Songs: Prefab Sprout, Life of Surprises

Beim Studium und auch später im Berufsleben begegneten mir immer wieder Menschen, die den Drang zu haben schienen, sich ständig beweisen zu müssen. Sie stellten sich immer als die Besten und Schlauesten und Erfolgreichsten dar. Keinen Fehler, keinen Makel konnten sie zugeben. Sie hatten etwas Gezwungenes an sich, sie wirkten, als bestünden sie nur aus Fassade. Ich mochte sie nicht und gleichzeitig fühlte ich mich inadäquat in ihrer Nähe. Mitunter spürte ich sogar den Impuls, es ihnen gleichzutun und selbst über Vorzüge zu prahlen, von denen ich in Wahrheit selbst nicht überzeugt war.

Das Aufrechterhalten des Scheins ist nicht auf junge, aufstrebende Leute beschränkt, die glauben, sich nur so profilieren zu können. Es ist weit verbreitet in der Gesellschaft.

Die wohlhabenden Leute, für die meine Mutter arbeitete, stellten den Anspruch der Perfektion nicht nur an sich, sondern auch an ihre Kinder. Selbst wenn die Realität zeigte, wie ihre Kinder mit 40 noch nicht ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen konnten, fanden die Eltern Wege, sie als besser als alle anderen darzustellen.

Auch eine meiner Verwandten, eine Hausfrau vom Land, hatte den Zwang, bei jeder Gelegenheit zu betonen, was ihre Töchter schon alles können und wie viel besser sie das konnten als ihre Altersgenossen. Jetzt macht sie das gleiche mit ihren Enkelkindern.

Viele Mütter glauben, etwas anderes als Perfektion wäre unter ihrer Würde. Manchmal steckt mich das auch an. Nur ja keine Schwäche zeigen, nur ja nicht durchblicken lassen, wie überfordert ich manchmal bin, wie müde, wie hilflos, wie mutlos.

Ich versuche, gegen die Selbstbeschönigung mit gleichzeitiger Selbsterniedrigung anzukämpfen. Und doch muss ich immer wieder feststellen, dass ich mit zunehmendem Alter nicht weniger anfällig dafür werde. Dann schäme ich mich dafür, etwas vorzugaukeln, das nicht der Wahrheit entspricht, und auch dafür, das vorgaukeln zu müssen, weil ich nicht gut genug bin.

Stattdessen sollte ich das Schöne in meinem Leben sehen, die kleinen Fortschritte, die sich immer wieder ergeben. Nicht versuchen, mich ständig in ein unerreichbares Rollenbild zu pressen. Nicht verzweifeln, wenn die kleinen Schritte zu langsam erscheinen. Mich nicht unter Druck setzen, vor anderen Leuten gut dazustehen, die sich ohnehin nicht für mich interessieren und die mir im Grunde auch egal sein müssten. Ich sollte die Unzufriedenheit als das erkennen, was sie ist: ein Abklatsch von mitunter sogar fremden Vorstellungen, die ohnehin niemals der Realität entsprochen hätten.

Manchmal gelingt mir das recht gut. Manchmal gar nicht. Ich versuche aber niemals bitter zu werden, auch wenn gerade gar nichts klappen will. Zu oft habe ich Frauen gesehen, die sich aus ihren überzogenen Wünschen eine unerreichbare Realität geschaffen hatten. Sie sahen ihr Leben als gescheitert an und merkten darüber nicht, wie gut es ihnen eigentlich ging.

Ich versuche, mir Ziele zu setzen und geduldig zu bleiben, wenn ich sie nur langsam erreiche. Wenn sie unerreichbar sind, stecke ich mir neue Ziele. Denn Stillstand möchte ich vermeiden, er führt zur Verknöcherung. Entweder weil ich sonst aus Angst vor dem Versagen das Fortkommen verweigere, oder weil ich in der selbst induzierten Unerreichbarkeit zu leicht verharren würde. Mich bei dieser schmalen Gratwanderung selbst zu belügen und anderen etwas vorzumachen, würde mich enorm behindern bei diesem Unterfangen.

Und wer weiß – das Leben ist voller Überraschungen.

http://www.youtube.com/watch?v=hDws8LPXzEM

You can keep the good times righteousness
The best parting line
Rather then pretend we are A1 ultrafine
Shall I be the first then to say what we have found
There’s something in our lifetime won’t let us settle down

Darling it’s a life of surprises
It’s no help growing older or wiser
You don’t have to pretend you’re not crying
When it’s even in the way that you’re walking

Never let your conscience be harmful to your health
Let no neurotic impulse turn inward on itself
Just say that you were happy, as happy would allow
And tell yourself that that will have to do for now

Darling it’s a life of surprises
It’s no help growing older or wiser
You don’t have to pretend you’re not crying
When it’s even in the way that you’re walking – Baby talking

Never say you’re bitter Jack
Bitter makes the worst things come back

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Songs: Prefab Sprout, Life of Surprises

  1. tooryeaye schreibt:

    Bitterkeit kann auch ein schöner Antrieb sein, etwas zu ändern, sich nicht mehr gefallen zu lassen etc.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich finde nicht. Wut, Unterdrückung, Die-Schnauze-voll-Haben, ja, das sind Antriebe. Bitterkeit kommt für mich immer mit Resignation daher, weil sie erst rückwirkend einsetzt, wenn die Reaktion schon versäumt wurde.

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