Tiefe Scham

Ich bin Mitte der Siebzigerjahre in Salzburg in die Volksschule gekommen. In einer Gegend, in der wohlhabende Leute wohnten (meine Mutter und ich lebten bei den Leuten, für die sie den Haushalt führte) mit lauter netten Kindern aus guten Verhältnissen. Mittelschicht.

Mit mir in die Klasse ging ein netter, schüchterner Bub. Er war sehr blass und redete nicht viel. Er hatte einen Allerweltsnamen. Ich werde ihn hier Albert nennen.

Eigentlich hatte ich Albert recht gern. Er war nicht so wild wie viele andere Buben. Auf dem Klassenfoto der ersten Klasse lächelt er zaghaft. Man kann seine Zahnlücke sehen.

Eines Tages, ich glaube es war recht bald nach Schulbeginn, kam ein Kind aus unserer Klasse auf die Idee, Albert zu packen und nackt auszuziehen. Albert war schockiert, sah aber, dass alle Kinder lachten und versuchte, auch tapfer mitzulachen, als er sich wieder anzog.

Von diesem Tag an wurde es in unserer Klasse zum Sport, Albert in jeder großen Pause nackt auszuziehen. Das machte nicht nur das Kind, das damit angefangen hatte, sondern alle machten mit. Die Kinder, die nicht aktiv beteiligt waren, standen im Kreis und feuerten die anderen an, übernahmen die Kleidungstücke und versteckten sie. Wenn Albert ausgezogen war, musste er sich noch die Kleidungsstücke zusammensuchen, bevor er sich anziehen konnte. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ihm jemand geholfen hätte.

Der Lehrer, ein Oberstudienrat kurz vor der Pensionierung, muss etwas von dieser Qual mitbekommen haben. Er kam immer gegen Ende der großen Pause in die Klasse, ich erinnere mich daran, dass er Apfelstücke an die Kinder verteilte, bevor der Unterricht begann. Sicher hat er das eine oder andere Mal den weinenden oder halbnackten Albert gesehen.

Gesagt hat der Lehrer nichts. Nicht ein einziges Mal.

Und dann kam Albert nicht mehr in die Schule. Einfach so.

Er war weg und unser Leben als nette, wohlsituierte Kinder ging weiter. Niemand redete mit uns über Albert. Damals redete man nicht über solche Angelegenheiten. Wir quälten kein Kind aus der Klasse mehr.

Mit der Zeit vergaß ich Albert.

Aber später, viel, viel später, ich war schon erwachsen, fiel mir Albert wieder ein. Mir fiel auch ein, wie ich – vom Enthusiasmus der Meute mitgerissen – nicht nur anfeuernd auf der Seite stand, sondern ein Bein, einen Arm festhielt, oder sogar das Unterhemd über Alberts Kopf zog. Wie mir das wie ein Sport vorkam. Wie ich mich großartig und energiegeladen fühlte im Adrenalinrausch. Wie das Machtgefühl mir zu Kopf stieg. Wie ich einmal, als die anderen keine Lust gehabt hatten, Albert zu quälen, geschrien habe: „Hey, wir haben auf Albert vergessen.“ Welche Befriedigung Alberts Tränen mir bereitet haben. Welch herrliches Gefühl es war, Teil der starken Masse zu sein.

Dann schäme ich mich. Ich schäme mich zutiefst. Es ist das Hässlichste, das ich je gemacht habe. Wenn ich könnte, würde ich mich aus tiefsten Herzen bei Albert entschuldigen.

Erschreckend ist, dass ich mich gut dabei gefühlt habe, obwohl ich es besser hätte wissen müssen. Auch schon mit sechs Jahren. Dass ich keinerlei Empathie empfand für das kleine, blasse, schüchterne Kind, obwohl ich eigentlich selbst ein kleines, blasses, schüchternes Kind war.

Erschreckend ist auch, dass ich gespürt habe, wie es ist, sich von der Masse leiten zu lassen, bis man selbst zum Täter wird. Ich hoffe inständig, dass mir nie wieder so etwas Ähnliches passiert.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Tiefe Scham

  1. Na ja, irgendwie passiert es uns allen, täglich, nur in einem größeren Maßstab. Mit den Bettlern, die wir ignorieren, mit den billigen Waren aus China und Indien, die wir kaufen, mit den unerträglichen Politikern, die wir dulden und dem Diskurs, dem wir uns nicht widersetzen.

    Es ist weniger direkt, das ist alles.

    • Karin Koller schreibt:

      Ich finde schon, dass es einen Unterschied gibt, zwischen dem passiv Erdulden bzw. Verdrängen von Dingen, die man bekämpfen sollte und dem aktiven Mitmachen. Als ich jung war, dachte ich, zu aktiven Tätern könnten nur Menschen werden, die irgendwie „böse sind“. Dann ist mir Albert wieder eingefallen und ich habe gemerkt, dass die Grenzen nicht so klar sind. Dass auch aktive Täterschaft viel schneller möglich wird als ich angenommen habe.

      • Ja, hast ja recht, aber andererseits, genug Passivität von genügend vielen Leuten hat dann schon wieder was gewaltig Aktives 🙂

        Ich kenn das aus meiner Kindheit eigentlich nicht, ich war eher auf der anderen Seite. Kein Albert, aber trotzdem in vielen Situationen der Gehänselte oder zumindest der passiv in Deckung Gegangene. Prinzipiell kannte ich also, was es heisst einzustecken.

        Das ist natürlich aber auch einer der wesentlichen Unterschiede: die KZ-Wärter und Exekutoren wissen, was sie tun, sechsjährige Kinder vielleicht noch nicht ganz so genau.

        Prinzipiell gibt es aber immer zwei Möglichkeiten: Du kannst die Opferperspektive kennen und es deshalb nicht tun, oder Du hast eine Grenze, die Du Dich nicht zu überschreiten traust und deren Sinnhaftigkein Du idealerweise verstehst. Die Grenzen und Regeln sollten normalerweise Eltern, Gesellschaft und Tradition setzen. Fällt das weg, dann hast Du „Lord of the Flies“ oder die Nazi-Gesellschaft, in der eine totalitäre Ideologie die Grenzen neu zieht.

        Du findest immer Menschen, die nicht nur so weit gehen, wie sie es einem Ethos gegenüber verantworten können, sondern genau so weit, wie sie es ohne negative Folgen für sich selbst tun können. Das heisst, egal wo Grenzen gezogen werden, egal wie unmenschlich das bereits ist, Du findest immer genügend Leute, die diesen Raum auszufüllen bereit sind, bereit sind, auch aktiv bis an diese Grenzen zu gehen. Der größte Teil des Rests ist passiv und lässt es geschehen. Dazu kommt die Lust an der Anerkennung und die Geborgenheit des Dazugehörens.

  2. Wunderschöner Artikel, der sehr nachdenklich macht

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