Italianità

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 34

„Glaubst du, dass es diesmal geklappt hat.“

„Weiß ich doch nicht. Das ist noch viel zu früh. Und ich kann schon gar nichts dazu sagen.“

Michael und ich lagen auf dem Bett. Das Bett befand sich in einem kleinen Appartement in der Nähe von San Gimignano, das wir für unsere Sommerurlaubswoche gemietet hatten.

„Ich könnte auch die Beine in die Luft strecken und am Rücken hin und herschaukeln. Das habe ich einmal in einem Film gesehen. Ich glaube, es war The Big Lebowski.“

„Wenn du glaubst, dass das hilft.“

Michael stand diversen Empfängnisbeschwörungen eher gleichgültig gegenüber. Er glaubte nicht an Hilfsmittel zur Steigerung der Fruchtbarkeit, nicht einmal wenn es sich um derart wissenschaftliche Maßnahmen handelte, wie ich sie gerade plante. So streckte ich entschlossen Beine und Hintern in die Luft, um den sicherlich zeugungswütigen Spermien eine bequeme Rutschpartie an ihr Ziel zu bieten anstatt eines beschwerlichen Aufstiegs. Dabei hoffte ich immer, dass sich nicht die Fliegen auf mir niederlassen würden.

„Sieht das nicht eher bescheuert aus?“ Nach einigen Minuten waren mir Zweifel gekommen, ob man es den Spermien wirklich so leicht machen sollte. Außerdem musste ich mir doch eine gewisse Erotik bewahren und durfte mich nicht vor Michael auf eine Empfängnismaschine reduzieren, sonst würde der arme Mann am Ende noch ein Trauma bekommen und wir für immer kinderlos bleiben.

„Ziemlich bescheuert“, sagte Michael und sah mich dankbar an, als ich die Beine wieder auf das Bett fallen ließ und mich an ihn kuschelte.

Seit drei Monaten versuchten wir, ein Kind zu machen. Bisher hatte es aber noch nicht geklappt. Natürlich war das noch kein Grund für übermäßige Enttäuschung oder gar Anlass zur Sorge. Dafür war die Zeit des Probierens noch zu kurz. Dennoch hatten wir unseren Urlaub in die Zeit verlegt, in der meine Empfängnisbereitschaft, wie man so schön sagte, hoch sein musste. Außerdem hatten wir im Urlaub Zeit und Muße, jeden Tag einen neuen Anlauf zu wagen und somit würden wir nichts dem Zufall überlassen.

Wir wollten die Zeugung unseres Kindes möglichst schnell hinter uns bringen. Ich war nämlich so unglücklich bei meiner jetzigen Arbeitsstelle, dass ich bereits für die kommenden Jahre mit dem Berufsleben abgeschlossen hatte Außerdem wollte ich nicht eine jener völlig verzweifelten Frauen werden, denen der unerfüllte Kinderwunsch das Leben zur Hölle machte. Leichte Anzeichen dafür waren bereits erkennbar. So hatte der Sex um die Mitte meines Regelzyklus herum immer öfter etwas Zweckmäßiges anstatt uns in freudvoller Entspanntheit versinken zu lassen. Immer öfter gab es auch äußerst unerotische Babygespräche vor und nach dem Zeugungsversuch und die eine oder andere Träne war mir auch schon entschlüpft, als meine Periode einsetzte. Den Druck, dem Paare ausgesetzt sind, wenn sie Jahrelang vergebens versuchen, ein Kind zu zeugen, konnte ich mir kaum vorstellen. Ich hatte schon nach drei Monaten leichte Hysterieerscheinungen.

Glücklicherweise waren diese nicht stark genug, um mich zu veranlassen, meinen Körper einer gründlichen inneren Reinigung zu unterziehen. Die Meinung, ein Kind werde leichter in einem giftfreien Körper empfangen, war durchaus verbreitet und konnte auch die härtesten Kinderwünschenden innerhalb von kürzester Zeit zu militanten Ökoschlunzen machen. Diese geläuterten Gebärwilligen zwangen sogar ihre Männer dazu, täglich literweise Spermabildungstee zu trinken und verzichteten auf dionysische Freuden

So weit ging es bei mir nicht. Ich genoss den Italienurlaub in vollen Zügen. Schon zum dritten Mal waren wir für eine Woche in die Toskana gefahren. Urlaub in Italien bedeutete für uns immer Faulenzen, kurze aber nicht zu intensive Kulturausflüge mit dreigängigen Abendessen und natürlich jede Menge Wein. Bei unseren kleinen Ausflügen in die benachbarten Städtchen verbrachten wir meistens die Hälfte der Zeit mit der Suche des geeigneten Restaurants. Das war der zentrale Punkt der Expedition. Die Stadt konnte noch so langweilig, kulturell anspruchslos oder hässlich sein, hatte sie ein gutes Restaurant, war es für uns ein gelungener Tag. Fanden wir kein ansprechendes Lokal, erfreuten uns die schönsten Bauwerke und Kunstschätze nicht mehr.

Am liebsten waren mir die kleinen Trattorien, die der Wirt selbst mit Leben erfüllte. Manchmal gab es in diesen Lokalen nicht einmal eine Speisekarte oder wenn es sie gab, waren die Gerichte meist nicht erhältlich. Der Wirt zählte einfach anfangs alle Speisen auf, die der Koch an diesem Abend zubereiten wollte. Dabei konnte man sich sicher sein, dass die Zutaten frisch waren und dass die Gerichte mit Lust gekocht waren. Natürlich erfuhr man bei dieser Aufzählung keine Preise und es hätte die Atmosphäre der lockeren Gastlichkeit zerstört, hätte man nach ihnen gefragt. Sahen die Speisen besonders exklusiv aus, konnte sich durchaus für einen kurzen Augenblick die Frage aufdrängen, ob man sich diesen Luxus leisten konnte. Ließ man sich dann aber beispielsweise in hausgemachte Meeresfrüchteravioli an weißer Trüffelsauce auf der Zunge zergehen, verwarf man sogleich alle Gedanken an das profane Geld und wartete gespannt darauf, welche Genüsse der Hauptgang und das Dessert bringen würden. Sprengte das Mahl das Budget, konnte man sich am nächsten Tag immer noch mit trocken Brot und Tomaten begnügen, und vielleicht noch mit ein paar Stückchen Wildschweinsalami. Meistens war das Essen aber nicht übermäßig teuer. Manchmal hatte ich das Gefühl, der Wirt berechnete den Preis überschlagsmäßig nach Sympathiepunkten. War man etwa wie Michael und ich ein nicht zu wohlhabend aussehendes Pärchen, das sich bemühte, mit dem Wirten einige Worte auf Italienisch zu wechseln, um ihm dann die Speisefolge weitgehend zu überlassen, waren die Sympathiepunkte hoch und der Preis relativ gering. Kam man aber als protzig reicher Mensch in das Lokal und fragte zuerst auf Deutsch, ob es auch Pizza gäbe und wie viel die koste, war es um die Sympathiepunkte schnell geschehen. Entschied er sich schlussendlich nur für ein Nudelgericht ohne Hauptgang, wurde das Essen teuer. Beweisen konnte ich das natürlich nicht, aber es belastete mich auch nicht sonderlich, da das Essen meist weniger kostete als es Freuden bringen konnte.

In diesem Urlaub hatten wir ein Restaurant gefunden, das zwar eine Speisekarte mit Preisen hatte, in der alle Speisen auch erhältlich waren. Dafür war aber der Wirt sehenswert. Er lief wild gestikulierend durch das Lokal, empfahl Speisen und setzte sich glücklich zu Speisenden an den Tisch, wenn diese das Essen lobten. Er hielt rein gar nichts von den Banausen, die nachmittags um fünf eine Pizza zum Nachtmahl aßen, weil sie zu knauserig waren, sich von ihm verwöhnen zu lassen. Er hielt auch nichts von ausländischen Touristen, die in seinem Lokal saßen und die seine Mühen, die Nudeln und die Kekse hausgemacht zu servieren, nicht zu schätzen wussten. Das tat er mit theatralischem Brimborium mitten im Lokal kund, weil er sich sicher war, die Beschimpften hatten sich nicht die Mühe gemacht, Italienisch zu lernen, wenn sie nicht einmal erkannten, was gut war. Den Touristen, die seine Beschimpfungen verstanden, verlieh er großzügig die Ehrenbürgerschaft.

Dieser Wirt konnte eine echte italienische Atmosphäre schaffen, aber das war noch nicht das Beste in seinem Lokal. Das Beste war nämlich der Nachtisch des Hauses. Eine Creme Brulée. Diese gebrannte Creme wurde eiskalt serviert. Auf der Creme lag eine dicke Schichte brauner Zucker. Der Wirt persönlich servierte den Nachtisch mit feierlichem Ernst, denn der simple Akt des Tellerhinstellens reichte nicht für diese Speise.

Mit konzentrierter Miene zog der Wirt hinter seinem Rücken einen kleinen verchromten Gasbrenner hervor und hielt die kleine, aber sehr heiße Flamme über den Zucker, bis dieser karamellisierte. Dies erforderte großes Können, denn der Zucker musste völlig durchschmolzen sein, die Creme durfte aber keinesfalls ihre eiskalte Frische verlieren. Das mit Expertenhand erzielte Ergebnis war dann eine kühle, flaumige Creme mit einer hart verschmolzenen Karamellkruste.

Nach den aufwendigen Vorbereitungen ergab dieses Dessert ein Fest für alle Sinne. Vorsichtig musste nämlich die noch warme Zuckerkruste durch einen wohldosierten Schlag mit dem Löffel zersplittert werden, um die Creme preiszugeben. Ein sanft gedämpftes Knackgeräusch resultierte daraus, das die Vorfreude auf die Spitze trieb. Dann wurde die Creme mit einem Zuckerplättchen auf den Löffel aufgenommen. Sie war sehr hell, aber doch von einer samtenen, dem Auge schmeichelnden Gelblichkeit. Im Mund zerging sie, und ließ die Zuckerkruste zum Zerbeißen übrig. Die Creme selbst war leicht und flaumig. Ein Hauch von Zitrone machte sie viel erfrischender als herkömmliche Cremen dieser Art. Ich war sicher, dass die von der Creme ausgelöste wohlige Sinnlichkeit sich positiv auf unseren Kinderwunsch auswirken würde.

Dazu tranken wir eine Flasche Wein. Eine zweite Flasche, um dem Abend auf der Terrasse des Appartementhäuschens ausklingen zu lassen, hatten wir vor dem Essen in einer Weinhandlung gekauft. Das ging fast gleich wie sonst beim Bücherkauf vonstatten. Michael wählte die Weine aus, von denen er bereits gehört oder gelesen hatte. Ich hatte Michael noch nie Literatur- oder Weinkritiken studieren sehen, aber aus irgendwelchen Gründen wusste er immer, was gefeiert und was verrissen wurde. Er konnte dieses Wissen über Monate hinweg in sich schlummern lassen und im entscheidenden Augenblick aus dem Gedächtnis hervorkramen.

Bei mir war das Kaufen von Wein oder Büchern eine langwierigere Angelegenheit. Zuerst musste ich die Regale von oben bis unten absuchen, um dann bei den farblich interessantesten Exemplaren genauer zu verweilen. Bei Weinen war eine vom Design ansprechende Etikette bereits mein einziges Auswahlkriterium, wenn es sich um eine Weinsorte handelte, die ich kosten wollte. Bei Büchern wurden jene mit den ästhetisch ansprechenden Einbänden genauer unter die Lupe genommen. Wichtig waren dabei welche Zeitungen das Buch im Klappentext empfahlen, die erste Seite und der letzte Satz. Stimmte diese Dreieinigkeit nicht, konnte die Hülle noch so hübsch sein, das Buch wurde wieder zurückgelegt. Die vielversprechendsten Autoren wären mir so entgangen, hätte Michael nicht ihre Bücher wissend gekauft. Trotz herber Enttäuschungen und markanter Fehlgriffe fand ich meine Kaufmethode viel freigeistiger.

Manchmal erwischte ich sogar unentdeckte Perlen der Literatur oder war dem allgemeinen Hype bei besonders stilvoll farbenfrohen Einbänden voraus. Dann konnte ich sagen, ich hätte es doch immer schon gewusst oder in ähnlicher Weise herumprahlen. Für mich waren trotz fehlender Buchhandlungen in der Provinz die Internetbuchhandlungen keine Alternative, denn in jedem Fall musste ich ein Buch in der Hand gehalten haben, bevor ich es kaufte. Bei Wein war das ähnlich.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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Eine Antwort zu Italianità

  1. silbersternchen schreibt:

    San Gimignano, die Toskana, Sommer. und wir sitzen im Nebel und in der Kälte. Ich nehme das als Anregung, heute Abend eine Flasche Chianti zu öffnen.

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