EL James: Fifty Shades of Grey und Fifty Shades Darker

EL James’ Fifty Shades Trilogie wurde in diesem Sommer schlagartig zum meistverkauften Werk aller Zeiten, noch vor den Harry Potter Bänden. Letztere habe ich damals nicht gelesen, nicht alles, so dachte ich, muss man kennen.

Fifty Shades machte mich aber neugierig. Aus zwei Gründen: Die Kritik war sich uneins wie selten. Die Trilogie wurde als aufregend und lustvoll hochgejubelt. Als fade, schlecht geschrieben und groschenromanhaft abgetan. Als frauenfeindlich und gefährlich dargestellt, weil die vollständige Unterwerfung der Protagonistin ein verzerrtes Frauenbild zeichne. Als wichtig für die Gleichberechtigung der Frau stilisiert, weil endlich Pornographie, für die sich Frauen begeistern können, auf dem Markt kam und es außerdem salonfähig war, sie zu lesen.

Vor vielen Jahren traf ich einen Mann, der Vorlieben für BDSM hatte und mich dazu animieren wollte (https://karinkoller.wordpress.com/2012/08/17/wichtiger-besuch/ ). Damals hatte ich kein Interesse daran. Ich hätte aber gerne gewusst, was der Reiz der Sache ist, warum Menschen sich darauf einlassen und wie sie das machen. Außerdem gibt es abseits von BDSM auch einen Zusammenhang zwischen Lust und Schmerz, wie zum Beispiel in dem Gastbeitrag „Erotik des Dehnens“ auf diesem Blog beschrieben ( https://karinkoller.wordpress.com/2012/03/01/die-erotik-des-dehnens/ ). Ich wollte darüber etwas erfahren.

Einiges habe ich mir von Fifty Shades of Grey erhofft, mehr noch habe ich befürchtet, mit großem Eifer habe ich es gelesen. War ich danach enttäuscht?

Ja, eigentlich schon. Das Buch ist im Grunde ein Liebesroman (im Sinne von Romanheftchen). Der superreiche, gutaussehende, gebildete junge Christian Grey mit verstörender Vergangenheit und sadistischen Vorlieben, der sich noch niemals verliebt hat, sondern sich bisher die Frauen für Sex vertraglich verpflichtet hat, fühlt sich von der unsicheren Jungfrau Ana angezogen, die gerade ihr Studium beendet hat und die sich bisher noch niemals für Sex interessiert hat. Klingt das nach Heftchenroman? Das finde ich auch. Vor vielen Jahren habe ich diese Heftchen mit Begeisterung verschlungen, ich ließ mich auch jetzt nicht abschrecken.

Mich interessierte, wie sich Ana überzeugen ließ, bei BDSM mitzumachen. Grey ist ein phantastischer Liebhaber, er weiß immer ganz genau, was Ana will, wann sie kommen wird, was gerade noch nicht zu viel ist, und richtet sich danach – auch und vor allem beim Blümchensex. Nach und nach gelingt es ihm, Ana in SM-Praktiken einzuführen. Er macht das auf eine Art, die durchaus nachvollziehbar ist und teilweise sogar selbst nicht an Hardcore-SM Interessierten (wie mir) als nachahmenswert erscheint.

Während ich den ersten Band las, wollte ich mich aller inhaltlicher und sprachlicher Schwächen (delicious ist das meistverwendete von nicht sehr vielfältigen Adjektiven; „holy cow“ sagt Ana öfter als nötig und in jeder Situation) zum Trotz in die Reihen der Verteidiger stellen. Aber dann wurde die SM-Geschichte nicht weitergesponnen und am Ende blieb ein Gefühl zurück, als hätte ich nicht genug erfahren, als hätte ich doch meine Zeit nur mit einem seichten Heftchen vergeudet.

Ich dachte, vielleicht würde ich im zweiten Teil Fifty Shades Darker mehr über SM und den Reiz davon erfahren. Aber EL James entschied sich in diesem Band dafür, mehr krimiartige, aber nicht wirklich spannende Hintergrundgeschichte zu erzählen, untermalt von Blümchensex, der nicht besonders facettenreich war. Es kommen weniger SM Szenen vor als im ersten Band.

Sicher habeich die Bücher innerhalb von kürzester Zeit ausgelesen und in bisschen Spaß haben sie mir auch gemacht. Aber was sie versprochen haben – nämlich bahnbrechende Erotikliteratur für Frauen vorzustellen, oder SM Romane zu sein oder die weibliche Sexualität zu erklären – das haben sie nicht gehalten. Und deshalb war ich enttäuscht. Den dritten Band lese ich nicht mehr.

Fifty Shades ließ mich darüber nachdenken, was ich mir von guter Erotikliteratur erwarte. Ich möchte beim Lesen dieses Prickeln im Unterleib und überall sonst spüren, dieses Träumen vom perfekten Sexualakt. Ja sicher, dafür ist Erotikliteratur ja da, um Freude zu bereiten. Natürlich sollte der Sex sehr gut sein, für misslungenen, komplizierten, indifferenten oder anderweitig imperfekten Sex gibt es die große Literatur – oder das Leben.

Ich möchte auch Neues erfahren über Spielzeuge, Praktiken, sexuelle Abenteuer, die ich möglicherweise auch selbst ausprobieren werde (oder davon träume, sie eines Tages auszuprobieren, oder mir zumindest in meinen Träumen vorstelle, ich würde sie machen). Die Sexszenen sollten so beschrieben sein, dass ich nicht nur nachvollziehen kann, was genau gemacht wurde, sondern auch, was der Reiz daran ist, was die Protagonisten dabei fühlen, warum sie das machen. Ein guter Roman baut das ganz natürlich in die Handlung ein, ohne überzogen oder belehrend zu sein. Er braucht auch nicht eine Rahmenhandlung mit Millionären und Aschenputteln, mit Erpressung und Hubschrauberabstürzen, oder mit Racheakten und Internetspionage. Er kann auf Heftchenmethoden verzichten, weil er das zu sagen hat, was die Leserinnen interessiert: Wie guter Sex funktioniert, wie er sich anfühlt, wie man ihn würzen kann, damit die Erotik erhalten bleibt.

Es wäre schön, wenn es in der Mainstream-Literatur so einen Roman gäbe. Fifty Shades Darker ist es nicht, Fifty Shades of Grey nur zum Teil.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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11 Antworten zu EL James: Fifty Shades of Grey und Fifty Shades Darker

  1. bettinahartm schreibt:

    Mir ist es ganz gleich ergangen, aber, wenn man keine großen Ansprüche stellt und das ganze als Schmonzes sieht, der an den Standards der Bahnhofsbuchhandlungsliteratur zu messen ist, dann ist das Lesen ganz vergnüglich.

    Höheren Anforderungen, wie sie du gerne erfüllt hättest, genügt das natürlich nicht, aber wo gibt es schon niveauvolle erotische Literatur?

  2. Das Vaginabuch von Naomi Wolf ist schlechter. Inwieweit das noch ein Kompliment ist, muss jeder selbst beurteilen.

  3. seelenschwarzes schreibt:

    BDSM und Fifty Shades of Grey.
    Irgendwie ist das schwierig. Einerseits muss ich dem zustimmen: FSoG liest sich wie ein Groschenroman. Andererseits: BDSM hat viele Geischter. Vielen Menschen scheint in dem Buch Beschriebenes schon hardcore zu sein, andere belächeln es.
    Ich – als BDSM Lebende – finde es mehr als nur seicht geschrieben. Den Kern der Sache nicht findend. Aber ich habe es auch aus einem anderen Grund gelesen. Mich haben die Reaktionen darauf interessiert. Wie geht die „breite Masse der Vanillas“ mit dem Thema um? Wie interpretieren sie es. Ein Buch spaltet die Bestsellerwelt. Und ich bin ebenso schlau wie vorher.
    Den Artikel damals über das Dehnen habe ich gelesen. Es spricht von sexueller Experimentierfreude. Hat das aber was mit BDSM zu tun?
    Irgendwie schon. Der Kick, durch die Vorstellung, es könnte schmerzen…
    Es gibt – meines Erachtens – sehr wenig überhaupt lesbare Bücher aus dem Genre. Meistens geht es um reiche Männer, die arme und unerfahrene Frauen in ihre dunkle Welt ziehen. Nichts, was im wahren Leben wirklich so wäre.
    Leider beschreiben diese Bücher meist den Akt und das Drumherum und selten das Gefühlsleben dabei. Dabei ist das das wirklich faszinierende: Die erlebte Ohnmacht, gepaart mit dem unbedingten Wissen, dass einem nichts passieren kann.
    Ich überlege gerade, ob ich da einen guten Buch-Tipp habe. Spontan fällt mir leider nichts ein.
    Deshalb einfach mal so: Viel Spaß beim Experimentieren.
    Seelenschwarzes

  4. seelenschwarzes schreibt:

    Mir ist etwas Lesbares eingefallen.
    http://www.amazon.de/NachSchlag-Antje-Ippensen/dp/3942602288/ref=cm_cr-mr-title
    Keine Weltliteratur. Aber das ist FSoG ja auch nicht.
    Ich mag dieses Buch, weil es nicht auf Klischees rumreitet, irgendwie anders ist vom Plot her und eine – für mich als „Vorbelastete“ – nachvollziehbare Story bietet.
    Wie gesagt. Wirklich gute SM-Bücher gibt es nicht. Da muss man nehmen, was man kriegen kann, wenn man sich damit beschäftigen mag.
    Leider.
    Was ich schade finde. Denn gerade wenn man sowas unbelastet liest, ist es oftmals schwer die Emotionen einzufangen. Dabei dreht sich bei BDSM alles darum: Emotionen.
    Fällt mir noch etwas halbwegs Gescheites ein, komme ich wieder und teile es mit 😉

    • bettinahartm schreibt:

      Vielleicht ist aber so ein Buch wie „Shades“ trotz allem nicht schlecht, weil es dazu beiträgt, Abwehrmechanismen zu durchbrechen, die Mainstreamakzeptanz zu erhöhen? So wie das Sitcoms („Will & Grace“) in anderen Bereichen gemacht haben, trotz aller Klischeehaftigkeit und Gesäubertheit der Darstellung. Oder siehst du das von innen anders?

  5. seelenschwarzes schreibt:

    Hallo Bettina,
    auch wenn ich Will & Grace nicht kenne, da ich nicht fernsehe, denke ich, dass ich weiß worauf du hinaus willst.
    Ich sehe es auch so, dass das Buch schon einen guten Zweck erfüllt. Man fragt sich „von Außen“ nun sicher mehrfach, wer diese Menschen sind, die „derartiges“ wirklich tun.
    Vielleicht hilft es auch, dass die ( es ist ja doch eher ein Frauenbuch ) Eine oder Andere sich traut mal auszusprechen was sie gerne möchte. Mal etwas anderes eben.
    BDSMler gibt es mehr als man vermuten mag.
    Geh mal zur Haupteinkaufszeit zu ALDI… da sind mit dir dann sicher zwei „von uns“ in einem Raum.
    Man erkennt sie nicht, sie sind Menschen wie jeder andere auch. Lederoutfits und Latex sind – großteils – auch Klischee.
    Will ich persönlich diese Akzenptanz? Ich denke nicht. Ganz einfach, weil ich auch nicht wissen will, was meine Nachbarn so im Bett treiben. Darum muss auch keiner wissen, was ich so tue oder lasse.
    Hilfreich ist es aber schon, dass die Allgemeinheit hier ein bisschen offener wird. BDSMler sind weder pervers, noch krank. Wenn man das Bild aus den Köpfen bekommt, dieses Buch dazu beitragen kann.. ja, dann ist es gut.
    Das war auch Intention für mich, das Buch zu lesen. Ich wollte wissen, worüber man nachher spricht. Der Hype, den es in Deutschland auslösen würde, was ja lange vor der Veröffentlichung hier klar.
    Bin ich heute schlauer? Nicht wirklich. Aber… es regt zu Diskussionen untereinander an. Wir reden hier. Auf neutralem Boden. Hat doch auch was Gutes.

    • bettinahartm schreibt:

      Ich denke, eine höhere Mainstreamakzeptanz kann zumindest solchen Leuten, die sich ihre eigenen Neigungen nicht eingestehen wagten, helfen, ihre Wünsche auszuleben, Verklemmungen lösen. Und das ist ja schon ein Fortschritt, wenn man sich ansieht, wieviel Unglück dadurch entsteht, dass Leute, weil sie Angst davor haben, was andere denken könnten, nicht sie selbst sein können zu glauben.

      • Karin Koller schreibt:

        Das glaube ich auch zum Teil (vor allem zwei Szenen im ersten Band erklären den Reiz der Sache für jemanden, der noch nie damit zu tun hatte, sehr gut). Im zweiten Band – und wie ich mir sagen ließ auch im dritten – wird aber Greys Neigung eher so dargestellt, als wäre sie eine Perversion aufgrund seiner schrecklichen Vergangenheit (EL James geht sogar so weit, dass sie explizit schreibt, er mache das, weil er eigentlich seine Crackhuren-Mutter bestrafen will). Ana wird seine Rettung aus der Perversion. Das fand ich nicht gut, zumal eben die ersten Spielereien durchaus aufregend waren, nichts „Krankhaftes“ an sich hatten und durchaus für ein breiteres Publikum geeignet wären.

  6. seelenschwarzes schreibt:

    Genau das stört mich an dem Buch. Grey wird als psychisch nicht ganz sauber hingestellt.
    Da wird es schwierig. Es gibt sicher eine Menge Subs, die irgendwo einen Hau weghaben – insbesondere Borderliner lassen sich darunter finden, was echt grenzwertig ist – aber doch ist das die Minderzahl.
    Der Rest ist normal. Jetzt hätte ich fast geschrieben: wie du und ich 😉 aber ich sehe mich einfach als normal an.
    Der Reiz, den BDSM ausmacht, kommt im Buch zu kurz.
    Das aber auch so zu schreiben, dass der Leser ( auch der unerfahrene ) mitfühlen kann, ist schwer. E.L.James hat – glaubt man Presseberichten – mit BDSM nie etwas zu tun gehabt.
    Und hier liegt der Fehler. Wie will man glaubhaft und über etwas schreiben, das einem nur Theorie ist? Diese Art Gefühle muss man schon erlebt haben, um es halbwegs authentisch rüberbringen zu können. Dazu muss man schreiben können.

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