Zahlen erfinden

Ich lese Anna gerade Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser von Ernst Gombrich vor. In der Passage über Mohammed und die durch seine Lehre ausgelösten Eroberungen, werden auch die wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften aufgezählt, die durch die Moslems aus den verschiedensten Regionen nach Europa gekommen sind. Das Papier zum Beispiel, das sie aus China eingeführt hatten. Oder die Schriften des Aristoteles. Oder die Märchen von 1001 Nacht.

Besonders betont Gombrich aber die Zahlen und erklärt anhand von Beispielen, wie sehr sich die Mathematik vereinfacht hat durch die „arabischen“ Zahlen, die heute allgemein Verwendung finden.

Anna blieb unbeeindruckt. Für sie gehören Zahlen zu den Selbstverständlichkeiten dieser Welt. Die sind eben wie sie sind, weil es anders gar nicht sein kann. So wie ein Baum oder ein Stein einfach sind. Da hat niemand etwas dazu beigetragen und niemand muss deshalb Ah und Oh schreien. Anna unterdrückte dezent ein Gähnen und dachte vermutlich, damals als das Buch geschrieben wurde, vor beinahe 80 Jahren, da haben sich die Leute halt über mehr gewundert als wir das heute tun.

Ich muss auch zugeben, dass ich mir die Schönheit der Zahlen bewusst noch nie vor Augen geführt habe. Aber wie sehr muss sich die Mathematik durch ihre Einführung vereinfacht haben. Davor, in Griechenland und Rom, repräsentierten Buchstaben Zahlenwerte. Eine lange Zahl war nicht unbedingt eine hohe Zahl – M ist höher als CXLVIII. Durch das Fehlen von Stellenwerten musste für jede noch so komplexe Addition eine ganze Zahl zur andern dazugezählt werden (LXXVII + XCIV = CLXXII wenn ich nichts falsch gemacht habe), anstatt wie heute nur jeweils eine Stelle zur anderen. Multiplikationen müssen ein Alptraum gewesen sein.

„Na, ja, Mathematik braucht man eh nicht im richtigen Leben“, sagte Anna. Das ist wahrscheinlich das Schönste an den Zahlen. Zahlenräume sind so leicht zu begreifen, dass man nicht einmal merkt, zu wie vielen Gelegenheiten man tatsächlich rechnet. Selbst in einem noch zarten Alter.

Ähnlich wunderbar sind die Buchstaben. Wie man nicht für jedes Wort ein eigenes Zeichen lernen muss. Wie man mit 26 Zeichen alle Dinge benennen, alle Gefühle beschreiben, alles Erlebte aufzeichnen kann. Wie man auf ein Wort schaut, es in seiner Gesamtheit erfasst und es im Kopf hört, als hätte man es gesprochen. Und doch sind es nur abstrakte Zeichen.

Damals, als Anna lesen lernte und ich jeden Tag 10 Minuten mit ihr üben musste, wurde mir das Wunder der Buchstaben bewusst. Zuerst las sie jeden einzelnen Buchstaben und es dauerte lange, bis sie lernte, die Buchstaben zu Wörtern zu verbinden. Nach einiger Zeit fiel es ihr leicht, die Buchstaben zusammenzuhängen, sie musste aber immer noch, wenn sie ein Wort gelesen hatte, nachträglich darüber nachdenken, welches Wort es war. Dann kam der Tag – ich finde es schön, ihn nicht versäumt zu haben – an dem sie begann, Wortbilder zu erkennen.

Das war der Tag, an dem sie die Abstraktion der Buchstaben wirklich erfasst hat. Jetzt kann sie sehr gut lesen, ich lese ihr aber immer noch gerne vor. Bücher, die mich auch interessieren, wie jenes von Ernst Gombrich.

Katharina ist von den Anstrengungen der Schule oft so müde, dass sie sich zu mir kuschelt, wenn ich Anna vorlese, obwohl sie sich für Geschichte noch nicht interessiert. Sie war von der Erfindung der Zahlen ebenso unbeeindruckt wie Anna. Im Buch stellt Gombrich die Frage: „Hättest du so eine praktische Erfindung gemacht?“ und antwortet selbst mit „Ich bestimmt nicht.“

Ganz lässig sagte Katharina: „Ich schon. Sogar noch etwas viel besseres.“

„Was denn?“, fragte ich sie.

„Ach, zum Beispiel – Spagat“, gab sie lässig zur Antwort mit einer Selbstverständlichkeit, die deutlich zeigte, wo ihre Prioritäten liegen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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5 Antworten zu Zahlen erfinden

  1. claudiaveratti schreibt:

    Schönes Bild, auch, zeigt, dass , was uns selbstverständlich erscheint, nämlich die Einteilung von Lauten in getrennte Worte und die Bildung von Sätzen keineswegs ein natürliches Konzept sind, sondern , wie Zahlen, erst geschaffen werden musste

  2. karl berger schreibt:

    Die sogenannten „arabischen“ Zahlen sind indische. Die Kulturleistung der Moslems bestand also darin, das Wissen, das sie in den von ihnen mit Gewalt eroberten Ländern vorfanden weiter zu verbreiten. In diesem Sinne stellt das Buch keine echten Helden vor. Wenn die Schriften des Aristoteles so wertvoll sind, dann Lob ihm, oder den Chinesen fürs Papier oder den Indern für die Zahlen und nicht denjenigen, die mit Feuer und Schwert Länder erobern.

    • Karin Koller schreibt:

      In meinem Artikel steht nichts anderes: Moslems haben diese Kulturgüter aus anderen Regionen nach Europa gebracht. Das Buch stellt keine Helden vor, sondern beschreibt (kurz weil es sich um eine Weltgeschichte für Kinder handelt) die Eroberungszüge genauso wie die vielen Menschen, die dabei getötet wurden und die vielen Dinge, die dabei zerstört wurden. Tatsache ist jedoch, dass die moslemische Welt maßgeblich für die Verbreitung von Wissen in Europa war( wie zum Beispiel auch hier beschrieben http://www.amazon.de/Platon-Bagdad-Wissen-Antike-zur%C3%BCck/dp/3608947663/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1350037130&sr=8-1 ).
      Mit Feuer und Schwert Länder erobert haben die meisten Staaten zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Geschichte.
      Und ja, die Schriften von Aristoteles sind der Ausgangspunkt der modernen Wissenschaft.

    • Ujeh, Herr Berger. Wenn wir nur noch jene für die Erbringung oder Verbreitung kultureller Leistungen hervorheben dürfen, die sich durchgehend moralisch einwandfrei verhalten haben, haben wir nicht mehr viel hervorzuheben, schätze ich. Angefangen von Aristoteles, den Sie lobend anführen, und der in die alexandrinischen Eroberungsfeldzüge, die auch Massenmord inkludierten, durchaus involviert war und dessen Gedanken durch diese Feldzüge verbreitet wurden.

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