Memento Mori

„Ich will lieber tot sein“, habe ich oft als Teenager gesagt, als ich mich ungerecht behandelt fühlte. Natürlich wollte ich mir nicht das Leben nehmen, nur weil ich wieder nicht zu einer Party gehen durfte oder mein Zimmer aufräumen musste. Aber in den Momenten der Wut und des Selbstmitleids erschien es mir als so viel einfacher und wohltuender, wenn alles vorbei wäre.

Wenn ich einfach so, ohne Not vom Sterben redete, dann war mir die Endgültigkeit nicht bewusst. Beinahe so als könnte ich tot sein, für einige Stunden nur, bis der Streit mit meiner Mutter oder der Liebeskummer vorbei waren. Wenn man wieder froh ist, braucht man schließlich nicht mehr tot zu sein.

Dann begannen die Kopfschmerzen. Ich ging zum Arzt. Im EEG wurden Unregelmäßigkeiten festgestellt, ich wurde zur Computertomographie geschickt. Dort sagte man mir, ich hätte ein Gewächs im Gehirn, so tief, dass man dort nicht operieren könne. Warum der Arzt das gesagt hat, ist mir schleierhaft. Die CT-Ergebnisse ergaben jedoch nicht, ob es sich um eine gutartige Zyste oder um einen bösartigen Tumor handelte. Dafür musste ich mich einer kernspintomographischen Untersuchung unterziehen.

Damals gab es noch nicht viele Kernspintomographen, ich bekam erst einen Termin vier Wochen, nachdem ich von dem Gewächs erfuhr. Das waren fürchterliche Wochen voller Angst. Natürlich malte ich mir aus, das Schlimmste würde passieren. Weil ich mich verkrampfte, wurden auch die Kopfschmerzen immer schlimmer.

Ich hatte das Gefühl, ich musste mich mit dem Tod auseinandersetzen, schließlich könnte es jetzt schnell gehen. Wenn ich zu lange warten würde, wäre der Tumor möglicherweise so weit fortgeschritten, dass ich nicht mehr selbst über mein Leben entscheiden konnte. Ich überlegte also, ab wann für mich das Leben nicht mehr lebenswert war. Diese Überlegungen waren nicht wie meine bisherigen Todesgedanken, aus dem Affekt dahergesagt, sondern erschienen als notwendige Vorbereitung für den Ernstfall.

Wäre mein Leben nicht mehr lebenswert, wenn ich nicht mehr gehen konnte? Wenn ich nicht mehr sprechen konnte? Nicht mehr hören? Nicht mehr sehen? Nicht mehr denken? Nicht mehr wusste, dass es mir schlecht ging? Würde ich spüren, wenn der Tumor langsam mein Gehirn zerfraß? Würden sich die Schmerzen immer weiter steigern? Wenn ich den Punkt bestimmt hätte, an dem mein Leben nicht mehr lebenswert war, müsste ich entscheiden, wann du wie diesem Leben ein Ende zu machen war, solange mir das noch möglich war.

Ich kam zu dem Schluss, dass sehr viel passieren müsste, bevor das Leben nicht mehr lebenswert war. Ich beschloss, dem Tod seinen Lauf zu lassen, weil ich unter keinen Umständen meinem Leben ein Ende machen könnte.

Dann musste ich zur Untersuchung. Ich wurde in eine Art von Sarg gelegt mit einem gummiballartigen Notfallknopf, den ich drücken sollte, wenn ich in Panik geriet. Das alles verstärkte noch einmal die Todesgedanken. Mein Gehirn wurde Scheibe um Scheibe aufgenommen, das schien Stunden zu dauern. Nun würde sich entscheiden, wie viel Zeit mir noch blieb. In meiner Angst versuchte ich mich auf schlechte Nachrichten einzustellen, damit ich von ihnen nicht unvorbereitet erwischt wurde.

Die Untersuchung erschöpfte mich. Sie beruhigte mich auch. Nun würde ich bald Gewissheit erlangen über mein Schicksal.

Einige Tage später erhielt ich das Untersuchungsergebnis. Es war eine gutartige Zyste. Später stellte sich auch heraus, dass sie sich nicht veränderte und meine Kopfschmerzen nichts damit zu tun hatten. Ich war erleichtert, mir würde nichts passieren, alles war gut.

Aus dieser Episode hatte ich gelernt, wie viel das Leben wert ist. Nie wieder sagte ich einfach so, ich wollte lieber tot sein.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Memento Mori

  1. silbersternchen schreibt:

    Cool-gruseliges Foto

  2. lisimoosmann schreibt:

    Man faselt oft so leichtfertig davon, sein Leben zu beenden. Aber in Wahrheit, bei allen Problemen, gilt doch, was Christoph Schlingensief sagte:
    So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!

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