Der Nabel der Welt

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 34

Wieder im Laden konnte ich weder Zungenspaltaktivitäten sehen noch verzweifelte Schreie hören. Die Matrone sagte mir, ich müsse mich noch ein wenig gedulden. Ich suchte mir den Schmuck aus, ein silbriges Stäbchen mit einer goldfarbenen Kugel an jedem Ende, und versank wieder in düstere Gedanken. Claudia hatte es aufgegeben, mir Trost zu spenden und sah sich psychedelische Postkarten an.

Und dann kam der große Moment. Wie aus dem Nichts tauchte eine makellose Alabasterfrau auf und bedeutete uns mitzukommen. Ich war fassungslos. Claudia schob mich durch einen dicken schwarzen Filzvorhang hinter dem Ladentisch, vorbei an zwei schlafenden Hunden in einem mit Kartons und Gerümpel vollgerammelten Nebenraum. Das Alabastergeschöpf erklomm eine schmale, steile Hühnerleiter und ich glaubte zu träumen. Das war nicht die Punkhöhle, die ich mir in meinen schlimmsten Phantasien ausgemalt hatte. Das war Alice im Wunderland, die mich durch dunkle Gänge, an wilden Bestien vorbei in ihre märchenhafte Welt entführte. Es wollte mir nicht einfallen, ob die Geschichte von Alice gut ausgegangen war. Ich wusste nur, dass bei Alice alle Gesetze der Natur und der Logik außer Kraft gesetzt wurden. Ob das gut für mich war, wusste ich nicht so genau. Ich beschloss einfach, mich dem Zauber ganz hinzugeben und an einen glücklichen Ausgang zu glauben. Eine wirkliche Alternative hatte ich wohl nicht.

Am Ende der Hühnerleiter tauchten keine weißen Hasen und Kartenkönige auf, sondern ein kleiner heller Raum mit Schreibtisch, Sofa und Krankenliege. Auf den Regalen stand technisches Gerät herum. Claudia warf mir einen ermunternden Blick zu und auch ich war sicher, dass ich bei der Hightech-Alabasteralice in guten Händen war.

Während mein Schmuck in einem dieser Autoklavenkästchen sterilisiert wurde, musste ich eine Einwilligungserklärung unterschreiben. Wie vor einer Operation wurde dort auf Risiken aufmerksam gemacht. Im Falle einer Sepsis, stand dort, hatte ich selbst die Verantwortung zu übernehmen. Am Vortag noch hatte ich mir diese Piercingklinikatmosphäre herbeigesehnt. Nach den märchenhaften Ereignissen erschien sie mir ernüchternd.

Nach diesen Formalitäten musste ich mich entblößt auf eine Liege legen. Als ich mich für einen Moment unbeobachtet glaubte, betrachtete ich meinen Bauch. Wie schön er werden würde.

Die Alabasterfrau stopfte mir Krepppapier in die Unterhose. Ich hoffte, dass mein Blut nicht soweit spritzen würde, wie diese Geste andeutete. Dann füllte sie meinen Nabel bis zum Rand mit einer betäubenden Flüssigkeit, die in mir eine vage Erinnerung an den Ententeich bei Alice hervorrief. Mit einem blauen Stift zeichnete sie das Einstich- und das Austrittsloch an. Ich sollte beurteilen, ob die Stelle meinem Bauch schmeichelte. Als alle zufrieden waren mit der Position des künftigen Schmucks, wurde es ernst.

Alabasteralice streifte sich Handschuhe über und kam mit einer langen Kanüle, an der ein Gummischlauch befestigt war, auf mich zu. Ich schloss die Augen. Wie gelähmt vor Angst versuchte ich gerade so locker wie möglich zu bleiben, als ich auch schon die Nadel spürte. Sie bohrte sich in meine zarte Haut, dahinter wurmte sich der Gummischlauch Millimeter für Millimeter durch das Fleisch. Es war ein merkwürdiges Gefühl, fast so als wäre die Stelle viele Zentimeter dick. Ich wagte aufzuschauen und sah einen Gummischlauch in meinem Nabel stecken, einen weißen Gummischlauch, vorne und hinten offen. Wenn man auf einer Seite Wasser hineingepumpt hätte, wäre ein sprudelnder Lustgarten aus mir geworden. Ich schloss die Augen lieber wieder.

Nun hörte und fühlte ich mehr als ich sah. Das Doppelperlenschmuckstück wurde auseinandergeschraubt und in den Schlauch gestopft, in den Schlauch, der als Springbrunnenparadies gescheitert war und immer noch mitten in meinem Bauch steckte. Die Alabasterfrau zog an dem Schlauch, fädelte den kalten Chirurgenstahl durch das frischgebohrte Loch und ließ mich wieder für eine kleine Ewigkeit in Agonie versinken.

Es war vollbracht. Die zweite goldene Perle wurde in meinen Nabel geschraubt, der Bauch mit sterilem Tüll getupft und mit einem Pflaster versiegelt. Alabasteralice lobte mich. Das konnte nicht ernst gemeint sein. Was hätte ich denn tun können? Schreien wie ein Schwein am Rost? Mit Wartungshinweisen und einer pharmazeutischen Einkaufsliste schickte Alice uns wieder fort aus ihrem Wunderland, zurück in die kalte Welt.

Draußen auf der Straße fühlte ich mich wie ein Krieger nach einer Schlacht, wie ein Astronaut nachdem er mit seiner Kapsel auf der Erde aufgeschlagen war. Mit dem Genuss, den die kleinen, unbeachteten Helden des Alltags verspüren, nachdem sie ein Abenteuer erlebt hatten, zündete ich mir eine Zigarette an. Es war ein tolles Gefühl, die eigenen Ängste überwunden zu haben, endlich mal behaupten zu dürfen, richtig cool gewesen zu sein. Mir war schon klar, dass das was ich eben getan hatte eine Selbstverständlichkeit, ein Must sozusagen ist für jedes fünfzehnjährige Mädchen, aber für eine fast Dreißigjährige war es schon etwas besonderes. Wer mit einem gutbezahlten Mittelstandsjob hatte denn schon ein Bauchnabelpiercing? Niemand. Fast niemand. Sicher.

Nachdem wir Pflaster und Desinfektionsmittel gekauft und uns an rohem Fisch gelabt hatten, gingen wir zu Claudia nach Hause. Dort lief ich gleich ins Bad, um meinen neuen Schmuck aus seinem dunklen Pflastergefängnis zu befreien. Das Fleisch musste desinfiziert und der Schmuck sanft hin und her gerollt werden. Aus dem Fläschchen tropfte eine scheußliche dunkelbraune Tinktur. Sie färbte die schöne Pracht meines neuen Schmucks zur Unkenntlichkeit ein und brannte höllisch. Tapfer schob ich den Stab so gut es ging herum. Plötzlich wurde mir schwindlig, ich musste mich hinlegen. Mir war übel.

Als ich mich nach einiger Zeit wieder erholt hatte, war ich nicht mehr so sicher, ob ich das Richtige getan hatte. Nach der Hochstimmung beschlich mich Verzagtheit. Wieso hatte ich mich zu solchen Tollereien hinreißen lassen? In meinem Alter kauften sich andere die ersten Perlenketten. Soweit war die Verbürgerlichung in mir zwar noch nicht fortgeschritten. Aber die Nabeldurchstechung erschien mir nun gar nicht mehr verwegen, sondern wie eine postadoleszente Narretei.

Niedergeschlagen klebte ich ein neues Pflaster über die braune Pampe und betrachtete mich nochmal im Spiegel. Der weiße Pflasterfleck auf meinem Bauch sah eigentlich ganz schnuckelig aus. Für einen Moment hoffte ich, alles was sich darunter befand einfach vergessen zu können.

Am nächsten Morgen wiederholte ich die Schiebe- und Pampprozedur. Diesmal lief es ohne Schwindel und Übelkeit, mit nur ganz wenig Schmerzen und kaum Mulmigkeit.

Ich fuhr nach Hause zu Michael, erzählte die Geschichte etwas dramatischer als sie war, ließ mich loben und hätscheln. Vorschriftsgemäß tropfte ich eine Woche lang dreimal täglich die braune Tinktur in meinen Nabel. Das Schieben des Schmucks fiel mir von Tag zu Tag leichter. Wegen dem Pflaster und den braunen Verkrustungen darunter könnte ich immer noch nicht erkennen, ob ich wirklich schöner geworden war.

In der zweiten Woche verwendete ich ein farbloses Desinfektionsmittel. So konnten Michael und ich wenigstens in den kurzen Augenblicken der Pflasterlosigkeit eine Lieblichkeit in meiner Körpermitte erkennen. Damit stieg mein Selbstbewusstsein, ich sehnte schon fast den Tag der endgültigen Enthüllung herbei.

So kam es, dass in einer kalten Dezembernacht, zwei Wochen nach meiner Wienreise, die goldene Kugel in meinem Bauchnabel zum ersten Mal das Licht der Welt erblickte.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Der Nabel der Welt

  1. artemisssss schreibt:

    Rites of Passage

  2. Charly aus LEO schreibt:

    …in dem Beitrag vermisse ich bei einigen nach dem Bauchnabel-Piercing vorgenommenen Handlungen den Hinweis, dass dies unter keinen Umständen nachgeahmt werden sollte. Beispielsweise dass das Pflaster gleich wieder abgenommen wurde, obwohl die Piercerin sicher gesagt hat, dass dies erst am nächsten Tag oder im Falle des (sichtbaren) Einblutens gewechselt werden darf. Auch zu alkoholhaltigen Desinfektionsmitteln gibt es schon seit längerem vor allem in den Piecingstudios alternative Sprays speziell für Schleimhäute, welche nicht brennen. Dann das Herumspielen mit dem Schmuck: Dies sollte heutzutage bis zur Kontrolle in 2 Monaten (beim BNP) genauso unterlassen werden wie das Hin- und Herschieben bzw. Drehen während der täglichen Desinfektion…

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