Radwege

Ohrringstechen und andere Nebensächlichkeiten – ein Erwachsenwerden, Teil 37

Und tatsächlich hielt Hulwich sein Wort. Kurze Zeit später wurde ich nämlich zu einer neuen Bewerbungsrunde, diesmal für eine Projektforschungsstelle eingeladen. Hulwich hatte mich im Geheimen mit seinen Projektvorschlägen ausgestattet, damit ich nicht ahnungslos bei seinen Vorgesetzten erschien. Die Gespräche verliefen sehr glatt. Nach zwei Stunden der erneuten Firmenvorstellung – Bewerbungsgespräche schienen nach einem strengen Protokoll abzulaufen – und des Auf-den-Zahn-Fühlens war ich eingestellt.

So motiviert war ich von meinen neuen Perspektiven, dass ich nicht nur Gesundheit in die Münder Fremder bringen wollte, sondern auch in meinen eigenen Körper. Zuallererst kaufte ich mir ein kariesabweisendes Mundwasser. Die Anwendung war jedoch wenig spektakulär. So konnte ich kein Zeichen für die Neuerstarkung des Leibes und des Arbeitslebens setzen. Deshalb beschloss ich, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, zwölf Kilometer weit.

Jahrelang hatte ich schon keinen Sport betrieben. In Wien hatte ich mir immer eingeredet, es wäre zu aufwendig, mit der U-Bahn in einen Park zu fahren, um dort im Kreis zu laufen. Wenn dieser Einwand selbst mir zu fadenscheinig erschien, blieb mir als Argument immer noch die Gesundheitsgefährdung, die vom verschwitzen Fahren in kalten öffentlichen Verkehrsmitteln ausging. Ich vermied dabei tunlichst, an meine bisherige Lauferfahrung zu denken, denn die alten Raucherlungen machten immer schon schlapp, bevor die Schweißdrüsen warm wurden.

Auch Fitnesscenter waren für mich nie in Frage gekommen. Natürlich auch nicht aus purer Faulheit, sagte ich mir, sondern aus wirklich tief begründeter Überzeugung. Ich wollte kein Geld dafür bezahlen, in schlecht gelüfteten Räumen wie ein Hamster im Laufrad meine Freizeit zu verbringen. Dusche und Fön für eine sorgenfreie Heimfahrt konnten mich da auch nicht locken.

Aber nun war alles anders. Das neue, erfolgreiche Ich wollte auch noch sportlich sein. Mein Vertrauen in meine verborgene Kondition war so groß, dass ich meine erste Arbeitsfahrt ohne Vortraining begann. Glücklicherweise war es noch relativ kühl am Morgen. Glücklicherweise konnte man in der Firma kommen, wann es genehm war.

Leicht fröstelnd begann ich meinen langen und steinigen Weg. Ich hatte mir vorher auch keine Route über Feld- und Waldwege gesucht, weil ich dachte, fast zwei Jahre nach meinem Umzug hierher hätte ich das nicht mehr nötig. So fand ich mich auf dem Fahrrad abstrampelnd neben dem morgendlichen Grenzgängerstau wieder. Luftige Wiesenwege tauchten nicht auf.

Nach zehn Minuten brannten meine Lungen nicht nur von der in der Anstrengung eingesogenen Morgenluft, sondern auch von den Autoabgasen. Sie brannten nicht nur, sie schienen auch keine Luft mehr zu verarbeiten, was wiederum zu stärkerem Einschnaufen und noch mehr Brennen führte.

Nach zwanzig Minuten pulsierte es in meinem Kopf und mein Gesicht brannte. Das Fahrrad war lange Zeit im Keller eingemottet gewesen und dementsprechend staubig hatte ich es hervorgekramt. Meine Hände waren ganz schwarz geworden. Ich hatte eine vage Vorstellung, dass es vielleicht nicht besonders günstig war, mir mit ihnen den Schweiß von der Stirn zu wischen. Taschentuch hatte ich auch keines dabei und irgendetwas musste getan werden, bevor Sturzbäche von Körperausdünstung mich erblinden ließen.

Nach dreißig Minuten hätte ich eigentlich vom Morgensport erfrischt, vielleicht mit einem rosigen Glanz auf den Wangen in der Firma ankommen sollen. Nach meiner Berechnung zumindest. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber gerade erst zwei Drittel des Weges geschafft. Ich fuhr immer noch auf der Hauptstraße. Wütende Pendler, die an mir vorbei zur Arbeit mussten, hupten mich an. Ich hatte kaum noch Gefühl in den Beinen und mein Kopf konnte die Wärme nicht mehr abführen. Er wirkte aufgeblasen und musste wohl ebenso rot sein wie eine Tomate.

Nach fünfzig Minuten schob ich mein Fahrrad in den Firmenfahrradständer. Das Absteigen war mir nicht leicht gefallen und ich war ziemlich froh, dass ich die ersten Schritte auf festen Boden an mein Fahrzeug geklammert versuchen konnte. Ein Gefühl war zwar in meine Beine zurückgekehrt, es war aber kein gutes. Eigentlich hatte ich gedacht, ein Muskelkater würde immer erst einige Stunden nach dem Sport, aber dieser stellte sich sofort ein. Oder aber ich hatte mir von der aus dem Nichts kommenden Überanstrengung eine permanente Muskelschädigung zugezogen, würde nie wieder richtig laufen können und müsste künftig von einer bescheidenen Invaliditätsrente leben. Und das alles nur weil ich in arroganter Selbstüberschätzung in allen Aspekten mein neues Leben feiern wollte.

Die versagenden Beine waren nicht mein einziges Problem, merkte ich sobald ich die Damentoilette betrat, um mich aus der Radfahrhose herauszuschälen und in eine dezente Arbeitshose hineinzuschlüpfen. Mein Gesicht war mit horizontalen, grauen Streifen aus Fahrradschmutz und vertikalen, schwarzen Streifen aus zerronnener Schminke übersät. Weil ich den Schminkstift zu Hause gelassen hatte, erinnerten nach dem Waschen nicht nur meine Gesichtsfarbe, sondern auch die ungeschminkt winzigen Augen an ein Ferkelchen.

Erst als ich mich halbwegs akzeptabel wieder hergerichtet hatte, stieg mir der etwas strenge Geruch, der von meinen Achseln hervorsickerte, in die Nase. Das Deo hatte ich zwar aufgetragen, nicht aber daran gedacht, es mitzunehmen, wenn der Schweiß den Geruchskampf gewinnen sollte. Und gewonnen hatte er gegen das Deo. Um Längen sogar. Ich versuchte den schlimmsten Geruch zu mildern, indem ich ein papierenes Toilettenhandtuch mit Flüssigseife tränkte und mir unter die Arme rieb. Teilweise konnte diese Tat den muffigen Achselgeruch durch muffigen Kloseifenduft ersetzen. Unter den Armen fühlte es sich schleimig an, wo die Seife dicker aufgetragen war. Ich wagte nicht, den Flüssigseifenüberschuss abzuwaschen, aus Angst, der könnte dann durch die Kleidung zu schäumen beginnen.

Der Tag verlief weniger überschäumend als befürchtet. Noch am Vormittag begann mein Hintern zu schmerzen, aber das machte nichts, denn ich wurde hauptsächlich durch die Firma geführt und musste nicht viel sitzen. Mittags bekam ich kleine Schokolädchen von Hulwich, freute mich riesig über so viel liebevolle Aufmerksamkeit und schwor mir, mich nie wieder von Äußerlichkeiten lenken zu lassen.

Nach der Arbeit wollte ich mir einen Heimweg über die Felder suchen. Guter Dinge fuhr ich los. Beim Radfahren schmerzten die Beine auf wundersame Weise weniger als bei den meisten anderen Tätigkeiten. Es war ein heißer Sommernachmittag und ich dachte an den wunderbaren Teint, den ich mir aquirieren würde. Leider war der von mir sorgfältig gewählte Weg nur eine Feldumfahrungsstraße. Nach einer Viertelstunde musste ich wieder dort starten, wo ich begonnen hatte. Die Idylle wirkte schon weit weniger idyllisch als vorher.

Aber aufgeben wollte ich nicht. Dann hätte ich nämlich zum Bahnhof gehen, in erschöpft ramponierten Zustand bei schönstem Sonnenschein mein Rad in den Zug laden und somit allen anderen Fahrgästen zeigen müssen, dass ich nicht sportlich genug war für die Heimreise.

So probierte ich den nächsten Feldweg. In meinem Zustand wollte ich auch nicht die Hauptstraße benutzen. Dort hätte mich möglicherweise ein Arbeitskollege gesehen. Weil der Schein wichtiger war als das Wohlbefinden, strampelte ich tapfer den Kiesweg entlang. Es war heiß und staubig. Tagsüber hatte ich nur wenig getrunken. Nun war meine Kehle ganz ausgedörrt. Meine Zunge fühlte sich an wie Sandpapier. Als ich beinahe siegessicher glaubte, endlich den richtigen Weg gefunden zu haben, versiegte dieser in einem Feld. Nur ein kleiner Trampelpfad blieb. Ich war zuversichtlich, dass am Ende des Feldes die Erlösung in Form eines Radweges in Richtung meines Zuhauses auf mich warten würde.

Nach wenigen Metern bleib ich im Schlamm stecken und musste das Fahrrad schieben. Als der Pfad mitten durch dichtes Gestrüpp führte, war auch das Schieben nicht mehr so angenehm. Inmitten der Büsche schreckte ich noch ein paar zwölfjährige Kinder auf, die heimlich ihre ersten Zigaretten rauchten und hoffte, die Kleinen versteckten sich nicht nur hier, weil es der unzugänglichste Platz ohne Ausgang war. Mir wäre es ebenso peinlich gewesen, mein Fahrrad am Rückweg von einer Gestrüppwand wieder an ihnen vorbeischieben zu müssen, wie ihnen die Entdeckung ihrer verbotenen Taten war. Wir alle setzten jedoch ein triumphierendes Lächeln auf, um vorzugaukeln, dass wir genau wussten was wir taten und uns völlig rechtmäßig an diesem Ort befanden. Insgeheim schämte ich mich ein wenig wegen meines zwanghaften Bemühens, vor völlig unbekannten Kindern das Gesicht zu wahren. Noch mehr schämte ich mich, weil ich am Heimweg im Unterholz liechtensteinischer Felder steckengeblieben war.

Doch der Weg führte glücklicherweise zum nächsten Feld, einer frisch gedüngten Wiese. Der Bauer hatte in letzter Zeit wohl einige Tiere in seinem Stall beherbergt, die an schwerem Durchfall litten. Der Boden quatschte nur so von der übelriechenden Brühe, aber ich hatte einen Weg aus dem Unterholz gefunden. Da konnten einige Spritzer Tierfäkalien meine Stimmung nicht trüben. Bald war ich an der Hauptstraße angelangt. Dort fuhr ich sicherheitshalber bis nach Hause, die Reise hatte ohnehin schon beinahe zwei Stunden gedauert.

Zu Hause warf ich mich erschöpft und stinkend in die Badewanne. Langsam stellte sich ein Glückgefühl ein. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Statt die Anstrengungen und Irrungen, die Schmerzen und Plagen als schlechtes Omen zu sehen, interpretierte ich die Erlebnisse durchaus positiv, als Sieg in jeder Hinsicht am Ende eines steinigen Weges.

Über Karin Koller

Biochemist, Writer, Painter, Mum of Three
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2 Antworten zu Radwege

  1. lisimoosmann schreibt:

    göttliches Foto!

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