In der Sprache der Oma

Mein Mann und ich haben unsere Kinder taufen lassen, damit sie in der Volksschule nicht dem sozialen Druck unterworfen werden, anders zu sein als die anderen Kinder (https://karinkoller.wordpress.com/2011/03/28/warum-meine-kinder-getauft-sind/ ). Das mag manchen feige erscheinen, aber wir wollten ihnen wegen unseren Überzeugungen keinen Stress bereiten und uns auch nicht.

Die Großmütter waren jedenfalls sehr froh, zumal der Papst die Vorhölle für ungetaufte Kinder erst abgeschafft hat, nachdem alle drei Kinder geboren waren.

Für Anna machten wir ein großes Fest Zur Taufe. Wir luden die Verwandten meines Mannes ein. Ich bin Einzelkind und meine Mutter ist alleinstehend, deshalb gibt es keine Verwandten, die ich hätte einladen können.

Meine Mutter war die allerkatholischste Person der Runde. Sie hat Kärntner Slowenische Wurzeln und deshalb war es ihr ein besonderes Anliegen, während der Taufe ein slowenisches Vaterunser für ihre Enkeltochter zu beten.

Sie fühlt sich in ihrem Dorf schon beinahe wie ein Revoluzzer, wenn sie dort in der Kirche die Slowenischen Gebete mit besonderem Eifer und großer Inbrunst daherschmettert, weil dort der ständige Konflikt zwischen den „deutschen“ Kärntnern und den Kärntner Slowenen besonders spürbar ist https://karinkoller.wordpress.com/2011/05/02/karntner-slowenen/ .

Wie ein fremdsprachiges Gebet hier in Vorarlberg ankommen würde, wusste sie nicht genau, zumal nur sie und ich es beten würden. Deshalb war sie vor der Taufe ziemlich aufgeregt und fragte mich andauernd, ob ich alles mit dem Pfarrer vereinbart hatte und ob die Verwandten informiert seien. Ich hatte alles mit dem Pfarrer besprochen und die Verwandten würden schon merken, wenn wir das Gebet sprachen.

Dann kam der große Moment, der Pfarrer kündigte unser Gebet an. Er hatte wohl vergessen, um welche Sprache es sich handelte, deshalb sagte er: „Nun folgt ein Gebet in der Sprache der Oma.“

Ohne Zwischenfälle beteten wir das Gebet. Nach der Taufe gingen wir ins Gasthaus, aßen und unterhielten uns gut.

Beim Nachtisch setzte sich der Onkel meines Mannes zu meiner Mutter und sagte zu ihr: „Darf ich Sie fragen, wie es ist, ständig unterwegs zu sein?“

Meine Mutter verstand nicht, außer nach Vorarlberg, um uns zu besuchen, unternahm sie keine Reisen.

„Aber, ich meine mit dem Wagen und so, das muss doch sehr anstrengend sein, gerade in Ihrem Alter“, ließ der Onkel nicht locker. Meine Mutter verstand immer noch nicht, sie hatte auch kein Auto. Der Onkel schnitt ein anderes Thema an, vermutlich weil er meinte, meine Mutter würde nicht darüber sprechen wollen oder könnte nicht ausreichend Deutsch (sie tat sich wirklich ein bisschen schwer mit dem Vorarlberger Dialekt).

Am nächsten Tag erzählte sie uns von dieser merkwürdigen Begebenheit und nach einigem Nachdenken fand mein Mann des Rätsels Lösung:

Der Pfarrer rollte selbst für vorarlbergische Verhältnisse das R besonders stark. Als er sagte „in der Sprache der Oma“, verstand der Onkel „in der Sprache der Roma“.

Der Onkel hatte automatisch angenommen, sie würde ihr Leben damit verbringen, mit dem Planwagen- vielleicht sogar mit einem Pferd davorgespannt – durch die Welt zu ziehen.

Meiner Mutter war das sehr peinlich, für fahrendes Volk wollte sie nicht gehalten werden.

So kam es, dass ein kleines Gebet in einer fremden Sprache und ein am falschen Platz gerolltes R jemanden bei Vorurteilen gegenüber anderssprachigen Menschen gleichzeitig zum Opfer und Täter gemacht haben.

Funny old world.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu In der Sprache der Oma

  1. Hihi. Der zivilisatorische Lack über der Grundierung mit Vorurteilen ist oft nur dünn.

    • Karin Koller schreibt:

      Schön gesprochen. Es ist aber eher ein Fundament aus Vorurteilen, als nur Grundierung. Ich merke es an mir selbst oft genug (schon alleine daran, welche Vorurteile ich bei mir selbst und bei anderen gelten lasse und welche mich aufregen, oder wo ich aktiv gegensteuern muss, um nicht vorurteilsbehaftet zu denken und handeln).

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