Die Nöte des ersten Jobs

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 35

Den Wein konnte ich aber diesmal nicht so recht genießen. Weil ich nicht wusste, inwieweit ein Körper frei von Alkohol zu sein hatte, bevor er ein Kind empfangen konnte, schlich sich bei jedem Glas Wein ein schlechtes Gewissen ein. Das hätte ja noch nicht so viel ausgemacht, ein schlechtes Gewissen wegen der Zerstörung meines Körpers hatte ich schon lange beim Rauchen. Aber diesmal drängten sich beim Trinken Bilder von In-vitro-Fertilisationskliniken, Fruchtbarkeitstests und schmerzhafter Eientnahmen auf. Und das war nicht gerade appetitlich. Schlimmer noch war die Vorstellung von Michael, hilflos in eine kleine, ungeschmückte Kabine gepfercht, mit einem stimulierenden Bildchen in der Hand bei der Samenabgabe.

In diesen Zeiten der hohen Technisierung schienen die Menschen immer unfähiger zu werden, sich auf natürlichem Wege zu vermehren. Besonders gefährdet waren hoch ausgebildete, sich auf ihre Karriere konzentrierende Menschen, die seit Jahren mit Alkohol, Rauchwaren und anderen Umweltgiften die einfachsten Körperfunktionen verkümmern ließen. Für diese Menschen schossen Fertilitätskliniken wie die Pilze aus dem Boden. Das taten sie nicht ganz so schnell wie die Kliniken, die durch kleine Eingriffe an Gesicht und Körper der Menschheit das zeitgemäße Aussehen für Beruf und Freizeit verleihen sollte. Mit dicken Lippen und Brüsten, mit Wespentaillen und flachen Bäuchen wurden die Frauen für das Leben ausgestattet. Zuerst war da kein Platz für Kinder, dann kamen sie nicht mehr von selbst.

Ich war zwar keine jener operativ gestylten Plastikfrauen, aber vor der ersten Schwangerschaft konnte ich ja nicht wissen, welche Faktoren bei mir Kinderlosigkeit bewirken konnten. Die Angst, nicht vermehrungsfähig zu sein, hatte ich schon lange, obwohl ich bis jetzt noch nie versucht hatte, ein Kind zu bekommen. Ein Kind zu haben war für mich immer ein großer, wenn auch in der Ferne liegender Wunsch gewesen. Dieser Kinderwunsch war nur akut geworden, weil ich im Berufsleben kläglich gescheitert war und eigentlich nicht mehr so recht weitermachen wollte mit der sinnlosen Plackerei unter psychopatischen Vorgesetzten.

Meine erste Anstellung hatte ich verzweifelt sechs Monate lang gesucht. Ich hatte das nicht gemacht, weil ich so wählerisch war, sondern weil es keine Angebote für mich gab. Als ich endlich eingestellt wurde, war ich überglücklich, denn es war genau die Art von Arbeit, die ich mir für die Zukunft vorgestellt hatte und das nicht einmal fünfzehn Kilometer von meinem Wohnort entfernt und mit dem Zug erreichbar. Die Stelle war zwar nur auf zwei Jahre begrenzt, trotzdem war ich zuversichtlich, bei guter Führung weitermachen zu können. Es handelte sich um eine sehr interessante Forschungstätigkeit an einem internationalen Projekt.

Vor lauter Zermürbung über die lange, untätige Orakelspielerei, fing ich schon zwei Wochen vor meiner eigentlichen Anstellung an, alles zu lesen, was mir für mein Projekt wissenswert erschien. Ich wollte motiviert und vorbereitet an meinem ersten Arbeitsplatz erscheinen, da arbeitete ich doch gerne eine zeitlang gratis.

Als ich mit profundem Halbwissen ausgestattet meinen ersten Arbeitstag gleich mit Taten besiegeln wollte, musste ich erfahren, dass das Projekt noch nicht bewilligt war. Deshalb gab es für mich nichts zu tun. Als temporäre Mitarbeiterin durfte ich nicht einmal interimistisch bei anderen Projekten mitarbeiten. Das ginge nicht wegen der mir nicht genau verständlichen Geheimhaltungspolitik der Firma. Aber das wäre nur halb so schlimm, so sagte man mir, die Bewilligung müsse jeden Augenblick kommen und in der Zwischenzeit müsste ich mich ohnehin in die Materie einlesen.

Nach knapp viermonatiger Verbannung in die Bibliothek der Firma durfte ich den ersten Handgriff erledigen. Das Projekt war zwar immer noch nicht bewilligt, man hatte sich aber dazu durchgerungen, mich doch anderweitig einzusetzen. Schon kaum noch fähig zu echter Arbeit forschte ich zwei Monate an völlig anderen Dingen als jene, über die ich nun theoretisch fast alles wusste.

Und dann kam der große Moment. Mit sechsmonatiger Verzögerung wurde das ursprüngliche Projekt tatsächlich bewilligt, dafür sollte es nur ein Jahr laufen. Natürlich war ich wütend, dass ich unter falschen Prämissen zu Halbgarem eingestellt wurde. Ich redete mir ein, mein Vorgesetzter hätte nach bestem Wissen gehandelt und nur die Bewilligungsbehörden wären schuld an meiner nun verkürzten Anstellungsmisere. Ich konnte ohnehin nichts tun, denn einen Anstellungsvertrag bekam ich erst nach der endgültigen Bewilligung des Projekts.

Als naiver Berufsneuling glaubte ich auch, wenn ich forschen würde wie ein Weltmeister und mich anderweitig unentbehrlich in der Abteilung machen würde, hätte ich beste Chancen, mein restliches Leben lang in dieser so ideal gelegenen Firma friedlich weiterforschen zu dürfen.

Also stürzte ich mich in die Arbeit. Ich versuchte, alle Missstände bei allen Projekten in der Abteilung zu beseitigen. Bei einigen gelang das auch. Mein eigenes Projekt kam dabei ein wenig zu kurz. Das machte aber nichts, dachte ich, besser die geldbringenden Projekte liefen, als irgendein obskures, kaum bewilligbares und dann noch stark verkürztes Sackgassenkonstrukt. Lange Streitgespräche hatte ich darüber mit meinem Chef. Der blieb stur und insistierte doch tatsächlich, ich solle mich um die Dinge kümmern, für die ich eingestellt wurde.

Michael schimpfte oft mit mir, ich sollte doch nicht so renitent und hochnäsig sein. Selbst wenn es Pfuscherei gäbe, wäre ich doch lange nicht der Messias. Ich hätte doch keine Ahnung als Neuling und sollte mich, wollte ich ein Vorwärtskommen erreichen, lieber demütig im Hintergrund halten und mich bei meinem Projekt bemühen. Aber ich wollte Reform, ich wollte eine blühende Oase der Prosperität aus der dahintümpelnden Abteilung machen. Zwar wusste ich auch nicht genau, wie das ging, aber schließlich war ich Biotechnologin und mein Chef nicht. Mein Chef, und das vergaß ich mitunter, war aber der Chef und ich nicht.

So stieß ich auf wenig Gegenliebe. Als nun also die Zeit kam, in der mein Vertrag zu Neige ging, versuchte ich trotzdem, mir eine Bleibe in der Firma zu sichern. Erschwerend kam hinzu, dass die Muttergesellschaft in Amerika – ja bei so einer Firma arbeitete ich, bei der wegen fehlendem Shareholder-value stiefmütterlich behandelten Tochter einer übermächtigen und grausamen Mutter – ein Einstellungsverbot verhängte.

Insgeheim freute sich mein Chef darüber. Einen eleganteren Weg, mich loszuwerden, hätte er sich nicht wünschen können. Halbherzig bot er mir wieder eine befristete, wenig bezahlte Stelle bei einem Sonderprojekt an. Natürlich war das Projekt nicht bewilligt, aber er erwartete, so versicherte er mir, jeden Moment die Freigabe durch die Behörden. So schloss sich der Kreis. Ich aber wollte nicht eine weitere Runde drehen in der Waschmaschine der Temporärstellen. Das war wohl von niemandem so geplant gewesen, sondern nur eine wohlwollend streitfreie Art des Abschieds.

Etwas dergleichen hatte ich bereits geahnt. Außerdem fühlte ich mich in jugendlichem Überschwang und eitler Selbstüberschätzung immer noch zu Höherem berufen. Deshalb hatte ich wieder Bewerbungsunterlagen an die möglichsten und unmöglichsten Orte geschickt. In Sorge über eine weitere, kaum enden wollende Phase der Arbeitslosigkeit, hatte ich mich auch um eine bescheidene Stelle in einer Liechtensteiner Dentalfirma beworben, für die ich eigentlich überqualifiziert war. Per E-Mail hatte ich das gemacht, wertvolles Papier wollte ich nicht verschleudern, wenn ich mich schon unter Wert verkaufte.

Genau auf diese Bewerbung bekam ich aber prompte Antwort.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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