Diese Woche konsumiert: Friedensnobelpreis

Der diesjährige Friedensnobelpreis wurde nicht an eine Person, sondern an die Europäische Union vergeben. Das Nobelpreiskomitee begründete diese Entscheidung damit, dass die EU über sechs Jahrzehnte lang Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechte in Europa gefördert habe. Nicht nur in der Vergangenheit habe die EU für Demokratisierung gesorgt, sondern mache das immer noch, bei den Beitrittskandidaten Kroatien, Montenegro, Serbien und Türkei. Das Komitee räumt ein, die EU befinde sich derzeit in einer Wirtschaftkrise und in einem Zustand sozialer Unruhen, dennoch soll der Fokus auf die stabilisierenden Kräfte der Union gesetzt werden http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/peace/laureates/2012/press.html.

Beinahe klingt das wie ein Ansporn für die EU-Mitglieder, sich auf ihre Kernkompetenz, nämlich die friedliche Vereinigung Europas, zurückzubesinnen und jetzt in schwierigen Zeiten keine unüberlegten Schritte zu setzen.

Die Reaktionen auf die Entscheidung des norwegischen Nobelpreiskomitees sind sehr unterschiedlich. Hohe EU-Funktionäre lassen sich eitel abfeiern, betonen wie stolz wir alle sein können auf die EU und den Preis. Sie haben damit nicht unrecht. Außer dass die derzeitigen Entscheidungsträger wohl eher für die Probleme der EU und eine suboptimale Krisenbewältigung verantwortlich sind, als für die Faktoren, für die der Preis vergeben wurde.

Andere sind voller Häme. Es sei lächerlich, der EU einen Preis zu geben. Was habe sie schon geleistet? Sie sei doch nur als Wirtschaftsunion gegründet worden und das habe keinen Friedenspreis verdient. Diese Reaktionen empfinde ich als zu hart. Sie sind auch unrichtig (Degasperi! Schuman! Monnet!). Außerdem vergessen sie, dass gerade ein wirtschaftlicher Zusammenhalt Prosperität und Frieden bringen kann und gebracht hat (der Marshall-Plan, der durch wirtschaftliche Hilfe Westeuropa stabilisiert hat, ist ein Beispiel dafür). Manchmal kommt es mir jedoch vor, als ob die EU selbst genau das vergessen würde, wenn manche Länder die Notwendigkeit, anderen Ländern zu helfen in Frage stellen.

Ich bin der Meinung, das Nobelpreiskomitee hat in seiner Begründung nicht unrecht. Es hat auch schon weit absurdere Preise verliehen. Zum Beispiel an Henry Kissinger (hier ein Artikel über die Politik von Richard Nixon, die Kissinger maßgeblich mitbestimmt hat https://karinkoller.wordpress.com/2012/06/21/40-jahre-nach-watergate-wie-ist-richard-nixon-zu-bewerten/ ). Oder wie der Komiker Tom Lehrer sagte: “Political satire became obsolete when Henry Kissinger was awarded the Nobel Peace Prize.”) Auch bei anderen Preisträgern war nicht unbedingt nachvollziehbar, warum ausgerechnet sie den Friedensnobelpreis bekommen haben (http://www.thedailybeast.com/newsweek/blogs/wealth-of-nations/2009/10/09/obama-not-first-surprising-nobel-peace-prize-winner-seven-controversial-recipients.html )

Der EU den Preis zu verleihen war bestimmt nicht eine gänzlich falsche Entscheidung. Dennoch begeistert sie mich aus zwei Gründen nicht:

Immer wieder vergibt das Komitee den Friedensnobelpreis an Menschen und/oder Institutionen, bei denen es eine Politik vorantreiben zu wollen scheint. Bestes Beispiel ist Barack Obama, der zum Zeitpunkt der Preisverleihung noch nicht Friedensstiftende Maßnahmen, die einen Nobelpreis rechtfertigen würeden, setzen konnte, weil er erst seit acht Monaten im Amt war.

Auf die EU scheint das Komitee ebenfalls ein Wunschdenken anwenden zu wollen. Es sieht so aus, als wolle es die EU daran erinnern, dass Frieden und Prosperität nur durch Zusammenhalt erreichbar ist und Streit unweigerlich in die Instabilität führt. Es ist gut, wenn die EU daran erinnert wird, aber nicht unbedingt Aufgabe des Nobelpreiskomitees.

Aber wenn das Komitee schon von der eigentlichen Vorgabe (der Preis soll vergeben werden „an denjenigen, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat“) abweicht, um aktiv den Frieden auch in Zukunft zu fördern, dann sollte es besser dort den Preis verleihen, wo dieser tatsächlich etwas bewirken kann.

Das Preisgeld von einer knappen Million Euro ist für die Größe der EU verschwindend klein (jeder Bürger bekäme nicht einmal 2 Cent), auch gemessen an den wirtschaftlichen Problemen der EU, bei denen Rettungsschirme im mehrstelligen Milliardenbereich beschlossen werden müssen.

Einzelpersonen, Gruppen oder kleine Institutionen, die für Frieden und Menschenrechte kämpfen in Ländern, in denen diese nicht so selbstverständlich sind wie in der EU, können ihr Projekt in vielen Fällen mit einer Million Euro am Leben halten, ausbauen und weiterführen. Dort macht das Geld einen Unterschied.

Die politische Botschaft, die das Nobelpreiskomitee durch die Preisvergabe aussendet, ist bei der EU auch beinahe vergeudet. Die EU-Funktionäre haben ein Interesse daran, die EU zu erhalten und werden das auch trotz kleinerer Widerstände aus manchen Mitgliedsländern tun. Druck von außen haben sie nicht. Sie brauchen keine politische Ermunterung aus Oslo.

Für Menschen hingegen, die wegen ihres Engagements für Frieden und Demokratie von den jeweiligen Regimes verfolgt werden, kann sowohl die politische Botschaft als auch die durch den Preis geschaffene öffentliche Aufmerksamkeit eine enorme Hilfe und ein Schutz sein.

Man kann durchaus argumentieren, die EU habe diesen Preis verdient, wenn man deren Gesamtentwicklung betrachtet und nicht die derzeitige Situation.

Es wäre aber schön gewesen, den Preis Menschen zu verleihen, für die er tatsächlich finanziell und politisch einen Unterschied ausgemacht hätte.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
Dieser Beitrag wurde unter Diese Woche konsumiert abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

12 Antworten zu Diese Woche konsumiert: Friedensnobelpreis

  1. Ich teile deine Einwände insofern, als ich bezweifle, ob es sinnvoll ist, Preise an – hier sogar besonders machtvolle – Organisationen oder Institutionen zu verleihen.

    Wenn man solche Verleihungen an Körperschaften aber grundsätzlich zulässt, dann wird es schwer, einen würdigeren Empfänger zu finden als die EU (wenn man auch fragen kann, weshalb gerade in diesem Jahr).

    Sieht man die europäische Geschichte der letzten 500 Jahre an, dann gibt es keine einzige Periode, in der die nunmehrigen Mitgliedstaaten der EU (oder ihre Rechtsvorgänger) länger ohne kriegerische Auseinandersetzung untereinander ausgekommen sind. Das ist nicht ausschließlich das Verdienst der EU, aber ohne EU wäre diese lange Friedensperiode nur schwer vorstellbar.

  2. sebastiandrimmler schreibt:

    Meine erste Reaktion auf die Nachricht war, “ wieso jetzt?“, verbunden mit tiefer Skepsis. Aber, wenn man betrachtet, wer geradezu aufgebracht durch die Preisverleihung ist (Tories, Nationalisten, Radikale jeder Coleur), dann kann das Komitee nicht so falsch liegen.

    • Karin Koller schreibt:

      Die Kommission wollte offenbar einen Lenkungseffekt erzielen, indem sie den Preis ausgerechnet jetzt an die EU vergibt. Ich bin nicht sicher, ob ihnen das gelingt. Jene, die sich echauffieren, tun das ein paar Tage lang. Den Großteil der Bevölkerung interessiert der Preis gar nicht. Bei kleineren Institutionen oder Einzelpersonen könnte er aber einen Unterschied ausmachen und die Komission – sofern sie das will – eine echte politische Einflussnahme durchsetzen. Das gleiche gilt für das Geld. Was macht die EU mit der Million? Sie gleich einer Bank überweisen? Ein Fest in Brüssel veranstalten? Insofern halte ich die Entscheidung für nicht sinnvoll. Ansonsten stimme ich Clara zu, dass der Preis verdient ist. Es kommt nur darauf an, was der Preis tatsächlich bezwecken soll.

      • Hofnarr schreibt:

        Eigentlich steht der Zweck der Nobelpreis-Stiftung schon im Testament des Nobel und jedenfalls in den Statuten der Stiftung! Dort wäre es nachzulesen… Wenn Kommissions-Mitglieder bei der Nobel-Preis-Verleihung heute den Zweck verfremden oder jedenfalls missdeuten/umdeuten, weil’s ihnen so in den persönlichen Kram passt, ist das nicht rechtskonform und müsste deshalb einer internationalen Grundsatz-Ueberprüfung, bzw. Gerichtsinstanz zur Ueberprüfung unterstellt werden!

      • Karin Koller schreibt:

        Laut Wikipedia: „Mit meinem verbleibenden realisierbaren Vermögen soll auf folgende Weise verfahren werden: das Kapital, das von den Nachlassverwaltern in sichere Wertpapiere realisiert wurde, soll einen Fonds bilden, dessen Zinsen jährlich als Preis an diejenigen ausgeteilt werden sollen, die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben. Die Zinsen werden in fünf gleiche Teile aufgeteilt: […] und ein Teil an denjenigen, der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat. Der Preis […] für Friedensverfechter [wird] von einem Ausschuss von fünf Personen [vergeben], die vom norwegischen Storting gewählt werden. Es ist mein ausdrücklicher Wille, dass bei der Preisverteilung die Zuteilung nicht an irgendeiner Nationalität festgemacht wird, so dass der Würdigste den Preis erhält, ob er Skandinavier sei oder nicht.“
        – Alfred Nobel: Testament vom 27. November 1895[2]
        Da geht es nicht um Zweckentfremdung, sondern um eine politische Ebene oder einen Lenkungseffekt, der erhofft wird (zumindest hat es den Anschein). Das ist glaube ich nicht gegen die Statuten.

      • Hofnarr schreibt:

        Nun, Karin, das ist es ja eben: Nobel redet in seinem Testament ganz eindeutig von „demjenigen“, „derjenigen“ oder „denjenigen“, also Menschen, nicht eine Idee an sich oder ein politisches Konstrukt von Regierungen. Gerade deshalb sind es namentlich erwähnte Menschen die geehrt werden sollen, nicht ein demokratisches oder jedenfalls politisches oder wirtschaftliches Konstrukt, welches nicht mehr auf Einzelpersonen zurückgeht, sondern auf namenlose, wenn auch demokratisch gefällte Entscheide oder phylosophische Glaubenssätze!

        Nobel wollte mit seinem Testament jedenfalls Menschen ehren und auszeichnen!!! „Wer aber hat die EU mit ihren Grundsätzen und Aktivitäten erfunden“ wie jener Werbe-Slogan eines bekannten Husten-Bonbons in der Schweiz fragen würde?! Auf diese Frage bezüglich EU gäbe es wohl nicht so einfach eine Antwort… Darum kommt der Friedensnobel-Preis 2012 keinem einzelnen Menschen oder einer beliebig grossen Gruppierung deselben zugute, sodass er dieses JHahr meines Erachtens tatsächlich eine Zweckentfremdung der Stiftung darstellt! Alle anderen Preisträger der Vergangenheit waren letztlich Menschen, nicht politische Regierungen eines ganzen Kontinents, deren Aktivitäten, ob nun zu Recht oder eben nicht, geehrt wurden…

  3. Hofnarr schreibt:

    Nun, warum die EU und nicht alle europäischen Länder?! Die Schweiz beispielsweise hat sich durch ihre Neutralität seit Jahrhunderten wesentlich länger für Frieden eingesetzt als bloss gerade 60 Jahre oder wie im Falle der EU noch weniger!

    Im weiteren fragt es sich: Was tut eine EU zukünftig mit dem Preis von einer knappen Million?! Etwa einfach zu den übrigen Finanzen schütten?! Oder diese Gelder für eine spezielle Aufgabe einsetzen?! Oder hat sie das mit ihren eigenen Geldern (und von wo kamen diese?) schon getan?! Oder speziellen Einzelpersonen, die friedensstiftend in Erscheinung traten oder noch treten, finanzielle Unterstützung gewähren?!

    Die einstige Idee des Nobels und seinem Wortlaut aus seinem Testament ist nicht Genüge getan mit dieser Nobelpreis-Verleihung an die EU, dies jedenfalls nicht, obwohl es zutrifft, dass die EU friedensfördernde und friedensstiftende Aktivitäten tätigte, aber dies steht ohnehin in ihren Statuten und wäre demnach mit oder ohne Einwirkung der Nobelpreis-Verleihung gegeben. Nobel selbst hätte den Preis wohl nicht an diese Organisation vergeben, sondern sich andere Adressaten gesucht, weil er mit allen seinen Nobel-Preisen stets Aktivitäten einzelner oder kleiner Gruppierungen von Aktiven im Auge hatte.

    • Karin Koller schreibt:

      Soweit ich gesehen (und zitiert) habe, gibt es keinen Hinweis im Wortlaut des Testaments, dass der Preis an kleine Organisationen vergeben werden muss. Mein Einwand ist, dass die Kommission offenbar eine Einflussnahme ausüben will, die nicht in den Statuten steht, das aber in einer Art und Weise macht, die nicht viel nützen wird.

      • Hofnarr schreibt:

        Die EU ist weder eine kleine noch eine grosse Organisation, sondern ein Zusammenschluss von Staatsregierungen zum Zwecke sinnvollerer politischer und wirtschaftlicher Schlagkraft Europas. Jeder einzelne Funktionär der EU ist aber ein Abgesandter von den Regierungen der Mitgliedstaaten, beeinflusst und bezahlt durch Steuergelder eben jener Staaten… Wen also will man da ehren?! Menschen und deren Leistungen von herausragender Qualität oder die Idee an sich?! Wenn aber die Idee an sich, dann müsste man ja auch den Buddhismus als Ganzes mit Friedens-Nobelpreis ehren oder auch das Christentum (Nächstenliebe als wesentlichen Pfeiler dieses Glaubens!) oder… Welch ein Nonsense, wenn auch allenfalls friedensfördernd und friedensstiftend! Dies war nie die Idee des Nobel!!! Er wollte mit seiner Stiftung tatsächlich Menschen und ihre herausragenden Leistungen in Wissenschaft, Literatur und Friedensgesinnung und ihrer Einstellung dazu fördern.

  4. Hofnarr: dass es noch andere würdige Preisträger gäbe, spräche ja noch nicht gegen eine Vergabe an die EU, sondern liegt in der Natur der Sache. Bei allem Respekt für die lange Tradition der humanitären Leistungen der Schweiz: dass die Friedensperiode zeitlich mit der EU-Gründung zusammenfällt und nicht mit den diversen Initiativen aus der Schweiz und in der Schweiz, ist kein Zufall. Leider war die Schweiz nicht einflussreich genug, seit 1848 ihrer eigenen Einstellung in Europa zum Durchbruch zu verhelfen (was nicht gegen die Schweiz spricht)

    • Hofnarr schreibt:

      Nein, es wurden viele Schweizer und Schweizerische Institutionen, die dem Frieden dienen, seit Entstehung der Nobelpreis-Stiftung mit dem Friedens-Nobelpreis geehrt, allen voran Henri Dunand und auch das Rote Kreuz etc. Wir Schweizer kamen im Zusammenhang mit der Vergabe des Friedensnobel-Preises und anderer Nobel-Preise seit Anbeginn der Stiftung nie zu kurz, wie die Liste aller Preis-Entgegennehmer ja aussagen kann!

      Die Schweiz als ganze Regierung indes wurde nicht mit Nobelpreis geehrt, was meines Erachtens auch richtig ist! Auch innerhalb der EU gibt es durchaus Personen, Unternehmungen und Institutionen, die nicht dem Frieden dienen, nämlich alle jene Unternehmungen (auch der Schweiz aber auch Deutschlands etc.) und Regierungen, die Waffen in Kriegsgebiete liefern, die dort für tatsächlichen Krieg, nicht bloss zur theoretischen Abschreckung Kriegswilliger eingesetzt werden.

      • tooryeaye schreibt:

        Ich verstehe die Aufregung nicht. Es gab schon begeisterndere Preisträger, aber auch schon viel Unverdientere (Begin, Kissinger, Arafat…….)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s