Songs: Billy Bragg, Internationale

Die Internationale hat eine schöne, eingängige Hymnenmelodie, aber zeitgemäß scheint sie auf den ersten Blick nicht zu sein. Sie war außerdem auch die Hymne der Sowjetunion und repräsentierte die Kommunistische Partei Chinas.

Die Ideologie des Kommunismus ist gescheitert und spielt in der Weltpolitik keine Rolle mehr, nicht einmal mehr in China. Die Arbeiterbewegung ist zur Sozialdemokratie geworden. Sozialdemokratische Parteien wurden von Männern wie Schröder und Blair (oder von Werner Faymann) geleitet, die sich kaum mehr von ihren konservativen oder christlich-demokratischen Opponenten unterschieden.

Arbeiter haben zumindest in der EU gesetzlich verbriefte Rechte und ein relativ sicheres Sozialsystem federt Härtefälle ab. Seit die Internationale geschrieben wurde, hat sich also so viel geändert, dass das Lied wohl nicht mehr gesungen zu werden braucht.

Nicht nur politisch sondern auch sprachlich scheint der Text antiquiert. Billy Bragg erzählt, wie Pete Seeger ihn vor über 20 Jahren bat, mit ihm die Internationale zu singen. Damals antwortete er darauf, er wüsste gar nicht, was der Text überhaupt bedeuten sollte. Seeger sagte ihm, er solle eben einfach selbst eine Übersetzung versuchen.

Billy Bragg machte das und aus dem antiquierten und im heutigen mitteleuropäischen Lebensumfeld kaum mehr verständlichen Lied wurde plötzlich ein Song, der immer noch Gültigkeit und Brisanz hat.

Selbst in Mitteleuropa werden Menschen ausgebeutet, sei es als freie Mitarbeiter, sei es als Leiharbeiter, sei es als Erntearbeiter praktisch in Sklavenarbeit, sei es als Prostituierte.

Die Wirtschaftskrise zeigt, dass die vollständige Unterwerfung der Politik unter „die Märkte“ zum Sinnbild der Zeit erhoben wurde. Jede auch noch so unsoziale Maßnahme wird als alternativlos verkauft, während man gleichzeitig alles daransetzt, die Strukturen, die an der Krise schuld sind, aufrechtzuerhalten.

Rassismus – offen ausgesprochen von rechtsradikalen Gruppierungen oder dumpfen Fußballfans , oder stiller Alltagsrassismus, der unbemerkt von seinen Verursachern Schaden anrichtet – ist immer noch ein Riesenproblem.

Respekt vor der Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Orientierung und überhaupt der Lebensweise anderer ist etwas, wofür es sich nach wie vor zu kämpfen lohnt.

Zu kämpfen nicht mit blinder Gewalt, die sich krampfhaft eine Auslöser suchen muss und sei er noch so absurd (wie das aufgrund eines unbedeutenden Videos in der arabischen Welt der Fall war), sondern friedlich, mit Argumenten, durch Aufklärung, mit Demonstrationen, mit Internetaktionen, die dem Establishment lästig werden.

Es gibt viele Möglichkeiten, sich aus der politikverdrossen Apathie zu reißen: Nicht alles hinzunehmen. Zu hinterfragen, was Tag für Tag als unabänderlich präsentiert wird. Nicht der in ihrer eigenen Suppe, auf der durch Inseratenobligationen blindgewordene Fettaugen treiben, weichgekochten Propaganda der heimischen Medien Glauben zu schenken. Nicht zu vergessen, dass das Volk der Souverän ist, dass viele Einzelne mehr bewirken können, als man für möglich halten würde, weil Veränderungen nicht von der Obrigkeit kommen.

Man sollte gerade jetzt die Internationale in Billy Braggs Version mit Inbrunst singen. Sonst werdenunter dem Deckmantel der politischen Notwendigkeit jene selbstverständlich gewordenen Rechte, die man erkämpfte, seit die Internationale geschrieben wurde, wieder Stück für Stück abgebaut: Soziale Absicherung, Meinungsfreiheit, parlamentarische Kontrolle – und pursuit of happiness.

Stand up, all victims of oppression/For the tyrants fear your might/Don’t cling so hard to your possessions/For you have nothing, if you have no rights/Let racist ignorance be ended/For respect makes the empires fall/Freedom is merely privilege extended/Unless enjoyed by one and all

Chorus:
So come brothers and sisters/For the struggle carries on/The international/Unites the world in song/So comrades come rally/For this is the time and place/The international ideal/Unites the human race

Let no one build walls to divide us/Walls of hatred nor walls of stone/Come greet the dawn and stand beside us/We’ll live together or we’ll die alone/In our world poisoned by exploitation/Those who have taken, now they must give/And end the vanity of nations/We’ve but one earth on which to live

And so begins the final drama/In the streets and in the fields/We stand unbowed before their armour/We defy their guns and shields/When we fight, provoked by their aggression/Let us be inspired by like and love/For though they offer us concessions/Change will not come from above

http://www.youtube.com/watch?v=3BIvqbyku5g

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Songs: Billy Bragg, Internationale

  1. In Stronach-Grasser-Schüssel-Dörfler-Scheuch-Faymann-Cap-Amon-Strache-Spindelegger-Krone-Fellner-Korruptionssumpf-Egotrip-Zeiten vergisst man fast, dass Politik das Leben der Menschen auch positiv ändern könnte, wenn es den Willen dazu gäbe. Und dass nicht jeder, der politisch aktiv ist, ein korruptes egomanisches Dreckschwein ist.

    Danke für die Erinnerung.

  2. Rupert schreibt:

    Ich finde es ein bisschen fragwürdig, nach der Geschichte des 20. Jahrhunderts, nach Lenin, Stalin, Mao und ihren Epigonen samt allen Verbrechen ein so mit dem Kommunismus untrennbar verknüpftes Lied zu glorifizieren. Auch, wenn der, der das Lied geschrieben hat, noch nichts von dem, was im Namen des Kommunismus angerichtet wurde, ahnen konnte.

    • Sorry, das ist Bullshit. Zum einen wurde die Internationale gerade wegen ihrer Unverträglichkeit mit der stalinistischen Ideologie als sowjetische Hymne abgesetzt. Zum anderen enthält sie keinerlei die Verbrechen – auch im Voraus – rechtfertigenden Gedanken, anders als die diversen Nazilieder oder -hymnen. Die Internationale kann für die Verbrechen Stalins und Maos genausowenig, wie Liszt´s Preludes für die Aktion Barbarossa. Und man kann ja nicht den Verbrechern Deutungshoheit über die Kunst geben.

  3. Jonas A schreibt:

    Ich finde dass Billy Bragg eine sehr guten Arbeit mit der Lied gemacht hat, inbesonderes dass er von der französiche original und die situation heute ausgegangen hat (was ich verstanden habe).

    Ich denke das der Lied noch heute auch von sozialisten gesungen wird? Das ist was ich gehört habe (in Schweden). Vieleicht gibt es eine ‚verneute‘ version auch auf Deutch? Wenn nicht, könnten Sie vieleicht eine schreiben?

    Jonas, in Schweden

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