Durch Europa laufen

Seit drei Wochen laufe ich, nicht besonders weit, aber immerhin beinahe vier Kilometer am Stück (zu mehr reichen weder Zeit noch Kraft). Ich war noch nie ein sportlicher Mensch. deshalb kostet mich das Laufen enorme Überwindung und mein Stolz auf mich ist größer, als angesichts meiner mäßigen Leistungen angemessen wäre.

Weil ich so ein Einfaltspinsel bin, trage ich, gleich wenn ich nach Hause komme, die Kilometeranzahl in den Kalender ein. Da steht nun schon eine stattliche Schlange von Eintragungen und ich finde es auch nicht unter meiner Würde, mir nach jedem Eintrag den Kilometerstand auszurechnen. Selbstzufrieden sage ich mir dann: Wäre ich die gesamte Strecke gelaufen, wäre ich schon in Rankweil, Feldkirch, Nenzing. Jeden Tag ein Stückchen mehr, einen Ort weiter.

Im Geist in Bludenz angekommen, kam ich auf die Idee, mir eine Route auszudenken. Das sollte mich beim Laufen ein wenig beschäftigen und meinen Leistungen mit der Zeit eine gewisse Größe verleihen.

Ich hatte mich schon nach den ersten Laufversuchen für eine imaginäre Route nach Osten entschieden, einfach weil ich dort schneller in den ersten größeren Ort kam. Bei der östlichen Route blieb ich, obwohl ich eigentlich, wenn ich nach Nordwesten lief, mit nicht allzugroßem Aufwand bis nach Paris laufen könnte.

Ich musste zunächst entscheiden, ob ich tatsächlich Straßen ablaufen werde, oder ob ich nur nach Luftlinie meine phantastische Route planen, so quasi als Himmelsläuferin, und die Erde von oben betrachten sollte.

Bei der Straßenversion müsste ich fünf Tage durch den Arlbergtunnel laufen. Ich war nicht sicher, ob meine Lungen die imaginierte schlechte Luft so lange aushalten würden. Die Arlbergpassstraße würde mich noch mehr wertvolle Tage kosten. Danach bräuchte ich Wochen und Monate, um Tirol zu durchqueren.

Aber ich fand einen Ausweg, ich könnte bei Bludenz abbiegen und über das Montafon nach Südtirol laufen. Mein Plan ist, nach Wien zu kommen, danach nach Budapest und von dort aus nach Prag und Berlin, später nach Hamburg und über den Kanal (vielleicht würde ich bis dahin angefangen haben zu schwimmen) nach London, von dort nach Paris und dann wieder nach Hause. Das wäre meine Traumroute.

Ob sich das in meiner Lebenszeit ausgeht, oder ob ich dafür jeden Tag einen Marathon laufen müsste, habe ich mir nicht ausgerechnet. Sicherheitshalber mache ich das auch nicht.

Ich stelle mir nur vor, wie ich jeden Tag ein winziges Stück auf einer Landkarte anmale. Wie ich mir im Internet ansehe, ob es auf dem Teilstück, das ich zu laufen gedenke, etwas Schönes zu sehen, oder interessante historische Fakten zu erfahren gibt. Wie ich das vielleicht sogar manchmal mit den Kindern gemeinsam mache. Wie ich dabei etwas Neues erfahre und gleichzeitig mögliche Urlaubsreiseziele erschließe.

Vielleicht bin ich überenthusiastisch. Wahrscheinlich werde ich das Projekt nicht in dieser Form durchziehen, höchstwahrscheinlich wird es die Kinder gar nicht interessieren. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich im Winter laufen werde.

Aber jetzt ist es ein Ansporn, überhaupt zu laufen. Jetzt macht es mir Spaß und gibt mir das Gefühl, durch ein bisschen Sport etwas bewirken zu können. Jetzt bin ich gerade in Gaschurn und plane die Überquerung des Piz Buin.

Mal sehen, wie weit ich noch komme auf meiner imaginären Reise, dem Bach entlang in meinem Dorf.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Tag für Tag abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Durch Europa laufen

  1. JoM schreibt:

    Super Idee, die virtuelle Reise. Wenn ich den Mumm hätte, so etwas dauerhaft durchzuziehen…..

  2. sebastiandrimmler schreibt:

    Kennst du die Spandauer Tagebücher von Albert Speer? Der hat sich eine zwanzigjährige Haftstrafe damit erleichtert, dass er bei seinen Spaziergängen im Gefängnishof virtuell die Welt umrundet hat.

  3. bettinahartm schreibt:

    Toll, was du alles in einem Tag unterbringst. Schreiben, Laufen, Arbeit, Kinder. Wahnsinn.

    • Karin Koller schreibt:

      Nach meiner Erfahrung ist es so: Egal wie gestresst man zu sein glaubt, eine halbe Stunde am Tag hat man immer zum Umstrukturieren – für etwas Notwendiges oder etwas Schönes.

  4. Stephan schreibt:

    Bleib dran! Mit jeden Meter, den man mehr schaft, fühlt man sich noch ein Stück besser/wohler! Viel Erfolg!

  5. Pingback: Songs: John Cale, Antarctica Starts Here | Karin Koller

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s