Was hängen bleibt

Manche Bücher lese ich mit Begeisterung, sie ziehen mich in ihre Welt hinein, jede Seite scheint unvergesslich. Aber dann, nach einigen Wochen und Monaten, oder schon sehr kurze Zeit, nachdem ich den Buchdeckel zum letzten Mal zugeklappt habe, kann ich mich kaum noch an etwas erinnern. Ich rede mir dann immer ein, das Wissen, das ich nicht mehr kognitiv aufrufen kann, wäre irgendwo unterbewusst hängen geblieben und formt dort ohne mein Zutun mein Denken. Auf eine gute Weise, hoffe ich zumindest.

Oft bleibt aber auch etwas hängen, ob mich das Buch gefesselt oder gelangweilt hat. Nicht selten ist das eine unbedeutende Szene, die mit der Essenz der Geschichte nur marginal zu tun hat, die sich mir aber immer wieder ins Gedächtnis schleicht.

In Liebe in den Zeiten der Cholera zum Beispiel gibt es eine Passage, da uriniert ein Mann. Ein junges Mädchen hört ihm dabei zu und verliebt sich in ihn, weil sie sich vorstellt, ein Mann mit so einem kräftigen Strahl müsse ein guter, entschlossener Mann sein, der sie bis an ihr Lebensende beschützen kann. An etwas anderes erinnere ich mich bei diesem Buch nicht, aber jedes Mal, wenn ich jemanden Pinkeln höre, muss ich an diese Szene denken und erwäge, welchen Charakter dieser Mensch wohl haben könnte.

Bei Catcher in the Rye ist mir die Szene präsent, in der Holden Caulfield in den Central-Park geht, um herauszufinden, was im Winter aus den Enten wird. Seit ich einen Garten und Kinder habe und von ihnen dort über die Tiere gefragt werde, denke ich oft an diese Szene und wie wenig ich darüber weiß, was aus den Tieren im Winter wird. Und dann denke ich manchmal, ich weiß ja nicht einmal, was aus uns im nächsten Winter wird.

Wenn meine Kinder Verstopfung haben, denke ich an Ham on Rye von Charles Bukowski und wie dort Henry einen großen Teil seiner Schulzeit damit verbracht hat, seinen Besuch auf der Toilette möglichst lange hinauszuzögern und welche Leiden er dabei in Kauf genommen hat.

Bei McDonald‘s kommt mir Philip Roths Portnoy in den Sinn, wie dessen Mutter seine langen Aufenthalte im Bad, bei denen er ausgiebig onanierte, immer auf eine Magenverstimmung aufgrund heimlicher Besuche bei McDonald‘s zurückführte. Dann denke ich auch gleich noch, wie er das Familiensteak zum Onanieren benutzte, weil er Fleisch an Fleisch spüren wollte und ich schmunzle in mich hinein, während sich mein Appetit in Grenzen hält.

Immer wenn ich eine Liste erstelle, denke ich an High Fidelity von Nick Hornby und überlege mir die Vergänglichkeit einer Reihung oder die Unmöglichkeit einer endgültigen Aussage.

Wenn mich beim Joggen die Kraft verlässt, obwohl ich meine Runde noch nicht beendet habe, denke ich an The Slap von Christos Tsiolkas, wo für das Schwimmen beschrieben ist, wie sehr man sich überwinden muss, um auch nur das gesetzte (bescheidene) Ziel beim Sport zu erreichen.

Und dann ist da noch Proust, der mich unendlich gelangweilt hat, damals, als ich mit durch den ersten Band von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gequält habe. Erst im Nachhinein hat Proust Bedeutung für mich erlangt. Ich kann aber bis heute nicht in Worte fassen, warum das so ist.

Zwei Szenen aber werden mich immer begleiten. Wie der Ich-Erzähler abends auf den Gutenachtkuss seiner Mutter wartet, immer hoffnungsvoll, oft vergebens. Und die Szene mit den Madeleines. Wie er versucht, beim Essen von Madeleines die Erinnerung an seine Kindheit zu rekonstruieren. Wie es ihm gelingt. Wie der Kuchen zum Symbol für den Umgang mit der eigenen Vergangenheit wird. Beim Kuchenessen denke ich immer an Proust. Oder wenn ich den Kindern beim Spielen zuschaue und mich an meine eigene Kindheit erinnere.

Beim Lesen bleibt etwas hängen, das manchmal verwunderlich, absurd oder unerwartet ist, das aber jeweils einen winzigen Aspekt von dem, was mich ausmacht, geprägt hat. Proust hat mir zusätzlich gezeigt, wie wichtig die Erinnerung ist und wie schön es sein kann, sie mit Kleinigkeiten am Leben zu erhalten.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Was hängen bleibt

  1. lisimoosmann schreibt:

    Schöner Artikel. Und lustig, woran man sich erinnert. Bei mir ist zB von „Candide“ nur das Erdbeben von Lissabon in Erinnerung geblieben, oder von „Krieg und Frieden“ die Schlacht von glaube ich Borodino oder so, und dass Generäle eh keine Ahnung haben, was sie tun. Bei „Rabbit Run“ erinnere ich mich daran, wie das Baby im Bad ersoffen ist, und an ein Basketballspiel. Warum man sich überhaupt die Zeit nimmt, zu lesen, bei diesen mageren Erträgen.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich bin der Meinung, dass das Bewusstsein diesbezüglich überschätzt ist. Es bleibt mehr hängen, nur merkt man das nicht (hoffe ich zumindest). Ich glaube schon, dass sich die Mühe lohnt, auch wenn man nicht jedes Detail nacherzählen kann (oder auch nur die Handlung im Überblick wiedergeben). Literatur schafft eine State of Mind, die ermuntert, über den eigenen Tellerrand zu schauen.

  2. immerabgelenkt schreibt:

    Wunderschöne Ode an die Literatur!

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