Wenn die Waffel zum Lebensinhalt wird

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 31

„Wie findest du die Waffeln?“ Um der öden Untätigkeit zu entgehen, hatte ich beschlossen, Michael mit lukullischen Köstlichkeiten zu versorgen. Herausgekommen waren Waffeln, die, wie es schien, überhaupt nur noch aus Fett bestanden. Zusätzlich zu Unmengen von Butter und Eidottern hatte ich fast ein gesamtes Paket Mandelsplitter in den Teig gerührt, um die Knusprigkeit zu erhöhen. Das Ganze ergab dann diese Waffel, die sozusagen in Verdichtung der Materie zusammengebacken war und die mehr Kalorien hatte als Öl.

„Ich führe gerade den ersten Bissen zum Mund, das siehst du doch.“ Michael klang etwas unwillig.

„Dann schopp ihn dir doch rein und sag mir, wie es schmeckt.“

Michael ließ sich Zeit mit dem ersten Bissen.

„Und?“ fragte ich, sobald er geschluckt hatte.

„Eh gut.“

„Was, eh gut? Nicht einmal sehr gut oder mmmmh gut oder yammi, yammi gut?“

„Was ist falsch an eh gut? Ich kann doch nicht jedes Mal, wenn du kochst, merkwürdige Geräusche machen. Die Waffeln sind ja gut.“

Überzeugt hatte er mich damit nicht.

„Aber wie gut sind sie denn genau?“

„Jetzt habe ich erst einen Bissen gegessen und du hast schon dreimal gefragt. Sie sind eh gut und damit basta.“ Michael wandte sich wieder dem Fernsehapparat zu. Nach der Arbeit wollte er immer erst mal seine Ruhe haben. An arbeitsreichen Tagen dauerte diese Ruhephase bis nach dem Nachtisch an. Ich aber hatte wegen meiner schon beinahe fünfmonatigen Arbeitspause und dem dadurch bedingten täglichen Herumgelungere abends ein ziemliches Gesprächsdefizit. Wenigstens war aber die durch die Arbeitssuche gespannte Gereiztheit einer erwartenden Gespanntheit gewichen. Ich hatte nämlich eine Anstellung gefunden und musste noch sechs Wochen auf den Arbeitsbeginn warten.

Im Fernsehen lief eine Dokumentation, die Michael zu fesseln schien, die mich aber unglaublich langweilte, besonders weil ich es nicht mehr gewohnt war, meine geistigen Kräfte zu mobilisieren.

„Welche, findest du, waren die bedeutendsten Ereignisse in unserer Beziehung?“ fragte ich, um die Konversation in Gang zu bringen.

„Hä?“

„Welche Ereignisse waren für dich wichtig?“

„Mein Umzug nach Wien, dein Umzug nach Vorarlberg und der Bettenkauf.“

Das war wohl eine dürftige Auswahl. „Und sonst?“ hakte ich nach.

„Und sonst nichts.“ Michael versuchte einem Interview zu folgen.

„Was, und sonst nichts? Findest du, unsere Beziehung war so armselig, dass es nur drei wichtige Ereignisse gab? Und eines davon war der Kauf eines Bettes? Dir muss doch noch mehr einfallen.“

„Warte, lass mich nachdenken. Diese Waffeln vielleicht?“

„Wieso gehören diese Waffeln zu den fünf wichtigsten Ereignissen unserer Beziehung?“

„Ich habe sie ja nicht gereiht.“

„Aber andere fallen dir auch nicht ein. Schön traurige Beziehung.“

„Ich habe gedacht, dass du das mit den Waffeln hören willst, nachdem du mich so lange damit genervt hast.“

„Schau lieber deine Doku weiter an und sag nichts mehr.“

War ich denn tatsächlich in meiner ländlichen Einsamkeit zu einer Person verkümmert, der der eigene Lebenspartner vorgaukeln musste, mittelmäßiges Backwerk sei ein weltbewegendes Ereignis? Zu einer Person, bei der jegliche Aktivität zur Sensation hochstilisiert werden musste? Ob das nun Provinz- oder Untätigkeitsverblödung war, spielte eigentlich keine Rolle. Wichtig war aber, dass ich versuchte, mich künftig am Riemen zu reißen, denn mit einer überspannten Zicke lebte wohl niemand gerne zusammen.

Wenn das so weiterginge, wenn Michael weiter zu den absurdesten Dingen Ja und Amen sagen musste, dann würde es ihm eines Tages zu viel werden. Meine Befürchtungen, unsere Beziehung würde das Landleben nicht überdauern, könnten sich bewahrheiten, aber nicht, weil ich ein Stadtpflänzchen war, sondern weil ich zur Nervensäge mutiert war.

Alles was ich brauchte, um mich wieder zu einem fröhlichen Kerlchen zu machen, war ein Ereignis, das meine Perspektive wieder zurechtrückte. Was wäre da besser als ein Kurzurlaub in der Stadt meiner Träume, in Wien?

„Was hältst du davon, wenn ich ein paar Tage nach Wien fahre?“

„Nur weil ich deine Waffeln nicht ausreichend gelobt habe?“

„Oh, Mann, hör doch schon endlich auf mit diesen Waffeln.“

„Du hast doch angefangen, mich mit denen zu quälen. Und wenn ich jetzt einen Ton drüber sage, werde ich schon wieder geschimpft.“ Michael schob die Unterlippe vor und spielte den Gekränkten.

„Nein ehrlich, ich könnte Claudia besuchen und ein paar Weihnachtseinkäufe erledigen, hier gibt es ja nichts.“

„Du müsstest nur das Auto nehmen und dann könntest du an die schönsten Shoppingorte fahren“, Michael rührte schon wieder in einem wunden Punkt von mir. Autofahren hatte ich zwar gerade mühevoll erlernt, trotzdem traute ich mich nicht, tatsächlich ein Auto in Bewegung zu setzen.

„Ich werde das Autofahren schon lernen, wenn ich muss. Derweil genügt mir eine Reise nach Wien.“

„Und ich muss ganz alleine hier bleiben?“

„Sieht wohl so aus. Da trifft dich wohl das harte Schicksal des Provinzmannes einer Jetsetfrau.“

„Für das qualvolle Leiden in Einsamkeit und für die tagelange Tiefkühlpizzafresserei brauche ich aber eine Entschädigung“, schmollte Michael weiter.

„Entschädigung willst du auch noch. Reicht es dir nicht, dass du nicht mehr meine Waffeln essen musst?“

„Jetzt fängst du schon wieder davon an. Die waren eh gut.“ Es schien nun endgültig zuviel der Waffelgespräche für Michael zu sein. Er zog es vor, wieder die Fernsehsendung anzusehen.

Nach einer Weile sagte er: „Ich hab’s, wir könnten so etwas wie eine Wette machen. Jeder macht dem anderen ein Millionenquiz mit fünfzehn Fragen. Zu gewinnen gibt es nichts, aber wenn man versagt, bekommt man eine Strafe, die sich der andere aussuchen kann. Was sagst du?“

Natürlich war mir bewusst, dass ich bei einem von Michael erfundenen Quiz keine Chance hatte, dafür wusste zu genau Bescheid über meine Wissensschwachpunkte. Aber irgendwie stach mich der Hafer und ich fragte: „Was für Strafen wären das denn?“

„Deine Strafe wäre zum Beispiel ein Bauchnabelpiercing und meine Strafe könntest du dir selber aussuchen. Aber dabei ist natürlich zu bedenken, dass ein Piercing hauptsächlich dir selbst zu Nutze kommt.“

„Wenn ich bei dir auch ein Bauchnabelpiercing verlange?“

„Willst du wirklich, dass ich aussehe wie ein Volltrottel?“

„Vielleicht bist du wirklich nicht der Typ dafür. Ich denke mir etwas anderes aus. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich mitmache.“

„Komm, sei fesch, Pupperl“, sagte Michael, vermutlich um mich auf die Wienreise einzustimmen.

Irgendwie schien dieser schmierige Großstadtcharme auf mich zu wirken. Entweder machte er mich siegessicher, weil Michael mein Wissen unterschätzen könnte, oder aber ich hatte insgeheim den Wunsch zu verlieren. Von einem Bauchnabelpiercing hatte ich schon lange geträumt, den Mut aber nie aufgebracht, mir tatsächlich eines machen zu lassen.

„Aber jetzt ist doch Winter und da kann man es eh nicht herzeigen“, fiel mir noch ein als Gegenargument.

„Erstens ist es das Wichtigste, wenn ich es sehen kann, und zweitens braucht es einige Zeit zum Verheilen. Winter ist die günstigste Zeit, sich so etwas machen zu lassen.“ Michael musste wieder einmal den Experten für alles spielen.

„Woher willst du denn das wissen?“

„Ich habe meine Quellen.“

„Im Winter drückt aber der Hosenbund drauf und scheuert es blutig.“

„Quatsch, dann ziehst du halt Kleider an. Was ist, machst du mit?“

„Nicht so schnell, ich muss erst schauen, was für mich drin ist, wenn du ein Piercing bekommst.“

Wir schauten wieder auf den Fernsehapparat, Michael um die Dokumentation anzusehen und ich um mir die gemeinsten und höllischsten Strafen für Michael auszudenken. Mindestens ebenso schmerzhaft sollte es für ihn sein und im besten Fall sollte es auch verschönend wirken. Dann wären wir quitt.

Aber wie konnte Michael leidvoll verschönert werden? Michael war ein Mann, der sich beinahe allen Schönheitskulten verschlossen hatte. Auch ich fand es nicht gerade männlich, wenn Männer sich schminkten, Gesichtscremes benutzten oder sich das Haar mit Öl oder eigens für diesen Zweck gefertigten Produkten am Kopf platt klebten.

Michael fand es schon unmännlich, eine Haarbürste zu benutzen. Ein kurzes morgendliches Plätten der widerspenstigsten Locken reichte für ihn. Die Benutzung eines Deos hatte er sich zwangsläufig und mit wenig Begeisterung angewöhnt, als er an einem heißen Sommertag nach einer Sitzung in einem außergewöhnlich kleinen und stickigen Raum unter seinem Anzug zu riechen begann wie ein Moschusochse. Aber das war bereits das Äußerste, zu dem er bereit war. Nicht einmal für ein Duschgel konnte man ihn erwärmen, denn der Ziegel duftneutraler Seife, mit dem er täglich seinen Körper einrieb, hatte etwas urmännlich Archaisches, das wohl weitaus besser seinen Jäger- und Sammlertrieb am Leben erhalten konnte als verdickter Flüssigschaum in Farbe und Geschmack von Zahnpasta. Er roch auch besser damit. Ich liebte seinen Geruch nach Sauberkeit, der angenehm männlich war und hasste es wenn dieser Geruch von Deo übertüncht wurde.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Wenn die Waffel zum Lebensinhalt wird

  1. Genevieve schreibt:

    ich finde es interessant wie in bezug auf körpergeruch, hygiene und so immer mehr amerikanische verhältnisse in europa entstehen

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