Wäscheleinen

In der Sonne getrocknete Wäsche ist frisch und duftet und fühlt sich gut an. Die Wäsche an der Leine zu trocknen ist auch umweltfreundlich. Bevor Wäschetrockner erfunden wurden, gab es auch keine andere Möglichkeit, nasse Wäsche zu trocknen.

Ich erinnere mich noch an die archaischen Methoden meiner Oma, die sich aus unerfindlichen Gründen lange Zeit gegen einen Vollwaschautomaten zur Wehr setzte. Als ich ein Kind war, heizte meine Oma an Waschtagen selbst im Hochsommer den Holzherd in der Küche ein. Dann stellte sich einen riesigen Behälter mit Wasser, Lauge und Wäsche darauf und kochte das Ganze eine Stunde lang. Nur mit größter Mühe schleppte sie den schweren heißen Topf auf die Veranda, wo sie ihn abkühlen ließ. In einem mit Wasser gefüllten Plastikbottich bearbeitete sie Wäschestück für Wäschestück mit einer Waschrumpel. Wenn sie die Wäsche gespült hatte, half ich ihr beim Auswringen. Ich musste das Wäschestück an einer Seite halten und sie drehte es an der anderen Seite solange, bis ich mir die Finger einzwickte.

Dann stopften wir die Wäsche in eine Schleuder. Die war elektrifiziert – das einzige Zugeständnis meiner Oma damals an die moderne Welt des Wäschewaschens – eine hohe schmale Tonne mit Deckel, an deren Unterseite wie ein Schnabel eine Gummiwulst herausstand. Hinter dieser Gummiwulst war das Ausgussloch. Die Schleuder war uralt und hatte selbst bei geringer Beladung eine derartige Umwucht, dass man sie während des Betriebs mit großer Anstrengung festhalten musste, damit sie nicht selbständig den gesamten Raum durchquerte und dabei das aus der Wäsche geschleuderte Spülwasser verspritzte. Gegen Ende des Schleudergangs musste man die Maschine leicht kippen, damit das restliche Wasser herausfloss – in ein rotes Plastiklavour, das dabei regelmäßig umkippte.

Die geschleuderte Wäsche hängten wir auf die Leine. Hinter dem Haus war sie aufgespannt. Zwischen zwei Metallstützen, die aussahen wie die Schienen einer Schmalspurbahn, nur eben vertikal. Die Wäsche flatterte im Wind, bis sie trocken war.

Von dieser aufwändigen Prozedur ist nur das Aufhängen geblieben. Meine Mutter hängt ihre Wäsche immer noch an die selbe Wäscheleine.

Gerade die Wäscheleine setzt mich immer wieder ins Staunen. Im Dorf meiner Mutter steht beinahe in jedem Garten eine Wäscheleine. Die spießigsten und verklemmtesten Menschen, die niemals an irgendetwas zu denken wagen würden, das nicht ihren präzise definierten Moralvorstellungen entspricht, deren Weltbild verengt ist von Kirche und Trachtengruppe, die offenherzige Freigeister mit Argwohn oder gar mit Abscheu betrachten, hängen ihre Wäsche an die Leine.

Ihre Handtücher hängen dort und ihre Bettlaken, ihre Socken und ihre Röcke. Aber auch ihre Nachthemden, ihre Unterhosen und ihre BHs. Nicht im Traum würden sie auf die Idee kommen, diese Kleidungsstücke jemanden zu zeigen, während sie sie am Körper tragen. Auch sie aus dem Schrank zu nehmen, um sie herzuzeigen, empfänden sie als höchst unschicklich.

Trotzdem hängen sie die intimste Wäsche einfach so, für jeden sichtbar auf die Wäscheleine. Ohne sich auch nur das Geringste dabei zu denken. Das tun sie, obwohl sie wissen, dass der eine oder andere Nachbar genau beobachtet, was da hängt. Manche führen sogar Buch. Meine Mutter wurde einmal von einem Nachbarn angesprochen: „Hör mal, du hast vor 6 Tagen das letzte Mal gewaschen, hier hängen aber nur 5 Unterhosen. Was ist passiert?“

Aber sie hängt immer noch jede Woche ihre Unterhosen auf der Leine. Und die Nachbarn auch. Die Diskrepanz zwischen eigenem Schamgefühl und der öffentlichen Ausstellung auf der Wäscheleine scheint niemandem bewusst zu sein.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Wäscheleinen

  1. Genevieve schreibt:

    das mit der scham ist so eine sache, man versteht oft nicht, wofür sich leute warum schämen und wofür nicht; vielleicht ist es akzeptabel, unterwäsche zu haben, aber nicht akzeptabel, ausdrücklich zuzugestehen, dass man sie auch verwendet

    • Karin Koller schreibt:

      Ich ertappe mich in vielen Bereichen selbst ohne Scham, solche Differenzierungen zu machen. Beim Essen zum Beispiel erscheint mir für meine Kinder ein großer Klacks Marmelade völlig akzeptabel, ein Löffel Zucker aber schrecklich, obwohl die Zuckermenge die selbe ist. Man ist einfach geprägt von gewissen Denkmustern und kommt überhaupt nicht auf die Idee, dass sie manchmal widersprüchlich sind.

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