Pensées (im Theater 1)

  1. Nach beinahe zwanzig Jahren Pause besuchen mein Mann und ich wieder das Theater. Es wird Die Geschichte vom Soldaten, ein Musiktheater von Igor Strawinsky und Charles-Ferdinand Ramuz, gegeben.
  2. Der Theater in Bregenz hat kein Catering, bei dem ich mir mit einem Glas Prosecco Mut für das Wagnis Musiktheater machen kann.
  3. Der Klang des Instrumentenstimmens gehört für mich zu den schönsten Einstimmungen auf eine Vorstellung.
  4. Über zwanzig Jahre lang habe ich behauptet, das Theater sei tot.
  5. Ich kann diese Meinung nach den ersten zwanzig Minuten nicht revidieren.
  6. Ein Mann schreit einen sich reimenden Text ins Publikum. Er trägt ein Mikrofon, obwohl der Saal für seine natürliche Stimme groß genug war. Seine schrille, laute, verstärkte Stimme ist unangenehm in den Ohren.
  7. Jedermann ist nicht das dümmste Stück der Weltgeschichte. Niemals hätte ich gedacht, ich würde das in meinem Leben sagen. Eine erschütternde Erkenntnis.
  8. Ramuz ist auf dem 200 Franken-Schein abgebildet, gehört also mit Giacometti und Le Corbusier zu den sechs eminenten Schweizer Künstlern, die es auf einen Schein geschafft haben (Tinguely, Dürrenmatt oder Frisch nicht).
  9. Ich begreife nicht, warum zwei Schauspieler entweder wie Autisten am Boden herumrollen, oder durch plakative Gesten den simplen Text klischeehaft untermalen (etwa in dem Choreographie-Stil von DSDS).
  10. Die Musik ist interessant, sie klingt wie auf einem abgehalfterten Jahrmarkt, auf dem gleich etwas Schreckliches passieren wird. Ich erwarte, Stephen Kings schrecklicher Clown wird gleich von hinter der Bühne hervorspringen.
  11. Das macht mir erst so richtig bewusst, wie sehr die Filmmusik von Strawinsky inspiriert ist. Auch, wie man Musik in Relation zu visuellen Erlebnissen wahrnimmt. Und wie ich mich zwar nicht an konkrete Filmmusik erinnern kann, trotzdem aber erkenne, dass diese Musik wie Filmmusik anmutet.
  12. Den Musikern beim Spielen zuzuschauen ist interessant. Ihre Konzentration, ihr Abwarten vor dem Einsatz, ihre Interaktion, die Art, wie sie ihr Instrument berühren, was sie machen, wenn sie nicht spielen (deshalb würde mich auch eine Aufführung von John Cages 4’33 interessieren).
  13. Die stummen Schauspieler beginnen, sich mit Hanfseilen zu verschnüren und sich in die Seile zu hängen.
  14. Das erweckt unwillkürlich Gedanken an Bondage und Fifty Shades of Grey. Ich verwerfe diese sofort wieder, weil es nur billige Assoziationen sind, die weder mit Shades noch mit dem Stück zu tun haben. Später, beim Hinausgehen sehe ich an einem in der Halle aufgehängten Zeitungsauschnitt, die Vorarlberger Nachrichten hatte die gleiche Assoziation und stellten diese noch in die Überschrift – mit Alliteration („Bondage bar jeglicher Banalitäten“).
  15. Hanfseile verlieren sehr viel Material, wenn man sie bewegt. Die Luft um die Schauspieler ist voller Hanfstaub.
  16. Plötzlich beginnen mich die Einwickel- und Knüpf-Künste der beiden Schauspieler zu faszinieren. Besonders,als sich die Frau ein Seil um das Gesicht wickelt.
  17. Ich verstehe immer noch nicht, warum sie tun, was sie eben auf der Bühne tun, besonders in Kombination mit diesem entsetzlich banalen Reimtext. Aber auf einmal kommt es mir nicht mehr absurd vor, sondern wie etwas, das ich gerne ergründen würde, wenn ich dazu in der Lage wäre.
  18. Als würde unterbewusst etwas geschehen, mein Horizont um ein winziges Mosaiksteinchen erweitert. Es wundert mich selbst, dass ein derart banales Stück, das mir eigentlich nicht gefällt und dessen Interpretation ich nicht verstehe, diesen Effekt bei mir hat.
  19. Erklären kann ich es nicht.
  20. Aber es war ein schöner Abend.
  21. Ich werde bald wieder ins Theater gehen.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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3 Antworten zu Pensées (im Theater 1)

  1. amanessinger schreibt:

    Na ja, ich hab ja irgendwie Probleme mit Regietheater, aber dann gibt es immer wieder Momente, in denen doch etwas ganz Eigenständiges entsteht, etwas, das zwar nicht zwingend aus dem Stück hervorgeht, was dann aber doch einen gewissen Zauber hat und wo ich mir denke, dass das für das Gesamtergebnis bereichernd war.

    „Lohengrin“ voriges Jahr in Bayreuth war so ein Fall. Eigentlich völlig absurde Rattenkostüme (http://www.youtube.com/watch?v=V8QyPo9mAGc), eigentlich dem Stück aufgepfropft, aber das hatte schon Poesie. Meine persönliche Antwort auf die Frage „Dürfen die das denn?“ ist also eher „Ja“, zumindest wenn sie es gut machen 🙂

  2. alexandraleyendecker schreibt:

    Ich glaube ja, der Fehler, den viele Leute in Bezug auf das Theater machen, ist, dass sie es nicht unter seinen eigenen Prämissen/Möglichkeiten betrachten, sondern immer in Relation zum Film. Und natürlich ist Theater immer der schlechtere Film, wie Malerei die schlechtere Fotografie ist. Aber für sich gesehen, als eigene Kunst, kann Theater wie Malerei etwas Besonderes sein.

  3. Pingback: Pensées: Im Kino | Karin Koller

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