Diese Woche konsumiert: Die Einladungspolitik von Talkshows

Diskussionssendungen sind etwas sehr Spannendes. Verschiedene Leute, die sich auf einem Gebiet eine Expertise angeeignet haben, sprechen über Probleme und Lösungen, zeigen dem Publikum auf, worum es eigentlich geht, abseits der Kolportage und des Mainstreams, tragen damit zu einem besseren Verständnis bei und bieten eine differenziertere Sichtweise als das festgefahrene Bild, das man selbst aus Unwissenheit gehabt hat.

Na ja, natürlich nur in einer utopischen Welt, in der die Sender nicht für die schnelle Quote alle qualitativen Erwägungen über Bord werfen. In der Sendungsinhalte nicht von Medienstromanalysen berechnet werden (was nur zu einem ständigen Qualitätsverlust führen kann). Und in der die Gäste das Format nicht ausschließlich dazu nutzen, Eigenwerbung zu deklamieren, anstatt sich mit Inhalten und anderen Meinungen auseinanderzusetzen.

Man kann aber aber den Talkshowbetreibern nicht vorwerfen, eine einseitige Meinungspolitik zu betreiben. Nein, Meinungsvielfalt scheint erwünscht, je kontroversieller die Diskutanten, desto besser.

Nehmen wir zum Beispiel die Sendung von Sandra Maischberger von letzter Woche mit dem Titel: Euroland ist abgebrannt: Comeback der Nationen? http://www.daserste.de/unterhaltung/talk/menschen-bei-maischberger/sendung/2012/euroland-abgebrannt100.html

Der Titel ist wohl eine Anspielung auf Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg… und evoziert schon unterschwellig Bilder von Krieg und Verwüstung. Comeback der Nationen? versetzt in eine Zeit, in der Nationalismus noch erfolgreicher war als heute. Allein die Fragestellung suggeriert etwas Reißerisches, Aggressives.

Liest man sich die Sendungsankündigung durch, kommt heraus, es geht eigentlich nicht um Nationalismus, sondern um den Euro. Die drei prominentesten Gäste der Sendung sind Eurogegner. Aber nicht nur das. Es sind drei Männer, die bereits in der Vergangenheit für „kontroversielle Diskussionen“ – so nennt man gerne Provokation durch billige Polemik – aufgefallen waren:

Oskar Lafontaine, Thilo Sarrazin und Frank Stronach (dessen „Expertise“ sich offenbar auf die Aussage beschränkte, die Gemeinschaftswährung sei „eine Missgeburt“, wie bei seinem Bild zu lesen ist).

Ihnen gegenüber die Befürworter des Euro: Ein Europaabgeordneter der FDP mit griechischem Nachnamen (kam dieser den Sendungsmachern gelegen zur Steigerung der Polarisierung?) und eine grüne Europaabgeordnete.

Nun braucht man die Sendung gar nicht gesehen zu haben, um zu begreifen, worauf sie abzielt (ich unterstelle nicht einmal, dass man absichtlich Stimmung gegen den Euro macht, oder Vorurteile in der Bevölkerung schüren möchte):

Die Quote. Die Quote als oberstes Gebot.

Am nächsten Tag entrüsten sich „seriöse“ Medien, liefern gratis Publicity und baden sich in dem wohligen Schauer der Obszönität von Einladungspolitik und Diskussionskultur. SPON gibt sich besonders über Frank Stronach schockiert, sieht aber auch einen Lichtblick:

Doch bei allen Risiken hatte das Peinliche dieses Abends auch eine unvermutete, zumindest für das Auftreten Lafontaines und Sarrazins positive Nebenwirkung. Im Kontrast zu dem, was da von gewisser Seite geboten wurde, wirkten sie auf einmal regelrecht harmlos, vergleichsweise maßvoll und weit entfernt von ihrem gängigen Image der Spekulanten auf bestimmte Stimmungen.“ http://www.spiegel.de/kultur/tv/maischberger-frank-stronach-neben-oskar-lafontaine-und-thilo-sarrazin-a-859284.html

Ein Nebeneffekt der Talkshowpolitik?: Man fordert nicht mehr qualifizierte Gäste, man kritisiert nicht mehr jene, die sich bereits in der Vergangenheit als nichtssagende Polarisierer erwiesen haben, sondern begnügt sich mit der Erleichterung darüber, dass der augenfälligste Irre der Runde nicht aus dem eigenen Land kommt und die bisher als Irre qualifizierten eh ganz prima Burschen sind.

In den Talkshows werden ohne Rücksicht auf Verluste, wie in der Gladiatorenarena, medienwirksam Menschen aufeinandergehetzt, von denen man meint, sie würden das Bedürfnis des Publikums nach Brot und Spielen befriedigen. Man zeigt ein Panoptikum, das nichts beschreibt und nichts erklärt, sondern einzig und allein die niederen Instinkte aufgeilen soll.

Das bringt Publikum, da schalten die Leute ein. Wie lange noch, ist allerdings die Frage. Irgendwann wird dieser schnelle Kick sich auch verflüchtigen. Dann finden alle solche Sendungen langweilig.

Warum lädt man dann nicht wenigstens ein paar Leute ein, die tatsächlich etwas zu sagen haben? Vielleicht versucht man das sogar. Wahrscheinlich sagen nur wenige von ihnen zu, weil sie sich nicht von den eitlen Popanzen und polemischen Schaumplauderern verheizen lassen wollen. Weil sie nicht das sachliche Feigenblättchen, nicht einsame und ungehörte Rufer in der Wüste sein wollen, die dann von den anderen ohnehin nur dumpf angepöbelt werden. Weil eine Sendung nicht funktionieren kann, wenn nicht alle das gleiche Spiel spielen.

Aber vielleicht übertreibe ich nur und rege mich grundlos auf. Es gibt selten Sendungen mit einer derart absurden Besetzung wie letzte Woche bei Maischberger.

Das wäre ja fast so, als würde man bei uns Frank Stronach mit Christian Rainer zusammensetzen und letzteren noch lila Socken als billige Provokation anziehen, damit man am nächsten Tag über Fußbekleidung, anstatt über Inhalte sprechen kann.

Oh, das war wohl ein schlechtes Beispiel, ich versuche es noch mal:

Das wäre ja fast so, als würde man bei einer Sendung über die Politisierung des Fußballs Frenkie Schinkels und Toni Polster einladen http://programm.orf.at/?story=19717 .

Wieder nichts, ich versuche ein imaginäres Beispiel aus der Vergangenheit:

Das wäre fast so, als würde man Marie Antoinette mit Magda Goebbels über Mutterschaft diskutieren lassen. War auch schon da in moderner Form, als Eva Dichand mit Barbara Rosenkranz eingeladen war und dazu noch Eva Herman, so quasi als Topping.

http://derstandard.at/1336696844212/Muetter-Fachtagung-Im-Zentrum-Beste-oder-Bestie?_blogGroup=2

Ich gebe es auf, mir absurde Kombinationen auszudenken, finde mich mit der ubiquitären Fuck-You-School of Einladungspolitik ab und schaue mir keine Diskussionssendungen mehr an.

Schade auch, denn mir würde es gefallen, Menschen zuzuhören, die etwas über ein Thema zu sagen haben, auch (oder gerade) wenn sie unbekannt sind, weil sie sich nicht in den Vordergrund drängen müssen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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15 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Die Einladungspolitik von Talkshows

  1. Rupert schreibt:

    Deine Kritik ist ja nicht unrichtig, nur denke ich, dass die Talkshows so besetzt werden, wie es das Publikum will, und die Leute halt mehr an diesen Radaubrüdern interessiert sind, die sich gegenseitig beschimpfen, als an tiefschürfenden Gesprächen. Der Vergleich mit den Einschaltquoten tatsächlich inhaltsorientierter Diskussionssendungen, die es ja auf Spartensendern wie Phönix durchaus gibt, die aber niemand sehen will, belegt das.

    Ich hielte daher in erster Linie eine Publikumsbeschimpfung für angebracht.

    • Karin Koller schreibt:

      Als öffentlich rechtliche Sender sollte man sich nicht nur zum Sklaven des Publikums machen. Es reicht, wenn die Privatsender das tun. Außerdem bin ich der Meinung, dass selbst diese Dumpfheit sich bald ablutschen wird. Und was dann? Gleich Schlammcatchen, weil das mehr Leute anschauen wollen als Diskussionen?

      • Rupert schreibt:

        Das Problem ist aber, dass die öffentlich-rechtlichen Sender auch dem Quotendruck unterliegen und daher nicht so agieren können, als ob sie nicht in Konkurrenz zu den Privaten stünden.

        Aber ich sage ja nicht, dass du Unrecht hast. Nur, wenn du dir ansiehst, wie gering die Anzahl der Leute ist, die auf Spartensendern gehaltvolle Diskussionen ansehen, kann man, meine ich, das Publikum nicht aus der Verantwortung für das, was geboten wird, entlassen.

      • Rupert: das Problem an deiner Argumentation ist, dass ein Publikum, das permanent mit Schlammcatchen gefüttert mit, Schlammcatchen irgendwann für etwas vollkommen Normales hält, und gar keine Vorstellung mehr davon hat, wie ein Leben ohne Schlammcatchen aussehen könnte.

        Und wenn man sich an etwas gewöhnt hat, ist es schwer, Gewohnheiten wieder zu ändern.

        Es wäre also schon Aufgabe eines verantwortungsbewussten Journalismus, dem Publikum zumindest Alternativen darzulegen, die ihm ersichtlich machen, wie es auch gehen könnte, also, den Versuch zu machen, das Publikum zu entwöhnen, anstatt ständig die Dosis zu erhöhen.

  2. Rupert schreibt:

    Clara Moosmann: das ist zwar sehr idealistisch, was du vorschlägst, aber ebenso realitätsfremd. Auch bei den öffentlich-rechtlichen verliert, wer diie Quote nicht bringt, den Job. Und wer sollte seinen Job in einem Kampf gegen Windmühlen riskieren?

  3. Langfristig verlieren, wenn das öffentlich rechtliche Fernsehen seine raison d´etre verliert, alle Mitarbeiter dort den Job. Wenn ORF, ARD, ZDF genau das Gleiche bieten wie die Privatsender wird eine Gebührenfinanzierung nicht mehr lange zu rechtfertigen sein. Das müsste insbesondere der Chefetage dort klar sein.

  4. Katharina Löbl schreibt:

    Das Problem ist auch, dass diese Einladungspolitik ein selbstreferentielles Perpetuum Mobile schafft. Wenn Leute wie Gysi, Lafonaine, Henkel, Eva Herman, Köppel, Broder etc. eingeladen werden, vertreiben sie ja gerade all jene, die sachlich fundiert diskutieren wollen, was dazu führt, dass sie unter sich bleiben, was das Niveau wieder weiter senkt.

  5. Rupert schreibt:

    Euren Paternalismus in Ehren, aber dieser Zug ist längst abgefahren. Jeder, der sich informieren will, kann sich inzwischen im Internet fundiert informieren, ganz ohne jeden öffentlich-rechtlichen Auftrag.

    Was das öffentlich-rechtliche Fernsehen macht, ist daher in Anbetracht der gegebenen Möglichkeiten völlig irrelevant, weshalb es – vollkommen zu Recht – in den nächsten 10 Jahren zugrundegehen wird. Die letzten Zuckungen, mit denen versucht wird, den Privaten mit Staatsgeldern den Schneid abzukaufen, und gleichzeitig das Deckmäntelchen des Bildungsauftrages hochzuhalten, werden daran nichts ändern.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich bin auch der Meinung, dass ein öffentlich-rechtlicher Sender seine Daseinsberechtigung verliert, sobald er nicht mehr von den Privatsendern zu unterscheiden ist. Aber die BBC zeigt, dass es nicht unmöglich ist, gutes öffentlich-rechtliches Fernsehen zu machen.

      • Rupert schreibt:

        Wo siehst du die öffentlich-rechtlichen Meisterwerke bei der BBC:
        in der One-Show? den tausenden Koch- und Back- und Gartensendungen? bei Dancing with the Stars? Celebrity Masterchef? Eastenders? Top Gear, wo hirntote Machos rassistische und frauenfeindliche Witzchen machen? Oder in Jeremy Paxmans einfach sinnlos unhöflichen Interviews?

      • Karin Koller schreibt:

        Mir gefallen Koch- und Backsendungen, Masterchef, da finde ich nichts Verwerfliches dabei (mir gefallen übrigens im ORF auch die Sendungen mit den kulinarischen Reisen). Mir haben einige Serien gefallen, viele Literaturverfilmungen, einige Dokus. Mir gefällt Dragons‘ Den und The Apprentice. Ich will die BBC auch nicht idealisieren.

  6. Rupert schreibt:

    Wo ist beim Apprentice der öffentlich-rechtliche Mehrwert? Oder bei Dragons Den? Das sind Formate, die in anderen Ländern (USA, mit dem schrecklichen Donald Trump, etwa) identisch von Privatsendern gemacht werden, genau wie Kochsendungen, übrigens.

    • Karin Koller schreibt:

      Das ist wie beim ORF früher: Es gab Musikantenstadl und Österreich 1. Die Dikussionssendungen der BBC kenne ich nicht. Die Literaturverfilmungen sind definitiv ein ungeheurer öffentlich-rechtlicher Mehrwert.
      Und noch etwas: Viele Formate sind in der Tat ähnlich, wie Formate in Privatsendern. Ich schaue sie aber trotzdem gerne an, weil der Zuschauer weniger für blöd verkauft wird. Vergleiche einfach mal Masterchef mit dieser schrecklichen Sendung, die einmal auf RTL ausgestrahlt wurde und die im Prinzip ähnlich aufgebaut war. Bei RTL wurde alles hundertmal wiederholt, damit auch der Dümmste beim Durchzappen noch mitkam und nach einer halben Folge habe ich aufgegeben.
      Der Anspruch der öffentlich rechtlichen ist ja nicht, ausschließlich qualitativ hochwertiges und intellektuell anspruchsvollesProgramm zu bieten. Aber so eine dumpfe Stimmungmache für die Quote wie bei Maischberger letzte Woche und ähnlichen Sendungen muss wirklich nicht sein. Das verkauft die Leute für blöd, genauso wie viele Formate der Privatsender das tun.

  7. Friese schreibt:

    Immerhin gibt es noch Sender wie arte oder Phoenix. Deren Programm ist vielleicht nicht immer aufregend oder spannend, aber dafür selten niveaulos. Die Phoenix-Runde ist – vermutlich aufgrund der geringeren Reichweite – entspannter und interessanter als vergleichbare Diskussionsrunden bei größeren Sendern.
    Als langjähriger Zuschauer niederländischer Programme fällt mir allerdings auf, dass selbst Konfliktthemen im dortigen gesitteten Rahmen nicht spannend werden. Jeder trägt seine Meinung vor, die anderen lassen ihn ausreden, der Moderator hakt bei Ungenauigkeiten nach und das war’s. Das ist dann Meinungsabtausch statt -austausch und verräterische Versprecher sucht man vergebens.
    Die Spannung, wie man sie in privaten Diskussionsrunden erfährt, scheint im Fernsehen kaum (noch?) vermittelbar zu sein. Vielleicht ist das Interview einfach die adäquatere Form? hardtalk auf bbc-world mit gut vorbereiteten Befragern wäre ein passendes Beispiel.
    Und ganz, ganz vielleicht kommt ja wieder einmal eine Sendung an das Niveau von 0137 mit Roger Willemsen heran. Träumen wird man ja noch dürfen…

  8. Pingback: Diese Woche konsumiert: Déjà-vu all over again | Karin Koller

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