Songs: Los Lobos, River of Fools

Manchmal habe ich das Gefühl, ich paddle in einem trüben, stinkenden Fluss voller Idioten. Dort treiben auch die Politiker, die uns mit simplen, verkürzten Floskeln für dumm verkaufen und gleichzeitig glauben, sie bieten der breiten Masse Unterhaltung, indem sie ihre Gegner mit derben Untergriffen bombardieren.

Journalisten sitzen dort auch im Boot, die – anstatt die Politiker mit sachlichen Gegenargumenten in ihre Schranken zu weisen – das Spiel einfach mitspielen, die Politiker ihre billige Polemik einfach aufsagen lassen und hinterher jammern, wie interessante Interviews verunmöglicht werden.

Religiöse Fanatiker paddeln dort. Sie wälzen ihre Eigenverantwortung einfach auf irgendein Buch ab, das – je nach Religion – vor hunderten oder tausenden Jahren geschrieben wurde, und legen jede Rationalität zugunsten des Glaubens ab. Auf unserem River of Fools hat die Religion glücklicherweise so weit an Bedeutung verloren, dass sie die Gesellschaft nur noch marginal beeinflusst. Auf anderen Flüssen negiert man die Naturwissenschaften, verfälscht die Geschichte, oder ist sogar bereit, für den Glauben zu sterben.

Viele kleine Boote schwimmen auf dem Fluss, gefüllt mit Leuten, die so stark von ihren Vorurteilen geprägt sind, dass sie, genauso wie die religiösen Fanatiker, das logische Denken verlernt haben und sich ihre Welt den Vorurteilen anpassen. Sie schimpfen auf Ausländer oder sozial Schwächere, als ob sie nicht selbst welche kennen würden, die ganz und gar nicht ihren Vorurteilen entsprechen. Aber die sind ja die Ausnahme zur Bestätigung der Regel, reden sie sich ein.

Wenn ich mich dann richtig schön grause über all die Idioten, die mit mir die Reise über den Fluss angetreten sind, frage ich mich, was ich eigentlich hier mache. Und dann fällt mir auf, dass ich auch nur das Produkt meiner „torn and faded photographs“ und meiner „chestful of old goodbyes“ bin. Dass ich genauso wenig wie die anderen Reisenden auf dem Fluss weiß, wohin die Reise gehen und wann sie enden wird. Weder habe ich ein spezielles Boot, noch eine bessere Karte. Und im Dunklen tappe ich auch.

Es gilt nur, den Fluss zu durchschiffen, so gut ich eben kann. Ich sehe viele Menschen, die sich auf ihrer Reise auf eine Autorität (geistlich oder weltlich) verlassen und dabei vergessen, selbst ihre Lage zu beurteilen. Die glauben, dieser Autorität zu gehorchen, würde ihnen ausreichende Fähigkeiten für ihre Unternehmungen bieten. Dabei merken sie gar nicht, wie sich ihr Boot im Kreis dreht und nicht vom Fleck kommt. Weil sie ihre Autorität ständig im Blick haben, glauben sie, sehr gut vorwärtszukommen. Sie lehnen sich in satter Selbstgefälligkeit in ihren Booten zurück. Jene, die an ihnen vorbeiziehen, verlachen sie, weil sie ihre eigene Stagnation nicht wahrnehmen

Ich versuche, mit offenen Augen und offenem Geist zu reisen, zu evaluieren, wo ich in Bezug auf die Umgebung, den Fluss, die anderen und die echten oder vermeintlichen Autoritäten stehe. Zu schauen, wer gute Ideen für die Reise hat und diese mit Phantasie auf die eigenen Bedürfnisse zu adaptieren. Nicht zu vergessen, dass auf der Reise das meiste unbekannt ist. Je mehr ich lerne und erfahre, desto klarer wird mir, was ich alles nicht weiß. Oft merke ich auch, dass ich von Leuten lernen kann, mit denen ich eigentlich nichts gemeinsam habe. Und dann weiß ich, dass die anderen nicht unbedingt größere Idioten sind als ich, sondern eben andere Idioten.

Und ich nur another fool on the river of fools.

http://www.youtube.com/watch?v=nVqEZ_kjE2U

Memories of a lonely past
A boat set into the wind
Drifting lost in waters of doubt
On a journey that has no end

Torn and faded photographs
A chestful of old goodbyes
Tear streaked faces by the light of the moon
Here on a river of fools
Here on a river of fools

A trio of angels holding candles of light
Guide the ship to an unknown shore
Sad soul riders with arms drawn tight
As they stopped for just one more

Fingers pointed to a star in the sky
A message from someone they can’t see
Tear streaked faces by the light of the moon
Here on a river of fools
Here on a river of fools

Traveling along a cloudy path
With a wing, a heart, and a prayer
Pieces fall from the heavens above
To a place they know not where

A string of beads in trembling hands
Heading close to the judgment day
Tear streaked faces by the light of the moon
Here on a river of fools
Here on a river of fools

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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4 Antworten zu Songs: Los Lobos, River of Fools

  1. Katharina Löbl schreibt:

    Zum Glück (Wahlergebnis USA) scheint Lincolns Spruch („You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you can not fool all of the people all of the time.“) zuzutreffen.

  2. AS schreibt:

    Wir können alle manchmal Narren sein, das Problem liegt aber darin, dass gerade die grössten Narren im Regelfall sich weder ihrer Narretei bewusst sind, noch überhaupt in Erwägung ziehen, sie könnten sich narrenhaft verhalten. Insoweit ist nicht das Narrentum gefährlich, sondern die Unfehlbarkeitsdoktrin, der die grössten Narren anhängen.

    • Da sind wir dann wieder beim Kern des Problems: die Überzeugung von der eigenen Unfehlbarkeit ist typischerweise verknüpft mit dem Glauben an Metaphysisches oder Quasimetaphysischer, also an die apriorische Richtigkeit einer bestimmten Doktrin, sei es einer Religion oder einer pseudoreligiösen Ideologie (irgendein -ismus). Die grössten und gefährlichsten Narren sind deshalb immer die Gläubigen.

      • Karin Koller schreibt:

        Religion ist sicher ein Problem. Aber ich halte generell alle für suspekt, die glauben, sie wüssten schon alles und brauchten sich nicht mehr zu bemühen – von Marcel Reif über Filzmaier bis zum Papst.

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