Die Trägheit überrennen

Einige meiner Freundinnen haben sich zu Silvester vorgenommen, in diesem Jahr mehr Sport zu betrieben. Ich habe mich dem nicht angeschlossen, weil ich dachte, zu Sport würde ich mich niemals aufraffen können, und überhaupt hätte ich auch gar nicht die Zeit dafür.

Im Sommer unternahmen meine Mutter, die Kinder und ich einige Wanderungen, nichts allzu Schweres, aber immerhin Wanderungen, bei denen wir vier oder fünf Stunden auf den Beinen waren. Dabei merkte ich, wie die Bewegung meinem Körper gut tat, wie wohl ich mich fühlte am Abend eines Wandertages, bei einem Glas Wein, wenn ich meine Muskeln spürte, wenn der Körper schon müde war, der Geist aber noch nicht.

Am Schulanfang, als ich eigentlich schon jede sportliche Aktivität für dieses Jahr eingestellt zu haben glaubte, brauchte meine Tochter Turnschuhe für den Sportunterricht. Neben den Hallenschuhen für Kinder waren im Sportgeschäft auch Laufschuhe für Erwachsene ausgestellt. Einer spontanen Eingebung folgend kaufte ich mir ein Paar verbilligte Laufschuhe. Ob ich sie nutzen würde, war ich mir nicht sicher, aber ich besaß keine Sportschuhe, also würde es keine sinnlose Investition sein.

Zu Hause stellte ich die Schuhe neben die Eingangstüre. Dort standen sie einige Tage wie ein Mahnmal für meine Trägheit. Sie schienen mich anzustarren jedes Mal, wenn ich das Haus verließ. „Du hast uns gekauft, benutze uns gefälligst“, schienen sie zu sagen.

Das schlechte Gewissen nagte an mir, aber wir wohnen auf einem Hügel und von zu Hause loszulaufen würde meine Knie strapazieren und am Ende der Übung bergaufzulaufen wäre zu anstrengend, redete ich mir ein, und war ziemlich zufrieden über die Rechtfertigung meiner Untätigkeit.

„Nimm das Auto“, sagte mein Mann, „und fang unten beim Bach an.“

Jetzt hatte ich keine Ausrede mehr und der frühe Abend war gerade so schön, die Sonne schien noch und ich hatte auch noch eine halbe Stunde Zeit, bevor ich die Kinder ins Bett bringen musste.

Ich zog mir eine Jogginghose – eine alte, die ich bisher nicht für Sport, sondern für Krankenhausaufenthalte verwendet hatte – und die neuen Schuhe an, fuhr ins Dorf, parkte beim Bach und rannte los. Nicht sehr schnell, aber kontinuierlich, etwa einen Kilometer in die eine Richtung und einen Kilometer zurück.

Als ich vor vielen Jahren laufen ging, geriet ich zuerst in Atemnot, weil ich rauchte. Danach gab der Geist auf und wollte meinen Körper nicht mehr so schnell durch die Gegend schleppen, aber die Beine waren noch stark genug.

Die überraschende Erkenntnis bei diesem ersten Ausflug war, die Beine machten zuerst schlapp, denn erst wurde der Atem knapp, aber mental hätte ich noch weiterlaufen können.

Stolz war ich auf meine ersten zwei Kilometer. Am nächsten Tag ging ich gleich wieder joggen. Diesmal schaffte ich drei Kilometer und am nächsten Tag beinahe vier.

Anfangs bildete ich mir ein, ich müsste eine längere Strecke laufen als am Tag zuvor, oder zumindest schneller sein. Ich glaubte die Zeit nutzen zu müssen für Gedanken, die ich mir im Alltagsstress nicht machen konnte – über Blogeinträge, die ich schreiben wollte, über die Kindererziehung, über andere Aktivitäten, die ich mir für die Zukunft vorgenommen hatte. Das setzte mich unter Druck, weil die Zeit und die Kraft nicht ausreichten für neue Höchstleitungen und weil der Gedanke eben gerade nicht kommt, wenn man ihn erzwingen will.

Nach einigen Minuten der körperlichen Qual und der geistigen Tretmühle aber versetzte mich das Laufen in einen Zustand, in dem sich die Prioritäten verschoben.

Plötzlich war nur noch der Weg vor mir wichtig, ich musste nicht mehr an Verpflichtungen denken und mir auch nicht mehr bei jedem Schritt vorsagen, wie weit ich laufen würde. Der Weg zog unter mir vorbei, die Beine liefen von selbst, das Gehirn hatte Pause. Dieser Automatismus war unglaublich entspannend.

Wieder zu Hause fühle ich mich trotz Muskelkater gut und lebendig. Endlich habe ich meine eigene Trägheit überwunden. Das ist das Schöne am Laufen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Die Trägheit überrennen

  1. shipwreckk schreibt:

    Geht mir genauso. Ein Tag ohne Sport und ich fühle mich unausgeglichen

  2. sebastiandrimmler schreibt:

    Toll. Ich versuche schon lange, mich zu überwinden, regelmäßig zu Laufen, aber nach zwei, drei Versuchen lasse ich dann die Zügel immer schleifen und es wird dann doch nichts draus….

  3. Hofnarr schreibt:

    Die Anschaffung eines Hundes, der mitgeht, wäre da auch noch zu empfehlen, weil man vielleicht für ein anderes Lebewesen und dessen Bedürfnisse regelmässiger und kontinuierlicher in Sachen Gehen/Laufen was tut als (bloss) für sich selbst… oder auch die Anschaffung eines guten Fahrradesund/oder Inline-Scatern, um weitere Strecken mittels Sport in der Natur hinter sich zu lassen… allenfalls sogar mit Ausflügen auch mit der Familie mit gleicher Sportbetätigung.

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