten. Ich bin nicht ohnmächtig geworden bei der Schilderung (wenn ich die Szene live gesehen hätte vielleicht schon, das gebe ich zu), nicht einmal einen Schweißausbruch habe ich bekommen. Ganz schön stolz über ihren Mut war ich – und über meinen.

Nachdem man ihr den Gips abgenommen hatte, dachte ich, der Knochen sei verheilt und die Welt in Ordnung. Wir starteten sorglos in die Ferien und ab und zu dachte ich noch daran, wie sinnlos ängstlich ich früher war, gerade wenn die Kinder wild herumtollten und Spaß hatten, wie dumm das war von mir.

Dann hüpfte Katharina eines Tages auf ihrem Bett herum. Wie sie es schon tausend Mal gemacht hat. Doch diesmal fiel sie herunter. Auf den Boden. Und stützte sich mit der rechten Hand ab, um den Fall abzudämpfen. Als sie wieder aufstehen wollte, war der Arm verbogen. Diesmal gab es keinen Zweifel, dass er wieder gebrochen war.

Wir fuhren sofort ins Krankenhaus. Der Arzt, der Katharina zuerst untersuchte, beruhigte uns, es sei nur ein Grünbruch (der Knochen wäre nicht durchgebrochen), das könne man einfach geradebiegen. Ich atmete auf. Das Röntgenbild und der Chirurg sagten etwas anderes. Katharina musste operiert werden. Keine komplizierte Operation, in die Unterarmknochen musste man Drähte einziehen. Aber das bedeutete eine Vollnarkose, lange Erklärungen, warum ich nicht von ihrer Seite weichen würde, es bedeutete auch Einschleusen in den OP und Katharinas Angst und Panik (als sie damals erkrankte, fragte sie immer und immer wieder: „Mama, bleibst du da?“, das machte sie jetzt wieder).

Wir überstanden das alles gut, wir sind ja Routiniers in solchen Angelegenheiten. Aber diese Operation brachte alles wieder an die Oberfläche, das wir gemeinsam erlebt hatten, und das ich schon verarbeitet gehabt zu haben glaubte. Die Angst kam auch wieder.

Angst davor, wie ich sie vor Unfällen schützen sollte, wenn sie sich schon bei den herkömmlichen Alltagsbeschäftigungen schwer verletzte. Angst davor, was sein würde, wenn ich nicht ständig auf sie aufpassen konnte. Angst davor, was beim nächsten Unfall sein würde.

Ich sah wieder bei jedem ihrer Schritte, was ihr passieren könnte. Wenn ich sie anschaute, erschienen mir ihre Arme und ihre Beine so dünn und fragil, als ob sie bei einem stärkeren Windhauch zerbrechen könnten.

Im Sommer gingen wir oft Wandern. Ich redete mir ein, das würde mir die Angst nehmen. In Wirklichkeit hatte ich so eine Ausrede, sie über längere Strecken des Tages an der Hand zu halten. Katharina wurde von einer Freundin zum Spielen eingeladen. Ich sagte ab unter dem Vorwand, ich wolle die Urlaubsruhe der Familie nicht stören. In Wirklichkeit hatte ich Angst, sie in fremde Obhut zu geben.

Katharina spürt, wie verunsichert ich bin und ist selbst verunsichert. Sie überzeugt sich alle paar Minuten, ob ich noch in der Nähe bin, auch wenn sie mit ihren Geschwistern spielt. Sie kommt wieder mitten in der Nacht zu mir ins Bett. Sie bekommt Panikattacken, wenn ihr Bruder stürzt. Abends fragt sie mich, ob ich auch bald zu Bett gehe. Ich sage, ich werde noch einen Wein mit Oma und Papa trinken, dann komme ich. Darauf sagt sie: „Aber nur eine Flasche und nur zusammen, nicht jeder eine, sonst bist du beschwipst und kannst nicht auf mich aufpassen.“

In nächster Zeit werden wir beide lernen müssen, loszulassen. Zweimal ist das schon geglückt, es wird hoffentlich noch einmal klappen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Loslassen

  1. claudiaveratti schreibt:

    Wird schon wieder, kommt Zeit, kommt Vertrauen!

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