Treffen mit dem kleinen Diktator

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 36

Telefonisch melden sollte ich mich. Voller Aufregung tat ich das auch, denn obwohl die Stelle nicht besonders gut war, so befand sich doch die Firma ganz in der Nähe. Einen kurzen Arbeitsweg schätzte ich höher ein als einen guten Posten, denn Freizeit war immer noch wichtiger als Arbeitszeit. Außerdem hatte ich immer noch die blauäugige Hoffnung, dass man sich mit Ausdauer und Professionalität nach ganz oben arbeiten konnte.

Die Stimme am Telefon war angenehm. Männlich. Deutsch.

Man würde eine völlig neue Forschungssparte aufbauen wollen. Der Leiter der künftigen Abteilung, Hulwich, mit dem ich sprach, musste dies ganz allein tun und wäre sehr froh über professionelle Unterstützung.

Das klang wesentlich vielversprechender, als die Stellenanzeige hatte vermuten lassen. Man könne sich glänzende Aufstiegschancen für alle vorstellen, sollte die Abteilung prosperieren. Eifrig sagte ich sogleich, für mich wären Berufsbezeichnungen nur Schall und Rauch, wenn die Arbeit erfüllend war und eine Weiterentwicklung möglich wäre, könnte ich unter jedem Titel arbeiten. Solche Mitarbeiter würde man sich wünschen, ich solle doch mit der Personalabteilung einen Termin ausmachen.

Im schönsten Anzug, um zu demonstrieren, dass ich auch diese Stelle sehr ernst nahm, stapfte ich zu dem Bewerbungsgespräch. Ich war wild entschlossen, mir die Anstellung zu erkämpfen und etwas Neues aufzubauen. Nach einer äußerst unhöflich langen Wartezeit wurde ich von einem Personalmenschen abgeholt. Er führte mich in ein Büro, in dem bereits eine Frau wartete, eine winzige, aufgetakelte Frau auf Plateausohlen.

„Guten Tag“, sagte sie „es stört Sie doch hoffentlich nicht, dass ich bei dem Gespräch dabei bin. Mein Kollege hier“, sie deutete auf das eifrige Kerlchen, das mich zu ihr gebracht hatte, „macht sozusagen eine Prüfung und ich muss ihm auf die Finger schauen.“

Zuerst fand ich nichts dabei, das Versuchskaninchen für einen Personalneuling spielen zu müssen. Ich versuchte mich einfach wie üblich im besten Licht darzustellen. Nach zehn Minuten der Schönfärberei meiner Arbeitsqualitäten und Darstellung meines Interesses an den sich mir darbietenden Forschungsthemen sah ich, wie meine beiden Befrager immer häufiger merkwürdige Blicke austauschten. Ich verstummte nach einer angemessenen Bremsphase, denn mein Überschwang war sehr groß gewesen.

„Herr Hulwich hat sie doch sicher informiert, dass wir Ihnen im Augenblick keine Stelle anbieten können. Sie sind überqualifiziert für die ausgeschriebene Stelle. Da würden wir Sie nur unglücklich machen, wenn wir Ihnen die Stelle geben. Sie sind aber sehr interessant für uns, deshalb haben wir Sie eingeladen. In einem halben Jahr bis Jahr könnten wir uns durchaus vorstellen, eine weitere Akademikerin in die Abteilung aufzunehmen:“ sagte die Plateausohlenfrau in eindringlich beruhigendem Ton, „Das hat Herr Hulwich Ihnen doch am Telefon gesagt?“

Das traf mich wie ein Schlag. So sehr hatte ich mich in das motivierte Selbstlob hineingesteigert, dass mir jetzt bei dieser unvermuteten Absage die Tränen in die Augen stiegen. Um ihr Herausströmen zu verhindern, musste ich meine gesamte Konzentration bündeln und gleichzeitig die Deckenbeleuchtung bewundern. Was sollte ich in einem Jahr mit einer Stelle? Glaubten diese Menschen, ich würde ein ganzes Jahr lang untätig herumsitzen, um auf eine wage Möglichkeit in dieser Firma zu hoffen? Und die beiden waren wirklich Personalchefin und Personalprüfling? War das Liechtensteinischer Humor oder deren Unfähigkeit, einfache Zusammenhänge zu erkennen?

Betreten sahen mich die beiden Personalmenschen an. „Ist das bei Ihrem Gespräch mit Herrn Hulwich nicht deutlich geworden? Es wäre am besten, wenn sie direkt mit ihm sprechen würden.“

Hulwich wurde herbeitelefoniert und ich fing mich wieder. Nun würde mein Retter mit der sympathischen Stimme angerannt kommen und alle Missverständnisse aufklären. Er kam tatsächlich, aber mit einer Verspätung, die sich normalerweise nur wirklich wichtige Menschen erlauben konnten.

Meine Vorstellung von ihm war die eines jungen dynamischen Innovators gewesen, basierend auf Comichelden wie Superman. Der Stimme nach hätte er auch Filmgrößen, wie Clint Eastwood etwa, ähneln können. Das innere Auge suchte sich wohl immer die schönste mögliche Welt aus. Das war mir schon bewusst. Trotzdem hatte mich nichts auf mein Gegenüber vorbereitet. Recht jung war er ja, dieser Hulwich, aber sonst entsprach nichts meinem Phantasiebild.

Er sah aus wie Charlie Chaplin in Der große Diktator, nur weniger sympathisch und viel schwammiger. Das aufgedunsene, satte Selbstgefälligkeit widerspiegelnde Gesicht versuchte nicht einmal Fortschritt und Modernität auszudrücken. Der schwarze Schnauzbart, etwas breiter und fülliger als bei Chaplins Filmvorbild, unterstrich die Rosigkeit der ausgefressenen, aber doch auf sonderbare Weise schlaffen Wangen statt sie zu kaschieren.

Seine Kleidung passte zum Gesicht. Er trug zwar schwarze Jeans, an denen nichts auszusetzen war, darüber aber hatte er ein cremefarbenes Kurzarmhemd, dessen Transparenz den Blick auf ein ärmelloses Rippenunterhemd erlaubte.

Mit einem winzigen Detail demonstrierte er Innovationswillen, nicht zu offensichtlich, um bloß niemanden zu vergrätzen. Diese Akzentuierung wirkte nicht allzu gelungen. Es waren die Socken. Als er sich setzte blitzten Socken mit bunten Tierchen zwischen Hose und Schuhen hervor.

Aber nein, dachte ich, ich würde mich nicht von oberflächlichen Vorurteilen über das Aussehen eines Menschen leiten lassen. Ich doch nicht. Später zeigte sich, dass erste Eindrücke und billige Vorurteile manchmal durchaus ihren berechtigten Sinn haben konnten. Die Alarmglocken hatten geläutet und ich hatte sie aus falschem Gutmenschentum ignoriert.

Hulwich führte mich an seinen Arbeitsplatz. Trotz all der an den Tag gelegten Wichtigtuerei hatte er kein eigenes Büro, sondern saß umgeben von materialprüfenden Laboranten an einem Pult. Ändern würde sich das bald, wenn er erst seine Abteilung hätte. Auch die Räume würden ganz neu gebaut und sollten in Kürze fertig werden. Dann würde man völlig neuartige, für die Firma bisher unbekannte Produktlinien erforschen.

Zunächst verlief das Gespräch als befänden wir uns in Deutschland und nicht in Liechtenstein. Dort wurde jeder Arbeitsuchende qualvollen Tests sowohl auf seine fachliche Kompetenz als auch auf seine psychische Tauglichkeit unterworfen. Ich musste mir innerhalb von wenigen Minuten fiktive Konzepte für alle bereits erledigten Forschungsprojekte Hulwichs ausdenken und zusätzlich noch meine Teamfähigkeit unter Beweis stellen. Wich ich von seinen eigenen Vorstellungen ab, lachte er triumphierend aus und erzählte mir mit Stolz geblähter Brust seine eigenen Ideen. Diese eitle Einfalt wurde mir erst retrospektiv bewusst, in der Aufregung des Bewerbungsgesprächs ließ ich mich vom Innovationsgedanken einseifen. So feurig klang das alles für mich, fast hätte ich den ersten Teil des Vorstellungsgesprächs vergessen.

„Im Personalbüro sagte man mir, es gibt keine Stelle für mich“, sagte ich dann nach etwa einer halben Stunde.

„Das hatten wir doch am Telefon besprochen.“ Auch Hulwich blieb bei dieser Version. Langsam fragte ich mich, was meine Erinnerung aus dem Telefonat gemacht hatte.

Ob man denn gar nichts tun könnte, fragte ich schon beinahe flehentlich. Bei jedem Bewerbungsgespräch drängte sich mir das Gefühl auf, wenn ich versagte, würde die nächste Chance so schnell nicht wiederkommen. Könnte man mir nicht in der Übergangszeit eine befristete Forschungsstelle geben, war mein Geistesblitz und Versuch, mit vollem Einsatz zu retten, was zu retten war.

„Das ist eine sehr gute Idee. Sie gefallen mir sehr gut. Ich werde alles daransetzen, dass das möglich wird.“

Nun waren endgültig alle meine Vorurteile wie Butter in der Sonne zerschmolzen. Da war jemand,- mochte er auch aussehen wie ein trauriger Versager – der mir eine Chance geben wollte, weil er an meine Fähigkeiten glaubte. Zwar konnte er sich nicht verkneifen, noch zu erwähnen, dass ihm meine Bewerbung zu wenig ambitiös erschienen war. Er selbst hatte vor einem halben Jahr, als er sich beworben hatte, eine Mappe im Blau des Firmenlogos gebastelt, um sich von der breiten Masse abzuheben. Selbst das verzieh ich ihm und dachte gar nicht weiter über die mögliche Notwendigkeit seiner Blendtechnik nach. Hier sah ich meine glänzende Zukunft als Forscherin, die die Welt von allen Zahnproblemen befreien würde.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Treffen mit dem kleinen Diktator

  1. Pia schreibt:

    ach, wie ich diese corporate-kultur hasse, mit all den bonsaityrannen in den einzelnen hierarchischen stufen der abteilungen, die ab und zu ein allmachtsgefühl spüren wollen und dafür untergebene suchen

    • Karin Koller schreibt:

      Ich habe im ersten Job im Corporate-Tochterkonzern gearbeitet (Einstellungsverbote trotz Bedarf wegen Shareholdervalue auf einem anderen Kontinent) und im zweiten Job im Corporate-Mutterkonzern (merkwürdige Abteilungen, um Liechtensteinern ein Ausgedinge zu geben und völlig undurchsichtige und unproduktive Hierarchiestrukturen). Aber wehe, man war nicht schön Corporate. Ich würde auch nur noch in einer Firma mit flachen Hierarchien arbeiten wollen, da funktioniert meist alles viel besser. Viele glauben aber, ihre Aufstiegschancen wäre nur in Corporates gegeben. Stimmt aber auch nicht. Ob man 5. oder 6. Zwerg von links ist, spielt meist gar keine Rolle, sondern verleiht nur eine übersteigerte Scheinbedeutung.

      • Pia schreibt:

        genau, ich habe gerade nach vier jahren im zeichen der anpassung und stromlinie gekündigt und mich entschlossen, nie mehr in diese welt zurückzukehren, in der schon die veränderung der frisur einen eklat samt abmahnung bewirken kann

  2. sebastiandrimmler schreibt:

    Ich glaube, nichtironischen Schnauzbartträgern sollte man immer mit einer gewissen Grundskepsis gegenübertreten, ist eine der minderen Lehren aus der Geschichte.

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